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Santiago de Chile unter einer Dunsthaube

Palast La Moneda

Die Gipfel der Anden, die Santiago de Chile einrahmen, verlieren sich im Dunst der Stadt. Immer wieder fallen meine Lider zu, während sich spanische Fetzen durch meine Gehörgänge bohren. Ich fühle mich irgendwie wieder zuhause, obwohl ich noch nie in Chile war. Aber die Füße auf den südamerikanischen Kontinent zu setzen, ist immer wieder wie ein „Zurückkommen“ – egal in welches Land. Dass ich 2016 hier landen würde, war nicht vorhersehbar und auch nicht geplant. Eigentlich wollte ich ein Jahr pausieren, einen Bogen aus persönlichen Gründen darum machen, und dann kam alles anders. Weil eine Reise, die ich mir nicht erträumte, genau hier ihren Anfang finden sollte. Weil ich in Kürze schon Südamerika wieder verlasse, um zu den Ufern eines anderen Kontinents aufzubrechen: der Antarktis.

Santiago de Chile

Santiago de Chile

Santiago de Chile vom Gipfel des Cerro San Cristóbal

Nur wenige Stunden bleiben, bis ich wieder am Flughafen sein werde. Eine Stadttour wurde für uns gebucht. Völlig übernächtigt nehme ich auf, was mein Gehirn nicht weiter zu verarbeiten fähig ist. Ich bin überfordert – mit mir, dem Programm und der Stadt. Erst als mich die Seilbahn auf dem 880 m hohen Cerro San Cristóbal ausspuckt, beginne ich, Chile zu spüren. Es ist diesig, nieselt gar ein wenig – Regen sei in Santiago eher eine Seltenheit. Doch Nebel und Smog gehören dazu. Unter der Dunsthaube zeichnen sich die farblosen Konturen einer Großstadt ab. Erst das, was die Wolkenkratzer einschließen, gibt dem Ganzen einen würdigen Rahmen und macht das Bild so einzigartig – die Gipfel der Anden.

Cerro San Cristóbal

Santiago de Chile

Kunstvoll bemalte Kreuze säumen den Weg auf dem Gipfel. Ich laufe unaufmerksam mit Jetlag in den Gliedern und im Geist daran vorbei. Kurz stolpere ich in die kleine Kirche, nehme die Stufen im Amphitheater und schaue hinauf auf die mächtige Statue der Jungfrau Maria, die 22 m Höhe misst und das Wahrzeichen der Stadt ist. Papst Johannes Paul II. hielt hier 1987 eine Messe. Chilenische Tagestouristen und Schulgruppen posieren vor der Statue. Mir ist es weniger nach religiösen Motiven zumute. Nur die Weite der Stadt und deren natürliche Begrenzung sind meine Fokuspunkte, weiß mich zu faszinieren.

Santiago de Chile

Santiago de Chile

Santiago de Chile

Schönes, buntes Bellavista

Dann geht es wieder hinunter mit der Zahnradbahn am Zoo vorbei bis zur Station Pío Nono in die engen Straßen von Bellavista. Bunte Hauswände mit schönen Graffitis rauschen in dem Boheme-Viertel erneut an mir vorbei. Cafés, Kneipen, Restaurants, Läden – sie gehören nicht zum Programm dieser straffen Tour. Einen kurzen Blick erhasche ich durch den Torbogen zum Patio Bellavista in der Constitucion Straße. Kunsthandwerksläden, Cafés, Kneipen liegen um einen großen Innenhof. Nur ein Steinwurf entfernt befindet sich das Haus von Pablo Neruda „La Chascona“. Ich komme zurück, irgendwann, hauche ich Richtung Scheibe.

Santiago de Chile, Plaza de Armas

Santiago de Chile, Plaza de Armas

Im Zentrum von Santiago de Chile

„Wir fahren jetzt ins Stadtzentrum.“, meint unser Guide. Wir mutmaßen und scherzen – Zentrum ist da, wo Kathedrale und Regierungsgebäude sind, und sollen damit recht behalten. Wir schlängeln uns im Berufsverkehr gemächlich durch das rechteckige Straßenraster Santiagos. Unser Bus kommt in einer Seitenstraße der Kathedrale zum Halten. Auf dem Plaza de Armas versammeln sich Menschen, kein ungewohntes Bild für jemanden, der oft in Südamerika reist. Was bei uns der Hütchenspieler ist, ist hier ein Prediger oder ein Breakdancer. Dahinter suchen andere einen Platz auf einer der zahllosen Bänke. Wäre ich allein hier, würde ich mich auch niedersetzen. Kurz lasse ich meine Gruppe ziehen und verweile unter einem Baum, um das Geschehen auf mich wirken zu lassen.

Santiago de Chile, Plaza de Armas

Santiago de Chile, Plaza de Armas

Von Kolumbien bis Chile dienten diese Plazas de Armas im Falle eines militärischen Angriffs als Sammelplatz, heute sind sie ein Treffpunkt für friedliche Zwecke. Der Stadtgründer ist auf dem Plaza als Reiterstatue verewigt. Neben Regierungsgebäuden und der pastellfarbenen Post findet man hier auch die neoklassizistische Kathedrale und daneben einen Turm aus Spiegelglas. Gegenwart trifft auf Vergangenheit, und auch Menschen verschiedener Schichten und Herkunft treffen unter dem grünen Dach der schönen Anlage aufeinander.

Santiago de Chile, Plaza de Armas

Santiago de Chile, Plaza de Armas

Santiago de Chile, Plaza de Armas

Nicht weit von hier lockt der Plaza de la Constitución mit wehenden Fahnen, um den sich neben dem klassizistische Regierungspalast Moneda, das Finanzministerium, das Außenministerium, das Justizministerium und die chilenische Zentralbank reihen. Der Palast La Moneda ging als Schauplatz des blutigen Militärputsches vom 11. September 1973 gegen Salvador Allende durch den General und späteren Diktator Augusto Pinochet in die Geschichte ein. Bis 1981 zeigte er sogar noch Einschüsse. Etwas lebloser kommt dieser akkurat angelegte Platz daher, der eher als Fotomotiv und repräsentativen Zwecken dient, als sich zum Entspannen und Treffen eignet.

Santiago de Chile, Plaza de Armas

Santiago de Chile

Cafés mit Beinen

Wir schlendern durch Einkaufsstraßen, die denen anderer Städte ähneln. Nur eines ist mir neu: Cafés con Piernas (Cafés mit Beinen). Chile ist nicht besonders bekannt für seine Kaffeekultur (und übrigens auch nicht für lange Beine), als Kaffeeliebhaberin lässt mich das umso mehr aufhorchen. Wir betreten mit dem Caribe eines der traditionellen und zahmeren Häuser. Die Serviererinnen in diesem Stehcafé tragen zumindest Miniröcke. Das ist nicht immer so. Manch eines der über 250 Stehcafés zeigt durchaus noch mehr von den Damenbeinen. Mit erhöhten Böden wird gearbeitet, so dass die Pos auf Augenhöhe der Gäste sind. Fotografieren ist hier wie zu erwarten auch nicht erlaubt. Und einen Kaffee trinken wir hier dann auch nicht.
Alles interessant, aber mit mehr Zeit und Frische könnte ich das Zentrum besser genießen und erschließen.

Palast La Moneda

Zurück im Hotel schweift mein Blick aus dem 4. Stock über den Hotelpool hinüber zur Skyline der Stadt, neben der eifrig die Waggons der Seilbahn dem Bergrücken hinauf in den Himmel gleiten. Ich bin in einer Stadt, in der ich doch irgendwie nicht ankomme. Ihren Pulsschlag aufzunehmen, überfordert in diesem Moment.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Gedankenkarussell. So vertraut mir alles ist, tue ich mich doch dieses Mal schwer mit Südamerika – der Sprache, der Musik, den Menschen. Vielleicht bin ich einfach noch nicht soweit. Hier ein Kaffee von Juan Valdez, dort Bomba Estéreo in der Playlist des Fliegers. Was früher ein wohliges Gefühl verbreitete, lässt mich heute mit Schwermut zurück.

Die Stadt ist mir fremd, soll mir weiter fremd bleiben, so gern ich will, ich finde keinen Zugang. Ihr Manko ist, dass sie in Südamerika liegt. Dort, wo ich einst mein Herz verlor, schnürt sich nun mein Brustkorb zu. Und ich muss begreifen, dass ich die Tür neu aufschlagen muss, um die Fülle und Weite wieder zu finden. Santiago verdient eine zweite Chance – mit mehr Zeit und einem klareren Blick als durch meine verklebten Lider.

Ich wurde von Hurtigruten zu dieser Recherchereise in die chilenischen Fjorde und die Antarktis eingeladen, die in Santiago de Chile begann. Alle Ansichten sind meine eigenen.

1 Kommentare

  1. Hallo Madlen,

    die Fotos sind sehr authentisch geworden! Besonders das Panorama Bild auf die Stadt hinab gefällt mir sehr.

    Kennst du auch Chiloé? Die Insel ist ein Paradies fernab moderner Zivilisation. Bereits die Fährfahrt nach Chiolé ist ein Abenteuer, das Besuchern einen Vorgeschmack auf die Naturwunder der Insel gibt.
    Es soll sogar Abenteurer geben, die die wunderschönen Landschaften Patagoniens mit Pferden erkunden 🙂

    Vielleicht hast du ja bei einem längeren Aufenthalt die Chance die Stadt und die Insel besser kennen- und lieben zu lernen.

    Liebe Grüße Martin

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