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Ciclovía – Bogotá mit Rad erkunden

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Das Angebot von Juvenal können wir nicht ausschlagen, auch wenn wir an unserem letzten Tag in Bogotá lieber ausschlafen würden. Doch es ist Sonntag – das ist der Tag, an dem in Kolumbiens Hauptstadt Radfahrer, Läufer und Skater die Straßen erobern. Denn dann ist Ciclovía und die hat Tradition.
Sie ist genauso alt wie ich – Jahrgang 76. Aus einem Studentenprotest auf Rädern, der auf mehr öffentlichen Raum in der Metropole abzielte, wurde schnell Realität – und dies nicht nur in Kolumbien, sondern auch in Quito, Mexico Stadt oder Paris. Verkäufer mit Snacks und Fahrradmechaniker säumen die Straßen. In den Parks wird gepicknickt und kostenlose Aerobic-Klassen ergänzen das sonntägliche Sportprogramm.

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Sonntags in Bogotá – Radfahrer ist King

Von 7 bis 14 Uhr sind zahlreiche Straßen in Bogotá gesperrt, um mit Familien, Freunden, Hund oder allein sportlichen Aktivitäten nachzukommen oder sich einfach nur zu bewegen, wo sich sonst eine Auto- und Buslawine durchschiebt. Mehr als 120 km werden jede Woche auf`s Neue für wenige Stunden zu einem offiziellen Radweg, auf dem auch Skater und Läufer unterwegs sind.

Zwischen 1 bis zu 4 Millionen Menschen, schätzt man, frönen diesem Vergnügen, und auch wir wollen dieses Mal wieder dabei sein. Wir sind schon einmal vor zwei Jahren die La Septima vom Parque de la 93 bis in die Candelaria entlanggeradelt. Doch dann mussten wir zum Flughafen. Heute jedoch haben wir Zeit, auch für uns unbekannte Ecken kennenzulernen und das mit Einheimischen. Gemeinsam mit Juvenal und Freunden schwingen wir uns um 9 Uhr in der Nähe des Colpatria Towers auf’s Rad. Schnell muss ich feststellen, nur mühsam voranzukommen, denn alles ist hier im Flow und der ist manchmal etwas holprig. Man fährt und geht mit der Masse. Kurz mal weggesehen, kann man schon jemandem auffahren oder andere fahren Dir rein. Uns so ist es auch nicht verwunderlich, dass immer mal wieder Teilnehmer mit aufgeschürftem Knie ihr Rad schieben oder gar notversorgt werden. Dennoch dominiert an den Straßenrändern nicht das medizinische Notpersonal, sondern vielmehr findet man immer wieder eine Vielzahl an Versorgungsstationen für Mensch und Rad. Während man sich mit einem frischen Saft stärkt, wird das Rad wieder auf Vordermann gebracht.

Volksfest Ciclovía

Da wir die Candelaria sehr gut kennen, fahren wir von dem Centro Internacional mit seinen auffallenden hohen Türme und seiner eher lieblosen Architektur einmal durch das hippe Chapinero. Wo normalerweise die gute Küche zuhause ist, bleiben wir aber strikt auf der Septima und passieren eine Reihe an Musik- und Klamottenläden. Graffities zieren die Wände. Wo sonst eher roter Backstein dominiert, bringen wenigstens die Künstler etwas Farbe an die Wand. Im Parque de Hippies ist eine Bühne aufgebaut – mit, wie soll es anders sein, Hippie-Musik. Wir radeln weiter – der junge Anstrich verliert sein Gesicht und wechselt sich mit dem seriösen Auftreten von Banken und 5 Sterne-Hotels ab. Wer hier wohnt, der hat es geschafft – zumindest finanziell. Mietpreise im Norden von Bogotá sollen durchaus konkurrenzfähig zu anderen Metropolen der Welt sein. Doch die Gegend hat leider wenig Seele. Wir erreichen den bekannten Parque de la 93, der eher einer kleinen Grünfläche mit angeschlossenem Spielplatz gleicht. Restaurants und Läden umsäumen den Platz, doch auch hier ist es etwas steril. Noch ein Stück nördlich von hier ist das vorstädtische Viertel Usaquén. Neben mächtigen Einkaufszentren fällt vor allem das durch seine Kolonialarchitektur auffallende Viertel um die Kirche Santa Bárbara auf. Sonntags sind die Straßen um den Parque de Usaquén mit Straßenständen gefüllt. Dann findet hier der wöchentliche Flohmarkt statt. Nicht nur die Straßen platzen aus allen Nähten, auch die Restaurants und Cafés.

In der Lunge der Stadt

Auf der 116 biegen wir Richtung Westen ab. Über die Brücke, die wir hier passieren müssen, dürfen wir unsere Räder nur schieben. Die Unfallgefahr ist hier wohl zu hoch. Wir nutzen die kleine Verschnaufpause und halten an einem Versorgungsstand. Wir setzen die Radtour fort bis zur Avenida Boyacá. Diese große Straße fahren wir Richtung Süden zurück, bis wir die Avenida El Dorado erreichen. Dies ist die erste Straße, die jeder Ankömmling in Bogotá entlangfährt, will man vom Flughafen ins Zentrum. Sie vermittelt den ersten Eindruck der Stadt und der besteht meist aus Staus. Doch heute ist auch hier ziemlich wenig los. Wir könnten immer geradeaus fahren und würden unseren Ausgangspunkt schnell erreichen. Doch wir machen noch einen Abstecher in einen der ältesten und bedeutendsten Parks der Stadt – den Simón Bolívar Park. Dieser ist mit seinen 3,9 km² größer als der Central Park in NYC und wird auf Grund seiner zentralen Lage und Begrünung als „Lunge der Stadt“ bezeichnet. Es wird gejoggt, geradelt, Frisbee und Fußball gespielt, Decken und Muscheln liegen verstreut auf dem Rasen und auf dem kleinen See im Herzen des Parks kann man sich auch ein Boot leihen. Wüsste ich nicht, dass ich in Bogotá bin, ich könnte überall sein.

Die Ciclovía im Überblick:

  • Wann? Sonntags und an Feiertagen von 7 – 14 Uhr
  • Was? über 120 km Straßen werden von hunderten Freiwilligen und Sicherheitskräften für den Autoverkehr gesperrt
  • Wer? über 2 Millionen Bogotanos und Gäste nehmen an der Ciclovía teil
  • Wie? Rad fahren, spazieren gehen, joggen, skaten, Gassi gehen, picknicken und Sport machen

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1 Kommentare

  1. Tolle Route mit interessantem Kontrastprogramm.
    Ich finde diese autofreien Straßen immer toll. Das habe ich zuletzt in Jakarta erlebt und hoffe ja, dass es bald mehr Städte aufnehmen :)

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