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An der sibirischen Grenze

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Heute soll es hoch in den Norden an den Khuvsgul See gehen – zu der kleinen Schwester des Baikalsees. Aber auch diese muss sich nicht verstecken. Mit ihren 135 km Länge und 39,5 km Breite besticht sie noch nicht ganz. Aber die Tiefe macht es ebenso wie die des Baikalsees, liegen doch beide im selben tektonischen Gebiet und sind durch den Tungaa Graben miteinander verbunden. Also 265 m liegt der tiefste Punkt. Die Ufer des Khuvsgul Sees befinden sich in 1650 m Höhe. Das also erwartet uns heute. Doch erst einmal müssen wir aus Murun losfahren. Das Frühstück nehmen wir schweigend mit dem Fahrer gemeinsam ein. Meine Russischkenntnisse lassen mich im Stich, wenn man sie mal braucht. Und so muss uns unser Guide Battuul eine halbe Stunde später selbst erklären, dass sie heute Nacht zu lange Filme gesehen hat und dadurch verschlief. Macht ja nichts, wir sind ja nicht in der Schule. Aber um 9 Uhr kann es doch endlich losgehen – gut gefrühstückt mit Champion Suppe. Naja, vor lauter Suppentöpfen sah Battuul wohl nicht, dass wir uns noch einmal mit Wasservorrat eindecken sollten, bevor es ab an den Khuvsgul geht. Irgendwie hatte sie zwar nicht so rechte Lust und wir mussten sie sehr drängen, aber dann suchten wir doch noch zwei Supermärkte auf, da der erste Supermarkt kein Wasser mehr hatte.

Eigentlich sollten wir heute auf dem Weg noch Hirschsteine sehen, aber irgendwie hatten es sich Fahrer und Führerin anders überlegt, und so fuhren wir direkt in den Norden. Ein Freund von Battuuls Bruder kam auch noch mit uns, damit sich die Crew nicht so langweilte. Ich hatte mir die Gegend hier anders vorgestellt. Anstatt mehr Bäume, wurde es immer weniger Wald. Karge Steppenlandschaft mit Hügeln. Staubig, sandig – die Teerstraße ist im Bau. Teilweise begleitete uns die geteerte Straße auch neben unserer Holperpiste. Aber wo ein Verbotsschild draufsteht, ist nach mongolischer Interpretation auch ein Verbot drin. Und so fuhren wir selbst auf den Stücken, die optisch fertig geteert waren, brav daneben. Die Fahrt hätte wesentlich komfortabler ausfallen können. Kommen wir in drei Jahren wieder, dann wird auch diese Gegend erschlossen sein. Vielleicht macht die Beschwerlichkeit gerade noch den Charme aus, den wir suchen. Erst nach 100 km am See angekommen eröffnete sich ein Blick über satte Taigawälder, die den türkisblauen Khuvsgul See einrahmten. Ich bin mir sicher, die Schweiz, mit der diese Region häufig verglichen wird, sieht anders aus, aber das hier sieht wirklich gut aus. Allein Khatgal, die Stadt am südlichen Zipfel des Sees, ist schon sehenswert. Lauter kleine Holzblockhäuschen – bunt und süss – in so einer im Winter doch unwirtlichen Landschaft. Der sibirische Wind bläst uns bereits jetzt entgegen, und es ist noch August.

Wir fahren am See entlang über eine noch buckligere Piste bis zum Camp Ashihai. Über 40 Camps soll es am See geben. Man sieht nur die wenigsten. Wir steigen schon vor unserem Camp aus, um am Ufer entlangzulaufen. Wunderschön auf einer Landzunge gelegen befindet sich unser Ger Camp, das man schon der Luxuskategorie zuordnen kann. Jede Ger hat eine geschnitzte und verzierte Holzinnenausstattung und der Ofen ist nur Dekoration. Stattdessen soll man hier keine kalten Füße bekommen und hat eben mal in jede Gerhütte eine Fußbodenheizung eingebaut. Auch unser vegetarisches Essen schmeckt und lässt keine Zweifel mehr über herausgezogenes Fleisch.

Leider meint es das Wetter nicht so gut mit uns und so ziehen dunkle Wolken auf und bringen in die regenreichste Region der Mongolei, das, was sie verspricht, den Regen. Dies lässt uns in Restaurant und Ger etwas festsitzen. Battuul ist zudem etwas ratlos, was sie mit uns anstellen kann. Wir wollen mit dem alten Schiff über den See fahren, wie sie uns zuvor auch vorgeschwärmt hat. Doch leider stellen wir fest, dass dieses Boot seit Mitte August nicht mehr fährt. Zu wenige Touristen kommen dann nur noch in diese Region. Und auch die Rentierzüchter, die Tsaaten, sind nicht mehr in Reichweite. Es hat sie schon längst wieder tief in die Berge verschlagen, wo kein Allrad mehr hinkommt. Es bleiben uns lange ausgedehnte Spaziergänge und eine Bootstour zu einem Rentierzüchter auf der anderen Uferseite, im Osten des Sees. Als der Regen etwas nachlässt, entscheiden sich die Guides und Fahrer, anstatt morgen doch schon heute hinüber zu düsen – mit dem Schnellboot. Wir werden in Kenntnis gesetzt, dass es in 20 Minuten losgeht. Wir zahlen dass Boot und an Bord sind wir als letzte. Denn mit der Bekanntgabe hat sich schon unsere gesamte Entourage auf das Boot begeben, während wir noch ein paar Dinge zusammenpacken mussten. Ausgestattet mit Kameras erwarten sie sehnsüchtig die Tour zu den Rentieren. Wer ist Tourist und wer der Führer? So ganz verschwimmen bei diesem Ausflug die Grenzen. So werden wir weggedrängelt, als das erste Rentier und der erste Hirsch sich zeigen. Erst das Personal, dann die Touristen, so scheint hier die Devise. Ich bin etwas genervt von dem Geschubse und Geknipse. Immer mehr begreifen wir, dass unser Guide auch eigentlich alle Dinge neu für sich entdeckt, die sie uns eigentlich erklären soll. Zunehmend macht sich der Gedanke fest, ein Fahrer allein hätte es auch getan. Erklärungen und Hintergrundinfos bekommen wir kaum geliefert. Wenn Informationen fließen, dann werden sie häufig später wieder revidiert.

Die Rentiere, die wir sehen, bleiben extra noch länger in der Gegend, damit die Touristen sie sehen können. Ansonsten befinden sich die Tsaaten zu weit entfernt. Die Tiere selbst sind relativ klein und haben schöne, pelzige Geweihe. Gleichzeitig sehen wir auch Hirsche. Auf der Rückfahrt zu unserem Camp müssen wir mächtig gegen die gestiegenen Wellen kämpfen, die uns durchschaukeln. Vor unserem Ger Camp sind Einheimische gekommen, die ihre selbst gefertigten Kleidungsstücke und Kunsthandwerke darbieten. Wir laufen noch ein wenig am Ufer entlang und finden doch noch einen Vergleich. Der See, der einem Meer gleicht, während die Wellen gegen den Wind kämpfen, erinnert uns ein wenig an das Baltikum, die Ostsee in Estland. Kalt ist es, dass man zu Handschuhen und Mütze greifen kann. Aber der frische Wind passt einfach zu dem, wo wir uns befinden, an der südlichen Grenze Sibiriens. Am Ende des Sees liegt die Grenze zu Russland und Irkutsk ist nicht weit.

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