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Der Zauber von Lalibela – Äthiopiens himmlische Stadt

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Dunstschwaden umhüllen die Felskirchen an diesem Morgen. Nebel mischt sich mit dem Weihrauch, der nach außen zieht. Seit 7 Uhr sitzen wir nun hier und hoffen, eine Lücke ins Kircheninnere zu finden, um die einzigartige Stimmung hautnah miterleben zu können. Es ist mein 31. Geburtstag, nie zuvor habe ich einen meiner Geburtstage in solch mystischer Atmosphäre verbracht wie hier in Lalibela. Mit seinen zwölf monolithischen Felskirchen, die vor etwa 800 Jahren aus dem Felsen herausgemeißelt wurden und durch unterirdische Gänge miteinander verbunden sind, ist das der Wallfahrtsort für die äthiopisch-orthodoxen Christen. Natürlich zählen diese Kirchen zum Weltkulturerbe der UNESCO und ziehen auch Touristen an – so wie uns. Doch an diesem Morgen sind wir die einzigen „Fremden“ unter den Gläubigen.

Immer wieder kommen Gruppen barfüßiger Äthiopier an uns vorbei. Einige halten Schirme in die Luft, andere küssen die alten Mauern. Als wir endlich eine Lücke entdecken, schleichen wir in den Innenraum der Bet-Mika’el. Die Gläubigen drängen sich, stehen eng an eng, um der stundenlangen Predigt zu folgen. Auch wir wohnen nun dem Gottesdienst bei, der von Gesängen, Trommeln, rhythmischem Klatschen und wiegenden Bewegungen begleitet wird.

Ein Stück Jerusalem in Äthiopien

Am Vortag hatten wir uns bereits einen Überblick über das gesamte Kirchenensemble verschafft, das im 12./13. Jahrhundert über eine Zeitspanne von 100 Jahre in die rote Basaltlava gehauen wurde, als der christliche Glaube in Äthiopien blühte. Wir begannen vormittags mit der Besichtigung der Nordgruppe, die in besonderer Verbindung zum heiligen Land steht und Jerusalem symbolisiert. Zu diesem Ensemble gehören Bet Medhane Alem mit dem Lalibela-Kreuz, Bet Maryam, Bet Golgotha, die Selassie-Kapelle und das Grab von Adam. Jede Kirche ist einem anderen Heiligen gewidmet. Dem Herrscher der nordäthiopischen Zagwe-Dynastie, Lalibela, der im 12./13. Jahrhundert lebte, erschien einer Legende nach Gott im Traum. Dieser forderte ihn auf, in seinem Geburtsort das Abbild des himmlischen Jerusalem „aus einem einzigen Stein“ zu schaffen. Er machte sich ans Werk und hatte Heerscharen von Engeln als fleißige Helfer, die mit den Hämmern und Meißeln der erschöpften Handwerker nachts weitergearbeitet haben sollen. So waren nach nur 23 Jahren elf der insgesamt zwei Dutzend Gotteshäuser gebaut bzw. aus dem weichen Tuffstein des Hochlandes herausmodelliert.

Nach den etwas lästigen Sicherheitschecks und kamen wir nicht umher, einen Guide zu nehmen. Mit diesem suchten wir zunächst die beeindruckende Bet Maryam auf, die man durch einen 8 m langen Tunnel erreicht. Diese zählt zu den ältesten Kirchen und beheimatet einen in Stoff gehüllten Pfeiler, an dem Christus gelehnt haben soll und für die Einheit des Christentums steht. Nach einer Legende kann kein Mensch seinen Anblick ertragen. Am selben Hof befinden sich noch Bet Danagal und Bet Masqual, in die wir kurz hineinschauten. Danach besuchten wir das Gelände um dem Komplex Bet Golgotha und Bet Debre Sina. Dieses wird durch eine Straße von dem bekanntesten Bauwerk getrennt – der einzeln stehenden Kirche St. Georg (Bet Giyorgis). Neben ihr schlängelt sich das ausgetrocknete Flussbett des Yordanos ins Tal. Über Stufen und einem gewundenen Tunnel, die vom Felsplateau hinunter in den 20 m mal 22 m großen Vorhof führen, gelangen wir zu diesem bekannten kreuzförmigen Bauwerk. Die elfte Kirche stellt mit ihrem eigenartigen Grundriss, der die Form eines Templerkreuzes hat, den Höhepunkt der Kunst Lalibelas dar. Die besondere Extravaganz der Kirche erschließt jedoch der Draufblick, der uns das Kreuz in seiner vollen Pracht offenbart, um das sich einzelne Frauen in langen weißen und orangen Gewändern eingefunden haben.

Am Nachmittag nahmen wir uns noch die Süd-Gruppe vor, die den Weg von Jesus in den Himmel symbolisiert. Wieder überquerten wir eine Brücke um in einen 18 m tief gelegenen Hof zu gelangen. Häufig sind die Sakralbauten auf mehreren Ebenen angelegt, so dass man nach dem Verlassen einer Kirche auf einem Vorplatz steht, der gleichzeitig das Dach einer weiteren Kirche ist. Immer wieder saßen Gläubige in weiße Tücher gehüllt an den Gemäuern der Kirchen. Würden über einigen der religiösen Gemäuer nicht diese riesigen Stahlkonstruktionen mit ihren weißen Stoffen gespannt sein, hätte man das Gefühl, in eine andere Welt, in eine andere Zeit gebeamt zu sein. Doch so scheint das Setting zum Schutz gegen dem Verfall nicht ganz stimmig – erinnert mich alles doch eher an Christos Verhüllungskunst.

Wanderung auf den Berg Asheten

Und dann finden wir uns am Morgen des nächsten Tags nun inmitten dieser Menschenmenge im Gottesdienst. Wir verstehen kein Wort und doch ergreift uns das wunderbare Gefühl, an einem ganz besonderen Ort zu sein und diesen Moment auszukosten. Kurz nach 9 Uhr verlassen wir vorsichtig die Kirche während weiterhin Menschen hineinströmen, auf dem Hof warten und der Stimme des Predigers lauschen. Wir hingegen wandern nun den Berg Asheten  zum Felsenkloster Maryam hinauf. Hier glauben die Priester, Gott näher zu sein. Und vielleicht können auch wir unsere Gefühle an diesem Tag noch toppen. Noch ist es nicht so heiß, aber der steinige Weg führt steil auf ca. 3150 m hinauf und es ist immer wieder rutschig. Während wir unsere Schritte eher wackelig setzten, kommen uns die Einheimischen schnellen Schrittes entgegen. Sie tragen Körbe voller Getreide, Gemüse und anderen Dingen. Ihr Ziel ist der Wochenmarkt unten im Dorf. Kinder begleiten uns immer wieder auf dem Weg, um mit uns Faranji ein wenig zu plaudern. Nach 1,5 Stunden erreichen wir den Kirchenhof von Asheten Maryam, der hinter einem kleinen Felstunnel liegt. Auch diese Kirche ist in den Felsen geschlagen und weist eine semi-monolithische Architektur auf. Die Luft ist dünn, mein Herz rast. Der Priester aber kümmert sich gleich um seine zwei ersten Gäste an diesem Tag und zeigt uns das Kircheninnere mit einer Vielzahl an Kreuzen und anderen Reliquien. Von der Kirche steigen wir noch ein Stück weiter auf, um die Aussicht über das Tal zu genießen. Ein Hirte passiert uns mit seinem Esel und setzt sich auch zu einer Rast nieder. Wir kommen ins Gespräch und überwinden mit Zeichen jegliche Sprachbarrieren.

Markttag in Lalibela

Wieder unten im Tal folgen wir dem Strom und gelangen auf den Markt. Ein Meer aus Plastikplanen und Decken übersät die Wiese. Ziegen und Kühe werden zum Teil, auf dem mit Tieren gehandelt wird, gezogen. Als wir zwischen den auf dem Boden verteilten Tüchern, auf denen verschiedene Getreidesorten, Gemüse und Plastikkram zum Verkauf angeboten werden, laufen, bieten uns Kinder ihrer Führer-Dienste an. Sie könnten für uns verhandeln, sie wüssten wo es die besten Sachen gibt. Schnell findet ein Bursche heraus, dass ich an Stoffen interessiert bin und macht sich das Wissen zunutze.

Lalibela wäre ein ganz normaler bunter äthiopischer Ort, wären da nicht die Kirchen. Und so liegt selbst am Abend, als die Gesänge einer trauernden Familie zu uns heraufschallen, eine mystische Stimmung in der Luft – bis sich das Tor unseres Hotels öffnet und ein Rotel-Bus einfährt.

Ich reiste 2007 durch Äthiopien.
Stationen der Reise: Addis Abeba – Lalibela – Axum – Shire – Gondar – Bahir Dar – Arba Minch – Jinka – Turmi

Bericht zu den einzelnen Etappen meiner Äthiopien-Reise

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