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Oh Napo

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„Oh, Napo!“ – fast jeder Ecuadorianer haucht sehnsüchtig und ehrerbietend dieses Wort aus. Dieses Wort, das wir nicht müde sind, zu wiederholen, wenn wir nach unserem nächsten Reiseziel gefragt werden. Was für ausländische Touristen Galapagos ist, ist für Mitarbeiter im ecuadorianischen Tourismus das weltbekannte Stück Amazonien.

Das Napo Wildlife Center, das wir besuchen, gehört zum Nationalpark Yasuni, der häufiger auch durch die deutschen Medien ging. Es geht um Erdöl, es geht um den Freikauf dieses Stücks Urwald durch die Wirtschaftsmächte, um das Ökosystem zu erhalten. Ölförderung gegen Umwelterhalt stehen sich hier gegenüber.

Abfahrt in Coca

Abfahrt in Coca

Es ist aber auch das Stück Urwald, das ich bereits vor 15 Jahren auf meiner Reise aufsuchen wollte. Damals wurden wir gewarnt und entschieden uns für das harmlosere Misahualli. Coca, das Drehkreuz des Amazonas-Tourismus, galt als dreckige „Spieler- und Goldgräberstadt“, in der zwei junge deutsche Mädels wie wir schlechte Erfahrungen machen könnten. Umso verwunderter bin ich, als wir nun durch Coca fahren. Es ist wie überall in Urwaldstädten – sie sind nicht schön, aber dennoch auch nicht so bedrohlich wie ihr Ruf, der ihnen anhaftet. Auf den Straßen herrscht ganz normales Leben. Ein Leben an zwei Flüssen: Napo und Coca – der Namensgeber der Stadt, die eigentlich nach dem Entdecker des Rio Amazonas Francisco de Orellana benannt ist.

Alte Zeiten

Alte Zeiten

Der Hafen ist um die Mittagszeit nicht wirklich geschäftig. Nur ein paar Reisegruppen warten müde und erschlagen auf ihre Abfahrt. Auch wir werden den Rio Napo flussabwärts fahren – zwei Stunden im motorisierten Boot, zwei weitere Stunden in einer unmotorisierten Lancha. Es sind die Momente des Reisens, die mich immer wieder in Glücksgefühle versetzen. Vier Stunden zieht der Urwald an den Ufern des Napo und seinen Nebenflüssen an mir vorbei. Vier Stunden erscheint eine Dia-Show mit Bildern aus Brasilien, Kolumbien, Venezuela, Peru, die sich als Negativ anbietet. Wie war es auf dem Amazonas, wie auf dem Orinoco, wie auf dem Rio Negro?

Mit Schnellboot auf dem Rio Napo

Mit Schnellboot auf dem Rio Napo

Ich atme tief die gut gefilterte Luft ein, die sich mit der Feuchtigkeit des Wassers mischt. 99 % Luftfeuchtigkeit erwarten uns weiter flussabwärts, kündigt unser Guide Guido an. Mein T-Shirt ist längst durchnässt. Ich weiß ziemlich genau, was mich erwartet. Da höre ich hinter mir ein deutsches Mädchen fragen: „Gibt es hier Krokodile?“ Natürlich gibt es nur Kaimane. Doch das will sie nicht beruhigen. „Und Schlangen?“, fragt sie eingeschüchtert unseren Guide. Ja, die gibt es auch. Sie kreischt und zedert ein wenig vor sich hin. Wir beruhigen sie und sagen, dass man Schlangen viel seltener antrifft, als Spinnen. Und haben sofort den nächsten wunden Punkt getroffen. „Spinnen! Ich habe Angst!“ Sie wolle keine „Kataramane“ sehen. Wir überlegen kurz, ob sie nun Kormorane oder Kaimane meint, entscheiden uns aber für Letztere. Sie wird sie noch sehen, da sind wir uns sicher. Etwas amüsiert lausche ich ihren Panikattacken und finde es schade, dass man dieses Gefühl der Spannung nur einmal erlebt. Dieses Gefühl des ersten Mals. Ich weiß ziemlich sicher, dass hier nichts mehr meinem ersten Mal gleicht. Und dennoch ist es ein wohliges Gefühl des Heimkehrens – in die Mutter Natur.

Am Ufer des Rio Napo

Am Ufer des Rio Napo

Sandbänke blitzen an den Ufern frisch poliert und aufgeschüttet aus den Sedimenten der Anden. Der Napo ist ein Weißgewässer, das im Hochgebirge entspringt. Ein saftiges Grün zieht sich wie ein Gürtel um den Horizont. Immer wieder weichen wir vor Treibgut und seichten Stellen im Zick-Zack-Kurs aus. Napo ist hier schon größer als jeder europäische Strom. Wir fahren direkt auf die grüne Wand zu, aus der es zirpt. Kein Weg, der hier hinein führt, zu dicht ist das Blattwerk, um sich augenscheinlich einen Weg zu bahnen.

Erdölanlagen am Rio Napo

Erdölanlagen am Rio Napo

Und dann sind da doch die Lücken, aus denen Erdölförderungsanlagen hervorluken, aus einer flackert eine Flamme. Kleine Schnellboote sausen an uns vorbei – Arbeiter der Erdölfirmen, meint Guido. Der Urwald gehört erst nach zwei Stunden flussabwärts ganz uns, als wir beim Añangu Interpretation Center auf Ivan, unseren Bootsmann und Patricio, unseren Local Guide treffen, die uns gemeinsam mit Guido weitere zwei Stunden auf einem kleinen Fluss namens Añangu Creek entlangpaddeln.

Auf dem Añangu Creek

Auf dem Añangu Creek

Gesänge der Zikaden, Affen und Kröten vermischen sich. Die dichte grüne Wand lässt kein Sonnenlicht mehr durchschimmern. Der Fluss ist nur zwei, drei Meter breit. Ich gebe mich ganz dem Plätschern des Wassers hin, als es über uns plötzlich raschelt. Wuschelige Wollaffen und kleine Weiße Kapuzineräffchen springen in den Ästen über unseren Köpfen hinweg. Eine Mama balanciert ihr Kleines über den Ast, während das Männchen zur Verteidigung seines Reviers uriniert. Es ist ein rascheliges Treiben, dem wir einige Zeit beiwohnen. Und immer wieder taucht auf einem anderen Ast ein neuer Affe auf. Als wir ein Stück weiter paddeln, entdeckt das Mädchen hinter mir zwar keinen gefürchteten Kaiman, dafür aber einen Flying Monkey im Geäst. Dieser Affe sieht irgendwie asiatisch aus, wenn man die Tierwelt in Kontinente einteilen sollte. Immer wieder begleiten uns große Blue Morphin Schmetterlinge. Und plötzlich schauen uns doch zwei Augen aus dem Wasser an. Das Tier sieht aus wie ein Kaiman – ist aber eine Kaimanechse, die weniger Angsteinflößend erscheint. Noch einmal Glück gehabt, höre ich das Mädchen raunen.

Hoatzin

Hoatzin

Schlange

Schlange

Kaimanechse

Kaimanechse

Wollaffe

Wollaffe

Nach vierstündiger Bootstour öffnet sich am Horizont der Himmel und das Wasser ergießt sich in die volle Breite des Horizonts. Der grüne Gürtel der Natur weitet sich, umschmeichelt locker den Añangu See. Am gegenüberliegenden Ufer erblicken wir das Bild zum Wort, das allen Ecuadorianern einen sehnsüchtigen Seufzer abverlangte. Ein kurzes Schweigen liegt über unserem Boot, als wir am Steg des Napo Wildlife Centers anlegen. Einen Moment lausche ich und höre ein freudiges Raunen: „Ach Napo!“

Napo Wildlife Center Lodge

Napo Wildlife Center Lodge

Wir wurden vom Napo Wildlife Center eingeladen. Alle Ansichten sind meine eigenen.

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4 Kommentare

  1. Oh das sieht ja auch nett aus :) Das muss ich mir auf jeden Fall alles merken, denn nach meiner Zeit auf Galapagos hab ich noch ca. 2 Wochen Zeit, um das Festland zu erkunden, also falls du etwas besonders empfehlen würdest, immer her mit den Tipps :)

    • Urwaldgegenden empfehle ich immer gern 😉 Und Napo lohnt sich wirklich. Habe glaube ich noch nie so viele Tiere in einem Urwald auch sehen können wie hier. Ansonsten wenn Du Berge magst ist die Vulkanstraße auch was. Habe heute meinen zweiten Berg hier bestiegen und das ist ein gutes Gefühl. Aber man muss es mögen 😉 LG, Madlen

  2. Sehr schöner Artikel! Die Szenerie erinnert mich ein bisschen an Costa Rica. Aber wahrscheinlich ist es dort noch viel urtümlicher. Danke für den interessanten Einblick! Liebe Grüße, Beatrice

    • Danke liebe Beatrice. In Costa Rica war ich leider nicht wirklich im Urwald. Aber da es sich hier um eine viel größere Region handelt – eben Amazonien – findet man noch eher abgeschiedene Stück oder zumindest das Gefühl von Abgeschiedenheit. LG, Madlen

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