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Swakopmund und das Rauschen des Meeres

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„Dieses Gebäude war mal ein deutsches Hotel.“ Seit 20 Minuten sitze ich nun im Flur dieser Arztpraxis. Plötzlich spricht mich eine junge Dame auf Englisch an und erzählt mir etwas über die Geschichte dieses Hauses. Etwas peinlich berührt ist sie schon, als sie aus meiner Antwort erkennt, dass ich Deutsche bin. Deutsch lernen sie in der Schule, aber so richtig praktizieren tut sie es nicht, anders als viele hier in dieser Ex-Kolonie, entschuldigt sie sich und versucht sich in ein paar deutschen Sätzen. Ich glaube, ihre Erleichterung zu spüren, als ich ihr sage, wie seltsam ich es ohnehin empfinde, so viel deutsche Geschichte in Afrika zu finden.

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Als sei das Eis gebrochen, fragt sie mich neugierig „Ist das beim Quadfahren passiert?“ und zeigt auf meinen Arm. „Weshalb?“ erwidere ich. „Na Quad- und Sandboarding-Unfälle sind doch irgendwie immer der Grund, wenn sich Touristen in diese Arztpraxis verirren anstatt den Tag am Meer zu verbringen.“ Sie hat Recht, ich wäre jetzt gern in den Dünen mit Board unterwegs, habe mich seit Wochen darauf gefreut. Und dann kam der Autounfall, jetzt ist alles anders. Fahre von der Polizeistation zum Krankenhaus zur Arztpraxis – sitze Stunden ab, die ich in die Schublade vergeudete Lebenszeit einordne, um mir im nächsten Moment bewusst zu werden, das die vergeudete Zeit doch besser ist als gar keine Lebenszeit.

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Swakopmund ist etwas dazwischen – zwischen todunglücklicher Trübseligkeit und lebensschreiendem Glücksgefühl. Swakopmund ist ein Dämmerzustand, ist ein Moment des Innehaltens. Wenn sich der kalte Nebel morgens über den Strand legt, ist es genau der Zustand, den ich in meinem Körper spüre. Die Sonne ist noch nicht kräftig genug, die Luft zu erwärmen. Wenn ich wieder in den Straßen Swakopmunds ganz laut aufschreie, weil mein Bein nicht will und mein Arm bei jedem Fotografierversuch schmerzt, erfüllt mich ein Stück Demut, den Unfall so glimpflich überstanden zu haben. Dann ist da noch die Lähmung, sind die vielen Stunden des trübseligen auf den Boden Starrens auf irgendwelchen Café-Terrassen in der Daniel Tjongarero Ave.

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Und dann reiße ich mich zusammen, laufe durch die Straßen, folge den Spuren der deutschen Geschichte. Da eine Bäckerei mit Brötchen, dort eine Klempnerei und da drüben wiederum ein Kindergarten.

Ein bisschen Bayern, ein bisschen westdeutsche Großstadt der 60er Jahre gepaart mit etwas Maritimem. Ich spüre den Hauch der Seeluft auf der Dachterrasse unseres Hotels Zum Kaiser, das natürlich als Innendeko bevorzugt Motive aus dem deutschen Kaiserreich zeigt. Gleich hinter unserem Hotel an der Strandpromenade zieren Marktbuden die Straße. Glühwein, Bratwurst und Lebkuchen sind hier auch im Programm, während „Leise rieselt der Schnee“ unseren Spaziergang auf der Tonspurt begleitet, es könnte Deutschland sein, nur auf den Schnee müsste man hier ewig warten.

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Hinter der Mole legen kleine Fischerboote an, die einzigen Gefährten, die von Swakopmund in See stechen. Ausflugsboote hingegen muss man von Walvis Bay nehmen, wieder eine Hürde für mich und meinen Arm. Ein paar Kinder planschen am Strand hinter der Mole im Wasser. Mir ist das Wasser mit 15-16 Grad zu kalt. Wir schlagen die südliche Richtung ein Richtung Tiger Reef. Hier hängt man lässig ab und schaut auf’s Meer mit einem kühlen Drink in der Hand. Dahinter liegt eine Lagune an der Swakopmündung. Flamingos, Pelikane und Kormorane sind hier zuhause.

Hinter der Lagune liegt die Straße nach Walvis Bay und dahinter türmen sich funkelnde Dünen auf, die einen Kontrast zu den rauen Atlantikwellen bieten. Nach einem kleinen Spaziergang erreichen wir die surreale Dünenlandschaft. Oben angekommen schauen wir auf ein riesiges, gewelltes Sandfeld, durch das sich kleine Punkte mit Sandboard oder Quad bewegen. Ich setze mich nieder – wehmütig schaue ich über den Wüstensand, und dann hinüber zur Stadt. Wie ein Stück Deutschland mitten in Afrika wirkt dieser Ort nicht weniger deplatziert wie ich mich in diesem Moment hier fühle.

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Vielleicht haben Swakopmund und ich doch etwas gemein, die Leere und die unersättliche Fülle – je nach Zustand, je nach Jahreszeit. Und gerade? Ist Swakopmund irgend etwas dazwischen, nicht ruhig, nicht laut – ein Wellenrauschen.

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Mehr zu unserer Reise erfahrt Ihr unter Namibia und zu Swakopmund unter Reisetipps

Wir wurden von Condor und Taleni Africa unterstützt. Alle Ansichten sind unsere eigenen.

1 Kommentare

  1. Hallo Madlen,
    ihr habt echt Schwein gehabt, ich hoffe der Unfall hängt euch nicht zu sehr nach!
    Ich hatte übrigens in Swakopmund auch den anscheinend klassischen Quad-Bike Unfall. Die fetzen aber auch wie wahnsinnig durch die Dünen und man bekommt null Einweisung. Mich hat es dann prompt überschlagen. Zum Glück ist alles glimpflich ausgegangen.

    Grüße
    Eva

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