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Diese Deutschen… Ein Chilene an der Ostsee

Blick auf den Ostseestrand

„Diese Deutschen, Ihr seid so verrückt!“ stellt unser chilenischer Freund bei seinem Besuch im CAMP4 fest. Diesen Ausspruch sollte ich an diesem Wochenende noch häufiger hören. Denn es geht an die Ostsee, mein zigstes Mal, sein erstes Mal. Ich liebe den Duft, der sich über die Autobahn legt, sobald man die Mecklenburger Seenplatte erreicht. Das platte Land zieht an uns vorbei und irgendwo dahinten lockt der Duft der Weite. Ich reise gern und Meer lässt mich immer wieder von der nächsten Reise träumen. Felipe wohnt inzwischen seit einigen Jahren in Deutschland, doch an der Ostsee war er noch nie. Die Weite scheint er hier nicht so recht zu spüren. Seit er meine Schwester kennenlernte, eine ausgesprochene Globetrotterin, musste er sich auch auf Ausflüge in die Natur einstellen. Und nun auch mit Campingequipment ausstatten. Diese Deutschen sind verrückt, was die nicht alles für einen Outdoorkrempel verkaufen und kaufen. Braucht man das wirklich alles für einen Ausflug an die Ostsee? Es soll doch nicht nach Patagonien gehen, und selbst da, weiss er, benötigt man diesen Schnickschnack nicht. Er kauft trotzdem Besteck, Kaffeemaschine, Teller, Tassen… alles outdoor erprobt. Eine schlichte Luftmatratze, die gibt es hier nicht. Nur Isomatten in allen Formen und Farben. Die will er nicht, die braucht er nicht.

Düne Muschel

Endlich angekommen schaut er über ein buntes Meer am Meer – Windschutzanlagen und Muscheln, die streng das besetzte Gebiet markieren. Wie in einer deutschen Kleingartenkolonie werden hier mit ein paar Stofffetzen Territorien abgesteckt. Was ist los, mit Euch Deutschen, blickt mich Felipe fragend an. Etwas beschämt packen auch wir unsere Muschel aus. Ich erkläre, dass hier einfach die Kokosnusspalmen fehlen, und ein bisschen Schatten muss schon sein. Das nächste Problem lauert schon hinter der Stoffmauer. Denn was sich da dann rekelt und aufbäumt entzückt unseren chilenischen Freund ebenso wenig. Ihr Deutschen, schüttelt er ungläubig. Einmal richtig locker machen, nackt sein um jeden Preis. Wir sind nicht so steif, wie Ihr sonst immer glaubt. Wir machen in jeder Lebenslage eine gute Figur und sei sie auch längst ein bisschen aus der Form geraten, wird sie doch gut gerötet. „Das ist doch so wie in meiner Firma. Tagsüber immer steif und Gespräche nur auf das Wesentlichste beschränkt. Lachen eher verboten, was werden sie alle locker beim Feierabendbier, da werden mindestens drei Knöpfe des Hemds geöffnet, jetzt machen wir uns frei, sind spassig und ja, jetzt sind wir eben nicht mehr deutsch. Warum seid Ihr Deutschen nicht immer so?“ Das weiss ich nicht und auch die Frage, weshalb meine Landsleute trotz Muschelschutz rot werden, kann ich ihm nicht beantworten.

Bunen Auf dem Zeltplatz

Der Strand ist voll, also gehen wir weiter zum Hundestrand. Was ist das denn? Hunde mit einem eigenen Strand? Igitt, mehr muss er hierzu nicht sagen. Bunen und Dünen – es herrscht Erklärungsbedarf. Was sind das für Baumstümpfe im Wasser? Sind die zum Reinspringen da? Und diese Gräserlandschaft hinter dem Strand. Kann man sich da auch reinlegen? Wieviel Grad hat die Ostsee? Keiner weiss es, wir testen es. Das geht gar nicht! Das laue Meerwasser erquickt nur die deutsche Fraktion, wo aber steckt Felipe? Er hat sich längst aus dem Wasser gestohlen, es ist ihm viel zu kalt. Er kühlt sich lieber im Wind auf Normaltemperatur herunter. Und so steht er stundenlang am Ostseestrand und beobachtet die Monstermöwen. Alle fettgefressen, wie die Deutschen… Sie machen einem wirklich Angst. Dann kommt der Eiswagen, ein motorisierter Panzer – mit allem, was das Herz begehrt: Eis, Kaffee, Bockwurst, Piccolo. Wer tagsüber viel isst, braucht am Abend nichts mehr. Denn kurz vor 22 Uhr gibt es auch nichts mehr. „Was ist hier los? Deutsches Tourismusgebiet Nr. 2, in dem spät Speisende hungern müssen?“, fragt Felipe. „Warum noch mal hast Du Dir denn Besteck, Teller etc. bei CAMP4 gekauft, wenn Du jetzt ein Restaurant suchst?“, entgegne ich. „Ich wollte eben einfach deutsch sein…“

Felipe am Strand

Felipe am Strand

Autorin: Madlen Brückner
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8 Kommentare

  1. Gibt es etwas Schöneres als einen Gast, der einem hilft das eigene Land mit anderen Augen zu sehen?
    Ich finde sowas immer absolut erfrischend. Vielen Dank für diese tollen Beitrag. Wir Deutschen sind schon ein lustiges Völkchen mit unseren Strandmuscheln und überhaupt der kompletten Ausrüstung, die wir so für einen Ausflug dabei haben. 😉

  2. Hach, diese Chilenen, denen kann man aber auch gar nichts recht machen… 😉

    Ich war ja schon Ewigkeiten nicht mehr campen (seit meiner Jugend, glaube ich) – doch seit ein paar Monaten habe ich solche Lust, in den Amrumer Dünen zu zelten. Oder jetzt auf dem Darß… Dank euch!

    LG, Elke

  3. Liebe Elke, liebe Karina, Ich fand diesen „Außenblick“ auf uns Deutsche auch sehr erfrischend. Plötzlich sieht man Dinge, die man zuvor gar nicht hinterfragt hat. LG, Madlen

    PS: Zum Zelten ist man doch eigentlich nie zu alt… Sehr oft höre ich, „das habe ich zum letzten Mal in meiner Jugend gemacht“. Warum nicht auch jetzt?

  4. Fiese Rechenaufgabe 😉

    Was ich eigentlich schreiben will: Großartiger Artikel! Wirklich interessant die eigene Nation bzw. Mentalität so zu „durchleuchten“.
    LG

    • Danke, liebe Marianna. Freut mich, dass Dir der Beitrag gefällt. Meine Leser sind übrigens alle kleine Mathematik-Asse 😉 Oder vielleicht liegt es daran, dass ich i.d.R. so wenige Kommentare bekomme. LG und ein sonniges WE, Madlen

  5. wie wunderbar unangenehm, wenn ein gast solche fragen stellt, oder? ich haette soviele fragen an dieses land… zum beispiel warum es hawaii-toast heisst.

  6. Hähähä, was für ein toller Beitrag, der einem selbst den Spiegel vorhält. Klasse.
    Ich werd diese Woche mal prüfen, wie sich das so auf Hiddensee verhält.

    • Berichte gern hier, liebe Kirsten. Aber ich glaube, auf Hiddensee ist das nicht ganz so schlimm mit den Muscheln 😉 LG, Madlen

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