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Männerabteil – Meine Zugfahrt nach Yazd

Iran Zug

Punkt 14.50 Uhr rollt der Zug langsam an. Der rosarote und hellblaue Lack kann sein Alter nur oberflächlich übertünchen. Ich teile mit zwei Männern das Abteil. Genug Platz, denke ich mir. Doch eigentlich hatte ich mir die Fahrt unterhaltsamer vorgestellt, die Männer grüßen eher muffelig und beschäftigen sich dann mit sich selbst. Der Schaffner schaut kurz in das Abteil und überreicht uns Bettwäsche und eine Wasserflasche, später kommt er noch einmal, um den beiden Männern Knabbereien und Saft zu überreichen, mich ignoriert er hingegen völlig.

Einrichten im Abteil

Unsere Kabine besteht aus hochklappbaren Betten und bietet Platz für sechs Personen. Ein kleiner Teppich ziert den Boden, ein Mülleimerchen steht darauf. Dieser wird während der achtstündigen Zugfahrt häufig geleert. Da der Nachtzug bereits ausgebucht war, bin ich mit dem Joopar-Zug unterwegs. 50 Jahre ist dieser hier alt, soll ich später noch erfahren.  Doch ich sehe ihm natürlich auch ohne diese Information sein Alter an. Sicherlich hätte es komfortablere Lösungen gegeben. Den Pardis-Express beispielsweise. Stattdessen sitze ich nun im abgerockten Bummelzug Richtung Bandar Abbas. Die Touristenquote liegt bei Null und somit bin ich die Exotin auf Schienen.

Abfahrt in Teheran

Eine Stunde früher sollte ich am Bahnhof sein. Ich fand es übertrieben, doch dann verstand ich, weshalb. Man durchläuft zunächst einen Sicherheitscheck – Frauen und Männer getrennt. Dann wurde ich zur Passkontrolle geschickt, bevor man mich mit meinem Bahnticket in die Wartehalle vorließ. Dort sollte ich auf den Aufruf warten – mein Zug würde Linie 9 abfahren. Linie steht hier für Bahnsteig, das wurde mir aber auch erst klar, als ich die Beschilderungen sah, die übrigens auch alle in Englisch sind.

Im Abteil mit fünf Iranern

An mir ziehen braun-beige Wüstenlandschaften vorbei. Alles ist eintönig. Ich halte kurz die Kamera an die Scheibe, um mich dann auf der einen Sitzbank, die die schüchternen oder desinteressierten Herren mir überlassen haben, einzurichten. Der junge Mann hat sich bereits auf dem oberen der Triple-Stockbetten eingerichtet. Der Geschäftsmann, der den Fensterplatz eingenommen hat, sprüht alle halbe Stunde etwas Parfum auf die Klimaanlage und reizt damit unnötig meine Nase.

Nach 2 Stunden kommt unser Zug zum Halten. Weshalb verstehe ich nicht ganz. Vor meiner Scheibe ist nur Wüste zu sehen. Da reißt ein Typ in Militärklamotten die Schiebetür auf und lässt sich auf die Sitzbank fallen. Hinter ihm kommen zwei weitere Männer in Zivilkleidung hineingestürmt. Ich ziehe meine Beine an, merke, wie ich mich ganz klein mache und weiß noch nicht ganz, ob das dem Respekt vor der Militärbekleidung geschuldet ist. Die macht mich in der Regel immer zunächst skeptisch. Zugegeben, ich fühle mich durch die extrovertierte Präsenz etwas eingeschüchtert, rücke mein Kopftuch zurecht und stecke meine Nase noch tiefer in mein Buch. Beim Lesen merke ich, wie mich die Jungs mustern. Dann kommt der Schaffner wieder und überreicht den Jungs ihre Bettwäsche und eine Snackbox. Warum habe ich denn nicht so etwas bekommen, schießt es mir durch den Kopf. Der Typ in Army-Klamotten, Mojtaba, öffnet seine Box, mustert den gesamten Inhalt, in dem er alles rausnimmt und dann wieder einsortiert. Dann reicht er mir seine Box rüber. „Do you want?“ Ja ich will, ich bin tatsächlich hungrig und habe nichts gekauft.

„Are you French?“ „German. Why?“ „You look French.“ Wir lachen und das Eis ist gebrochen. Der Herr in Armeekleidung ist der Kommunikator der drei, der die Fragen für alle ins Englische übersetzt. Plötzlich werden auch die zwei Herren, mit denen ich seit Teheran das Abteil teile, wach und ich merke, dass es die Sprache war, die uns an einem Gespräch hinderte. Es wird eine unterhaltsame Fahrt und auch ich mache mich zunehmend locker, nachdem ich begriffen habe, dass die Jungs nur einen Militärdienst absolvieren, der größtenteils aus Abwaschen und Hilfsarbeiten besteht.

Wüstengebet

Kurz vor 18 Uhr kommt unser Zug erneut zum Halten und alle stürmen raus. Auch meine Jungs verabschieden sich Hals über Kopf aus der Unterhaltung mit einem „Sorry, aber wir müssen jetzt beten“. Ich sitze plötzlich gefühlt völlig allein da und will die Chance nutzen, mal auf die Toilette zu gehen. Dabei bemerke ich, dass sich hinter unserem Waggon der Speisewaggon befindet. Im Bordbistro sitzen tatsächlich noch ein paar Iraner, die es mit dem Gebet wohl nicht so genau nehmen, mich dafür aber mit großen Augen mustern, als würde ein Alien vor ihnen stehen. Der Kellner führt mich in seine Küche, als ich nach einem Bad frage. Da steht schon eine junge Dame an meiner Seite, die mich im perfekten Englisch fragt, ob sie helfen könne. Sie führt mich zu den Waschräumen hinaus auf das Bahnhofsgelände von Kashan. Auf dem Weg erfahre ich, dass sie Couchsurferin ist, in Teheran wohnt, als Buchhalterin arbeitet aber in ihrer Freizeit Street Dance unterrichtet. Auch sie besucht Yazd als Touristin. Wir tauschen Nummern, falls ich doch couchsurfen möchte. Dass ich allein reise, erstaunt sie weniger als üblich, doch mein Alter kann sie nicht fassen. Ihre Freundin auch nicht. Selbst der Blick in meinen Pass mag sie nicht überzeugen.

Um 22.30 Uhr rollt unser Zug langsam in Yazd ein. Ich merke, in die Gänge legt sich Aufbruchstimmung. Mojtaba fragt mich nach meinem Instagram-Account. Ich gebe ihn bereitwillig meinen Account-Namen. Danach wird mir klar, dass er nun sieht, dass ich mehr als nur schnöden Urlaub mache, sondern mein Leben aus Reisen besteht. Sie wiederum können nur problemlos nach Saudi-Arabien, Irak, Syrien und seit neustem Georgien reisen. Mojtaba wird meine Reise von nun an weiterhin verfolgen, mir per direct Message Tipps geben, und sich auf meinen Instagram-Story meinen Alltag in Berlin ansehen. Und immer, wenn er mir ein Herzchen schenkt, denke ich an diese Zugfahrt im Iran zurück.

Die Reise wurde unterstützt vom der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH und Germania.

1 Kommentare

  1. Tolle Geschichte! Mir gefällt dein Schreibstil total. Mach weiter so, du hast eine neue Leserin gewonnen! – Grüße aus aus dem Winterurlaub Sölden :)

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