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Am Ende der Straße war die Mauer

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Am Ende meiner Straße war die Mauer. Dahinter war ein anderes Land. Ein Land, das ich einmal im Jahr besuchte, da ich Verwandte in Sachsen hatte. Ob ich vor oder hinter der Mauer lebte, wusste ich nicht zu sagen, denn eigentlich lebte ich mit meiner Familie auf einer Insel – umringt von der Deutschen Demokratischen Republik.

West-Berlin, die Stadt, in der ich aufwuchs – war nicht ganz Fisch, nicht ganz Fleisch. West-Berlin war anders, und das merkte ich besonders an dem Tag, an dem die Mauer fiel. Aufgewachsen bin ich im Südosten von West-Berlin – in Lichtenrade – in einer Straße mit Einfamilienhäusern und Gärten. Meine Freunde und ich konnten von überall ganz nah an die Mauer ran, und der Gartenzaun des Nachbarn am Ende unserer Straße war quasi die Mauer. Gut, es verlief ein kleiner Fußpfad zwischen dem Garten und der Mauer, aber so nah waren Ost und West voneinander getrennt. Ganz in der Nähe war ein kleines Wäldchen, in dem es ein Holzpodest gab. Von dort aus konnte ich mit den anderen Kindern aus meiner Nachbarschaft über die Mauer in den Osten schauen, der Blick in ein anderes Land. Ich sah die Grenzanlage, sah die Häuser, sah die Wiesen – aber der Einblick in das Leben blieb mir doch verwehrt. Nur wenn ich in meinen Sommerferien zu meiner Tante nach Dresden fuhr, lernte ich ein bisschen das Leben der Anderen kennen. Die Anderen, die da doch auch zu mir gehörten, denn meine gesamte Familie stammt aus dem Osten. Klar, jedes Kind mag die Sommerferien gerne, aber alleine meine Verwandten in Dresden zu besuchen, das war immer ein aufregendes Erlebnis. Die Seite meiner Mutter ist aus der DDR abgehauen, über die offene Grenze. Meine Mutter war damals neun Jahre alt. Darin liegt sie wohl begründet, meine Verbindung zur DDR.

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Ich war knapp 15 Jahre alt, als die Mauer fiel. An den 9. November 1989 kann ich mich dennoch kaum erinnern. Ich war zuhause, schaute Fernsehen, mein Vater war mit japanischen Geschäftskunden auf dem Ku’damm unterwegs. Sie haben hautnah miterlebt, als die ersten Trabis und Wartburgs über die Vorzeigestraße West-Berlins rollten. Er feierte die ganze Nacht!

Durch Lichtenrade läuft die B 96 entlang. Am dortigen Grenzübergang wurde der Müll Westberlins zu DDR-Zeiten in den Osten gebracht. Ein paar Tage nach dem Fall der Mauer wurde auch dieser Übergang geöffnet. Nie wieder erlebte ich solch ein Chaos wie damals. Ein Chaos der Freude und Euphorie, ein Chaos der Gefühle und des Verkehrs. Die Straßen waren voll. Voll von Autos und Menschen. Es gab endlose Autoschlangen, ein Trabi reihte sich an den anderen, während die Lichtenrader ihre Nachbarn herzlich begrüßten. Wir Jugendliche probierten aus, ob Trabis wirklich so leicht wie Pappe seien, wie man früher immer sagte. So parkten wir die Ost-Autos kurzerhand eins, zwei Straßen weiter um, indem wir sie dorthin schleppten. Jugendstreiche, die mir ewig in Erinnerung bleiben und mich manchmal doch peinlich berühren.

Auch bei uns Zuhause war auf einmal viel los. Mir unbekannte Verwandte, die so weit entfernt waren, dass ich gar nicht weiß, in welchem Verhältnis sie zu mir eigentlich standen,  tauchten in den nächsten Tagen und Wochen auf. Es war eine Zeit der Euphorie. Meine Familie rückte plötzlich wieder zusammen – keine Grenze, die sie mehr entzweite. Keine willkürlichen Durchsuchungen, wenn wir wieder nach drüben fahren wollten. Endlich lernten auch unsere Verwandten den Westen kennen.

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Im Frühjahr 1990 machte ich mich oft mit dem Fahrrad in den ehemaligen Osten auf, denn Lichtenrade grenzt ja direkt an Brandenburg. Neugierig erkundete ich Mahlow und Blankenfelde. Über buckelige Straßen holperte ich mit meinem Rad, auf der Suche nach den ostdeutschen Leckereien, die ich aus meinen Ferien in Sachsen kannte. Die Pfefferminzschokolade hatte es mir dabei besonders angetan. Wie enttäuscht war ich, als diese immer mehr aus den Konsumregalen verschwand.

Nur knapp zwei Monate nach Mauerfall wurde am ehemaligen „Grenzübergang“ in Lichtenrade bereits das erste gesamtdeutsche Silvester gefeiert. Da Sport verbindet, hatte sich meine Familie, die im SSV Lichtenrade aktiv war, sich schnell mit Sportlern aus Dahlewitz angefreundet. Und so feierten wir den Jahreswechsel 1989 gemeinsam.

An der Mauer, einen Tag nachdem die Auer fiel

An der Mauer, einen Tag nachdem die Auer fiel

Mauerfall – 25 Jahre danach

Mauerfall – 25 Jahre danach

Auch in der Schule schienen Ost und West schnell zusammen zu wachsen, denn bereits im Schuljahr 1990/1991 kamen Schüler aller Altersklassen aus Brandenburg an das Ulrich-von-Hutten-Gymnasium in Lichtenrade und besuchten meine Parallelklasse und andere Jahrgangsstufen. Ich schloss Freundschaft – auch mit Schülern aus der ehemaligen DDR. Die Herkunft spielte schnell keine Rolle mehr.

In den Folgejahren tourte ich viel mit Bands in Thüringen, Brandenburg und Sachsen. Später studierte ich in Frankfurt/ Oder. Was früher meine Insel West-Berlin einschloss, wurde ganz selbstverständlich Teil von mir und meinem Leben. Und heute? Lebe ich in Berlins Ostteil. Am Ende meiner Straße ist die Frankfurter Allee und nur einen Katzensprung entfernt – irgendwo dahinten – steht der letzte Rest der Mauer – die East Side Gallery.

Lichtgrenze an der East Side Gallery 25 Jahre danach

Lichtgrenze an der East Side Gallery 25 Jahre danach

Die ostdeutsche Sicht auf diese spannende Zeit erfahrt Ihr von der zweiten puriystischen Hälfte, die in Thüringen aufwuchs:

 

5 Kommentare

  1. Hallo Lars,

    der Satz: „Keine willkürlichen Durchsuchungen, wenn wir wieder nach drüben fahren wollten.“ von Dir irritiert mich! Ihr im freien Westen wurdet durchsucht, weil Ihr Verwandte im Unrechtsstaat/Diktatur
    DDR besuchen wolltet? Das habe ich so bisher noch nie gehört und gelesen. Als ursprünglich Ostlerin
    interessiert mich dieses Erleben der anderen Seite sehr.
    Ich würde mich sehr über eine Antwort und/oder Geschichte dazu sehr freuen.

    liebe Grüsse
    Karen

    PS: Mich persönlich hat der Westen erst zum Jahresbeginn 90 angefangen zu interessieren. Als Ostberlinerin rechnete ichnicht wirklich mit anderen Menschen und der Rest, hm, das war und entpuppte sich auch eben als Berlin … :-)

    • Lars Dörfel sagt

      Hallo Karen, ja wir wurden bei Grenzübertritt in die DDR von dem Ostgrenzpersonal „auseinander genommen“, alles musste geöffnet werden, mit Spiegeln hat man unter das Auto geschaut und natürlich mussten wir uns kooperativ zeigen. Wir durften zwar in den Osten reisen, aber mit Schikane. LG, Lars

  2. Jetzt komme ich endlich einmal zum Kommentieren: Lieber Lars, Du gewinnst meine heimlich-virtuelle Trophäe für meinen persönlichen Lieblingsbeitrag. Ob das jetzt Westberliner Klüngel ist, weiß ich nicht so genau, vermutlich, ja, auch ein bisschen, nein, das streite ich selbstverständlich ab. 😉 Wunderbar geschrieben und tolle Fotos, ganz herzlichen Dank für diesen Beitrag!
    LG /inka

    • Lars Dörfel sagt

      Ganz lieben Dank, Inka. Dann sollte ich wohl häufiger mal schreiben. Madlen würde sich freuen 😉 LG, Lars

  3. Hallo Lars,
    ein ganz toller Beitrag. Ich sehe förmlich den kleinen Jungen, der voller Neugier den Osten berlins erkundet. Immer auf der Suche nach Schokolade 😉
    Danke fürs Teilen!
    Liebe Grüße
    Suse

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