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Der etwas andere Blick: Ausflug zum Indiodorf Santa Clara

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Es ist Regenzeit und so steht der ganze Urwald unter Wasser. Dumme Frage meines Begleiters, wo wir zum Pissen mal an Land gehen können. Hier gibt es kein Land. Denn alles, was Land wäre, ist bis Mai überwässert. Und noch immer ist nicht der Zenit erreicht. Zwei Meter fehlen noch. Vorsichtig bewegen wir uns durch das Geäst, lauschen dem Gesang der Vögel. Und dann taucht vor uns plötzlich ein rosaroter Delfin auf. Diesen gibt es nur in der Amazonasgegend. Hier gibt es graue und pinke. Die pinken können aufgrund ihrer Gelenkigkeit auch in das Geäst zur Nahrungssuche schwimmen, die grauen hingegen bleiben auch in der Regenzeit den Flüssen treu, denn sie würden sich schnell verheddern. Am Eingang des Tarapotosee ist noch eine Fischereiüberwachungsstelle postiert. Denn das Fischen hier ist streng reglementiert. So steht der riesige Piracucu längst auf der schwarzen Liste anstatt auf dem Speiseplan. Ob das tatsächlich so ist, bleibt zu überprüfen. Denn was wir auf dem Speiseplan oder vielmehr im Kochtopf einer Indiofamilie der 40 Seelengemeinde Santa Claras entdecken, ist weniger delikat und noch vielmehr verboten.

Der Besuch einer indigenen Familie war Bestandteil dieser Tour. Und so suchten wir die einzige Siedlung auf festem Boden in dieser Gegend auf. Zunächst gingen wir in das Haus des Häuptlings, ohne Federschmuck sondern mit westlicher Kleidung. Soweit sind auch diese Völker bereits assimiliert. Doch der Rest gehört zum Kapitel Wahrung der Kulturen und der Tradition. Gleich wird uns ein winziger Affe entgegengereckt. Verstört mit einer Wunde am Kopf schaut er uns aus seinen großen Kulleraugen an. Wir finden ihn natürlich süß, aber im bemitleidenswerten Zustand. So fragen wir, was dieser kleine Affe hier suche. Diese Frage könnte ich mir selbst beantworten, doch die Realität noch einmal wahrhaft zu erleben, anstatt auf zig Plakaten von Tierschutzorganisationen nur zu sehen, macht die Sache noch emotionaler. Die Mutter dieses ein Monat alten Babys wurde von den Nachbarn getötet. Affen werden hier noch gern gegessen und dies sei auch erlaubt. Aber nur hier, im restlichen Kolumbien ist es strikt verboten. Der kleine Affe wird nun auf unsere Köpfe gesetzt. Das kleine Wesen krallt sich fest, es zittert. Als wir wieder gehen wollen und Pedro den Affen im Nebenraum absetzt, rennt und kriecht er ihm wie wild hinterher, um schließlich vor unseren Füßen zu halten. Er kreischt, will hochgenommen werden. So ganz begreifen wir es nicht. Erst als der Häuptling persönlich mit dem Affen in der Hand im Nachbarraum verschwindet und Pedro und mein Begleiter bereits die Treppe herabgestiegen sind, verstehe ich. Das handgroße Äffchen beginnt jämmerlich zu kreischen. Der Häuptling hebt ein Brett an, packt den Affen in den kleinen Hohlraum und verschließt diesen wieder. Mein Herz blutet.

Vor der nächsten Hütte zieht uns bereits ein kleiner mongolid aussehender Indianerjunge in sein Haus. Er will uns unbedingt etwas zeigen. Tatsächlich zeigt er uns sein etwas heruntergekommenes Hündchen, das er permanent an seinen zwei Vorderpfoten anhebt. Am Herd angekommen fällt unser Blick auf die dort liegende Pfote, oder Hand. Vielleicht Hund? Unverkennbar gehörte diese einst zu einem Affen. Nun liegt sie geschmort einfach auf dem Herd. Daneben befindet sich ein großer Topf. Ein Blitz durchfährt meinen Körper. Wir sind tatsächlich bei DEM Nachbarn! Ein gut erkennbarer Affe befindet sich im Topf. Schädel, Gliedmaßen – alles menschengleich. Die Affenmama zu dem gequälten Affenbaby von nebenan. Die Indios belustigen sich etwas, als sie bemerken, dass mir der Anblick ihrer Suppe nicht wirklich schmeckt. Pedro isst noch genüsslich seinen Maiskolben auf, bevor er sich mit den Worten verabschiedet, jetzt schauen wir uns noch die schönen Delfine an. Wahrlich schön, nach dem jämmerlichen Bild, das mir Santa Clara bot.

Was ist Kultur, was erhaltungs- und schätzungswert, und wo beginnt einfach nur Tierquälerei? Wie oft frage ich mich dies auf Reisen. Der kolumbianische Staat hat diese zarte Grenze gezogen. Häufiger tut er das im Sinne der Indianer. In der Sierra Nevada ist der Kokaanbau für die zeremoniellen Zwecke durchaus erlaubt, wohingegen jeder andere Kolumbianer mit dem Gesetz ein Problem bekommt, hat er die Kokapflanze in seinem Vorgarten stehen. Affen essen ist für Indios erlaubt, obwohl der See voller Fische ist. Sicherlich könnte man sich fragen, wo der Unterschied zwischen Rind- und Affenfleisch liegt. Aus Vegetariersicht  gibt es da wohl keinen. Und dennoch ist es eine ethische Frage. Zeitgleich tobt in den europäischen Medien die Diskussion um Pferdefleisch.

Mit einem flauen Gefühl im Magen schippern wir weiter dem Tarapotosee entlang, um uns den Ceiba Baum anzusehen, der aktuell auch ganz schön im Wasser steht. Bis vor zwei Jahren konnte man auf diesen Baum tatsächlich hochklettern – 35 m ging es in die Höhe. Doch dann wurde alles zu morsch und somit verboten. Ein Labyrinth an Dschungelpflanzen durchpaddeln wir, begleitet immer wieder durch das intensive Vogelgezwitscher. Auf dem Rückweg sehen wir zig Delfine. Immer wieder taucht hier ein grauer und dort ein rosaroter auf. Sie sammeln sich, kehren zurück aus dem Geäst des überfluteten Dschungels. So wie sich auch wieder die Papageien und Sittiche in den Bäumen Puerto Nariños sammeln. Plötzlich sind wir wieder ganz eins mit der Natur.

Wir treffen auf einen polnischen Reisenden, der sich sehr für unsere Tour interessiert. Entsetzt schildern wir das Erlebte, woraufhin er interessiert entgegnet: „Und, wie hat es nun geschmeckt, das Affenfleisch?“

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