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Ein Moment Stille – unser Unfall in der Wüste

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12:10 Uhr war es, als die Uhr für wenige Sekunden still stand. Irgendwo zwischen Solitaire und Walvis Bay passierte es. Dort, wo die Hitze über der Wüste steht und es keine Orte mehr gibt. Dort, wo mehr Oryxantilopen und Zebras zu sehen sind, als Autos oder Menschen. An diesem Ort sollten unsere Uhren neu gestellt werden, und entschieden werden, ob diese Reise weitergeht – nicht nur die durch Namibia, sondern die unseres Lebens.

Irgendwo zwischen Sossusvlei und Atlantik inmitten der Wüste sollte unser Road Trip zu Ende gehen. Wir hatten gerade den Gaub Pass passiert, als sich der unbefestigte Weg wieder wellte. Ein stetiges Auf und Ab auf Sand- und Kiesstraßen, das sich mit Kurven abwechselte und mich gegen Übelkeit kämpfen ließ. Plötzlich tauchen direkt vor uns in der verengten Kurve zwei Fahrzeuge auf. In dem Moment reißt Lars das Lenkrad nach links und wir geraten ins Schleudern.

Gaub Pass

Gaub Pass

Links, rechts, links, rechts, links, rechts – neben uns ein vielleicht ca. 3-5 Meter tiefer Abgrund. Nicht in den Graben, war mein einziger Gedanke, als meine Welt plötzlich schon Kopf stand. In Zeitlupe begann sich die Landschaft vor meinen Augen zu drehen. Der Himmel war unten, der Sand oben, dann wieder von vorn. Wie viel hält dieses Fahrzeug aus, wie viel hält mein Körper aus und wann hat das Ganze ein Ende? Ist das das Ende? Die Wüste ist viel zu schön, um hier zu sterben.

Und plötzlich endet das Ruckeln und Stille kehrt ein, die durch eine menschliche Stimme durchbrochen wird, die dem surrealen Setting ein bisschen Leben wieder einhaucht. „Bist Du ok?“ Ich atme auf. Panisch rüttele ich an der Tür, während Lars schon draußen steht. Doch die Beifahrertür ist blockiert. In Gedanken sehe ich unseren frisch gefüllten Tank in Flammen aufgehen und denke, ich will hier nur noch raus. Ich krabbele auf die rechte Seite und torkele durch den Sand. Mein Knie drückt, mein Arm schmerzt, doch ich kann laufen, ich kann sprechen, ich bin noch da.

Unser Mietwagen danach

Unser Mietwagen danach

Ein Auto hält, eilt uns zur Hilfe. Ein junges Pärchen aus Walvis Bay ist unsere Rettung in der Not. Wir haben keine namibische Handynummer und überhaupt wissen wir nicht, wo wir anfangen sollen. Ich hatte noch nie einen Unfall.

Ich checke meinen Körper, finde blutige Stellen hier und da, doch nichts Dramatisches. Gerrit wählt derweilen schon die Nummer unserer Mietwagenfirma, der Polizei und des medizinischen Notdienstes an. Ein Unfall ist schon schlimm genug, ihn in der Wüste mitten im Nirgendwo zu haben, ist noch viel schlimmer. Die Polizei kommt nicht 150 km zu uns gefahren, wir sollen uns bei ihnen auf der Station melden. Der nächste Notdienst in Solitaire ist ausgeflogen, wir sollen in das 150 km entfernte Krankenhaus kommen. Unser Mietwagen ist Schrott. Aus Windhoek würde uns ein Neuer gebracht und dieser von einem Abschleppdienst aus Walvis Bay abgeholt werden – doch das könne 5-6 Stunden dauern.

Während das namibische Pärchen telefoniert, starre ich auf den Wagen. Noch nicht einmal ein Airbag war aufgegangen. Die Scheibe ist zertrümmert. Was wäre wenn?

So lassen wir den Wagen zurück

So lassen wir den Wagen zurück

Übergang von Sand- zur Teerstraße

Übergang von Sand- zur Teerstraße

Polizeistation in Walvis Bay

Polizeistation in Walvis Bay

Im Krankenhaus

Im Krankenhaus

Das helfende Pärchen fährt leider nach Solitaire zurück, sie könnten uns dennoch mitnehmen. Besser, als hier zu warten, sagen sie. Oder wir sollen ein Auto anhalten, das in unsere Richtung fährt. Doch seit 30 Minuten war kein Auto mehr vorbeigekommen. Wir sind gestrandet in der Wüste.

Gerade als wir uns von dem Paar verabschieden, taucht am Horizont ein kleiner Polo auf und wir erkennen beim Näherkommen die Gesichter. Es ist das Paar aus Jo’Burg, mit dem wir gestern Big Daddy im Dead Vlei erklommen haben. Ganz selbstverständlich machen sie Platz und nehmen uns mit, warten mit uns sogar ewig auf der Polizeistation. Wir unterhalten uns über dies und das, schnell kommt die Frage auf, ob wir religiös seien. Ich traue mich in diesem Moment nicht, ihnen die Wahrheit zu sagen. Stattdessen schließe ich meine Augen und versuche die Bilder zu verarbeiten.

Dünen um Walvis Bay

Dünen um Walvis Bay

Erst als sich die steinige Ebene in schimmernden Sand ergießt, öffne ich wieder meine Augen. Wir sind in Walvis Bay – noch 30 Kilometer vom Ziel entfernt, das nördlich unter einer kalten Nebelschicht liegt. Als ich am Abend am Strand des Atlantik stehe, höre ich in jedem Wellenschlag den Takt des Lebens. An der Hand trage ich einen Verband, mein Knie schmerzt bei jedem Schritt – und dennoch, diese Reise kann weitergehen.

 

Heute danke ich den lieben Helfern Gerrit und seiner Partnerin, die sich eigentlich zwei romantische Tage in der Wüste machen wollten, sowie Bongii und Mfanu, die auf ihrer Reise von Kapstadt nach Windhoek Platz auf ihrer Rückbank für uns gemacht haben, uns nach Swakopmund mitnahmen und geduldig auf der Polizeistation mit uns alles abwickelten. Und nicht zuletzt den tausend Schutzengeln, die genau dann zur Stelle waren, als wir sie brauchten. Denn dieses Abenteuer wäre wirklich fast in die Hose gegangen.

 

19 Kommentare

  1. Na sag mal, Du machst ja wieder Sachen! Da bin ich aber heilfroh, dass es Dir gut geht – wenn Du schon wieder schreiben kannst!

  2. Oh man. Das ist ja bitter. Aber Glück im Unglück!

    Mir ist das auch mal passiert als Kind mit meinen Eltern auf der Autobahn. Glatteis, überschlagen, Türen blockiert. Wir mussten damals die Windschutzscheibe rausschlagen. Bin seit dem auch ein sehr vorsichtiger Fahrer.

    Euch gute Besserung und eine erholsame Weiterreise!

  3. Uff, das ist echt ein Schreckmoment, den man niemandem wünscht! Ich bin froh, dass ihr den Unfall halbwegs heil überstanden habt! Und hoffe, dass die Reise unfallfrei weitergehen kann! Gute Besserung!!

  4. Oh nein, sowas braucht kein Mensch! Die Tücke der namibschen Gravelroads. Wir sind dort auch schon mal ins Schleudern gekommen. Zum Glück ist weiter nichts passiert.Tut mir alles sehr leid für Euch und dennoch könnt ihr so glücklich sein, dass es einigermaßen glimpflich ausgegangen ist. Ihr habt sensationelle Schutzengel! Alles Gute Euch und hoffentlich könnt ihr die Weiterreise trotzdem noch genießen.

  5. Uff, während man das liest, stockt einem der Atem! Nicht nur weil es so mitreißend gut geschrieben ist, sondern weil man immer glaubt ‚ach nö, reisen ist schön, was soll schon passieren‘. Freu‘ mich auf die nächste Reisestory – hoffentlich ohne Stunt-Einlage! Kommt wieder gut nach Hause!

  6. Oh mein Gott, ihr Armen… und dann auch noch mitten in der Wüste – irgendwo im Nirgendwo. Zum Glück ist es nochmal gut gegangen. Ich hoffe ihr könnt den Schreck schnell verdauen und habt noch eine schöne Reise. LG, Simone

  7. Hui, ich war vor zwei Jahren in Namibia und bin diese Strecke gefahren. Und wenn man so weit weg von jeglicher Zivilisation ist, schwingt schon immer irgendwie ein bisschen die Angst mit. Was wäre wenn….? Ich bin froh dass es euch gut geht und wünsche euch noch eine schöne Reise! Gudrun

  8. Autsch! Überschlagen?!
    Grüße an die Schutzengel, das war ein super Job!
    Erholt euch schnell von dem Schrecken und genießt die restlichen Namibia-Tage.
    LG Claudi

  9. Oh man, da habt ihr aber wirklich Glück gehabt…Sowas wünscht man wirklich niemandem. Ich hoffe ihr könnt/konntet die restlichen Tage in Namibia trotzdem ein wenig genießen.
    Viele Grüße

  10. Oh weh! Na gut, dass es Euch gut geht und Ihr wirklich zuverlässige Schutzengel hattet! Hoffe Ihr habt dieses Erlebnis mittlerweile verdaut!

  11. Das schlimme in solchen Momenten ist die Zeit. Sie tickt und kommt wie eine halbe Ewigkeit vor. Und innerhalb dieser Milisekunden hat man das Gefühl 1000 Gedanken zu haben. Ich bin froh darüber das euch nichts weiter passiert ist, und das irgendwer auf euch aufgepasst hat. Passt auf euch auf !!

  12. Lieben Dank Euch allen. Wir sind wieder heil nach Deutschland zurückgekehrt und auch die Ärzte sagen, dass alles soweit in Ordnung ist. Außer Prellungen und Verzerrungen bleibt nur der Schreck. Also Ihr Lieben, fahrt weiterhin safe! LG, Madlen & Lars

  13. Weihnachten zum nachlesen nutzen – da hattet ihr aber echt Glück, der Mietwagen sah ja ganz schön mitgenommen aus.

    Wie lief bei euch die Abwicklung mit der Mietwagen Firma ab?

    • Hallo Tina, zum Glück lief vor Ort alles sehr unkompliziert. Die Mietwagenfirma Thrifty hat unser Auto in der Wüste abgeschleppt, das hat zwar Stunden gedauert, aber wir sind in der Zwischenzeit „trampend“ weitergereist. Am späten Abend hatten wir vor unserem Hotel in Swakopmund einen neuen Wagen stehen. Da wir Vollkasko mit keiner Selbstbeteiligung versichert sind, kommen auf uns (hoffentlich) nur die Kosten für die Abschleppung zu. Aber das Prozedere danach ist natürlich zeitzehrend, da man sich das Geld wiederholen muss. LG, Madlen

  14. Puh….da habt ihr ja wirklich nochmal Glück gehabt. Man kann ja wirklich stundenlang auf Hilfe warten.
    So kann die Ruhe in Namibia auch zum Problem werden.

    Aber alles in allem hattet ihr ja einen wunderschönen Urlaub. Eure Fotos machen richtig Fernweh und ich würde am liebsten gleich wieder nach Namibia fliegen.

  15. Wow! Da stockt einem beim Lesen der Atem, was soll man schreiben?

    Ich freue mich sehr, dass am Ende alles gut gegangen ist!

    Getraut man sich fast nicht etwas weltliches zu fragen 😉
    Wie habt ihr den am Ende alles mit der Mietwagenfirma geregelt? Die haben das Auto abschleppen lassen? Ihr habt ein neues Fahrzeug erhalten. Für welche Kosten musstet ihr aufkommen? War alles geregelt? Also kein Problem?

    LG Daniel

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