Jahr: 2010

Goerlitz

Eine Radtour an der Friedensgrenze

Vorab: Sachsen ist ein wunderbares Bundesland. Diese Radtour zeigte mir nur eine Seite an einem Tag. Ich wollte darüber schreiben, ich habe darüber geschrieben – über das, was mir über den Weg lief, über die kleinen Begegnungen. Liegt es an der geografischen Lage, dass es in Görlitz einige Jugendliche mit rechter Gesinnung gibt? Oder ist es mein subjektives Empfinden, das mich beim Start meines österlichen Ausflugs in die Klischeefalle tappen ließ? Zumindest scheint sich die Jugend in der Bahnhofsgegend mehr an den Prinzipien des Führers als an Spass und Leichtsinn zu orientieren. Kaum hatten wir die sächsische Grenze passiert, betrat ein kahlgeschorener Schrank unser Abteil. An der Friedensgrenze rechts außen der Republik scheint sich neben einer schönen Moorlandschaft auch ein bisschen der rechte Sumpf eingenistet zu haben. Beim Verlassen des Bahnhofsgebäudes stehen zwei weitere junge Männer gleicher Gesinnung stramm und filmen die vorbeilaufenden Gäste der Stadt. Ein mulmiges Gefühl bleibt, fühle ich mich in meinem Persönlichkeitsrecht doch vergewaltigt, auf rechtem Bildmaterial für ewig festgehalten zu sein. Schweigend verlasse ich das Gebäude und radle gleich in ein Fettnäpfchen, …

3 Wochen danach – Rückblick

Was ist geblieben? Haben mir die kalten Ausläufer des mitteleuropäischen Frühlings bereits all meine Urlaubserinnerungen eingefroren auf der Strecke über dem Ozean davon geweht. Wie fern ist Südamerika, wie nah der deutsche Alltag. Doch wie nah ist auch nach drei Wochen noch der Griff nach links zum Abfallbehältnis bei jedem Klogang. Ich kann es noch immer nicht lassen der Versuchung zu widerstehen, das gebrauchte Klopapier anstatt der Kloschüssel dem Abfalleimer zu schenken. Man könnte dies schnelle disziplinierte Gewöhnung nennen, der die Strafe mit einer ordentlichenVerstopfung folgt. Auch meine Mitbürger erscheinen mir heute viel netter und relaxter als noch vor 4 Monaten. Vielleicht ist dies auch die Ernüchterung des Glaubens, jeder Latino sei fröhlich, heiter, freundlich und aufgeschlossen. Da scheint man wohl das Hochland Boliviens komplett aus der Gedankenwelt ausgelagert zu haben. Wie freundlich erscheint mir verglichen zu einer bolivischen Bedienung jede gestresste Berliner Aushilfskellnerin. Wenn ich jedoch ein deutsches öffentliches Verkehrsmittel betrete, erinnere ich mich gern an die vorzeitigen Starts der bolivischen Flugzeuge. Wenn alle da sind, geht’s eben los. Weshalb noch warten? Nur um …

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Abschied von Bogotá

Die letzten zwei Tage meiner Reise – wie soll man die verbringen, was soll man machen? Ich hatte mir einiges vorgenommen und konnte doch nur die Hälfte umsetzen. Denn eines hatte ich nicht berücksichtigt, dass am Sonntag Wahltag sein würde und seltsamerweise Museen dadurch geschlossen waren. Am Samstag jedoch ging mein Plan auf. So wollte ich natürlich neue Ecken der Stadt kennenlernen und dazu zählt die schickere Zona Rosa im Norden der Stadt. Als ich mittags einen Bus nehmen wollte und an der Cra. 7 wartete, baute sich selbstbewußt eine Bettlerin auf – rechte Hand ausgestreckt, in der linken Hand hielt sie eine geöffnete Wasserflasche. Wie zynisch wäre es gewesen, ihr zu sagen, dass Wasser sei zum Trinken gedacht.Denn was sie statt dessen damit vorhatte, war weniger nett, aber vielleicht in der Armut auch einfach eine Verzweiflungstat. Sie wollte Geld, das sagte ihre rechte Hand bereits, doch gab sie der Forderung noch mit Worten Nachdruck. Als Ausländer kann man ja immer schnell sagen, man verstehe nicht, aber ihr war natürlich klar, dass jeder diese Gestik …

Bogotá

Von B to B – Buenos Aires nach Bogotá {DIARY}

Gestern bekam ich einen Vorgeschmack auf meine Heimreise. So verbrachte ich 14 Stunden auf Flughäfen. Man wies mich bei GOL ja inbrünstig darauf hin, 3,5 Stunden vor Abflug am Airport zu erscheinen. Dabei will ich ja nicht nach Israel fliegen. Das hätte um 3 Uhr nachts bedeutet. Da mir das doch etwas zu übertrieben erschien, bestellte ich lediglich mein Taxi für 3 Uhr. Als ich aufstand, gesellten sich die zu Bett Gehenden zu mir ins Bad. Seltsam, was um 3 Uhr nachts noch so los ist in einem Hostel. Am Airport ging es um 3.45 Uhr nicht weniger geschäftig zu. Als ich den GOL-Schalter erblickte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Die paranoiden Warnungen des GOL-Personals schienen gefruchtet zu haben. Jedenfalls bei den zahlreichen Brasilianern und Argentiniern, die mit mir den Flug nach Sao Paulo antreten wollten. Eine riesige Schlange fand ich schon 2,75 Stunden vor Abflug vor. Da macht GOL die Reisenden heiss und selbst sind sie so früh noch nicht auf den Beinen. Um 4 Uhr kam das Bodenpersonal im gemächlichen Schritt …

Buenos Aires San Telmo

Buenos Aires – 3. Teil: Tango Argentino oder wie beschissen ist der Tag? {DIARY}

Dieser Tag stand im Zeichen der wohlhabenderen Gegenden Recoleta und Palermo. Nach dem es morgens regnete, suchte ich zunächst noch den Friedhof de la Recoleta auf, bevor ich mich den Künsten widmete und ins Museo Nacional de Bellas Artes flüchtete. Der Friedhof war sehr beeindruckend. Ich erwartete nicht so eine pompös gestaltete Stadt in der Stadt. Die Oberschicht Argentiniens lässt sich auch die Zeit nach dem Ableben einiges Kosten. So dominieren nahezu richtige Schnörkelgebäude das Gelände und man verliert bei der Höhe und der Menge der Gräber leicht den Überblick. So heißt es, suche man das Grab von Evita, müsse man nur den Massen folgen. Entweder fehlten bei mir wetterbedingt die Massen oder ich stellte mich etwas ungeschickt an. Aber die Suche war kein leichtes Unterfangen. Schließlich war die Suche doch von Erfolg gekrönt und so konnte ich das eher unspektakulär wirkende Grab ablichten. Durch Statuen und erhabenen Marmorfassaden kämpfte ich mich durch den immer stärker werdenden Regen und suchte schließlich das Kunstmuseum auf. Die Argentinier scheinen den Tag langsam anzugehen oder vielleicht sind es …

Buenos Aires La Boca

Buenos Aires – 2. Teil: Wo die Stadt geboren wurde {DIARY}

Nun konnte ich heute ganz ohne den Orgakram Buenos Aires geniessen. Mein Hostel befindet sich im Zentrum und so lebt man wie in einer europäischen Großstadt. Mich erinnert das Gefühl hier an Paris. Die alten kolonialen Häuser aus dem 19 Jahrhundert gemischt mit neueren, modernen Bauten. Eben Großstadt. Und dann Cafés im Überschuss, deren Anblick meist an vergangene Zeiten erinnert. Gardinen, Schriftzüge am Fenster und Tischdecken. Man fühlt sich schnell heimelig und möchte sein Milchkaffeeleben von Berlin hier weiterführen. An der Ave de Mayo erinnern schwere Bauten gar an Unter den Linden. Und dann wechselt man schnell ins neumodische BA, wenn man sich in die Hafengegend begibt. Am Ufer des Barrios Puerto Madero glänzen gläserne Fassaden sowie modernisierte Backstein-Lagerhäuser. Hier weht immer ein frisches Lüftchen, wenn es im Zentrum zu heiss wird. Wenn man durch die engen Strassen des Zentrums läuft, vernimmt man immer wieder ein plötzliches Läuten, als würde jemand einen Alarm auslösen. Nach einer Weile verstand ich den Zusammenhang zwischen dieser Sirene und dem Herausfahren eines Fahrzeugs aus einem Gebäude. Nicht dumm die …

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Buenos Aires – 1. Teil: Wo ist GOL? {DIARY}

Zu meiner Überraschung verschwanden die Matetassen mit Betreten des Bodens Buenos Aires‘. Die Großstädter scheinen den kleinen Unterschied zur restlichen Bevölkerung hierin auszudrücken zu wollen. Auch im Unterschied zu den Montevideños, die man ebenso in jeder Lebenslage mit der Matetasse sieht. Darüber hinaus machte ich noch eine Beobachtung im Laufe meiner Reise. Ich glaube, der Entwicklungsstand eines Landes lässt sich an der morgendlich gereichten Marmeladenmenge ablesen. Die nahm Richtung Süden zu. Aber am liebsten ist mir immer noch Kolumbien mit Müsli im Angebot. Nun aber zu Buenos Aires. Nur einen Steinwurf von Uruguay entfernt, erreicht man BA in nicht mal einer Stunde von Colonia mit der Fähre. Hier war alles straff organisiert, als wollte man einen Flieger nach Europa besteigen. Uruguayische oder argentinische Ordnung? Ein bisschen Wehmut schwang mit, als ich an Bord ging. Das war meine letzte Überfahrt, bevor ich nur noch Flieger besteige. Und da sind wir auch schon beim Thema Fliegen. Meine Tagesaufgabe bestand darin, erst einmal das GOL-Büro zu finden und dann meinen reservierten Flug zu bezahlen. Das Büro in Montevideo, …

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Koloniales Colonia del Sacramento – und wo die Sehnsucht nach BA drückt

Meine letzte Station in Uruguay sollte Colonia sein. Der Busverkehr war tatellos und so erreichte ich nach zwei straffen Fahrten mit einer kurzen Umsteigepause in Montevideo das wunderschöne koloniale Colonia del Sacramento. Für viele Tagesausflügler aus BA ein beliebtes Ziel, für manch einen aber auch nur Durchlaufstation auf dem Weg nach Argentinien bzw. vice versa. Die Portugiesen hätten keinen schöneren Counterpart zu einer Großstadt wie Buenos Aires finden können, als sie Colonia am Ufer des Rio de la Plata 1680 gründeten. Nur verschwommen sieht man am Horizont ein paar Hochhäuser, die eine Skyline nachzeichnen. Ob es BA ist, lässt sich nur ahnen. Fähren kommen und gehen nahezu im Stundentakt – nicht ganz, aber zumindest abends ist es geschäftig auf dem Silberfluss, der in der Abenddämmerung eher bronzig schimmert. Und mit dem Blick über das scheinbare Meer kommt Sehnsucht hoch nach etwas Größerem. Von alten, düsteren Schmugglerzeiten lässt in dieser freundlich glitzernden Stadt nichts mehr ahnen. Alles schön aufpoliert und doch nicht überpoliert, betont einfach nur die vergangene Schönheit. Unebene Kopfsteinpflasterwege, farbenfrohe mit Stuck und Fliesen …

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Punta del Diablo – Teuflischer Ort?

Dort, wo Uruguay auf einem langgezogenen Halbinselstreifen auf Brasilien trifft, man links und rechts nur noch Atlantik sieht, dort soll der teuflische Ort Punta del Diablo nicht weit sein. Und genau da befinde ich mich nun auch. Es soll sich hierbei laut LP um einen verschlafenen Fischerort mit 700 Einwohnern handeln. Verschlafen wirkt das Dorf eher nicht auf mich, sondern kommt es recht aufgeweckt daher. Vielleicht weckten das Dorf einfach zu viele Touristen aus seinem Dornröschenschlaf. LP kann in diesem Fall ausnahmsweise mal nicht Schuld sein, denn bei den Touristenmassen handelt es sich um Einheimische und Besucher aus Argentinien, die den LP tendenziell aus Sprachgründen allein meiden. Jedoch muss man gestehen, dass man Punta del Diablo seine einstige Verschlafenheit durchaus ansieht und man zwischen den neuen, modernen Touristenhütten noch die alten, bröckelnden Holzhütten der vom Fischfang lebenden Einwohner sieht. Jedoch werden an der Hauptstrasse eher Touristen gefangen und so wird vermietet was das Zeug hält. Wenn ich mir den Ort genau ansehe und es 1000 Einwohner sind, wie es mir einer sagte, der es wissen …

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Montevideo

Montevideo klingt mondän, graziös und lässt große Erwartungen offen. Mein erster Eindruck, nachdem ich den 26,5 Stunden Busmarathon und den modernen Busbahnhof Tres Cruces hinter mir gelassen habe, macht sich am Hotel Arapey fest, in dem ich die ersten Stunden nächtige, bevor ich nach Pocito wechsele. Eigentlich wollte ich einen Tag in der Innenstadt nächtigen und hatte somit das Hotel ausgesucht, nun blieben mir nur 12 Stunden bis zum Check-out, und die würde ich definitiv zum Schlafen benötigen. Das Hotel scheint einer anderen Zeit zu entspringen, so altertümlich kommt es daher. Erinnert es mich gar an alte Hotels in Osteuropa. Dieses alte Mobiliar mit Verzierungen, das vergilbte Zimmertelefon, das Korbgeflechtbett – nur der Service mag nicht in das Bild passen. Die unfreundliche Rezeptionistin scheine ich gestört zu haben und mag keine meiner Fragen so richtig beantworten. Wenigsten ruhig war es. Am Morgen beim Auschecken durfte ich einen weiteren unfreundlichen Rezeptionisten kennenlernen. In diesem Hotel scheint eine Eigenschaft das Personal zu einen, vielleicht macht aber auch nur der Arbeitsplatz mürbe. Wie auch immer, wollte man hier am liebsten …