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Mein Aufstieg auf den Snøhetta – mein erster Schnee im Juli

Snøhetta

„Ab Mittag gibt es ein Donnerwetter, daher sollten wir bis 12 Uhr auf dem Gipfel sein.“ Was Arne eher beiläufig fallen lässt, zeichnet mir Sorgenfalten ins Gesicht. Nicht, dass ich bezweifle, es bis Mittag auf den 2286 m hohen Snøhetta zu schaffen. Aber zuvor hatte Arne, unser Bergführer, bereits freudig erwähnt, dass es wohl auch Neuschnee auf dem Weg nach oben geben wird. „Da oben sind es Minusgrade – also zieht Euch warm an!“ Ich gehe gedanklich meine sieben Sachen im Koffer durch und bin mir nicht sicher, ob ich für diese Tour gerüstet bin. Aber ein wenig Vorfreude macht sich auch breit, denn ich bin noch nie im Juli durch Schnee gestapft.

 Snøheim

Am Vorabend auf der Hütten Snøheim Turisthytte

Doch noch sitzen wir im warmen Kaminzimmer der Snøheim Turisthytte, die an diesem Samstag komplett belegt ist. Um uns herum haben es sich sportliche, lässige Norweger gemütlich gemacht. Zwei junge Damen sitzen strickend auf der Eckbank und genießen einen Wein. Die Familien haben Brettspiele aufgebaut. Und draußen räumt eine Gruppe Jugendlicher Müllsäcke und Kisten voller Wanderbekleidung und Verpflegung vom Shuttlebus hinüber in unsere Berghütte. Dann dringt arabische Musik aus dem Nachbarraum zu uns herüber. Unser deutsches Grüppchen schaut immer wieder nervös auf die Uhr, um zumindest gedanklich beim Anpfiff des EM-Fußballspiels Deutschland gegen Italien dabei zu sein. Denn einen Fernseher oder gar WLAN gibt es hier oben im Dovrefjell nicht. Es ist eine Atmosphäre, die mich in meine Kindheit zurückversetzt. Es ist die Mischung der Menschen und die Liebe zu der Natur, die hier in den Gemäuern der erst kürzlich wiedereröffneten Hütte mitschwingt. Wer Einsamkeit und die Auseinandersetzung mit sich sucht, ist hier gut aufgehoben.

Moschusochse im Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark

Asgeir Helgestad/Artic Light AS/visitnorway.com

Auf dem Dach Norwegens, wie man den Dovrefjell-Sunndalsfjella Nationalpark auch nennt, ist die Landschaft karg, gar minimalistisch. Und doch beheimatet die Natur so interessante Tiere wie Rentiere, Wölfe, Luchse, Polarfüchse. Auf der halbstündigen Busfahrt von Hjerkinn zur DNT-Hütte Snøheimen hatten sich bereits mehrfach Moschusochsen in der Weite der steinigen Hochebene gezeigt. Im Dovrefjell lebt die einzige Population in Norwegen, die bereits in Europa ausgestorben war. Die bis zu 500 kg schweren Tiere, die genau genommen keine Ochsen, sondern Ziegen sind, wurden zwischen 1932 und 1959 aus Grönland wieder eingeführt und im Dovrefjell ausgewildert. Heute leben um die 400-500 Tiere im Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark. Und dann ist da der Grund, weshalb wir eigentlich hier sind. Der Snøhetta, der vor der 1.474 m hoch gelegenen Snøheim Turisthytte majestätisch in den Himmel wächst. Nur selten geben die Wolken die Sicht auf die Spitze frei.

Die erste Etappe des Aufstiegs auf den Snøhetta

Als ich am nächsten Morgen aus meinem Doppelstockbett durchs Fenster schaue, scheint anders als erwartet die Sonne. Doch der Gipfel ist in Wolken eingehüllt. Die Kälte zieht durch jede Ritze des Fensters. Durch die Flure tönen Knackgeräusche der alten Holzfußböden, unter die sich bald Stimmen mischen. Um 8 Uhr wird gemeinschaftlich im Speiseraum gefrühstückt. Wir schmieren Brote und verstauen sie in unsere Rucksäcke. Um 9 Uhr starten wir mit Arne unseren Aufstieg. Schnell teilt er die Strecke in drei Teile ein: erst eben bis leichter Anstieg mit Flussquerung, dann steilerer Anstieg mit Blockgestein und dann ein Schneefeld bis zum Gipfel.

Metallstangen markieren den Weg, der auf dem ersten Stück auch so ausgetreten ist, dass man ihn erkennt. Hinter einer kleinen Holzbrücke zieht sich der Weg zunächst am Seeufer entlang, dann lassen wir diesen hinter uns liegen. Links und rechts prägt Geröll die Landschaft. Der matt grünliche Moos- und Flechtenbewuchs gibt der sonst sehr grauen Umgebung einen farblichen Anstrich. Nach ca. 20 Minuten erreichen wir zwei kleine Altschneefelder, in die unsere Schritte einsacken. Weitere 20 Minuten vergehen, als wir den Fluss erreichen, von dem schon einige sprachen. „Benötigt Ihr noch Wasser? Dann solltet Ihr hier noch einmal auffüllen, denn das ist die letzte Möglichkeit.“, meint Arne. Dann balancieren wir über die größeren Steine im Flussbett. Etwas Feuchtigkeit macht sich in meinem linken Schuh breit.

Kampf durch das Blockgestein

Nach der Flussquerung wartet der Anstieg durch großes Blockgestein, das die eigentliche Herausforderung beim Aufstieg und noch vielmehr beim Abstieg darstellt. Nieselregen setzt ein, die Steine verlieren an Rutschfestigkeit. Die einzige Abwechslung hinsichtlich des Untergrunds liegt in der Größe des Gesteins, ansonsten folgt eine Stunde Arbeit durch das unwegsame Gelände. Hin und wieder arbeitet sich die Sonne durch das Wolkenfeld und gibt den Blick auf die Hochebene mit ihren türkis leuchtenden Gletscherseen wie den Istjørni und Flüssen frei, die von den hohen Gipfeln des Dovrefjells gerahmt werden.

An uns eilen junge Kerle vorbei, deren Migrationshintergrund uns sofort auffällt. Es sind junge Afghanen, wie wir erfahren. Sie lachen und winken uns stolz beim Überholen zu. Der Anstieg und Untergrund scheint ihnen nichts auszumachen, stellen wir erstaunt fest. Wir legen nur zwei kurze Pausen ein, viel zu sehr dürstet es uns nach dem Gipfel. Aber Zeit für ein Kvikk-Lunsj muss sein, der dem Kit-Kat ähnelnde Tour-Snack (Turmat) gehört in Norwegen in jeden Wanderrucksack.

Auf dem Gipfel

Nebel hüllt am Ende unseres Aufstiegs den Gipfel ein, so dass wir unser Ziel nur im Dunst erahnen können. Das letzte Stück arbeiten wir uns durch ein Schneefeld, das vom puderzuckrigen Neuschnee bedeckt ist. Dann erscheinen Umrisse im Nebel. Ich bin mir nicht sicher, ob dies eine Schnee-Fata-Morgana ist. Als ich wieder nach vorn schaue, erkenne ich ganz deutlich einen Turm. Der muss wohl zur Radiostation der Norwegischen Armee gehören. Unterschlupf im frostigen Wind bietet uns dieser leider weniger. Nach 2,5 Stunden sind wir noch früher als geplant an unserem Ziel. Und die Schnee bedeckte Kuppe des Snøhetta macht ihrem Namen alle Ehre: Snø = Schnee und hetta = Haube. 800 Höhenmeter haben wir bezwungen, um den „großen Gipfel“ Stortoppen zu erreichen. Er ist nur einer der vier Gipfel, die der Snøhetta besitzt. Hinter dem Stortoppen liegt der Midttoppen (2.278 m), und dahinter der schwer zugängliche Hettpiggen (2.261 m). Den vierten Gipfel, den 2.253 m hohen Vesttoppen, erreicht man über die Westflanke.

Ein gemächlicher Abstieg im Schnee

Die Aussicht auf dem Gipfel ist leider nicht sehr gut, der eisige Wind zwingt uns zudem zum schnellen Abstieg. Im leichten Schneefall rutschen wir zunächst durch das Schneefeld und später stolpern wir über das holprige Gestein. Zu uns gesellt sich ein junger Eriträer, der uns über seine einjährige Flucht von Ostafrika nach Norwegen erzählt und nicht mehr von meiner Seite weicht. Während die jungen Afghanen längst wieder nach unten geeilt sind, begegnen und jetzt noch Syrer, die beim Aufstieg hinterherhinken. Welch Gefühl muss es für sie sein, nach manch einer Odyssee und mit traumatischen Erlebnissen am Ende ihrer Flucht vom Berg in die Ferne zu schauen. Immer wieder begrüßen wir uns mit einem kräftigen Hei und halten Smalltalk. Nicht zuletzt dauert der Abstieg ungewöhnlicherweise genauso lang wie unser schneller Aufstieg, aber dafür bereichern die Gespräche. Während wir erfahren, dass es sich bei der Gruppe um einen organisierten Ausflug des Roten Kreuzes handelt, klärt uns eine ältere Norwegerin über traditionelle Muster ihres Strickpullovers auf. Am Berg ist man trotz der Abgeschiedenheit nicht allein.

Als wir wieder am Fuß des Berges angekommen sind, gibt die Wolkendecke den Blick auf die vier Gipfel frei. Das einzige Donnerwetter sind nun die klickenden Fotoapparate, denn wir können uns an diesem Anblick einfach nicht satt sehen.

Was man sonst noch wissen sollte?

Anfahrt:

Fünf Mal täglich fährt von dort ein Shuttlebus hinauf zur DNT-Hütte Snøheimen, dem Startpunkt der Snøhetta-Besteigung (120 NOK p.P. hin und zurück, Fahrplan).

Übernachten:

Wir haben unseren Aufstieg von der Snøheim Turisthytte gestartet. Nach unserer Rückkehr sind wir mit dem Shuttlebus nach Hjerkinn zurückgefahren, wo wir noch eine Nacht im Hjerkinn Fjellstue og Fjellridning übernachtet haben, die für alle Bedürfnisse und Geldbeutel Möglichkeiten anbieten.

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Der norwegische Wanderverband DNT (Den Norske Turistforening) betreibt im Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark Hütten. Hier sollte man Mitglied werden (DNT-Mitgliedschaft). Für die nicht bewirtschafteten Hütten muss man jedoch einen Schlüssel abholen.
DNT-Büro in Deutschland: Nach Norden, Neuheim 31, 48155 Münster
Zelten ist im ganzen Nationalpark problemlos möglich.

Beste Zeit:

Unser Aufstieg erfolgte am 3. Juli 2016. Grundsätzlich eignen sich die Sommermonate wohl eher für die Besteigung. Dennoch sollte man bedenken, dass es auch hier wie bei uns eben zu Schneefall kommen kann und man darauf vorbereitet ist.

Sonstiges:

Am Fluss sollte man seine Wasservorräte auffüllen, da dieser die einzige Möglichkeit bietet. Die Wanderung erfolgt größtenteils über Blockgestein und erfordert somit besondere Trittfestigkeit und Konzentration. Stöcke eignen sich nur im letzten Abschnitt, in dem man ein Schneefeld quert.

Ich wurde von Visit Norway in die Nationalparkregion Breheimen – Dovre – Dovrefjell-Sunndalsfjella – Jotunheimen – Reinheimen – Rondane eingeladen.
Alle Ansichten sind meine eigenen. 

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