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San Cristóbal – Freude und Melancholie in der Sierra Madre de Chiapas

San Cristóbal

Unser Bus schiebt sich in der einsetzenden Dämmerung in einer Autokolonne stadteinwärts nach San Cristóbal. In den Pfützen spiegeln sich die Lichter der Straßenstände und Autos wider. Als ich in die Avenida Insurgentes trete, ist da kein Taxifahrer, der sich für uns interessiert. Stattdessen hat der Regen die Straße in eine Schlammpiste verwandelt, durch die sich kein Fahrzeug mehr zu fahren traut.

Kaffeeduft legt sich in die nassen Straßen, deren farbige Häuserfassaden mit Ziegeldächern gleich ein heimeliges Gefühl hinterlassen. Kaffee lässt mich immer ankommen, gerade nach einer langen Busfahrt. Und hier scheint die erste Adresse mexikanischer Kaffeekultur zu sein. Das ist die beste Voraussetzung, um zu bleiben.San CristóbalSan CristóbalSan Cristóbal

Anreise von Palenque, wenn es mal wieder länger dauert

Wir waren morgens planlos zum Busbahnhof von Palenque gefahren, in der Hoffnung, irgendwann einen Bus nach San Cristóbal zu bekommen. Als wir dann an den Ticketschalter traten, sahen wir aus dem Augenwinkel, dass nur drei Minuten später ein Bus nach San Cristobal abfahren würde und genau zu diesem spurteten wir flink. Es ging gleich los, die Filmbeschallung lief sofort auf Hochtouren, die Klimaanlage nahm auch ihren Betrieb auf und wir Reisende beschäftigten uns in der ersten Stunde mit „Fliegen klatschen“, denn die kleinen Quälgeister gab es zuhauf. Wieder passierten wir die gut gesicherte und ummauerte Inspektionsanlage von Chiapas, die einer Landesgrenze gleicht. Mexiko kann Mauern bauen, ohne Frage.

San Cristóbal

Dann zog eine ausgedörrte Landschaft an uns vorbei, die von Tabasco. Warum wir gen Norden fuhren, blieb mir ein Rätsel. Nachdem ich später in den Medien von einem Überfall auf einem Touristenbus las, der sich nur wenige Tage nach unserer Fahrt ereignete, las ich in dem Zusammenhang auch von Straßensperren, die die Busse dieser Tage zu 200 km langen Umwegen zwingen. Nach vier Stunden hielten wir für eine zwanzigminütige Pause, die sich mir hier nicht erschloss. Sollte die Busfahrt nicht nur fünf Stunden dauern? Aber von den viel beschriebenen Kurven und Bergen war noch immer keine Spur. Also fragte ich den Straßenverkäufer selbstgemachter Kuchen, wo wir hier überhaupt seien. Vier Stunden vor San Cristóbal, entgegnete er. Na prima!San CristóbalSan Cristóbal

Zócalo – wo die Welt zusammenkommt

Und dann sind wir mittendrin. Frauen aus den umliegenden Dörfern in plüschigen Wollröcken und mit langen Zöpfen mischen sich unter die moderne städtische Bevölkerung und die Reisenden. Decken, Armbänder und Blusen hängen über ihren Armen. Fast schüchtern bieten sie uns die Ware zum Kauf an. Dazwischen haben sich Hippies auf der Straße mit selbstgebasteltem Schmuck niedergelassen. Hinter den schönen Fassaden der Kolonialarchitektur steckt manch ein hipper Laden, modernes Restaurant oder liebevolles Café. Sicherlich ist diese gute Infrastruktur auch seiner Lage auf dem sogenannten Gringo-Trail geschuldet. Graffitis und Kampfsprüche revolutionäre Gruppierungen an den Häuserwänden erinnern uns daran, in Chiapas zu sein. Junge Leute mit Transparenten in den Händen marschieren über den Zócalo. Sie drücken uns einen Zettel in die Hand, auf dem in Englisch etwas über Landenteignung und deren Folgen für die indigene Bevölkerung geschrieben ist.

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Chiapas und der Kampf der Zapatisten

Am Ende der verkehrsberuhigten Straße Real de Guadalupe steigen Treppen zu einer kleinen Kirche auf, natürlich ist auch sie nach der Jungfrau von Guadalupe benannt. Ich erwarte einen schönen Aussichtspunkt, den es sich zu erklimmen lohnt. Meine Schwester ist skeptisch, da sie dort keine anderen Menschen sieht. Wir steigen dennoch zu der kleinen Kirche hinauf, dort empfangen uns gleich zwei Männer mit einer Unterschriftenliste. Ein paar Namen und Geldsummen stehen darauf. Es sei für die Waisenkinder. Warum die Waisen elternlos seien, will meine Schwester wissen. Da schallt uns etwas mit Gobierno und Kampf entgegen. Ich hake nach, und schon folgt im Stakkato das gesamte Programm der Landvertreibung in Chiapas und ihren Kampf dagegen. Ohne zu zögern zieht meine Schwester ihre Scheine, was bei mir ein Schmunzeln erzeugt. Die Waisenkinder-Nummer scheint sie nicht so sehr zu überzeugen wie der Kampf gegen die Ungerechtigkeit.

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Das Leben Downtown San Cristobal

Unter den Arkaden auf dem Zócalo sitzen die Einheimischen und schlürfen ihren Kaffee – egal zu welcher Tageszeit, scheint es mir. Mit den zwei verkehrsberuhigten Straßen Miguel Hidalgo und Real de Guadalupe finden wir schnell den Magneten der gastronomischen und touristischen Infrastruktur. Auf dem Plaza sitzt man, unterhält sich oder lässt sich von den Schuhputzern die Schuhe säubern. Im Parque De Los Arcos wird am frühen Abend hingegen das Tanzbein geschwungen. Eine Band spielt jeden Abend Marimba Musik. Die Touristen wippen ein wenig mit den Hüften. Handys schweben in der Luft. Authentische Momente werden festgehalten, denn das hier ist alles andere als Show-Tanz.
Auf dem gegenüberliegenden Plaza de la Paz geht es derweilen auch entspannt und friedlich zu. Straßenhändler verkaufen Kunsthandwerk auf dem großen, kargen Platz vor der Kathedrale.

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In den Straßen findet man überall kleine Minibühnen mit der Aufschrift #culturaesprosperidad, die von Künstlern und Bands geentert werden können. Am Ende der Belisario Domínguez befinden sich das italienische Restaurant Trattoria La Nonna und das nette Frontera Artisan Food and Coffee Café mit hübschem Garten. Ein Stück weiter kann man auf dem El Cerrillo am Morgen wieder die Einheimischen beim Kirchgang oder auf dem Weg zur Schule oder Arbeit beobachten. Farbenfroh gestaltet sind die Stufen hinauf von der Dr. Navarro, ein hübscher Ort zum Relaxen und Fotografieren.

Überhaupt ist San Cristóbal ein wunderschönes Fotomotiv mit seinen niedrigen, in Farbe getünchten Häusern, seinen schattenspendenden Arkadengängen, seinen roten Ziegeldächern, seinen massiven Holztüren, die in wunderschöne, begrünte Hinterhöfe führen.

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Farbenfrohe Märkte

Es sind aber auch die Menschen, die das Stadtbild prägen. Trachten der Chamula, Zinacantecos, Tenejapanecos mischen sich unter westliche Kleidung. Markante Gesichter, Hüte, lange Zöpfe prägen das Erscheinungsbild der Indígena, die in den Straßen und Märkten der Stadt ihre Waren anpreisen. Vor der Iglesia Ex-Convento de Santo Domingo de Guzmán un dem Centro de Textiles del Mundo Maya sind Marktstände aufgebaut. Hier gibt es auch viel Kunsthandwerk und farbenfrohe Kleidung günstig zu kaufen. Im Centro de Textiles del Mundo Maya hingegen wird die vielseitige Mode-Welt der Indígena vorgestellt und die Preise liegen hier weitaus höher.

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Abschied von San Cristóbal

Tagsüber heizt die Sonne die engen Straßen auf, doch ab 18 Uhr wird es in der 2137 m hoch gelegenen Stadt empfindlich kalt. Als wir San Cristóbal verlassen, zieht erneut ein Regengebiet auf. In der Ferne donnert es. Die Festlichkeiten zum 489 jährigen Bestehen seit seiner Gründung durch Diego de Mazariegos sind im vollen Gange. Vor den Toren der Stadt hat das Militär die Sicherung übernommen. Mich überkommen gemischte Gefühle. Fassaden verstecken das, was im Moment der Belichtung nicht sichtbar sein soll. Was sich dahinter verbirgt, interessiert den Besucher meist nicht. Und dann sind da die Ängste, die sich doch auch äußern, fragt man einmal nach. Wie sehen die Einwohner San Cristóbal zu diesem Jahrestag, beantwortet jemand wie folgt:

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„Alegre y triste. La veo muy triste, parece que la tristeza nos invade a ratos y no es justo, pese a todo, es hermosa, no sé qué atrae el turismo europeo, suramericano, estadounidense que vienen y les encanta, es una ciudad mágica, milagrosa que ha crecido a fuerza, de sol, viento, lluvias, amarguras, guerras y sin embargo todo lo perdona y sigue viviendo y seguirá viviendo más intensamente pero ya con otras costumbres, algunas de las cuales ya no nos gustan, otras nos viene a sacar de viejos moldes que tampoco convienen.“ San Cristóbal ist ein Stück Freude und Traurigkeit zugleich.

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Was man sonst noch wissen sollte?

Restaurants und Cafés:

  • Restaurante Belil Sabores de Chiapas (Profa. María Adelina Flores 20)
  • Delicias Naturales (Real de Guadalupe 83)
  • Natura Organico (Real de Guadalupe 26)
  • El Horno Mágico (Calle General Utrilla 7)
  • Oh La La! Pastelería (Av Real de Guadalupe 2)
  • Carajillo Slow Coffee (Real de Guadalupe 49)
  • El Cau Vinos y Tapas (Real de Guadalupe 57)
  • Ñam Ñam (Real de Guadalupe 40)

Ausflugsideen

  • Über Ausflüge nach Chamula, Zinacantán, Chiapa de Corzo und zum Cañón del Sumidero mit Moped und Bus werde ich in Kürze berichten.

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