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Ein Mosaikstein der Geschichte

Piazza Popolo

Seit einer Stunde sitze ich auf diesem Bahnhof irgendwo in der Poebene. Es ist Sonntag, die Sonne brennt und ich wünschte mich in ein Straßencafé, an das Meer oder in einen Park. Hauptsache Ankommen, einfach da sein! Warum müssen italienische Züge den Ruf von Unpünktlichkeit gerecht werden? Immer wieder rast ein Schnellzug durch den Bahnhof. Doch hier in Ferrara gibt es scheinbar keinen Grund, zu halten. Ohnehin gibt es von hier scheinbar nur zwei Ziele – Venedig und Bologna. Aus den stetig monotonen Ansagen höre ich immer wieder St. Lucia heraus. Mit einem langgezogenen tschschsch. Italienisch ist Musik und ich nehme mir in diesem Moment der Langeweile vor, Italien nach Melodien zu bereisen. Saint Lucia zählt mit Sicherheit dazu. Aber in diesem Moment will ich nur nach Ravenna, die Stadt, in der Dante seine letzte Ruhe fand. Doch den Anschlusszug habe ich verpasst. Eine weitere Stunde muss ich hier warten. Bänke sind auf diesem Bahnhof rar. Ich teile mir am Ende des Bahnsteigs eine Sitzgelegenheit mit einer Russin und einem zahnlosen Penner, der immer wieder die Bahnhofsansagen belustigt wiederholt. Attenzione! Es ist ein Slapstick, der dadurch unterbrochen wird, dass ich mein Handy aus der Tasche ziehe, um aus Zeitvertreib zu fotografieren. Ein älterer Italiener geht an mir vorbei und fragt mich auf Italienisch, ob er ein Foto von mir machen solle. Ich schaue ihn erstaunt an.

Piazza del Popolo

Piazza del Popolo

Mosaik in Ravenna

Mosaik in Ravenna

Mosaik-Rad in Ravenna

Mosaik-Rad in Ravenna

Bahnhof Ferrara

Bahnhof Ferrara

Ravenna ist inmitten vom Nirgendwo, gibt mir ein junger Bewohner am nächsten Tag zu verstehen. Ein schönes Nirgendwo, möchte ich gern hinzufügen. Denn in diesem Nirgendwo herrscht eine entspannte Gelassenheit. Klavierklänge dringen von dem Nachbarhaus in mein Zimmer, Vögel zwitschern, ein Hund bellt. Die engen Straßen der Innenstadt sind fest in der Hand von Radfahrern. Nicht nur Jung sondern vor allem auch Alt tritt hier noch in die Pedale.

Dass es in dieser mittelgroßen Stadt mit einer gewissen Randlage nicht immer so entspannt zuging, sagt ihre Geschichte. So war Ravenna im 5. Jahrhundert die Hauptresidenz der weströmischen Kaiser. In den folgenden Jahrzehnten residierten hier auch Odoaker und Theoderich der Große , denen Mausoleum man hier noch findet. Nach der Rückeroberung Italiens durch oströmische Truppen war Ravenna bis zur Einnahme durch die Langobarden Zentrum eines kaiserlichen Exarchats.

Ravenna war also einst der Nabel der Welt und nun ist es in Vergessenheit geraten? Das soll sich ändern, wenn Ravenna Europäische Kulturhauptstadt wird. Die Bewerbung für 2019 läuft und immerhin steht die Stadt in der Endrunde. Ende des Jahres fällt die Entscheidung.

San Vitale in Ravenna

San Vitale in Ravenna

San Vitale von Innen

San Vitale von Innen

Ravenna für Europäische Kulturhauptstadt

Ravenna für Europäische Kulturhauptstadt

In den Straßen von Ravenna

In den Straßen von Ravenna

Ravennas Anspruch auf Europäische Kulturhauptstadt kommt nicht von ungefähr. Denn überall schnuppert man hier Geschichte. Auch die UNESCO hat dies 1996 erkannt, als sie acht dieser frühchristlichen und byzantinischen Monumente in die Liste des Weltkulturerbes aufnahm:

  • San Vitale
  • Arian Baptistery
  • Neonian Baptistery
  • Sant’ Apollinare Nuovo
  • Sant’ Apollinare in Classe
  • Archiepiscopal Chapel
  • Mausoleum of Galla Placidia
  • Theoderichs Mausoleum

Nicht nur die Geschichte ist voller Kunst und Kultur sondern man spürt dies auch heute noch in jeder Pore, in jedem Steinchen dieser Stadt. Der Stolz auf die einstige Mosaikkunst lebt weiter. So findet man nicht umsonst Schulen, die sich auf Mosaikkunst spezialisiert haben und schon Kinder im frühen Alter an dieses Kunsthandwerk heranführen. Oder auch Museen wie das TAMO oder MAR bieten schon den Jüngsten der Stadt Workshops rundum das Thema Mosaik und Malerei, die die spielerische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und Kultur fördern. Das TAMO gibt zudem einen Einblick in die Mosaikkunst und wie unterschiedlich diese gelebt wurde. Im MAR läuft hingegen neben den zwei Dauerausstellungen noch bis zum Juni 2014 eine Ausstellung, die sich mit dem Thema Fresken und den Freilegungs- bzw. Transporttechniken von Fresken vornehmlich im 18. Jahrhundert auseinandersetzt. Dass man bis ins 18. Jahrhundert ein Stück der Wand herausschnitt, wenn man beispielsweise umzog und sein Freskenbild mitnehmen wollte, wusste ich nicht. Stacco a massello nannte man diese Technik, die vom Strappo, eine Art Abziehen des Bildes auf Leinwand, abgelöst wurde.

Giardini Pensili

Giardini Pensili

Mausoleum Dante

Mausoleum Dante

Rocca Brancaleone

Rocca Brancaleone

Domus dei Tappeti di Pietra

Domus dei Tappeti di Pietra

In Ravenna fasziniert mich nicht nur die Kunst sondern auch die Einbindung der alten romanischen Kirchen in das zivile Leben der Stadt. Schnell ist mal aus einer einstigen Kirche ein Max Mara-Shop entstanden oder an anderer Stelle ein Theater oder ein Museum. Das alte Gemäuer lebt und ist nicht nur zum Bestaunen da, ganz nach meinem Geschmack. Die Stadt hat auch eine Menge „Hidden Places“ zu bieten – eben unentdeckte Schätze wie z.B.

  • freigelegte Mosaikkunst im privaten Gebrauch der frühbyzantinischen Villa aus dem 6. Jahrhundert Domus Dei Tappeti di Pieta zu bestaunen oder
  • in den Gärten von Palazzo Rasponi (Giardini pensili di Palazzo Rasponi) streunen oder
  • im Rasponi Garten (Garten der vergessenen Kräuter) entspannen oder
  • im Garten der Festung Rocca Brancaleone den Vögeln lauschen oder
  • am Mittwoch und Samstag über dem Wochenmarkt hinter dem Stadion schlendern, so lange die Markthalle in der Innenstadt restauriert wird.

Marina di Ravenna

Marina di Ravenna

Punta Marina

Punta Marina

Strasse in Ravenna

Strasse in Ravenna

Strasse in Ravenna

Strasse in Ravenna

Dass Ravenna einst eine Lagunenstadt war, ist heute fast unvorstellbar. 7 km liegt das Stadtzentrum von der Adria-Küste entfernt, eine Folge der Austrocknung.

Straßen tragen noch stolz ein „Ponte“ (Brücke) in ihren Namen und deuten auf die einstigen Marine-Zeiten hin. Um eine Auszeit von Kultur zu nehmen, lohnt ein Ausflug an die Küste. Ein Radweg verbindet das Küstendorf Marina di Ravenna mit der Stadt. Besonders im Frühling ruht der Strand noch. Vereinzelte Paare malen Herzchen in den Sand, Rentner spielen Beachball und einzelne Touristen schauen sehnsüchtig auf’s Meer oder lesen.

Godo, Russa, Lugo… kleine Orte ziehen auf meinem Rückweg nach Bologna an mir vorbei, während ich die Sonne durch das Zugfenster im Rücken spüre. Ich lasse einen kleinen Marmorstein eines Mosaiks zurück, der im besonderen Morgenlicht schimmert und darauf wartet, entdeckt zu werden.

The mosaic can help restore order, clarity, purity and even a sense of reality to art: something the modern world with all its contradictions is no longer able to do. (Gino Severini)

Ich wurde von Ravenna im Rahmen von #DiRavenna eingeladen. Alle Ansichten sind meine eigenen. 

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