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Campeche – der Ruhepool Yucatáns

Campeche

„Die Stadt ist voll mit Ratten und Piraten.“ Breit grinsend bleibt ein Campechano vor mir stehen, kaum dass ich mich auf die schattige Bank gesetzt habe. Sein Leben passiert auf der Straße, so gesehen muss er wissen, wovon er spricht, wenn er mir seine Sicht auf die glänzende Fassade der UNESCO-Weltkulturerbestadt Campeche schildert.

Campeche

Ein Spaziergang auf der Stadtmauer

Die Sonne knallt gnadenlos auf uns herab, belichtet das historische Zentrum, das von einer Mauer umschlossen ist, über. Die eisernen Balkon- und Fenstergitter an den farbigen Hauswänden werfen zu dieser Tageszeit kleine Schatten. Nur wenige Menschen schlendern bei 35 Grad durch die Straßen des Kolonialstädtchens. Touristen sieht man kaum. Mit Langsamkeit und Müßiggang lässt sich Campeche erkunden. Ein Stück der Mauer kann man sogar begehen, man sollte dies nur vielleicht nicht wie wir ausgerechnet mittags tun. Denn hier gibt es nichts, was Schatten spenden könnte. Wir sind allein hier oben.

Der einstige Reichtum der Stadt war Anlass für unzählige Überfälle durch britische und niederländische Seeräuber. Dies führte im 17. Jahrhundert wiederum nach sich, mit Hilfe der spanischen Krone Befestigungsanlagen mit ihren Baluarten zu bauen, die noch heute zu den interessantesten Sehenswürdigkeiten der Stadt zählen. Die Anlage umschloss eine Fläche von rund 40 Blöcken. Einen kurzen Moment muss ich an die kolumbianische Partnerstadt von Campeche, Cartagena, denken, als ich von der Mauer aus über den Golf von Mexiko schaue. Das Wasser glänzt hier wie dort nicht türkis und beide UNESCO-Weltkulturerbestädte haben einen kräftigen Anstrich erhalten, nur dass die Stadt im Norden Kolumbiens ein wahrer Touristenmagnet ist, wohingegen Campeche ein verschlafenes Dasein verglichen zu anderen Orten auf Yucatán führt.

Streifzug durch das historische Zentrum von Campeche

Je weiter wir gen Osten gehen, desto häufiger bleibt hinter dem farbigen Anstrich nicht mehr als eine Fassade. Aus den Häusern wachsen Bäume und Büsche und ersetzen die Dächer. Bewohnt ist hier vieles längst nicht mehr. Vielleicht haben es sich hier die besagten Ratten im Gemäuer heimisch gemacht. Doch wo um Gottes Willen sind die Piraten. Hängt der angetrunkene Campechano auf der Bank vor der Iglesia der  San Juan doch noch alten Zeiten nach, die er nie erlebte?

Auf dem Plaza Mayor reihen sich Schuhputzer aneinander. Schattige Bänke laden zum Verweilen ein. Mit Blick auf die Catedral de Nuestra Señora de la Purísima Concepción, die von außen imposanter erscheint, als sie von innen gestaltet ist, kann man es unter dem schützenden Dach der Bäume durchaus ein Weilchen aushalten. Ansonsten herrscht entgegen der sonstigen städtischen Hast eher eine gemütliche Verschlafenheit in dem 220.000 Einwohner zählenden Städtchen.

Die Arkaden der Biblioteca Campeche sind wie geleckt. Und auch sonst ist alles um den Plaza Principal, der das Herzstück des historischen Zentrums darstellt, blitzeblank sauber. Man mag sich fast in eine andere Zeit zurückversetzt fühlen, wäre da nicht das im Kontrast zur kolonialen Architektur stehende Verwaltungsgebäude des Bundesstaates Campeche, das in den 60er Jahren im Stil der lateinamerikanischen Moderne gebaut wurde.

Ein Stück weiter fällt eine Fassade aus blauen und gelben Fliesen auf. Was einst eine Kirche, ein Leuchtturm, eine Bibliothek und ein Lager war, beherbergt heute einen Souvenirladen. Der im 18. Jahrhundert von den Jesuiten gebaute Templo de San José ergänzt das ohnehin schon wunderschöne historische Zentrum auf seine besondere Weise.

Abends auf dem Malecon

Am Abend trifft man sich auf dem Malecon, wurde uns zugerufen. Man sollte nur wissen, wann der Abend startet. Als wir kurz nach 18 Uhr die Uferpromenade aufsuchen, liegt über dem Horizont eine blutrote Kugel, die sich nur wenige Minuten später oval verformt und hinter dem Ozean ganz flink und leise verschwindet. Der Malecon ist, wie sein kubanisches Pendant, in fester Hand von Händchen haltenden Pärchen und sportbegeisterten Einheimischen, die sich vom schnellen Walking über Laufen und Radfahren vor der grandiosen Kulisse bewegen. Wir hingegen schlendern ein wenig der Promenade entlang bis zum Plaza de Pescadores, den man allein durch seinen intensiven fischigen Geruch erkennt. Die farbigen Boote geben sich dem Rhythmus der Wellen hin und warten auf ihrem erneuten Einsatz am nächsten Tag.

Dass Campeche einmal der wichtigste Hafen Yucatáns war, spürt man hier kaum. Doch der Seehafen liegt auch noch ein Stück weit entfernt. Überhaupt versprüht Campeche auf eine wundervolle angenehme Art Understatement und steht im völligen Kontrast zu seinen Schwestern im Osten Cancún und Tulum. Es ist Campeche, das mich erdet und mich dort abholt, wo ich mich körperlich und mental befinde. Es ruft mir in leisen Tönen zu: Willkommen in Mexiko.

Was man sonst noch wissen sollte?

Cafés:

  • Chocol-Ha Café, Calle 59 No 30
  • La Panistera, Calle 8 No 293
  • Frapissimo

Restaurants: vornehmlich in Calle 59, die auch verkehrsberuhigt ist, und am Malecon

Geschlafen im: Hotel Castelmar, Calle 61 #2

Anreise: Wir kamen von Tulum über Merida (Umsteigen) in 4h nach Campeche noch mal 2,5 h mit dem ADO-Bus.

Achtung, wer von Cancún oder Tulum anreist, muss die Uhren um eine Stunde zurückstellen.

Ich reiste mit dem Mexiko Dumont Reisehandbuch.

1 Kommentare

  1. Toller Bericht und Fotos! Mexiko steht definitiv auf meiner Reise-Wunschliste. Campeche war mir bisher kein Begriff, klingt aber wirklich spannend. Gerade solche kleineren, weniger bekannten Orte bieten ja meist viel zum Entdecken.

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