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Abgestempelt

Pass_32_bearbeitet

Es ist nicht das erste Mal, dass ich Abschied nehme. Als ich vor fast zehn Jahren mein altes Reisedokument gegen ein frisches auf dem Bezirksamt Lichtenberg eintauschte, schmerzte es noch sehr. Hier entwertete ich das Dokument, das meine ersten ernsthaften Reiseaktivitäten belegte. Die größte Aufmerksamkeit in diesem Dokument zog damals noch mein einseitiges Visum für die USA auf sich. Mehrfach wurde ich auf Reisen von den afrikanischen und südamerikanischen Grenzposten gefragt, ob ich Amerikanerin sei. Nein, dieser Frage trauerte ich nicht mehr hinterher, aber ich konnte mir vor fast zehn Jahren schwer vorstellen, dass ich das neue, frische Dokument so schnell wieder ähnlich gut befüllen könnte, ohne den Anspruch einer Stempeltouristin erfüllen zu wollen. Denn darum geht es mir auf Reisen keineswegs. Blatt für Blatt füllte sich, die Ecken wetzten ab, die Seiten schmuddelten an, aufgesogen mit viel Schweiß, den ich auf meinen Reisen produzierte, übergebe ich ihn heute in die Hände des Amtsmitarbeiters. Auf dem Nachhauseweg blättere ich noch einmal durch die Seiten meines entwerteten Passes, bevor auch dieser im Nirvana meines Schranks verschwindet.

  

10/2006: Republika Bulgaria.  Oh, da war Bulgarien noch kein Schwesternstadt in der EU. Glück für meine Passseite! Dennoch, Bulgarien zählt nicht wirklich. Hier verbrachte ich mehr Zeit in einem dunklen Hinterzimmer in Sofia und ging geschäftlichen Aktivitäten nach – tagsüber, wohlgemerkt. Abends jedoch versuchte ich so viel wie möglich von der bulgarischen Hauptstadt zu sehen.

12/2004: Tansania. Afrika light und überhaupt mein erstes wirklich afrikanisches Ziel. Zunächst Schock, dann wachsendes Interesse. Am Ende zwar wenig Erholung, denn man war fast nie allein, aber viel Neugier.

12/2004: Zanzibar. Oh ja, die wollten auch noch einen Stempel in den Pass drücken, aber seit wann ist Zanzibar ein eigenständiges Land? Zanzibar steht für mich heute noch für Strandkoller. Oh je! Meine erste große Herausforderung eine ganze Weihnachtswoche nur am Strand abzuhängen. Tauchen war auch nicht, weil es kam der Tsunami von Asien herübergeschwappt. Zanzibar war aber auch Stone Town, eine wunderschöne Stadt, mit ein paar hässlichen deutschen sextouristischen Rentnern, denen die Frauen hier zu verhüllt waren. Da macht die Verhüllung wohl wirklich mal Sinn und sei es nur, um sich vor solchen Touristen zu schützen.

  

12/2005 Ruanda & 12/2005 Uganda: Wir bleiben wunderbar chronologisch. Seite 2 im Reisepass weist eindeutig aus „Keine Eintragung“. Das stimmt nicht ganz. Ich habe eine Tochter – zumindest fast. Janet heißt sie und wohnt in Uganda. Und da ich begonnen hatte, Afrika zu lieben, besuchte ich gleich im Folgejahr nach meiner Tansania-Reise den Nachbarstaat, in dem auch mein „Patenkind“ wohnt. Uganda war intensiv! Nicht nur das mühevolle Reisen, der Besuch bei Janet, nein wir lernten auch ein Ugandisch-Holländisches Paar kennen, das gerade ein Schulprojekt in Bukomansimbi auf die Beine stellte. Wir waren so sehr davon angetan und voller Tatendrang, dass wir unbedingt helfen wollten. Zurück in Deutschland gründeten wir die deutsche Sektion von up4us und fielen unserem eigenen Idealismus zum Opfer.

Opfer ist vielleicht nicht das richtige Wort, mein nächstes Reiseziel zu umschreiben, aber mit der Grenzüberquerung nach Ruanda überschritt ich nicht nur eine Ländergrenze. In Ruanda kratzte ich nur an der Oberfläche, aber diese war bereits von einer dünnen Haut überzogen. Aufgearbeitet wird noch immer.
Landschaftlich reizvoll mit Tausenden grünen Hügeln, wurde es mir auf den Busfahrten nie langweilig. Mein großes Highlight, der Kivu See an der kongolesischen Grenze. Liegt es nur an der unheimlichen Dichte der UN-Präsenz, dass wir hier am Ende mit ein paar angetrunkenen UN-Soldaten über den herrlich türkisfarbenen See schipperten und uns fragten, was wir überhaupt tun?

  

3/2010 Uruguay. Na, chronologisch ist das nicht mehr. Da war wohl wieder jemand mit seiner Matetasse zu sehr beschäftigt und hat dabei das Blättern vergessen. Alle, die auf ihrer Südamerikareise auf dem Pfad nach Süden unterwegs waren, wollten nach Argentinien. Ich nach Uruguay! Was ich da wollte, wusste ich auch nicht so recht. Aber allein der Name Montevideo weckte solch eine Sehnsucht. Mal nachschauen, was man in diesem kleinen Schattenland von Argentinien so findet. Ich fuhr im Norden rein und im Süden raus, von Ost nach West. Doch alles glich sich. Viele finden das langweilig. Das mag sein. Aber ich war zuvor wochenlang durch die wunderbaren Andenstaaten gereist, Altiplano satt, und freute mich inzwischen auch mal wieder über plattes Land. Einfach in die Weite schauen, das fand ich toll. Zumindest eins, zwei Tage. Und dann war ich hin und weg von Punta del Diablo. Und Montevideo? Nun ja, ist nur halb so schön wie ich es mir erträumte, aber mit einer gewissen Melancholie. Es gefiel mir dennoch sehr gut.

6/2012: Als in Deutschland das WM-Fieber tobte, fürchtete auch ich ein Fieber. Ich pikste mir das erste Mal in meinem Leben einen Malaria-Test in den Finger. I came back! Yes, Africa, Uganda. Ihr wisst schon, mein Kind, mein Projekt! Dieses Mal wurde alles noch viel schöner. Wir fuhren mit eigenem Jeep durch das Land und klapperten so ziemlich jede gefahrenfreie Ecke ab, die die öffentlichen Busse nicht ansteuern. Tja, in Uganda hat man es als Tourist schwer. Denn die National Parks sind so individuell nicht zu erreichen. Wie schön, das wir das Projekt und Freunde hatten, die uns ihren Wagen liehen. Nur dass wir dann mit dem defekten Wagen mitten auf einem Shortcut, von dem wir nicht wussten wohin er führt, liegen blieben. Das habe ich schon fast verdrängt. Aber Fussballfieber fanden wir auch in Uganda in den abgelegensten Orten und hier kam selbst ich, ein Fussballmuffel, in Feierlaune und lernte in einer leidenschaftlichen englischen Übertragung „Look at Toni“ alias Luca Toni kennen.

12/2009: Eine große Liebe begann! Ich entdeckte Südamerika wieder. Seit nahezu zehn Jahren war ich nicht mehr hierher gereist, obwohl ich hier (in Venezuela) einst mein Herz verlor. Kolumbien tat sein bestes, mich für einige Male wieder zurückzuholen. Hier begann meine 3,5 monatige Reise durch Südamerika – allein. Hier tankte ich Energie und Sonne an der karibischen Küste, bevor ich in den Folgewochen nur noch Höhenluft schnuppern durfte. I will never forget Colombia.

12/2007: Back to the roots or to Africa. Oder zu den Wurzeln nach Afrika zurückkehren. Mich zog es schon lange nach Äthiopien – auf das Dach Afrikas. Felsenkirchen, die Heimat der Bundeslade oder der Sitz des äthiopischen Kaiserreichs in Gondar – Kultur gab es hier auf der Hochebene nicht zu knapp. Und für einen Kaffeegenießer wie mich ist Äthiopien das beste Revier, denn wo in Afrika findet man sonst in jedem Dorf eine große Espressomaschine mit der edlen Bohne. Und wenn man einmal von den Höhenlagen herabfährt, lohnt sich ein Besuch bei Mursis, Hamers, Banna… Nur bei dem Tour Anbieter ist Vorsicht geboten, sonst bleibt man mitten im Hamerland stecken.

2/2010: Immer ein bisschen aber nie genug. Eine herantastende Liebe, die hier entstehen will, es aber noch nicht ganz schafft. Brasilien! Fragte man mich früher, wohin ich gern einmal möchte, da war es immer der Amazonas.  Den habe ich inzwischen viel bereist. Brasilien war auch auf meiner Südamerikareise eine kurze Zwischenstation. Im Februar reiste ich von Bolivien nach Brasilien in Corumba ein. Hier kollabierte mein Kreislauf fast. Denn wer sich im Amazonasgebiet die glühende Hitze vorstellt, hat noch nicht die Llanos oder Pantanal-Gegenden besucht. Das erste Mal in meinem Leben war bei meiner Unterkunft eine Klimaanlage Pflicht – nur der Gesundheit wegen. In Bonito tauchte ich in kristallklaren Flüssen und in Foz do Iguazu sah ich die eine Seite der berühmten Iguazu-Fälle. Rio? Nein, das schaffte ich nicht. Es muss immer Gründe geben, zurückzukehren. Und Brasilien hat noch viele Gründe!

1/2011: Einen Monat Argentinien – per Zufall, dank Iberia. Nein, Argentinien war nicht geplant. Buenos Aires kannte ich schon und auch Puerto Iguacu. Aber das ganze Land wollte ich erst später einmal bereisen. Denn Argentinien stufte ich als „gesundheitlich so ungefährlich ein, dass man es auch noch später machen kann“. Doch als wir im Dezember 2010 uns auf die Reise nach Kolumbien begaben, hielt uns Iberia auf. In Madrid ging es nicht weiter. Vom Flug geflogen, durften wir nicht mehr gelb-rot fliegen. Mit einem Rucksack voll für eine Amzonas-Tour gewappnet verschlug uns der nächste günstige Flug nach Südamerika nach Feuerland. Schnell noch dicke Rollies einkaufen und dann ging die Reise los – einmal quer von Feuerland nach Buenos Aires. Am Ende war mir klar, Argentinien ist alles andere als super easy und nur für Bus-Masochisten erträglich.

  

12/09: Brasilien? Amazonas, Amazonas, Amazonas. Mehr sah ich hier nicht.

12/09: Palmeri, wo liegt denn das? Im Amazonas. Ein wunderbares Reservat mit Camp, das über einen Stempel verfügt und den auch zu benutzen weiß.

12/2009: Peru. „Nein, es reichen 30 Tage.“ „Aber Señorita, Peru ist ein so schönes Land, ich gebe Ihnen 60 Tage.“ Womit Bolivien geizte, davon bekam ich in Peru mehr als genug. Aufenthaltstage. Dabei zähle ich Peru auf meiner Reise mehr zu einer gut ausgeschöpften Transitstrecke: Iquitos – Lima – Pisco – Arequipa – Cusco – Machu Picchu – Puno. Sicherlich habe ich hiermit schon mehr gesehen, als der Mann hinter dem Schreibtisch im verlassenen Amazonasdorf Santa Rosa. Aber vielen Dank für das großzügige Angebot, 30 Tage reichen!

1/2010: Bolivien hat nun mal nichts zu verschenken, auch nicht an Touristen. Bolivien wurde auf meiner Südamerikatour fast schon zu einer „one man-show“, da reichten 30 Tage leider nicht aus. Vom Norden in den Süden – typischer Pfad aller Backpacker. Also hieß es runter von dieser Nord-Süd-Route. Alles auf rewind. Und schon gewann das Land an Zug und ich ließ mich auf die Langsamkeit und Schweigsamkeit ein. Hier ist meist weniger mehr. Diese Art, an Worten zu geizen, war vor allem auf Touren gewöhnungsbedürftig. Vielleicht war meine Zeit hier auch ein einziger Höhenrausch. Oder das Coca dämpfte mich ab. Am Ende vermisste ich Bolivien sogar, als ich die brasilianische Grenze überquerte – und das nicht nur wegen der Preise.

12/2008: „Oh wie schön ist Panama.“ Mag man sagen. Ich bin ehrlich, hierher verschlug es mich nur aufgrund des günstigen Flugs. Wer Strand mag, ist hier richtig. Ich mochte es auch, aber länger hätte der immerwährende Strandurlaub nicht gehen dürfen. Dann wäre ich sicherlich gen Osten mit dem Segelschiff geflohen.

2+3/10: Argentinien rein, raus. Puerto Iguacu und Buenos Aires.

1/11: Chile? Nee, das war nur eine Straße. So ein bisschen Transit. Ich stand länger an der Grenzkontrolle an, als dass ich mich in Chile aufhielt. Hauptsache, meinen Reisproviant konnten sie hier kassieren. Denn Obst ist Chiles größter Feind.

  

12/2011: Bogotá – hello again. Von Iberia lass ich mir nichts vermasseln. Also flog ich Ende des Jahres doch noch einmal in das südamerikanische Land. Nur eingeschüchtert hatte mich die gelb-rote Fluglinie ein bisschen. Daher plante ich diese Reise etwas verquer. Ich reiste nach Kolumbien, um von hier auf den Amazonasdampfer Richtung Manaus zu düsen. Die geilste Bootstour ever. Nach ein paar Tagen in Manaus suchte ich den günstigsten Weg zurück nach Kolumbien und der führte mich über Panama. Ich erkundete danach noch den Süden und Westen Kolumbiens. Berge satt und endlich Salsa Caleña für mich Salsera.

12/2011: Siehe oben. Brasilien, dieses Mal endlich meine Bootstour von Tabatinga nach Manaus. War also wieder nichts mit Rio. I come back, I promise!

1/2013: Selten flog ich so häufig in ein und dasselbe Land wie nach Kolumbien. Sorry Venezuela, es hätte mit uns ebenso gut klappen können, aber dann kam Chavez und der trieb einen Keil zwischen uns. Heute sage ich nur noch, Colombia es mi pasión!

  

8/2012: Die transsibirsche Eisenbahn war der Traum meiner Kindheitsphantasien im Osten der Republik. Nach der Maueröffnung verlagerten sich die Prioritäten etwas. Nachdem ich nun ein bisschen von der „westlichen“ Welt gesehen habe, zog es mich nun zunehmend wieder in die östliche Richtung. Und dann fand ich da so einen verdammt günstigen Flug, dass die Transsib wieder warten muss. Aber die Mongolei ist jetzt schon mein Favorit im asiatischen Raum. Und da mich vor allem der Norden an der sibirischen Grenze so faszinierte, steht dieses Jahr endgültig die Transsib auf dem Plan. Und jetzt gibt es keine Ausrede mehr.

4/2012: Huch, fast hätte ich es überblättert. Ganz dezent auf einer der letzten Seiten schaut mir ein arabischer Stempel entgegen. Und langsam kommt die Erinnerung. Gut, keine Fernreise aber einen Stempel gibt es trotzdem in Marokko. Zugegeben, ich war skeptisch, als ich einen Flug nach Marokko geschenkt bekam. Meine Erfahrungen 1997 in Ägypten waren nicht so prall. Nie konnte man allein durch die Straßen von Kairo schlendern, dafür wurde Frau mit Steinen beworfen und angespuckt. Aber Sexismus bekam ich auch in Laos mehr als genug zu spüren, ein Land, in dem man dies nicht erwartete. Marokko war diesbezüglich eine positive Überraschung. Mein Bild ist wieder zurechtgerückt.

1/2010: Wie lange stand ich frühmorgens im Regen in der unendlichen Schlange? Um dann…? Nun ja, den überströmten Machu Picchu begehen zu können. Wasser- und Menschenströme verhagelten mir das Highlight mächtig. Könnt Ihr mal bitte alles kurz nach links, ja aus meinem Bild gehen? Und diese omnipräsenten Regencapes machen sich auch nicht so gut auf meinem Foto. Ich spürte die Mystik nicht.

Dieser Stempel schließt meine Reisetagebuch außerhalb der EU von 2004 bis 2013 ab.
Und welches Land darf sich als erstes in meinen neuen Pass einstempeln?

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. Ganz schön viel rumgekommen, Dein Pass und Du! Das muss ein schwerer Abschied gewesen sei… Dann kann man ja auf den nächsten gespannt sein :-)

    • Danke, liebe Charlotte. Da es bereits der zweite Abschied war, fiel er mir nicht so schwer. Übung macht ja den Meister. Aber dennoch ist es immer wieder schade, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

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