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Ilha de Moçambique – Die vergessene Insel im Indischen Ozean

Ilha de Mocambique

Gesang, der immer wieder durch jugendliches Gekicher abgelöst wird, dringt von dem kleinen Platz hinauf auf die Dachterrasse der Casa Gabriel. Von der Brüstung beobachte ich das Treiben auf den Straßen Junge Insulanerinnen in kurzen Kleidern bewegen ihre Körper grazil und sexy zu den Melodien ihrer Lieder. Zwischen den Mädchen springen immer wieder Jungen hindurch, die einem aus Stofffetzen zusammengeschusterten Ball hinterher eilen. Eine andere Jungengruppe sitzt auf der kleinen Mauer, die die Straße vom Strand trennt. Auf dem Sand stehen Strohhütten und ein einfaches Waschhaus aus Beton, das der Staat den Bewohnern „geschenkt“ hat sowie auch auch den nahen Markt und Fischmarkt, die nahezu ungenutzt bleiben.

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Schönheit und Leid auf kleinstem Raum

Mein Blick schweift über die Dächer der niedrig gelegeneren Makuti Town und die strahlend blaue Mossuril Bucht. Blitze leuchten am Himmel, ohne das übliche Grollen des Donners hinterherzuschicken. Zu fern sind noch die Gewitter, die sich über dem Festland entladen. Der Ruf des Muezzins schallt in die nahende Nacht. Stolz ragt die erst vor 30 Jahren erbaute grün-weiße Minarette auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den Himmel. Zwischen Hidschab und Minirock sind viele Nuancen der Kleidungsstile in den verschlafenen Straßen der Ilha de Moçambique zu finden. Männer mit Mütze und flatternden Qamis eilen durch den Torbogen, ohne dem Ganzen Emsigkeit zu verleihen. Denn selbst in der Bewegung ruht auf der Ilha das Leben.

Schon bevor Vasco da Gama das afrikanische Festland 1499 erreichte, war die Ilha de Moçambique ein wichtiges muslimisches Handelszentrum. Noch heute sind 80 % der 18.000 Einwohner zählenden Insel Muslime. Dunkle Hütten, weiße Moscheen und die Residenzen der Scheiche fand der Seefahrer hier vor. Selbst der Name Mosambik soll auf den damals hier herrschenden Sultan Moussa Ben Mbiki zurückgehen, nach dem erst die Insel und dann das ganze Land benannt wurden. 1507 kolonialisierte Portugal die Ilha de Moçambique und machte den strategisch wichtigen Platz zur Kontrolle des Seehandels zwischen Europa und Indien kurz darauf für die nächsten vier Jahrhunderte zur Hauptstadt des portugiesischen Ostafrikas. Doch mit der Verlegung der Hauptstadt in das südliche Maputo (damals Laurenço Marques) verschwand sie in der Bedeutungslosigkeit und ebnete ihr den Weg in den Verfall, den die UNESCO 1991 stoppen wollte.

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Makuti – wo oben und unten eine Bedeutung bekommt

Der junge Edy holt uns morgens zu einer Walking Tour ab. Gern hätten wir uns Räder geliehen, doch Ilha Blue, der omnipräsente Touranbieter auf der Insel, hatte am Vortag aufgrund eines lokalen Feiertags geschlossen. Also laufen wir nun einen halben Tag mit Edy die 3,5 km lange Insel ab.

Wir starten vor der Mesquita Central Seita Sunni und biegen gleich in ein einfaches Residenzhaus ab. Durch die geöffnete Tür huscht ein Kind. Edy meint, wir könnten ihm ins Gebäudeinnere folgen. Hier haben sich im kahlen, zerfallenen Raum Menschen in kleinen Verschlägen vorübergehend eingerichtet. Herabhängende Stofffetzen markieren die Wohnungsgrenzen innerhalb des Gebäudes. Die Frauen, die hier mit ihren Kindern leben, meist verlassen von dem, der sie geschwängert hat, gehen anteilnahmlos weiter ihren Tätigkeiten nach, als wären wir nicht hier. Unserer Schockiertheit setzen sie Gleichgültigkeit entgegen und behalten mit dieser ein Stückchen Würde. Edy sagt, sie müssten hier bald raus, das Haus sei schon verkauft. Das, was für uns lebensunwürdig erscheint, bietet zumindest ein Dach und Schutz. Der Abstieg ins Elend und Leid kennt kein Mitleid vom Staat.

Hinter den einfachen Kolonialhäusern liegt der arme Inselteil Makuti – abgesenkt in einer Mulde, als wolle man ihn verstecken. Die Häuser in Makuti sind größtenteils Lehmhütten. Sie stehen regelmäßig in der Regenzeit unter Wasser. Erst im letzten Monat fegte ein Zyklon über die Insel hinweg. Wieder starben einige Kinder, Familien lebten aus Alternativlosigkeit im Wasser. Jedes Gebäude aus Stein sei Indiz dafür, dass der Besitzer für den Staat arbeitet, erklärt uns Edy. Auch wenn es eine Süßwasserleitung vom Festland auf die Insel gibt, trinken hier viele Bewohner verunreinigtes Wasser, weil selbst das Geld für frisches Wasser fehlt. Kinder spielen in den Abwasserkanälen. Es fühlt sich nicht gut an, diesen Teil der Insel zu durchqueren. Die Armut liegt einfach zu bloß vor uns, dass sie wehtut.

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Auch wenn uns Kinder immer wieder freudig „Wakula“ hinterherrufen und nach Fotos verlangen, zögere ich zunächst, die Armut in Bildern festzuhalten. Edy ermutigt uns dazu. Er will, dass wie die Insel nicht nur in unserer Erinnerung mit nach Hause tragen, sondern unseren Familien und Freunden auch Fotos zu den Reiseberichten zeigen sollen. Und ein ehrliches Bild gehört dann nun mal mit dazu. Kinder posen und zeigen sich immer wieder mit einem Lachen, wenn ich ihnen ihr Abbild auf dem Display des Fotoapparats zeige. Geld verlangen sie keins. Kinder gibt es hier viele. Zu viele, meint Edy, und sieht darin zugleich ein Problem. Er wolle erst fertig studieren, sich eine berufliche Basis schaffen, bevor er eine Familie gründet, ergänzt er. Das klingt reflektiert und weise . Zugleich analysiert er die omnipräsente Armut. Junge Frauen und Männer in seinem Alter haben meist schon mehrere Kinder, die sie alle nicht ernähren können. Die Männer machen sich meist aus dem Staub, zurück bleiben die Frauen mit ihren Kindern.

Die Insel wurde an dieser Stelle, wo heute Makuti ist, abgetragen, Steine die hier fehlen, zieren den einst repräsentativen Norden der Insel, die Stone Town. Menschen wurden versklavt und trugen die Steine eigenhändig dorthin, wo erst die arabischen herrschaftlichen Häuser, später die der Portugiesen erbaut wurden.

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In den Straßen der Ilha

Wir spazieren zwischen dem vorgelagerten Fort im Süden, hinter dem sich der Friedhof der Portugiesen befindet, und dem mächtigen Fort im Norden. Eine nur wenige Kilometer breite Meeresstraße trennt die Insel vom Festland. Eine 3,8 Kilometer lange, schmale Brücke, die nur einspurig ist, verbindet die Ilha de Moçambique mit dem  Hafen Lumbo. Mopeds knattern über die Brücke, Autos warten auf den entgegenkommenden Verkehr. Und dazwischen laufen junge Männer mit Angelschnur und Haken. Ein zappelnder Fisch wird schnell auf den Boden geschlagen, bevor er in den Eimer verschwindet. Von der Brücke bewegen wir uns wieder in den Norden der Insel.

Der überdachte Marktplatz liegt verwaist in der prallen Sonne. Ein paar Männer lungern auf den Betontischen herum. Waren sehe ich keine. Markt und Fischmarkt wurden den Inselbewohnern hingebaut, ohne dass diese das wollten. Und ihre Abscheu zeigen sie nun auch, indem sie anstatt die Standmiete zu entrichten einfach ein paar Meter weiter neben den Gemäuern ihren Handel betreiben.

Herrschaftlich ragt das älteste Krankenhaus Afrikas aus der einstöckigen Architektur. Längst werden auch hier keine Patienten mehr versorgt, sondern in einem Gebäude dahinter. Bröckelnde Fassaden mit pastelligem Anstrich, der längst verblasst ist über die Zeit, schmücken die Straßen. Anderenorts wäre längst alles hergerichtet. Das Potenzial der Insel hat auch die UNESCO erkannt und sie daher unter Weltkulturerbe gestellt. Doch wohin die Gelder fließen, ist hier ein großes Fragezeichen. Einzelne Gebäude sind restauriert, meist sind deren Besitzer Ausländer mit mosambikanischer Gattin. Die Heirat ist nötig, um ohne mosambikanische Staatsbürgerschaft eines der Häuser zu erwerben. Der Preis liegt niedrig – bei 45.000 USD meint Edy. Doch das große Investment bedarf die anschließende Restaurierung.

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Die Hitze lähmt – nicht nur unsere Schritte, sondern auch das Straßenleben. Nur wenige Menschen bewegen sich in der Mittagssonne durch die Gassen. Ein kurzer Stopp im Garden Of Memory lässt uns die Geschichte der Sklaverei noch einmal rekapitulieren. Auf den Mauern eines alten Lagerhauses, in dem über Jahrhunderte Sklaven vom Festland her angeliefert, zusammengepfercht, verkauft und verschifft wurden, haben Künstler den namenlosen Opfern ein Gesicht gegeben. Zehn Büsten erinnern an das grausame Kapitel des Menschenhandels.

Wir suchen das Museu da Ilha deMoçambique auf, das uns ein wenig Schutz von der Hitze bietet. In den Gemächern lebten einst die Gouverneure. Ein Zimmer war für den nie eingetroffenen Besuch aus dem portugiesischen Königshaus vorgesehen. Heute lassen sich hier altes Mobiliar und Porzellan bestaunen.

Von hier ist es nicht mehr weit zur Festung São Sebastião, die sich an der Nordspitze der Ilha de Moçambique befindet. Sie ist die älteste in der ursprünglichen Gestalt erhaltene Festung im Afrika südlich der Sahara. Wo man anderenorts Besucherströme erwarten täte, öffnet sich hinter dem Tor eine einsame und skurrile Kulisse, die an einem Lost Place erinnert. Die Pläne sehen vor, in Teilen der alten Festung Universitätsräume einzurichten. Sicherlich ein interessantes Nutzungskonzept, um diesen Ort zu beleben und für die Insulaner in ihren Alltag zu integrieren.

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Ausflug nach Goa

Am letzten Tag auf der Ilha de Moçambique hissen wir mit Raimundo und Mbas das trapezförmige Segel. Mit einem Dhau gleiten wir um die nördliche Spitze der Insel und halten dann Kurs auf die 5 km östlich gelegene Insel Watólofu, auch Goa genannt. Strände und Leuchtturm erstrahlen in der Ferne. Die winzige Insel erhielt ihren Namen einst durch ihre Lage auf dem Seeweg nach Indien.

Wir sind an diesem Morgen die einzigen Besucher, bevor wir mittags Richtung Halbinsel aufbrechen, wo vor der Coral Lodge ein weiterer Traumstrand das Touristenherz entzückt. An den Riffen lässt es sich gut schnorcheln.

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Doch auch hier sieht man keine weiteren Besucher. Frauen stehen im knietiefen Wasser, suchen den Grund nach Muscheln ab, die sie dann in ihre roten und blauen Eimer werfen. An uns ziehen andere Dhaus vorbei. Mit Schnorchelbrille und Netzen gewappnet springen die Männer ins glasklare Wasser des Indischen Ozeans. Unverschämt schön, unverschämt bitter, denke ich mir. Der Tourist schnorchelt, um sich an der Unterwasserwelt zu erfreuen, der Einheimische, um zu überleben. Die Ilha de Moçambique ist ein Ort, an dem die Traumkulisse die Alltagsrealität in den schönsten Blautönen zu übermalen versucht.

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Wenn die Nacht über Makuti hereinbricht

Im gedämpften Abendlicht der schiefen Laterne verschwinden immer wieder Frauen im Wasser, das von der Mondsichel am Himmel seinen Glanz verliehen bekommt. Ein alter Betonbau direkt am Strand, der den Bewohnern als hygienische Sanitäreinrichtung dienen soll, wird von allen bei der abendlichen Verrichtung der Notdurft geschickt ignoriert. Manchmal sieht man im Mondschein die Umrisse der hockenden Frauen im Meer. Die Nachbarsfrau aus der Lehmhütte direkt gegenüber kehrt aus dem Wasser zurück und lässt neben ihrem Haus das Tuch auf den Boden sinken, um sich kurz Wasser mit einer kleinen Schüssel über den nackten Körper zu gießen. Für einen Moment steht sie komplett entblößt da. In Makuti ist kein Platz für Intimität. Pappe liegt vor den Häusern, auf die sich Menschen dann schlafen legen. Im Haus ist es zu heiß und zu wenig Platz für die Großfamilien. An einer kleinen Mauer, die über Makuti steht, prankt der Schriftzug „Hollywood“. Palmen zieren das Setting und ragen über die Mauer hinweg. Die ärmlichen Lehmhütten bleiben in der Senke dahinter verborgen.

Was seit den 90er Jahren zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, verzaubert und lässt doch auch erschaudern. Nostalgie und Hoffnung legen sich in die Straßen, wo Tage sich zu gleichen scheinen, die Abgeschiedenheit und Ruhe sich zum Segen und Fluch vereinen.

Ilha de Mocambique Ilha de Mocambique

Noch bevor ich auf die Ilha de Moçambique kam, besuchte ich im Portugiesischen Kulturzentrum in Maputo die Ausstellung über Fotografie und Poesie auf der Insel Mosambik,  in der ich auch dieses Gedicht fand:

Mia Couto – Ilha De Mozambique.

„Não É A Pedra. O Que Me Fascina É O Que A Pedra Diz. A Voz Cristalizada, O Segredo Da Rocha Rumo Ao Pó. E Escutar A Multidão De Empedernidos Seres Que A Meu Pé Se Vão Afeiçoando. A Pedra Grávida A Pedra Solteira, A Que Canta, Na Solidão, O Destino De Ser Ilha. O Poeta Quer Escrever A Voz Na Pedra. Mas A Vida De Suas Mãos Migra E Levanta Voo Na Palavra. Uns Dizem: Na Pedra Nasceu Uma Figueira. Eu Digo: Na Figueira Nasceu Uma Pedra.“

„Es ist nicht der Stein, der mich fasziniert, vielmehr das, was der Stein sagt.
Die kristallisierte Stimme, das Geheimnis des Felsens zum Staub. Und höre der Vielzahl von hartherzigen Wesen zu, die mich mögen. Der schwangere Stein, der einzelne Stein, der in der Einsamkeit das Schicksal einer Insel singt.
Der Dichter möchte die Stimme in den Stein schreiben. Aber das Leben seiner Hände wandert und flieht in dem Wort. Manche sagen: Im Stein wurde ein Feigenbaum geboren.
Ich sage: Im Feigenbaum wurde ein Stein geboren. “
(Mia Couto, Alter, Städte, Gottheiten , Maputo, Ndjira, 2008)

Was man sonst noch wissen sollte?

Anreise

  • Flug mit LAM nach Nacala oder Nampula, von dort mit dem Minibus (ca. 4 h bis zur Brücke fahren und dort mit Moped übersetzen) oder von Nacala mit Taxi (ca. 2 h – 3.500 MZN) zur Insel fahren

Übernachtung

  • Pátio dos Quintalinhos (Casa do Gabriel) an der Grenze der Stone Town und Makuti gegenüber der Moschee gelegen, schöne Zimmer im alten Gebäude mit Dachterrasse und kleinem Swimming Pool

Restaurants

  • Ancora d’Ouro: vieles auf der Karte gab es nicht, aber Pizza geht immer
  • Karibu: sehr beliebt bei Touristen vor allem für Seafood
  • O Escondidinho: in der Unterkunft gelegen und mit schönem Gartenblick
  • Rickshaws Café: gut für Kaffee und Abendessen direkt mit Meeresblick und nah an der Casa do Gabriel

Touren und Information

  • kurz nach unserer Abreise sollte ein Tourismusbüro im Herzen von Stone Town eröffnen
  • Omnipräsenter Touranbieter: Ilha Blue (hier kann man Räder mieten, Walking Tours und Bot Trips buchen); es gibt noch Magic Tours
  • Guter englischsprachiger Guide: Edy (in der Casa do Gabriel nach ihm fragen)

 

 

 

 

 

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