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Chile, das Land auf einem Pulverfass

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Ich hätte es wissen müssen,  denn mein chilenischer Freund hatte es mir schon vorher gesagt. Eine Woche bevor ich nun endlich seine Heimat kennenlernen sollte, meinte er, dass in Santiago gerade die Erde bebe. Chile, das Land auf einem Pulverfass. Ich bin schon oft in Ländern herumgereist, in denen die Möglichkeit bestand, dass die Erde beben oder ein Vulkan ausbrechen könnte, aber ich hatte noch nie hautnah ein derartiges Erlebnis vor Augen.

Die Erde lebt, sie bewegt sich, sie brodelt. Aber, wenn man in Deutschland lebt, könnte man manchmal denken, sie steht still. In Chile wurde ich eines Besseren belehrt. Es begann im Reserva Nacional Malalcahuello-Nalcas. Das Ziel unserer Wanderung sollte der Crater Navidad sein. Wir stapften durch Asche und erkaltete Lava. Auf einmal eröffnete sich uns ein Blick auf einen gewaltigen, kilometerlangen und sehr breiten erkalteten Lavastrom, der sich mit aller Gewalt durch die Landschaft walzte, als der Crater Navidad im Jahr 1988 zum letzten Mal Feuer spie. Alles Leben schob er davon, alle Bäume, alle Pflanzen, alles. Nichts blieb übrig. Ich blieb wie eine Salzsäule erstarrt stehen. Diese Faszination steigerte sich noch, als wir den Nationalpark durchfuhren, immer entlang des Lavastromes, der sich neben uns auftürmte und oftmals keinen Blick darüber zuließ.

Cráter Navidad

Cráter Navidad

Volcan Llaima

Volcan Llaima

Diese Faszination wurde durch ein beängstigendes Gefühl abgelöst, als wir direkt am Krater ankamen. Der Krater an sich schien zu ruhen, aber als wir weiter herumliefen, dampfte es überall aus dem Boden, egal, wohin unser Blick fiel. Weit und breit keine andere Menschenseele. Ein mulmiges Gefühl überfiel uns beide gleichzeitig.

Ein weiteres Mal beeindruckten uns die gewaltigen Lavaströme im Parque Nacional Conguillio, vor allem im Angesicht dessen, dass wir uns auf dem Gebiet des aktivsten Vulkans Chiles, des Volcán Llaima, befanden. Er brach letztmalig 2008 aus. Die Landschaft erinnert an eine Mondlandschaft. Wir fühlten uns tatsächlich wie auf einem anderen Planeten oder wie in eine andere Zeit zurückversetzt. Das dachte wohl auch Hollywood, als Teile von Jurassic Park hier gedreht wurden. Ein Gefühl von Machtlosigkeit im Angesicht dieser Naturgewalt überkam mich erneut.

Terremoto y Tsunami

Terremoto y Tsunami

Tsunami Hazard Zone

Tsunami Hazard Zone

Was mich bisher jedoch nur in meiner Vorstellung beschäftigte, sollte ein paar Tage später Wirklichkeit werden. Zum ersten Mal kam ich in Kontakt mit einem kleinen Beben – hier temblor genannt – als ich auf Toilette auf der Insel Chiloé saß. Ich dachte, ein Schwerlast-transporter wäre vorbeigefahren, aber am Frühstückstisch erfuhr ich von meinem Freund, dass es sich um ein leichtes Beben gehandelt haben muß. Mehrfach hintereinander kam ich mit den temblores in Arica, im äußersten Norden Chiles, in Kontakt. Ich wusste vorher schon, dass es in Iquique, 4h entfernt von Arica, derzeit jeden Tag mehrfach bebt und die Chilenen dies als sehr ungewöhnlich empfinden. Als mir mein Freund aber sagte, dass es Vorboten eines großen Bebens sein könnten, beängstigte mich das schon etwas, zumal der Norden seit Langem verschont blieb. Außerdem gab er einer Ahnungslosen Instruktionen, wie sie sich verhalten soll, falls ein Beben eintritt. Dies beruhigte mich erst recht nicht, zumal ich mich am Meer befand und mir überall die Tsunami-Evakuierungsschilder die Gefahr eines zusätzlichen Tsunamis ins Gedächtnis riefen.

ruine in der wueste

Ich gewöhnte mich langsam an die täglichen leichten Beben, als ich im Bett lag, im Zimmer stand, auf der Bank saß… Es fühlt sich an, als würde man auf Wackelpudding stehen, liegen oder sitzen. Es wabbelt und schwabbelt unter einem, und man kann nichts dagegen tun. Am sonderbarsten empfand ich das Gefühl, dass der Boden unter mir wackelte, als ich am Strand lag. Der Sandboden schien sich unter mir hin- und herzuschieben. Instinktiv schaute ich zum Meer. Wie war das damals noch einmal in Thailand? Das Meer zog sich zurück? Nichts geschah, das Meer blieb unbeeindruckt von der Erschütterung. Ein seltsames Gefühl blieb trotzdem in mir.

Iquique

Iquique

Iquique

Iquique

Als ich nach Iquique fuhr, dem Ort der vielen temblores, versuchte ich mir ins Gedächtnis zu rufen, wie stoisch alle Chilenen mit den temblores hier im Norden umgehen. Komischerweise blieb es während meines Aufenthaltes in dieser quirligen Surfer und Skaterstadt ruhig. Erst als ich abgereist war, bebte die Erde wieder. Sie tat mir offenbar einen Gefallen. Kurz vor meiner Abreise las ich in einer Zeitung, dass sich das Rote Kreuz, die Feuerwehr und andere Organisationen auf ein mögliches starkes Erdbeben vorbereiten. Wer weiß, vielleicht kommt es morgen, vielleicht in 30 Jahren. Aber dass es kommen wird, ist sicher. Die Erde steht eben nicht still, sie bewegt sich. Das dachte ich vor 4 Tagen. Gerade sitze ich in meiner Unterkunft in der Küstenstadt La Serena und erfahre, dass es in Iquique tatsächlich stark bebte, und zwar schneller als erwartet. Stärke 8,2 auf der Richterskala. Tsunamiwarnung, wir sollen am besten nicht unsere Unterkunft verlassen. Glücklicherweise liegt diese nicht direkt am Meer, ansonsten würde ich jetzt bis tief in die Nacht evakuiert werden. Ich sitze dennoch auf gepacktem Rucksack. Man weiß ja nie. Mich durchläuft ein eiskalter Schauer. Vor genau vier Tagen hielt ich mich selbst noch in Iquique auf. Unfassbar. Ich bin so froh, dass ich jetzt dort nicht dieses starke Erdbeben erleben musste. Da die Chilenen sehr gut auf solche Ereignisse vorbereitet sind, wurde nicht viel zerstört, und nur sechs Menschen kamen zu Tode. In anderen Gegenden der Welt lag schon bei weitaus geringeren Erdbeben alles in Schutt und Asche.

Atacamawüste

Atacamawüste

Atacamawüste

Atacamawüste

Und nochmals hatte ich Glück. Der angekündigte große Tsunami blieb aus. Die Erdbeben ließen mich jedoch nicht in Ruhe. Zum Abschied wachte ich in Pisco Elqui um 7 Uhr morgens durch Geräusche auf. Meine cabaña knackte und knarzte überall. Auf einmal wackelte mein Bett. Das sollte wohl ein letzter Abschiedsgruß der Erde an mich sein – hier in Chile. Es bleibt für mich in Erinnerung als Land, das nicht still steht.

Atacamawüste

3 Kommentare

  1. Sehr schön beschrieben. Ich konnte richtig mitfühlen und hab die ganze Zeit nur gehofft, dass dir nichts passiert ist. Was für ein Gefühl das sein muss…

    • Ninette sagt

      Dankeschön. Ich hatte Glück, in einem anderen Land wäre dies bestimmt anders ausgegangen. Aber da es in Chile jeden Tag irgendwo immer temblores gibt, ist man dort sehr gut vorbereitet. Dennoch empfand ich bei jeder Erschütterung ein seltsames und mulmiges Gefühl.

  2. Hallo!

    Das kann man sich als Deutscher/Österreicher gar nicht so richtig vorstellen, wie es wäre, ständig mit der Angst eines möglichen Erdbebens zu leben. Natürlich werden wir manchmal auch mit – im Vergleich dazu – eher kleineren Umweltkatastrophen wie Hochwasser oder Lawinen konfrontiert. Aber diese sind bei uns auch eher die Ausnahme als die Regel.
    Ein Land, dass immer in Bewegung ist. Irgendwie eine schöne, spannende Bezeichnung, die Lust auf eine Reise macht.
    Auch wenn es möglicherweise schon ein bisschen gefährlich werden kann, aber in fast jedem Reisenden steckt ja auch ein kleiner Abenteurer. Vor allem der Besuch des Vulkans würde mich reizen, sowas habe ich noch nie gesehen…

    Danke für deinen Reisebericht!
    LG, Hannah

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