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Donaudelta – eine Bootsfahrt ins Vergessen

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Hinter uns zieht die Sonne einen rosaroten Streifen über den Horizont der Donau. Pferde grasen am Ufer des Flussarms. Es ist spät, als wir Letea verlassen. Zu spät eigentlich. Doch der Drehschluss hatte sich hinausgezögert und das Abendessen stand im verschlafenen Ort auch schon bereit. Also blieben wir noch eine Weile, bis uns die untergehende Sonne zum Aufbruch animierte.

Ein Storch flattert mit Stöckchen im Schnabel über unsere Köpfe hinweg. Kaum ein Mast, der hier im Donaudelta nicht ein Storchennest trägt. Teddy, unser Fixer, Stringer oder wie auch immer man diesen Location- und Personenscoutjob beim Film sonst noch alles nennt, erzählt mir einen Storchenwitz, der mit der Pointe endet, dass der Vater seinem Sohn mitteilt, er wüsste nicht, dass er je Sex mit einem Storch gehabt hätte, als sein Sohn meinte, Kinder würden vom Storch gebracht. Überhaupt mag es Teddy, der mein dreifaches Gewicht auf die Waage bringt, eher derb und deftig. Damit kann ich gut umgehen, aber weniger mit seinen Ausflügen in Kriegsfeldzüge und mit den Zitaten seines verehrten Generalfeldmarschalls und Wüstenfuchs Rommel. Dieser Geschichtsstoff mag auch weniger gut in diese ländliche Idylle passen, die hier so friedlich vor sich herschlummert.

DonaudeltaDonaudelta

Abends auf der Donau

Inzwischen sind auch die letzten Motorengeräusche verstummt. Wir sind allein auf dem Gewässer. Unser Bootsmann meint, es sei etwas Besonderes, die Donau abends zu genießen. Er selbst fährt nach der Reflexion des Lichts auf der Wasseroberfläche. Teddy ergänzt, das kenne man doch auch von der Seefahrt. Manchmal schauen wir uns erstaunt an und fragen uns, wie die Bootsmänner in diesem Geflecht an Wasserstraßen ihren Weg finden. Ein Fischer meinte zu uns, er sei doch mit diesen Wegen aufgewaschen, so wie Großstadtkinder mit dem dortigen verwirrenden Straßennetz. Es sei alles eine Frage der Gewohnheit.
Der Bootsmann nimmt eine Abkürzung und biegt in eine enge Wassergasse ab, die direkt durch das Schilf führt. Aufgeschreckte Vögel fliegen hastig zu allen Seiten davon. Es dämmert bereits. Sterne zeichnen sich am Himmel ab, der Mond lässt jedoch noch auf sich warten. Vor uns taucht ein Schwan auf, dann ein zweiter während über uns ein urzeitlich anmutender Reiher hinwegfliegt. Möwen, Kormorane, Pelikane tuen es ihm gleich. Wir gleiten mit unserem Speedboot galant durch das Schilf, das ein meditatives Rauschen erzeugt. Die Wellen, die sich am Schilf reiben, unterstreichen die Melodie des Deltas.

DonaudeltaDonaudelta

In diesem Moment begreife ich wieder die Sehnsucht nach diesem Ort, der so viel Ursprünglichkeit und pure Natur für uns bereithält. Hier wollten wir uns einst ein Ferienhaus kaufen, so begeistert war ich schon bei meiner ersten Reise ins Delta. Nicht nur die Natur übt einen besonderen Reiz aus. Auch die Orte faszinieren. Sie bestehen aus staubigen Sandstraßen, die von Holz- oder Metalleisernen Zäunen geschmückt werden, hinter denen sich dann wunderschöne wilde Gärten befinden. Aktuell blüht es in jedem Garten, Obst und Gemüse ist fein säuberlich in Reihen angepflanzt, während die Blumen ungeordnet der Sonne entgegen sprießen.

An der Straßenecke von Letea sitzen drei ältere Frauen mit Tuch auf dem Kopf und Kittelschürze um die Hüfte gebunden, um den neusten Tratsch auszutauschen. Ob wir vom rumänischen Fernsehen seien, fragen sie neugierig. Der Kameramann erwidert, nein vom Deutschen. Sie nicken daraufhin genugtuend und kehren zurück zu ihrem Gespräch. An unseren Kameras stören sie sich nicht. Männer bei der Heuernte lachen mir freundlich zu. Nur ihre Worte verstehe ich nicht.

Donaudelta, in LeteaDonaudelta, in Letea

Wir stecken fest im Delta

Als wir endlich den Sulina Arm der Donau erreicht haben, erhalten wir von dem zweiten Boot, mit dem wir unterwegs sind, die Nachricht, dass etwas nicht stimmt. Als wir das Boot erreichen, stellen wir fest, dass das Benzin ausgegangen ist. Ein schnell zu behebendes Problem, denke ich. Und unser Bootsmann füllt auch umgehend ein bisschen Benzin für seinen Bruder ab, der das andere Boot fährt.

Damit nicht genug, schleppen wir das Boot vorsichtshalber noch bis zum nächsten Steg ab, wo sich das Boot auffüllen lässt. Wir sind nicht lange auf dem Wasser, da klingelt erneut das Telefon unseres Bootsmannes. Dieses Mal hat sich ein Netz in den Motor des anderen Bootes verfangen. Wir warten eine Weile, doch der Bruder scheint doch gebraucht zu werden. Also fahren wir zurück. Das Netz ist kaum mühevoll entfernt, fängt sich der Bruder erneut ein Netz ein. Unser Bootsmann flucht inzwischen und kaum fahren wir alle los, kommen wir zur Abwechslung ins Stocken. Nun haben auch wir uns ein Netz eingefangen. Langsam denke ich, dass ist wie versteckte Kamera oder der eigentliche Film nach Drehschluss. Noch einmal fährt sich der Bruder im Netz fest, wir warten geduldig während unser Bootsmann flucht: „Nachts ist es verboten, in den kleinen Flussarmen mit Boot unterwegs zu sein.“ Neben uns setzt das melodiöse Quaken der Frösche ein. Sie haben es sich auf See- und Teichrosenblättern bequem gemacht und musizieren in die sternenklare Nacht hinein. Trotz Kühle, die sich über das Wasser in das Boot hineinzieht und langsam durch mehrere Schichten meiner Bekleidung kämpft, möchte ich diesen Moment anhalten.

DonaudeltaDonaudelta, in Letea

Die Fischerfamilie von Letea

Am nächsten Tag machen wir uns erneut nach Letea auf – 2,5 Stunden benötigen wir mit Boot von Murghiol. Wir überqueren den Snafu Gheorghe und den Sulina Arm, rasen über die Seen, auf denen Pelikane sich sammeln, und gleiten durch enge Kanäle und Seerosenfelder. In Letea fahren wir mit dem Fischer Dan Hancerenco weiter hinaus, um die Reusen zu leeren. Meter große Welse und ein Hecht werden in unser Boot geschüttelt, aus ihnen wird später die Spezialität des Hauses und des Deltas – Fischsuppe – gezaubert.

Mein Handy zeigt bereits ukrainisches Netz an. Im Donaudelta mögen Grenzen verschwimmen, dies merke ich auch, als wir mit einem Traktor über unwegsames Gelände weiter gen Norden zu den Wildpferden fahren. Diese waren einst domestiziert und wurden dann hier im Reservat ausgewildert. Durch einen Stacheldrahtzaun, der das Reservat nach drei Seiten begrenzt, beobachten wir die Pferde mit Abstand. Bis das Filmteam am Ende eine Drohne in die Luft schickt und die Pferde von Tannen ziehen.

DonaudeltaDonaudelta, Wildpferde bei LeteaDonaudelta, in Letea

Sulina und der Glanz vergangener Tage

Am nächsten Tag prasselt morgens der Regen an mein Fenster. Alles lässt sich nachstellen, nur das Wetter lässt sich nicht inszenieren. Man nimmt es wie es kommt und das ziemlich authentisch. So sitzen wir mit einem knöchellangen, quietschgelben Regencape nach dem Frühstück auf den nassen Holzbänken des offenen Schnellbootes. Der Regen hat leichtes Spiel, will er sich unter unsere Kleidungsschichten durcharbeiten. Die Haare kleben im Gesicht, das kalte Wasser läuft über die Wangen. Einen Tag in der nassen Kleidung zu verbringen, wenn man ohnehin schlottert, macht weniger Spaß. Wir ziehen uns zum Schutz der Schuhe Mülltüten über die Füße.

SulinaSulinaAls wir die einst prosperierende Handelsstadt Sulina am Ende des Donauarms erreichen, zeigt uns der Himmel, was er noch alles im Repertoire hat und das geschieht nicht zum Vorteil der ohnehin tristen Stadt, in der uns dahin vegetierende Wohnblöcke aus sozialistischen Zeiten und verfallene Industrieanlagen begrüßen. Fischerboote kehren ans Ufer zurück, ein Boot mit einem aufgespannten roten Schirm fährt Gäste von Ufer zu Ufer. Dort angeln drei Männer an der Promenade, hinter ihnen repariert ein Mann sein Auto. Katzen und Hunde streunen umher. Über der Stadt liegt ein grauer Überzug. Der Regen auf dem Wellblechdach des Fischsammelplatzes, unter das wir uns geflüchtet haben, ist die Melodie der Stadt. Kleine Holzhäuser – manchmal auch in Schieflage – mit verfallenen Gartenzäunen schmiegen sich in das Stadtbild und geben dem Gesicht von Sulina noch einen lieblichen Reiz. Sulina

Mittags empfängt uns dann Veronika in ihrem Haus. Sie ist hier geboren und liebt die Stadt. Auch wenn um sie alles verfällt, die Jugend von hier wegzieht, will sie doch das Schöne sehen. Das Delta ist Heimat und wo Heimat ist, fühlt sie sich wohl. Ihr 38jähriger Sohn kommt irgendwann dazu. Wir sitzen im überdachten Hof, neben uns quietschen zig Kücken aus einem Karton und der Regen plätschert auf das Dach. Wir sprechen über die Zukunft und Vergangenheit und haben doch so wenig Ahnung. Was bringt die EU in dieser tristen Gegend? Wie lebt es sich an der EU-Außengrenze? Und warum leben in Sulina so viele Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln?

Nach unserer Unterhaltung zeigt sich kurz die Sonne. Das Filmteam sucht nach weiteren Gesprächspartnern, während ich ein wenig durch die Straßen streife. Am Ufer der Promenade ankert die Diana. Mit diesem Schiff fuhren wir vor sechs Jahren von Tulcea nach Snafu Georghe. Erinnerungen werden wach und lässt auch bei mir einen Moment die vergangene Reise ins Delta wieder aufblitzen.

Aus einer orthodoxen Kirche tönen Trauergesänge einer Beerdigung. Auf einer Bank in der Seitenstraße wird geplaudert. Ein Mann mit freiem Oberkörper und Spiegelglassonnenbrille kommt gleich herausgeeilt, als ich kurz über seinen Gartenzaun schaue, hinter dem drei kleine Edelkatzen herumtollen. Er drückt mir prompt ein Kätzchen auf den Arm und redet auf Rumänisch auf mich ein. Ein alter Mann mit Hut, Jacket und weißem Hemd dreht mit seinem Fahrrad immer wieder Runden. Das Ganze mutet hier etwas bizarr an, säßen nicht noch ein paar einheimische Touristen in den Restaurants. Vergessen, verlassen und irgendwie nicht gebraucht. Dabei gibt es durchaus viele schöne Villen, die einst Verwaltungsgebäude waren. Es benötigt Geld und guten Willen, dann hätte die Stadt Potenzial.
Ich denke an ein altes Sprichwort: „Wer ins Delta fährt, fährt ins Vergessen.“

Was man sonst noch wissen sollte?

Ich habe mich in das kleine Örtchen Letea an der ukrainischen Grenze verliebt.
Unterkunft und Speisen: Casa Letea (Zimmer 35 EUR inkl. Früstück); Abholung in Tulcea möglich für 700 Lei (1,5 Stunden)

Mehr zu meiner Reise 2011: Schwarzes Meer mit schwarzem Humor

Auf diese Reise hat mich das Filmteam von OPEN house media begleitet.
Der 15 minütige Beitrag läuft am Samstag, 15.7. um 18 Uhr im MDR: „Urlaub im wilden Osten – Das rumänische Donaudelta

2 Kommentare

  1. Katrin sagt

    Hallo Mad,

    im Zuge unserer Reisevorbereitungen ins Donaudelta bin ich auf deinen Beitrag gestoßen. Echt nette Idee mit den 2 „Mädels“. Auch wir wollen nach Letea aber mit dem Kanu. Frage: Hast du vom Casa Letea eine Email-adresse? Ich kann im Internet nichts finden und die Web-Seite vom Casa-Letea funktioniert nicht.

    Danke und Grüße Katrin

    • Liebe Katrin, Euer Plan klingt wunderbar. Ich finde leider nicht mehr die Visitenkarte und Du hast recht, die Webseite funktioniert aktuell auch nicht. Habt Ihr es über FB (https://www.facebook.com/Casa-Letea-1735082056728577/) probiert?
      Als wir im Juni da waren, waren die meisten Zimmer frei. Aber jetzt ist ja bis Monatsende noch Hochsaison, da wäre es vielleicht schon gut, kurz Kontakt aufzunehmen. Sie sind im Ort die einzige Unterkunft dieser Art. Ansonsten gibt es aber noch Privatvermietungen.
      Sollte ich die E-Mail-Adresse noch finden, schicke ich sie Euch.

      LG
      Madlen

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