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Was machen eigentlich Reiher so? Gedanken in einer Mittsommernacht

Kakeldütt

Zugegeben, das war ne ziemlich intensive und nette Woche. Der Sommer ist da und das nicht nur kalendarisch. Der Sommer war wirklich da, plötzlich mit voller Wucht. Und nach Feierabend hieß es dann, die Zeit voll zu nutzen. Und dabei gewann ich so einige neue Erkenntnisse.

Am heißen Montagabend zum Beispiel lernte ich, dass einer meiner Lieblingsregisseure mit dem wunderbaren Ösi-Humor auch schlechte Filme ohne überhaupt einen Humor dreht. Am noch heißeren Dienstagabend während ganz Berlin zum Portisheadkonzert nach Spandau tingelte hüpfte ich mit Häschenkostüm durch eine Altbauwohnung im Prenzlauer Berg. Babysitten bei über 30 Grad macht besonders mit Kostümierung Spaß. Irgendwann wird man etwas gaga. Am Mittwoch, dem heißesten Abend, ging es mit Freunden auf dem Wannsee segeln. Die Freunde verlassen uns bald auf eine Weltreise im Segelboot und hinterlassen meinem Freund gemeinsam mit einem anderen Freund das kleine Segelboot. Wie es ist, ein Segelboot ohne Segelschein zu besitzen, das ist eine andere Geschichte. Der Segelschein ist dann auf dem Plan für 2014. Es war eine  laue Nacht und wunderschön, vom Boot aus in das Wasser zu springen während die Sonne unterging. Und als wir alle wieder im Boot beim Abendbrot saßen, beobachteten wir eine zehnköpfige Wildschweinfamilie in aller Ruhe den Strandweg entlangschlendern. Auch Wildschweine genießen die sommerliche Nacht. Am Donnerstag, nun ja, da war dann doch endlich Erfrischung angesagt, und bis die drohende Kulisse sich endlich über Berlin legte, konnte ich noch einmal in den knallvollen Weißen See springen. Pünktlich zum Showdown war ich wieder auf dem heimischen Balkon. Und dann, dann war der Sommer plötzlich da, auch oder gerade kalendarisch. Mit Blitz und Donner gab er seinen Einstand mit Trompeten und Pauken. Es war Freitag, Mitsommer und den feiert man nicht nur im hohen Norden in voller Länge. Seit Jahren besuchte ich mal wieder bewusst die Fete de la Musique, denn für zwei Bands hätte ich sogar Geld ausgegeben. Und so feierte ich in meinem alten Kiez mit mit nostalgischen Gefühlen zu Schlachthofbronx und Buraka Som Sistema in die Sommersonnenwende. Wehmut kam nicht nur bezüglich meines ehemaligen Wohnorts auf sondern auch bei der vorherrschenden Altersstruktur. Oh je, hier bin ich ja wirklich alt! Und als da nun endlich Modeselektor, das Highlight des Abends, die Bühne betrat, ja da lief ich wohl wieder einmal gegen den Strom. Denn es rief Mecklenburg und somit meine zweite Wahlheimat.

  

Die Autofahrt durch Brandenburg war kürzer als sonst und gleichzeitig intensiver. Die Musik tönte noch nach. Der Vollmond stand über der Landstraße und erfüllte alles mit einer Mystik, die sich nicht auf Instagram einfingen ließ. Es schauderte so, dass ich nur noch auf den Werwolf wartete. Der kam dann nicht aus dem Gebüsch gesprungen, wohl aber das erste Reh. Einfach so stand es auf der Straße und starrte uns an, als sei es das normalste der Welt, dass es hier auf der Landstraße graste. Die Geschwindigkeit wurde gedrosselt und dennoch wieder ein kleiner Schock als nur wenige Minuten später das nächste Reh unsere Straße überquerte. Das ging noch drei weitere Male so, bis wir endlich in unserem Häuschen in Meck-Pom ankamen.

Und plötzlich war Stille – voll und ganz. Wir sind angekommen in der Natur, 130 km nördlich der Hauptstadt, befindet sich unsere kleine Idylle Kakeldütt. Vollkommen ruhig an der Grenze des Müritz Nationalparks liegt dieser illustre klingende Ort. Wären da nicht, ja wären da nicht die Reiher, vor denen uns schon unser Vorbesitzer warnte.

  

Als wir damals im Tiefschnee das Grundstück besichtigten, schwärmte er von der Natur und der einsamen Idylle. Nur die Reiher im Nachbarwäldchen, ja die wären manchmal sehr laut. Wir schauten uns an und meinten, Reiher seien doch supertoll. Natur, Nationalpark, darauf stehen wir total. Es kann uns nicht „naturig“ genug sein. Zum Beweis zückten wir unsere gesamte Vogelkollektion auf dem Handydisplay, die wir auf zahlreichen Fernreisen geschossen hatten. Unser Vorbesitzer war wahrlich beeindruckt. Amazonas, man, das ist ja was ganz tolles und so zählte er gleich eine Armada an Vogelnamen auf. Amazonas, da müsse er auch mal hin. Stattdessen hat dieser Vogelnarr eine Vogelvoliere in seinem Garten. Das ist ein bisschen Miniamazonas im heimischen Grün. Die Diskussion ließ erahnen, hier sprechen Großstädter, die von Reihern so gar keinen Plan haben. So langsam verstehe ich jedoch in dieser Vollmondnacht, weshalb er uns vor den Reihern warnte. Ich wälze mich hin und her, werde immer wieder vom lauten Kreischen direkt vor unserem Haus aus dem Schlaf gerissen. Und plötzlich… frage ich mich, was machen denn eigentlich Reiher so? Schlafen tun sie auf jeden Fall nicht um 1 Uhr nachts.

 

In Kakeldütt geht das Internet nur schleppend und so träume ich mit Blick auf den Vollmond über der Waldsilhouette vor mich hin.

Aha, da haben wir es doch, „Strichvögel“ Sind auf jeden Fall nachts aktiv.

  • „Die Bezeichnungen Tag- und Nachtreiher sind nicht immer treffend gewählt. Es gibt fast keine Reiherart, die ausschließlich tag- oder nachtaktiv ist.“
  • „Die meisten Reiher brüten in Kolonien.“
  • „Die Nester befinden sich entweder in Bäumen oder im Röhricht.“
  • „Bei vielen Arten werden die Nester alljährlich erweitert, wodurch sie gewaltige Ausdehnungen erreichen können – etwa 1,5 m beim Baumnest des Graureihers. Das Gelege der Reiher besteht aus ein bis zehn Eiern.“
  • „Das älteste Junge eines Geleges hat somit einen Wachstumsvorsprung; bei der Fütterung durch die Elternvögel versucht es, die jüngeren Geschwister von der Nahrung zu verdrängen. Dadurch kommt es oft vor, dass die jüngsten Geschwister verhungern, oder aber durch Aggressionen mit Schnabelhieben zu Tode kommen.“

Ich kombiniere, entweder gehen die Reiher im Nachbarwald nachtaktiv auf den Strich oder die älteren Geschwister hacken gerade sehr aggressiv auf die jüngeren ein. Genauer will ich es gar nicht wissen, dazu bin ich inzwischen auch viel zu müde. Ich melde mich wohl einmal zu einer Vogeltour an, um mir das von Profis erzählen zu lassen.

Und dann, ich will den Rechner schon zuklappen, stolpere ich noch über die Ankündigung, dass an diesem Wochenende der „Supervollmond“ sein wird. Bingo, hat vielleicht der Supermond jetzt schon die Reiher außer Rand und Band gebracht?

„Bis zu 14 Prozent größer und 30 Prozent heller könnte der Vollmond laut Angaben der Weltraumbehörde „Nasa“ an diesem Wochenende strahlen. Am 23. Juni 2013 wird der Mond zum „Supermond“. Dann erreicht unser Trabant seinen erdnächsten Punkt für dieses Jahr und leuchtet besonders hell und groß am Himmel.“ Bei dieser Konstellation seien Unglücke auch nicht weit.

Und am nächsten Tag beim örtlichen Anglerfest dreht sich das Schwein am Spieß, es läuft Rhythm of Babylon und die Welt ist wieder ganz normal in Kakeldütt.

Grüße aus Kakeldütt!

#grussauskakeldütt

Autor: Madlen Brückner
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2 Kommentare

  1. Mich erinnert Kakeldütt immer ein bisschen an Bullerbü. und irgendwie ist es auch gerade mein kleines Bullerbü. Aber ich habe mir von Norddeutschen sagen lassen, dass man Kakeldütt wie folgt interpretieren kann: „kakeln“ ist „gackern“ oder „tratschen“, und „dütterig“ ist „dumm. Fassen wir zusammen, es könnte etwas mit Dummschwätzer zu tun haben, aber das ist nur eine Vermutung.

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