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Am höchsten Punkt des Pamir Highways – von Pässen, Yaks und dem Karakulsee

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Wir haben noch nicht den 4344 m hoch gelegenen Khargush Pass erreicht, als sich vor uns in der staubig-steinigen Landschaft eine Autoschlange auftut. Als wir uns nähern, bemerken wir zwei Laster, die die Straße verstopfen. Emsig bewegen sich Männer um den LKW. „Wieder diese chinesischen Trucks!“ stöhnt unser Fahrer Zafar. Es ist nicht das erste Mal, dass er seinen Unmut über die viel zu mächtigen Laster für die schlechten Straßen äußert. Doch dieses Mal verstehen wir selbst, was solch ein Gefährt anrichten kann. Nachdem der erste Truck in der Schlange weiter rollt, heben die Männer Steine aus der Umgebung auf die Straße, um dem tiefen Sand ein bisschen Stabilität zu verleihen. Doch so richtig mag das Vorhaben bei diesem Truck nicht gelingen. Beim vierten Anlauf verliert Zafar die Geduld und weiss, seine vier Räder im unwegsamen Gelände zu nutzen. Und so holpern wir offroad an der Schlange vorbei. Kein Auto wird uns auf den nächsten Kilometern einholen, wenn wir wieder Fotostopps einlegen, um die wahnsinnig schöne Landschaft in Bilder einzufangen.

Unsere Fahrt über den Khargush Pass

Auf Serpentinen haben wir uns von Langar kommend an dem letzten grünen Ort Ratm vorbei auf den Pass hinaufgeschraubt – im Durchschnitt sind es auf der Hochebene im Ostpamir 4000 m – wir sind auf dem Dach der Welt. Die afghanische Grenze haben wir hinter uns gelassen, als uns ein dick eingemummtes Radlerpaar entgegenkommt, wieder winken wir motivierend zu. Dabei wünscht sich niemand im Auto, mit ihnen zu tauschen. Immer wieder schlängelt sich unsere sandige Straße durch die karge, beige Landschaft, die durch einen Fluss zerschnitten wird. Wo eben noch der Respekt für die Radler liegt, kommt auch ein wenig Neid auf, als wir zwei französische Geländewagen beim schönen Picknick in der atemberaubenden Landschaft am Wegesrand treffen. Einfach mal anhalten, innehalten und genießen, Teil der Landschaft sein, anstatt sie an sich vorbeiziehen zu lassen, das wünschte ich mir oft auf der Reise. Stattdessen sind wir fast so flink unterwegs, wie die kleinen Murmeltiere, die emsig zwischen den fad-grünen Büscheln umherlaufen, um dann abrupt in ihre Löcher abzutauchen, wenn ich den Auslöser der Kamera betätige. Fast ist mein Blick nur mikroskopisch auf die Erde gerichtet, da tauchen am Horizont drei Kamele auf. Was wie eine Fata Morgana anmutet, ist real und kein Gespenst der Höhenkrankheit.

Drei Stunden, nachdem wir das letzte Dorf verlassen haben, erreichen wir den Checkpoint. Wer hier sitzt, sitzt wahrlich auf einem verlassenen Posten – jenseits der Zivilisation. So ist die Frage des Soldaten nach Zigaretten durchaus verständlich.

Nach weiteren 1,5 Stunden endet unsere holprige Fahrt auf dem Verbindungsstück zwischen Wakhan Tal und Pamir Highway. Vor uns liegt eine Teerdecke inmitten der Hochebene. Unsere Herzen springen und kurz darauf unsere Körper mit. Denn was nach Highway aussieht, entpuppt sich wieder als Fake. Der Asphalt ist löchrig wie ein Schweizer Käse und so heißt es weiterhin ganz langsam fahren.

Alichur und eine kleine Yak-Safari

Die Landschaft, die wir nun durchfahren, erinnert mich an die Mongolei. Als dann noch auf 3600 m der Ort Alichur inmitten der Hochebene rechter Hand erscheint und auf den verlassenen Straßen nur ein Hund unmotiviert vor unserem Auto entlang trabt, verstärkt sich der Eindruck umso mehr. Wir fahren bis ans Ende des Ortes, wo wir um 16.15 Uhr ein spätes Mittagessen im Golden Fish einnehmen. Der Wind wirbelt den Staub auf, dass man sich nur schnell nach drinnen verziehen möchte, wo an einem Tisch ältere Männer ihre Suppe schlürfen und uns nur wenig Aufmerksamkeit schenken.

Wir müssen uns sputen, denn draußen wartet bereits Makhan, der uns nach Bashgumbez bringt, wo wir zum Sonnenuntergang noch auf den Rücken von Yaks in die Berge reiten sollen. Und nur etwas später sitze ich auf dem Rücken dieses Grunzochsen, der nicht größer als ein Pony ist. Immer wieder schnaubt er, wenn Elchibay, mein Führer, das Yak an einer Leine zieht. Erisbay, ein Ranger, läuft dabei neben uns her und hält durch sein Fernglas Ausschau nach den seltenen Marco-Polo-Schafen, den Pamir-Argalis. Leider haben wir kein Glück. Je mehr sich in meinem Kopf der Druck der Höhe ausbreitet, desto schneller wünsche ich mir auch dieses Riesenwildschaf herbei. Die Sonne taucht hinter unserem Rücken die Berge in ein tiefes Dunkelrot, das ich nur aus einem Augenwinkel beobachte. Meine Glieder erstarren bereits vor Kälte, als sich ein dunkler Schleier über die Berge zieht und wir ins Tal zurückkehren, wo unser Fahrer Zafar und unser Guide Azam mit den nomadischen Bewohnern vor den Jurten an einem Bach warten.

Auf dem Container-Basar von Murghab

Wir führen unsere Reise nach Murghab in der Dunkelheit fort. Um 21.30 Uhr erreichen wir das 7000 Einwohner zählende Städtchen auf dem Hochplateau des Ostpamirs. Während sich vor dem benachbarten Pamir Hotel die Geländewagen aneinanderreihen, sind wir in unserem Homestay Ibragim Anara die einzigen Gäste und genießen die Gemütlichkeit und die Nacht in einem richtigen Bett.

Am nächsten Morgen müssen wir nicht so eilig wie an den letzten Tagen aufbrechen. So bleibt uns noch Zeit, die Kleinstadt bei Tageslicht anzusehen. Wir schlendern über den Basar, der einer Containerstraße ähnelt. In jedem Container befindet sich ein kleiner Shop – ob Lebensmittel, Klamotten oder Technik – was woanders Shopping Tempel vereinen, findet man hier in ausgedienten Maersk, Hamburg Süd und Co. Containern. Kinder springen durch den Staub und fordern uns zum Fotografieren auf. Dabei posen sie spielerisch und professionell zugleich. Etwas abseits hinter dem letzten Container ruft mich eine junge Mutter herbei. Auch sie bittet mich um ein Foto von sich mit ihrem Baby auf dem Arm. Mit einem Strahlen im Gesicht bewundert sie sich auf dem Display. Momente, in denen ich mir gern eine Sofortbildkamera herbeiwünschte.

Doch nicht jeder ist so begeistert. Da sind die durchaus zurückhaltenderen älteren Männer mit ihren traditionellen Kalpaks. Sie gehören der kirgisischen Minderheit in Tadschikistan an. Sie hasten schnell von Container zu Container. Ihre Kopfbedeckung verrät schon die Nähe zum Nachbarland, das wir morgen erreichen. Noch trennt uns mit dem 4655 m hohen Ak-Baital-Pass ein weiterer Pass von Kirgistan.

Der höchste Punkt des Pamir Highways – der Ak-Baital-Pass

Die Straße hinter Murghab führt bis 30 km an China heran. Dazwischen liegt ein Stück Niemandsland, das durch einen Grenzzaun markiert wird. Dass dieser hier oft eingerissen ist, stört niemanden. In dieser kargen, unwirtlichen Hochgebirgswüste stehen illegale Grenzübertritte wohl nicht auf der Tagesordnung. Überhaupt ist auf der Straße Richtung Kirgistan recht wenig los. Ein liegengebliebener Transporter, aus dem Menschen und Schafsköpfe geduldig herausschauen, während ein paar Männer den Reifen wechseln, ist schon fast das einzige Ereignis. Und dann überqueren wir nach 1,5 Stunden Fahrt den höchsten Punkt des Pamir Highways. Auf dem 4655 m hohen Ak-Baital-Pass haben sich einige Radler zusammen gefunden, die unter einer Überdachung Schutz und Erholung suchen. Als wir auf der anderen Seite kurz stoppen, um den Ausblick zu genießen, kommt ein Radler fast spielend leicht den Pass hinaufgefahren und versetzt uns mit seiner Leichtigkeit wieder ins Staunen.

Am Karakulsee und die verschleierte Bergkulisse um Pik Lenin

Nach weiteren 1,5 Stunden erreichen wir erneut einen Checkpoint. Und dann liegt er vor uns und leuchtet unter dem Schatten der dunklen Wolkendecke tiefblau – der Karakulsee. Sein Name „Schwarzer See“ rührt aus der dunklen Farbe, die der 238 m tiefe salzige See in den Wintermonaten erhält. Im Brackwasser leben keine essbaren Fische. Vielmehr zieht dieses Gebiet Vögel an.

Ich laufe an diesem Nachmittag im eisigen Wind und Nieselregen durch die Ortschaft Karakul. Die Häuser, die von Lehmmauern umgeben sind, wirken größtenteils verlassen. Eine kleine Moschee hebt sich mit seinem abgerundeten Türmchen vom sonst so tristen Bild des Dorfes ab, das von Mauern, Strommästen und staubigen Wegen geprägt ist. Wer mag hinter den verschlossenen Blech- und Holztüren wohnen? Wer mag den harten Lebensbedingungen hier oben so gut standhalten? Da kommt eine Gruppe Kinder um die Ecke geeilt. Erst ein kleiner Junge, dann zwei Mädchen, dann werden es immer mehr. Sie bitten mich, sie zu fotografieren. Kein Foto mag sie zufriedenstellen, schnell wird neu posiert. Der Fotoapparat ist eine willkommene Abwechslung für jedes Kinderherz.

Am frühen Abend – längst habe ich es mir im einzigen beheizten Raum des Homestay Ercinboy mit einem Tee gemütlich gemacht – ruft mich Zafar ganz aufgeregt herbei. Wir verlassen den Hof des Homestays und gehen gemeinsam hinter das Haus. Auf dem Hügel, auf dem das Klohäuschen steht, bleiben wir stehen. Zafar deutet hinüber auf die andere Seite des Sees, die am Nachmittag noch mit Wolken verhangen blieb. Mein Blick wandert von dem grünen Uferstreifen auf unserer Seite über das türkisfarbene Wasser zur braunen Insel, die den See teilt. Dahinter liegen Berge, hohe Berge, Berge mit Schnee. Auch unser Guide ist uns gefolgt und ist begeistert von dem Blick auf die andere Seite.

Die mächtigen Berge scheinen sich übertrumpfen zu wollen. „Pik Lenin?“, frage ich und atme tief die frische Luft ein. Ja, antworten die beiden Männer einstimmig. Dann schieben sich wieder Wolken vor die Spitzen, wie ein Vorhang im Theater. Nur diesen kurzen Augenblick wollte sich mir Pik Lenin zeigen – mein erster 7000er.

Was man sonst noch wissen sollte?

Murghab

  • Internet? Das findet man in Berg-Badachschan nur selten. In Murghab hat man aber evt. Glück im American Space (Mo-Fr 9 bis 17 Uhr geöffnet)
  • Homestay: Homestay Ibragim Anara

Karakul

  • Homestay: Homestay Ercinboy

Alichur

  • Wer sich auf die Suche des Marco Polo Schafs begeben möchte und dabei noch die Alichur Bergkette erkunden will, sollte mit der NGO Burgut Kontakt aufnehmen. Sie schützen die Schafe und hoffen, dass sich die Population wieder erholt.
    Kontakt:
    Makhan +992 90 052 10 35
    Malika Farmonbekova +992 93 407 23 00 / malika@gmail.com
    Kosten: Fahrzeugmiete 0,80 USD pro Kilometer / Lokaler Guide pro Tag 15 USD / Pferd: 25 USD pro Tag, 15 USD halber Tag und 5 USD pro Stunde
    Yak: 25 USD pro Tag, 15 USD halber Tag und 5 USD pro Stunde
  • Homestay: Übernachtung 10 USD, Frühstück 5 USD, Lunch und Dinner je 6 USD – buchbar über www.pecta.tj

Mehr zu unserer Route erfahrt Ihr auch hier

Meine Reise wurde unterstützt durch die PECTA in Zusammenarbeit AKF/MSDSP Kyrgyzstan and Tajikistan, GIZ Tajikistan, KCBTOrom TravelTcellMATT und Kyrgyz Concept.
Alle Ansichten sind meine eigenen. 

7 Kommentare

    • Merci, liebe Sabine. Es ist tatsächlich schön, diese Ecken noch zu entdecken. Zentralasien hat sich in mein Herz geschlichen 😉 LG, Mad

  1. Christoph sagt

    Wow, tolle Beschreibung und super Bilder! Da möchte ich sofort los!! Ein Traum…..?!

    Take care and good luck
    Christoph

  2. Was für ein toller Reisebericht, da bekomme ich direkt Fernweh. Back to the roots – über staubige Pisten und das Abenteuer auf der Straße suchen. Einfach super!!!
    Liebe Grüße, Claudia

    • Danke, liebe Claudia. Die Strecke ist sehr empfehlenswert für Leute, die nicht unbedingt auf ausgetretenen Pfaden unterwegs sein wollen. Dort ist es einfach wunderbar! LG, Madlen

  3. Liebe Mad

    Wow, sowas von spannend. Dein Blogpost hat mich total gefesselt. Mein Mann und ich würden ja sowas von gerne einmal selbst den Pamir Hwy unter die Räder nehmen. Steht auf jeden Fall schon auf unserer Bucketlist. Bestimmt schaffen wir es die nächsten Jahe mal dahin 😀

    Danke für den packenden Bericht. Die Fotos vom Container Dorf geben einem so richtig den Eindruck, ’so leben die Menschen hier wirklich‘. Total einfach ohne jeglichen Luxus.

    Danke für’s teilen.

    Liebe Grüsse,
    Reni

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