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Tbilissi – ein Tanz zwischen Vergangenheit und Zukunft

Tbilissi

„Vielleicht bleibst du hier. Musst guten Mann heiraten und dann bleibst du hier in Georgien.“ Ich weiß nicht, ob Ilja sah, dass meine Lider versuchten, den Glanz zu verstecken, der sich in meine Augen legte, als wir diese Nacht durch die dunklen Straßen der Altstadt von Tbilissi fuhren. Es gibt Abschiede, die mit viel Schwermut einhergehen, immer noch, trotz der vielen Reisen. Dieser hier zählt definitiv dazu. Aus den Boxen tönt Hamlet Gonashvili, melancholische georgische Musik. Ich versuche zu lachen, als ich erwidere, für georgische Männer bin ich nicht „sanft“ genug.

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Die Bedeutung von Architektur in Tbilissi

Die dreckigen, düsteren, einstürzenden Fassaden mancher Straßenzüge, die an uns vorbeiziehen, erinnern mich an das „alte, graue Ost-Berlin“ der 90er, in dem alles möglich war. Da gab es auch noch Einschusslöcher im Gemäuer und auch die Aufbruchstimmung. Es ist die tiefe dunkle Seele, der innovative, freiheitliche Geist hinter den zerbröckelnden Hauswänden, der nach einer Woche Georgien hängenbleibt. Nicht die gläsernen Fassaden und futuristischen Strukturen, die oftmals aus den Händen westeuropäischer Architekten stammen, und mit denen Micheil Saakaschwili, der 2003 mit gerade einmal 36 Jahren auf Eduard Schewardnadse folgte, Anfang des Jahrtausends das Land äußerlich erneuern wollte. Nicht nur die Orientierung zum Westen sollte damit ausgedrückt werden, sondern auch die komplette Transparenz der Autoritäten. 2004 wurden an einem Tag alle Polizisten entlassen, um mit der Korruption aufzuräumen. Heute ist der inzwischen staatenlose Politiker selbst Gejagter.

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Tbilissi bei Ankunft

Bei meiner Ankunft in Tbilissi eine Woche zuvor wurden wir von einer Streife angehalten. George, der mich abholte, blies ins Röhrchen. Wir waren zu langsam – mit so einem Auto muss man schnell unterwegs sein, scherzte George. Statussymbole zählen hier noch.

Immer mehr Touristen entdecken die Stadt, sie füllen die dunklen Straßen der Altstadt um 1 Uhr nachts. George meint, von „Touristen“ spreche er ungern, sie seien vielmehr alle Gäste. Wir biegen vom Freiheitsplatz in eine kleine, enge Straße ein, die den Hügel hinaufführt. Das Auto windet sich zwischen den parkenden Autos. Die Geschäftigkeit und den Lärm streifen wir ab und ziehen uns hier oben das nächtliche Gewand der Ruhe über. Ein Hund bellt in die laue Nacht hinein. Ich öffne mein Zimmerfenster, schaue über die Lichter Tbilissis.

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Georgische Tischkultur

Unfertig ist die Stadt. Immer wenn man sich denkt, wow, ist das schön, weiß der nächste Platz eine Ablehnung zu erzeugen. Wenn ich durch die Straßen des Oberen Kala laufe, drängt sich eine Fress- und Partymeileninfrastruktur auf. Die alten Balkon-Fassaden sind längst saniert und restauriert. Der Duft von Shisha legt sich zwischen die Mauern der Bambis-Gasse und zieht vornehmlich arabische und persische Touristen an. Am Ende der Gasse wacht mit einer Tamada-Statue der Zeremonienmeister, der aus keiner georgischen Feier wegzudenken ist. Ein Tamada sorgt sich um das Wohlergehen seiner Gäste und bezieht alle Gäste in die feiernde Gesellschaft ein. Die georgische Tafel besteht somit nicht nur aus üppigen Speisen und den berühmten Wein, sondern erfüllt sie auch einen wichtigen gesellschaftlichen Akt der Integration. Immer wieder wird das Glas bei Segensprüchen erhoben. Es ist dann die Kunst, sein Glas zu leeren, ohne dabei betrunken zu werden. Denn Georgier verstehen Wein nicht als Alkohol, sondern als eine Art Persönlichkeit, die eine Seele, einen Charakter, eine Herkunft und eine Aufgabe hat: nämlich zwischen Menschen zu vermitteln.

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Tbilissi von oben

Ob von der Narikala-Festung, dem schattigen Bethlemi Platz oder dem Mtazminda – in Tbilissi bieten sich viele Möglichkeiten, die Stadt von oben zu betrachten. An dem fertigen schönen Teil, der in der Draufsicht durch die Ziegeldächer hindurchlugt, schließen sich Wellblechdächer an. Alte Tbilisser Balkon-Häuser, die dem Verfall preisgegeben sind, vermitteln einen besonderen Charme. Auch wenn sich beim Anblick der Flure und Hinterhöfe manchmal die Erinnerung an Ostberlin Anfang der 90er einschleicht, hinkt der Vergleich doch gewaltig. Die Altbauten mit Einschusslöchern aus dem Weltkrieg lagen meist nur grau unter der ohnehin grauen Wolkenschicht in manch einem kalten Winter, in dem sich der Duft der Kohle über die Straßen Ostberlins zog. In Tbilissi umschlingen Weinreben zart das Gemäuer und Gitter. Wo Granatäpfel gedeihen, hat Grau und Morbides keinen Platz.

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Sololaki, Untere Kala und das Bäderviertel

Die ruhigen Straßen von Sololaki, einer Wohngegend, die besonders im 19. und zum Beginn des 20. Jahrhunderts angesagt war, gaben Tbilissi einst den Namen Paris des Kaukasus. Metallbalkone und verzierte Balustraden schmücken heute noch die vor sich hin siechenden Jugendstil-Häuser, durch deren Fassaden sich häufig Risse ihren Weg bahnen. Doch von Blüte ist allenfalls an den rankenden Pflanzen etwas zu spüren. Im engen Gassengewirr des Unteren Kala bietet sich das gleiche Bild. Am Lado-Gudiashvili werden nicht nur Balkone und Terrassen von Stahlpfeilern gestützt, sondern gleich ganze Hauswände. Zwischen alte, verfallene Tbilisser Balkon-Häuser mischen sich auf dem Weg zu den Bethlehem-Treppen auch restaurierte Fassaden.

Nicht weit von hier ragen steinerne Kuppelbauten aus Backstein aus dem Boden. Darunter liegen Schwefelbäder, die dem Stadtteil auch den Namen Bäderviertel verliehen. Schon im 13. Jahrhundert erholte man sich hier in den Schwefelbädern, die auch als Gründungsort der Stadt gelten. Hinter dieser Anlage sticht das Blaue Bad wegen seiner Mosaike besonders heraus. Hinter den Bädern zieht sich der Tsavkisitskali-Bach weiter an den Felsen entlang. Am Ende plätschert ein kleiner Wasserfall am Hang.

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Sameba Kathedrale und Metheki-Kirche

Nimmt man vom Bäderviertel die Metekhi-Brücke, erreicht man das linksseitige Flussufer der Kura mit der georgisch-orthodoxen Metheki-Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Auf dem Gelände über dem Steilufer befand sich einst die Residenz der georgischen Könige. Von hier kann man hinter dem Königin-Ketewan-Platz das armenische Viertel durchstreifen und gelangt dann zur 84 m hohen Sameba Kathedrale, die 2004 auf dem Elias-Berg erbaut wurde. Im Eingangspavillon wird die sagenumwobene Estragon-Limonade namens Lagidze-Wasser verkauft, die um 1900 erfunden wurde. Gerade bei einem Spaziergang hier hoch in der brütenden Mittagshitze sollte man das süße, erfrischende Getränk mal probieren, bevor man das größte Kirchengebäude in Transkaukasien betritt.

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Alter Krempel an der Dry Bridge und neuer Anstrich in Neu-Tiflis

Ein Spaziergang an der Kura entlang führt einen früher oder später auch zum Flohmarkt an der Dry Bridge. Hier werden Erinnerungsstücke aus der sowjetischen Ära verkauft. Auf Decken sind Orden, Besteck und Karten ausgebreitet. Ein Schild mit der Aufschrift 200 EUR Made in Germany, das unter einem Fernglas liegt, lässt mich Schmunzeln.

Nur einen kurzen Fußmarsch von hier über die Brücke erreicht man das 2016 hergerichtet Neu-Tiflis, das überwiegend von deutschen Kaufleuten erbaut wurde. Cafés, Bars, Restaurants und Shops reihen sich in der Agmashenebeli Avenue aneinander und laden mit ihren frischen Fassaden Touristen und Einheimische gleichermaßen zu einem Besuch ein. Mich lockt jedoch eher die Fabrika hierher. Cafés, kleine Shops, Kneipen und ein Hostel reihen sich um einen Hof. Mit einem interessanten Kulturprogramm ziehen die Macher ein junges, hippes Publikum in die Fabrikhallen an.

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Sozialistisch wohnen

Nicht zuletzt prägen aber auch vor allem Wohnblocks des Sozialismus, in denen oft die Mittelschicht lebt, das Stadtbild. Einen guten Blick über diese Hochhaussiedlungen mit dem Tbilissi See erhält man am georgischen Stonehenge, den Chronicle of Georgia. Dieses Monument befindet sich auf einem Hügel und wurde von dem Künstler Zurab Tsereteli geschaffen. Nur zwei, drei Autos sind geparkt, eine Handvoll Pärchen wartet auf den nahenden Sonnenuntergang. Es ist nicht der Ort, den man als Tourist gewöhnlich aufsucht. Und doch fasziniert mich das Gesamtbild einer Stadt, in der schöne und hässliche Seiten nah beieinander liegen.

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Ausgehen in Tbilissi

Abends hat man auch einen herrlichen Blick über die Stadt und die umgebenden Berge von dem Restaurant Rachis Ubani am Schildkrötensee. Dieses zählt zu den besten in Tbilissi. Dort gibt es zudem sehr leckere georgische Gerichte wie Badrijani, Tkemali und Sacebeli Soßen, gefülltes Gemüse mit Sulguni Käse. Doch an Wochenenden sollte man auch gern das viel gepriesene Nachtleben ausprobieren.

Es ist Freitagnacht, als ich zum Khidi fahre. Die Schlange ist nicht vergleichbar mit der vieler Berliner Clubs. Freundlich werde ich immer zunächst auf Georgisch angesprochen. Nur 10 Minuten dauert es, dann bin ich drin. Düstere Bässe füllen den Raum. Hier bin ich nicht lange allein. Schnell verfalle ich auch dem Rhythmus der Berliner DJs, die diesen Abend im Khidi bestreiten und unterhalte mich zwischendurch. Junge Menschen, fast nur georgische Männer, tanzen. Das Glück der Freiheit und die Zufriedenheit zeichnet ihre Gesichter. Diese Menschen haben in ihren jungen Jahren Krieg erlebt. Hier stecken die Einschusslöcher tiefer als auf der bloßen Fassade.

Diese Menschen haben teilweise erlebt, wie normal es ist, mit Schusswaffe im Unterricht zu erscheinen. Das Gesetz des Stärkeren kennen sie, den Kommunismus aufgrund ihres jungen Alters nur am Rande. Das ist definitiv nicht Berlin, auch wenn mich der Sound an das Berghain und die Tanzenden an Zeiten vor 25 Jahren erinnern. Auch wenn man sich sagt, Geschichte wiederholt sich, hier trägt jeder seine eigene Geschichte. Tbilissi ist eine Brücke – zwischen Kontinenten, zwischen Vergangenheit und Moderne, zwischen Generationen und Menschen. Selten habe ich ein Land mit so viel Nostalgie im Herzen nach nur einer Woche verlassen.

Was man sonst noch wissen sollte?

Restaurants & Cafés

Übernachtung

  • Hotel Suliko, 8. März Str. 12
  • Hotel Brigitte, 18 Paolo Iashvili Street

Clubs

Plätze mit Ausblick

  • Narikala-Festung
  • Bethlemi Platz
  • Mtazminda
  • Chronicle of Georgia
  • Restaurant Rachis Ubani am Schildkrötensee

Sonstiges

  • Fotografia: Art Galerie georgischer Künstler, 21 Revaz Tabukashvili
  • Flohmarkt an der Dry Bridge
  • Lilo Bazaar hinterm Flughafen

Weitere Berichte über meinen Roadtrip durch Georgien erschienen auf Travellers Insight:

Ich wurde von Travellers Insight und dem Flughafen München zu dieser Recherchereise eingeladen. Mein Dank gilt auch der Unterstützung durch Georgia Insight. Alle Ansichten sind meine eigenen.

5 Kommentare

  1. Ich freue mich gerade riesig, dass ich Deinen Artikel gefunden haben. Danke für die tollen Tipps, die schaue ich mir mal genauer an, denn ich plane gerade unsere Familienreise nach Georgien. :-)
    Liebe Grüße, Ines

    • Georgien ist ein wunderbares Land, es wird Euch gefallen. Ich wünsche Euch eine großartige Reise! Liebe Grüße, Mad

  2. Ich liebe die Art und Weise wie du von deinen Reisen berichtest. Du schreibst es wie eine Schriftstellerin, ich fühle mich dann so als würden wir gemeinsam durch die Gassen laufen.

    Viele Grüße

    Myriam

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