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Bogotá – Leben im Hochsicherheitstrakt

Bogotá

Es ist immer wieder wie Heimkehren – wenn ich in einer meiner liebsten Städte, Bogotá, lande. Am Freitagabend kamen wir aus der schwülen Hitze des Urwalds nun doch in die recht frische Höhenluft der Andenstadt. Als unser Taxi in die Straße unseres Hotels einbog, merkten wir schon, dass hier etwas anders war. Das ganze Quartier wimmelte vor Polizei und Sicherheitskräften. Das Besondere befand sich direkt in unserem Hotel und hieß Scheich Hamad ibn Chalifa Al Thani. Der höchste Mann im Golfstaat Qatar. Das Hotelpersonal gab sich natürlich dezent und bedeckt. Eine Delegation sei hier. Dass aber der Präsident hier nächtigte, erfuhren wir von einem der zahlreichen Sicherheitsmänner aus Qatar, die immer im Fahrstuhl für einen Plausch offen waren. Am nächsten Morgen beim Frühstück sahen wir den Scheich dann höchstpersönlich, als er durch die Executive Lounge schritt. Aus unseren müden Augen beobachteten wir ihn zuvor bei seinen Business Gesprächen durch die Glasscheibe im Nebenraum. Am Morgen war noch viel Gewusel, denn die ganze Qatarmannschaft musste noch ausgecheckt werden. Fahrstühle waren permanent verstopft. Ein Meer an Koffern wurde zudem in den Fluren geparkt, die wir später in einem parkenden LKW vor dem Hotel wiedersahen. Dann kehrte Ruhe ein.

Chorro de Quevedo

Chorro de Quevedo

Mein Lieblingsplatz in Bogota: Chorro de Quevedo

Mein Lieblingsplatz in Bogota: Chorro de Quevedo

Die neun Millionen Einwohner-Metropole kennen wir bereits sehr gut. Das glaubt man zumindest zu sagen, wenn man schon zig Male in der Candelaria, der Altstadt Bogotás, gewesen ist. Dennoch haben wir es nie geschafft, eines der Must-have-seen-Dinge in der Stadt zu besuchen, das Goldmuseum. In einem dreistündigen Rundgang mit Audioguide erfährt man hier so ziemlich alles über die Metallvorkommen, insbesondere Gold, nach Regionen, Zeiten, Verwendung sortiert. Der Besuch des Museums ist sicherlich am Ende einer Reise fast noch sinnvoller, wenn man durch seine Vorkenntnisse das Gesehene besser einordnen kann. Zugegeben wird man irgendwann, bei mir war das nach ca. 1,5 Stunden, von der Informationsfülle erschlagen. Besonders die regionale Einordnung gefiel mir sehr gut, aber genau hier wiederholen sich irgendwann die Infos, da die meisten Völker eben ähnlichen Gebrauch von ihrem Gold gemacht haben und dies zu ähnlichen Gegenständen verarbeitet haben. Wenn man nicht gerade ein Metallfreak ist, dann erschöpfen sich die drei Stunden. Ohne Audioguide geht das natürlich ohnehin schneller. Im letzten Raum wartet dann zur Belohnung fürs Durchhalten noch einen Goodie. Wir liefen schon fast daran vorbei, weil es uns einfach nach Frischluft dürstete.

Als wir das Goldmuseum am späten Samstagnachmittag verließen, meinte es auch die Sonne wieder gut mit uns. Wir schlenderten durch die Straßen meiner geliebten Candelaria und ich war überrascht, was sich allein in den letzten 13 Monaten hier verändert hatte. Die restaurierten und aufgepeppten Straßenzüge ziehen sich inzwischen bis hoch zur Carrera 2. Zudem wurde ein Informationssystem mit Hinweisen und Entfernungsangaben zu den umliegenden Sehenswürdigkeiten aufgebaut. Mir erschien die einst noch zart aufgeblühte Candelaria plötzlich aufgerüschter und touristischer als die Altstadt von Cartagena. Und das will schon etwas heißen. Vor 3,5 Jahren warnte man noch zur Vorsicht, heute zieht der Mainstreamtourismus ein. Sicherlich gut für die Sicherheit. Dennoch bin ich froh, auch die etwas kantigere Seite dieses Viertels einst kennengelernt zu haben.

Die kolumbianische Garde beim Auslauf

Die kolumbianische Garde beim Auslauf

Backwaren in schöner Kulisse

Backwaren in schöner Kulisse

Auf dem Plazoleta del Chorro de Quevedo, meinem Lieblingsplatz, verweilen wir. Hier mischen sich inzwischen auch Touristengruppen unter die Studenten und ziehen von Kneipe zu Kneipe. Vor der winzigen Kirche sitzt man und lauscht einem Studenten bei seiner Rede. Der Rest ist Musik und Unterhaltung.

Die kühlen Abende standen ebenso im Zeichen der Unterhaltung. Freitagnacht fuhren wir zu einer Party im Teatro Metropol in der Calle 24. Als wir Chapinero verließen und uns dem Colpatria Tower näherten, arretierte der Taxifahrer alle Türen. Als gefährliche Gegend hatten sich für mich die zwanziger Straßen noch nicht hervorgetan. Vor einem Jahr hatten wir hier Silvester gefeiert, alles war friedlich.

Tatsächlich wimmelte es aber dieses Mal im Umfeld des Clubs gleich von dunklen Gestalten und Obdachlosen. Jetzt mussten wir ja nur aus dem Taxi steigen und in den Club gehen. So einfach ging das dann doch nicht, zeigte uns ein Ordner. Auf die andere Straßenseite müssten wir gehen. Auch dort befand sich eine kleine Schlange, in die wir uns einreihten. Dabei wurden wir von einem jungen Kerl angesprochen, ob wir Karten hätten oder bräuchten. Wir hatten keine, also kauften wir an der „offiziellen Abendkasse“, die die Hosentasche des Kerls war, unsere Karten. Der Club selbst schien über so etwas nicht zu verfügen. In Deutschland hätte man hier eher an Schwarzmarkt gedacht. Partys in Bogotá sind etwas anders als in Berlin. Sie sind früh zu Ende (um 2.45 Uhr) und man kommt als Pärchen, tanzt als Pärchen, sauft als Pärchen. Des häufigeren glaubt man, Gruppen zu sehen. Dies sind aber tatsächlich wieder nur Ansammlungen an Pärchen.

An den Bars wird Hochprozentiges gleich flaschenweise verkauft. Und so tanzt das junge Volk mit den Flaschen in der Hand. Alles scheint erlaubt, nur rauchfrei soll es auch in den Clubs Bogotás bleiben und dafür sorgen die Brigadas contra incendios. Nachdem die Machete Allstars musiziert und El Freaky Friday aufgelegt hat, kommen dann die aus LA eingeflogenen Moombahton-DJs Sabo und Nadastrom und spielen zwei Stunden ihr sehr elektronisches Set, zu dem die Pärchen weiterhin gern paarweise tanzen.

Als die kurze Clubnacht vorbei ist, sucht natürlich jeder ein Taxi. Die bei unserer Ankunft auf dem Boden gelegenen Obdachlosen wurden wieder zu Leben erweckt und so zeigen auch sie Geschäftssinn. Während ich meinen Arm raushalte und ein leeres Taxi auf mich zukommt, fragt mich einer der Obdachlosen, ob ich ein Taxi bräuchte. Klar, es kommt ja direkt auf mich zu und hat mich längst gesehen. Nun ja, das sieht der Fragende anders. Mit seiner Hilfe hätte das Taxi genau hier gehalten. Ein Schein gleitet noch schnell aus dem Taxi und der Obdachlose geht zufrieden an die weitere Arbeit. Denn die Straße füllt sich mit den Partygästen.

Plaza de Bolivar

Plaza de Bolivar

Plaza de Bolivar von Bogota

Plaza de Bolivar von Bogota

Musizierende Polizei

Musizierende Polizei

Verkäufer

Verkäufer

Am Samstagabend fuhren wir weiter in den Norden hoch, genau gesagt in die Calle 120. Dort waren wir mit kolumbianischen Bekannten zum Essen verabredet. Ein Abend voller politischer Diskussionen. Sie ist eine Kolumbianerin, die in den USA aufgewachsen ist. Er hingegen ist ein Vollblut-Bogateño, aufgewachsen im gefährlicheren Süden der Stadt, im Stadtteil Ciudad Bolivar. Er hat es geschafft, ist Lehrer. Man könnte das Paar als Mittelschicht bezeichnen. Eine unzufriedene, wie man immer wieder hört. Soziale Ungerechtigkeit treibt auch diese Leute um. Sein Freundeskreis lebt noch immer im Süden der Stadt. So gefährlich sei das alles auch nicht, im Gegensatz zu dem nur zehn Blocks vom Touristenmagneten Candelaria entfernten L del Bronx. Ins L gehen sie selbst nicht rein, das ist eine Gegend mit hoher Kriminalität. Als er mal drin war, wurde gleich geschossen. Hinter der Zona L del Bronx liegt direkt ein Militärcamp, und so findet die Kriminalität vor den wachenden Augen der Staatsmacht statt.

Bogota – die Stadt der Graffiti

Bogota – die Stadt der Graffiti

Plazoleta del Chorro de Quevedo

Plazoleta del Chorro de Quevedo

Vor unserer Abreise am Sonntag bleibt uns noch Zeit, die Ciclovia mitzuerleben. Ich war schon häufiger sonn- oder feiertags in Bogotá und bin die für den Autoverkehr gesperrte Septima entlanggeschlendert, doch dieses Mal liehen wir uns Fahrräder aus, um aktiver Teil der Ciclovia zu werden. So fuhren wir vom Finanzdistrict die Septima runter über Chapinero in die Candelaria und dann über den Parque de la 93 bis zur 100. Straße in den Norden. Wenngleich es anfänglich auch regnete, machte es unheimlich Spaß, die Stadt per Rad zu erkunden und sich dabei sportlich zu betätigen. Wie kann man auch sonst so einfach hier und da mal in eine Seitenstraße einbiegen, einmal das große Ganze, die Zusammenhänge verstehen. Vergnüglich endet unsere Reise auf dem Rad und wir hoffen, dass wir wieder zurückkehren werden, denn das einzige Risiko ist, dass du bleiben willst und das traf auch dieses mal definitiv auf uns zu.

Ciclovia im Parque 93

Ciclovia im Parque 93

Dieser Beitrag entstand am Ende meiner letzten Kolumbien-Reise am 18. Februar 2013.

Mehr zu Kolumbien und Bogotá findet Ihr unter Reisebericht Kolumbien

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