Allgemein, maddyswelt, Momentaufnahmen
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2020. Fragmente der Pandemie. Bebilderte Gedanken.

Sep-Strausi

Der Lichtschein des Monds schiebt sich durch die Lücke des Vorhangs, und wirft Schatten auf das hellbraune Laminat. Durch die geöffnete Balkontür tönt der Balzruf der Nachtigall. Es ist Mitternacht, als der Vollmond die Großstadt erleuchtet. Obwohl ich an einer der Hauptverkehrsadern wohne, erinnert nur die Silhouette der gegenüberliegenden Plattenbauten, die hinter den feinen Ästen der… durchscheint, an Berlin. Lärm und Trubel werden aufgefressen von der Natur. Dieser Moment reiht sich in unzählige Bilder ein, die meine Fotostrecke „Stillstand“ im Kopf nähren. 7 Wochen, in denen mein Kopf nicht still stand und durch mangelnden Input auch keinen Output erzeugte. Geistig gelähmt, obwohl Extremzustände Gedanken zum Fliegen bringen. Doch landen wollen sie nicht sicher auf Papier. Ich wehre mich gegen alles, was erzwungen ist. Abschalten kann ich nur durch Bewegung, das ist mein Elixier. Einschalten will ich nicht. Dieser Film, der viele Facetten der Interpretation zulässt – ob Endzeitstimmung oder Hoffnungsschimmer auf eine bessere Welt – will zu nichts in mir passen. Berlin, 6. Mai 2020

Juni-Tegel

Da ist dieser Blick aus dem Fenster am 30. März, als in der Mittagszeit das erste Mal in diesem Winter Schneeflocken über den leeren Straßen tanzten – ein Mädchen mit pinken Schirm in der Hand auf dem leergefegten Strausberger Platz Ihr Handy nach oben richtete und ich meins griff und auf sie draufhielt. Frozen. Ein Gefühl, das sich Raum schuf und die Sequenz eines kurzen Films gleich mit. Ein anderer Moment. Ende April. Vermummt. Ich betrete einen Edeka. Greife das Tuch, desinfiziere den Griff des Wagens, weil es mir angeboten wird. Ich schiebe den Wagen am Sicherheitsmann vorbei, laufe gedankenverloren durch die Regale. Als ich ins Obstregal greife und wieder aufschaue, in die Gesichter der anderen, gewinnt mein Puls an Fahrt. Ich habe die Maske nicht aufgesetzt, schnell greife ich hektisch nach ihr.

Ein weiteres Bild, das sich fest in meinem Kopf verankert hat, ist die Busfahrt über den Flughafen TXL am 21. März, die mir viel zu lang erschien. Ich war müde nach dem langen Flug und spürte schon die Traurigkeit, die mich bald überkommen würde. Am Gepäckband Enge, obwohl nur zwei Maschinen angekommen waren, aber diese würde sich bald im Innenstadtverkehr verlieren. Nur 5 Fahrgäste transportierte der Fahrer des sonst so überfüllten TXL-Busses an diesem frühlingshaften Nachmittag zum Hauptbahnhof. Leere – leere Rolltreppen, leere Bahnsteige, leere S-Bahn-Waggons. Wenige Stunden später im noch übernächtigten Zustand stand ich vor komplett leergeräumten Regalen eines Edeka-Marktes. Gefühle – die mit Wut, Beklemmung, Traurigkeit eng verknüpft waren und sich in Bilder festzurrten, die ich in den nächsten Wochen nicht mehr aus meinem Kopf bekommen sollte. Denn wie würden wir als Gesellschaft reagieren, würden wir uns morgen im Krieg befinden oder eine Pandemie uns ereilen, die das gesellschaftliche Leben und die Logistik noch härter zum Erliegen brächte. Ich begann, nur noch Hüllen wahrzunehmen. Müde Augen, erfassten zunehmend nur noch verschwommene Umrisse dieser Welt, entmenschlichte Menschen. Vor Urängsten getriebene Verhaltensmuster traten nun zutage.

Maerz-Schnee

Was sagt all das über uns aus? Nicht über die Erde, die dreht sich weiter, ob mit uns oder ohne uns. Nein, über die Menschheit, über die Gesellschaft – was macht das alles mit uns? Was machen wir mit uns?  Ich verließ eine lebhafte Stadt, ein belebtes Treiben im Februar und kehrte zurück in eine Dystopie. Ich bin sicherlich nicht das sozialste Wesen, aber dennoch wurde ich mit diesem Blick auf unser nicht mehr vorhandenes Zusammenleben plötzlich auf den Ursprung unseres Menschseins zurückgeworfen. Der erzwungene Rückzug ins Private, die Konzentration aufs Individuum, der Kampf ums Überleben. ER-Leben war in anderen Zeiten. Angst frisst Freude auf.

Apr-Mueggelsee

Mal durchatmen und bewegen – dort wo keine Menschenseele ist, danach sehne ich mich oft auch in „normalen Zeiten“. Physical Distancing ist mir auch dann nicht ganz fremd. Meist suche ich einsame und verlassene Stellen in Brandenburg auf. Aktuell ist das nicht ganz so gern gesehen. Da Social Distancing bei schönem Wetter in den Berliner Parks aber schwierig ist, ging ich am Wochenende meinem Bewegungsdrang und der Sehnsucht nach Ruhe und frischer Luft in Form einer Radausfahrt nach. Und an den Grenzen von Berlin kehrte ich wieder um. Der Blick auf das Wasser ließ einen Moment vergessen, in welchem Hier & Jetzt man sich bewegt. Einen Augenblick zogen Bilder, Gerüche, Stimmen aus den vergangenen Sommern an mir vorbei, die ich am Müggelsee aufsaugte, und mit ihnen blinkt am Horizont kurz die Hoffnung auf, dass es irgendwann wieder so sein könnte.
Müggelsee, 1. April 2020

Apr-FrankfurterAllee-2

Großstadtleben. Ausgebremst. Es wirkt fast wie immer – nur ein Stück weit leiser, behutsamer, nachdenklicher. Rücksichtsvoller an manchen Stellen auch. Und doch auch ein wenig trotzig, wenn das sich verdunkelnde Licht der Stadt die Farbe entzieht und die Weinflaschen auf den Balkonen geöffnet werden und mich eine Freundin beim Abschied fragt: Und was machst Du heute Abend noch? Und ich ihr mit einem Lachen entgegne: Was soll ich schon machen? In diesen Momenten offenbart sich doch, nichts ist wie sonst…
Spaziergang durch den Treptower Park, 5. April 2020

Apr-Oderradweg

Ein sanftes oranges Band trennt Himmel und Erde. Bald wird es noch einmal über Feldern und Wiesen auflodern, bevor Mond und Sterne die Bühne der Natur ausleuchten. Füchse kreuzen im Licht der Dämmerung meinen Weg, ein junges Reh irrt orientierungslos über die Straße, ein Biber zieht seine Kreise im Oderwasser – das Konzert der Kröten und Vögel setzt ein. Das Ende einer Radtour im nahezu menschenleeren Raum, an den Rändern Deutschlands. An diesem Ort an der Oder sollte ich auch am nächsten Wochenende verweilen. Ja, nach einem langen Winter macht sich eine große Brandenburg-Sehnsucht breit. Da Orte wie dieser aber auch im Herbst nicht an Schönheit verlieren, habe ich meinen Aufenthalt im Bahnwaggon im Kulturhafen Groß Neuendorf auf Oktober verschoben.
Ich habe eine Oster-Radtour an der Oder gemacht, verweilen auf dem Damm wäre bei der nicht vorhandenen Dichte an Menschen epidemiologisch wohl komplett unbedenklich gewesen und dennoch war es verboten. Das Ordnungsamt spürte ich stets im Nacken. Mit einem B-Kennzeichen fühlt man sich per se unwohl im „fremden Bundesland“ – wieviel von dem wird nach der Pandemie bleiben? Der beobachtende Denunzianten-Blick hinter der wackelnden Gardine?
Groß Neuendorf, an der Oder, 18. April 2020

Es ist Ende April, als ich einem Menschen gegenübersitze, den ich so gut zu kennen glaubte wie sonst keinen. Ich zucke zusammen, als er beim Thema „Kurzarbeit“ über die „Absicherung durch Lebenspartner“ unserer Mitarbeiterinnen spricht. Dafür sei man nun mal da – der Partner für seine Partnerin. Ja, er lebt das seit unserer Trennung so, er weiss aber auch, das mir solch ein Modell immer zuwider war, weil es in meinen Augen immer Abhängigkeiten zugunsten einer Person erzeugt – meist der Frau. Der Backlash hat sich nicht nur in seinem Kopf Bahn verschafft. Nur so funktioniert auch aktuell unser gesamtes System, unsere Gesellschaft, vornehmlich Frauen federn die Folgen der Schließung von Kitas und Schulen ab. Ein Aufschrei? Fehlanzeige. In der Pandemie findet nun mal alles seine Rechtfertigung – es ist eben ein Ausnahmezustand, der wenn wir genau hinsehen Normalzustand ist.
Gleichberechtigung wird hier eben nur noch zum Nebenschauplatz – denn “hast Du es nicht kapiert – es sterben Menschen“ tönt es durch die sozialen Medien (man kann durchaus auch Multitasking bei den relevanten Themen betreiben, warum nicht?) – und kein anderes Thema ist da so wichtig, dass es nur einmal angesprochen oder gar kritisiert werden darf. Die Regeln der Regierung sind heilig. Und ja, da steckt viel Gutes drin – unbestritten. Aber man hat nicht automatisch einen Aluhut auf dem Kopf, wenn man gedanklich nicht wie ein Schaf dem Hirten folgt, sondern Fragen aufwirft – die sehr weit weg von irren Ideen wie die um Bill Gates, Zwangsimpfung etc. kreisen. Aber Demokratie macht das aus und sollte das auch aushalten, alles andere ist etwas, was ich in meiner Kindheit live erlebte.
Das erste Mal zuckte ich zusammen, als bei der Verkündung der Corona-Regeln das Wort „Kernfamilie“ fiel. Wer um Himmelswillen ist die Kernfamilie? Diverse Lebenskonzepte werden nicht berücksichtigt. Das heißt für 50 % der Berliner*innen, wer jetzt alleine ist, bleibt lange allein – wie es auch in der Headline einer Zeitung zu lesen war. Für manche sind Freunde die Familie, manche wiederum lieben nunmal mehr als einen Menschen, viele leben mit ihren Partner*innen auch nicht zusammen. Meine engste Familie sind Eltern und Schwester, die ich alle nicht besuchen darf. Aber egal, welche Regel verkündet wurde, Kernfamilie war immer das Credo und dabei wurden immer junge, moderne Großstadtfamilien mit einer geräumigen Wohnung gezeigt, in denen die Eltern ihre Bens und Emilias neben ihrem Homeoffice noch beschulten. Doch die Welt ist auch in Deutschland vielfältiger – aber dafür muss man eben auch mal seine kulturelle oder soziale Bubble verlassen. Und btw, wer denkt bei #stayathome-Rufen schon an enge Verhältnisse, zerrüttete Familien, Gewalt in den eigenen vier Wänden, Missbrauch, Alkoholismus… ?
Berlin, Mitte April 2020

„Der Duft des Broilers, der Wohnwagen mit Vorzelt auf dem Campingplatz, der Windschutz im Sand des Ostseestrandes von Zempin – Erinnerungen aus meinen Kindheitstagen in den 80ern trage ich auf meiner Reise nach Usedom als Fragmente mit im Gepäck. Nichts von dem finde ich wieder. Und doch fühlt sich das Unbekannte so wunderbar bekannt an – gewohnt, gar vertraut. Ich will nicht das aufspüren, was mich in Nostalgie versetzt, sondern auch Orte neu entdecken…“ Als ich die erste Maiwoche des vergangenen Jahres auf Usedom verbrachte und diese Zeilen notierte, ahnte ich nicht, dass mich selbst diese so nahen Erlebnisse nur ein Jahr später schon in Nostalgie versetzen könnten. Neue, nie erwartete Grenzen öffnen wieder Raum für Verlangen.
Die Sehnsucht heißt nicht Fernweh, sondern schlichtes NATURWEH.
Erinnerung, 1. Mai 2020

Mai-Berliner-Mauerweg-2

Es bedarf nicht der prallen Sonne, um das Leben zum Strahlen zu bringen. Es braucht nur etwas Farbe, die sich zwischen Schwarz und Weiß freie Bahn schafft – in unserer Umgebung genauso wie in unseren Köpfen.
Mauerweg, 2. Mai 2020

Der Lack ist ab.* Auf das rosarote Kleid, das für wenige Wochen über uns in den Lüften hing, folgt nun der gelbe und bald rote Überzug – der sich über die Felder des Umlands legt. Alles fließt – mit dieser stetigen Veränderung und damit einhergehenden Vergänglichkeit vor Augen genießt man den Augenblick umso mehr. Ich aktuell auf meinen wöchentlichen Radtouren. (*“Der Lack ist ab“ sagte einst mal eine uncharmante und doch auch ehrliche Ärztin zu meiner Schwester als sie Anfang 40 war. Wieviel Wahrheit verträgt man manchmal und wie lässt sich die Wahrheit in Worte fassen, um nicht zu verletzen? Der eine spürt die Abnutzungserscheinungen deutlich, der andere sieht sich jedoch in der Blüte seines Lebens. Alles ist subjektiv. Das sollte man sich auch beim Beurteilen immer vor Augen führen – Deine wahrgenommene Realität ist nicht die Meinige.)
Mauerweg, 2. Mai 2020

Juli-Berlin-Rainbowdays

Am 4. Mai öffnet sich ein Fenster, durch das eine kleine Meeresbrise weht – mit einer Aussicht auf Reisen nach Mecklenburg. Die Pandemie lässt sich besser auf dem Land aushalten. Die Stadt hingegen zermürbt. Schenkt sie sonst kulturelles und soziales Leben, hält sie uns nun gefangen hinter Wänden. Doch wie lange kann man einem Menschen das vorenthalten, was für sein Wohlbefinden wichtig ist? Sollen Enge vermeiden, uns ausweichen. Und doch halten uns die Regeln in der Enge fest, wo Weite erforderlich gewesen wäre. #Stayathome-Rufe, obwohl Luft und Bewegung unserer aller Gesundheit stärken sollte. An dieser Stelle hat mich Politik längst verloren, weil sie nicht mehr nachvollziehbar war. Nun finde ich mich sofort am Rechner und buche ins Blaue hinein Unterkünfte in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Die Hoffnung auf kleine Fluchten, wenn die große schon nicht gelingen mag, trägt mich durch die nächste Zeit. Raus aus der Stadt – dieser Gedanke fühlt sich befreiend an.

5. Mai, ich schaue durch die Spitzen meines Ponys in den Spiegel. Mund und Nase sind bedeckt. Sicherlich ernte ich für diesen Termin Unverständnis von vielen Seiten. Ein Bild auf Twitter von mir auf dem Friseurstuhl nur einen Tag nach Öffnung könnte viele empörte Schnappatmungs-Kommentare hervorrufen. Doch selbstgerechte sich immer wieder selbst absichernde Statements und Diskussionen à la „Bin ich die einzige Doofe, die noch zu Hause sitzt?“ „Mein Nachbar hat wieder Besuch!“ in dieser virtuellen Parallelwelt bin ich längst leid, so dass ich sie nur noch marginal verfolge. „Er verloddert zu Hause.“, höre ich meine Friseurin über ihren Sohn sagen, der lustlos zuhause sitzt und bis Mittag schläft. Homeschooling versagt in vielen Familien. Die Gesellschaft rückt in der Krise zusammen, sie gleitet auseinander, denke ich. Am Ende entgleitet uns das, was uns einst zusammenhielt. Jeder für sich – das ist die vorgegebene Devise abseits von Zoom, Skype und MS Teams. Und nach der Krise wird es sichtbar, wovor man wochenlang seine Augen verschließt, weil weggesperrt ist eben vieles auch nicht sichtbar. Social Distancing hat eben auch seinen Vorteil, um über unangenehme Nebenwirkungen des Beipackzettels hinwegzusehen. Meine Schwester, eine Pädagogin, kann sich aktuell über zu wenig Arbeit im sozialen Bereich nicht beschweren. Aber wie lange werden die Gelder noch fließen, wenn der Staat viele Löcher stopfen muss? Und wo kommt das Geld her, wenn die Wirtschaft ebenso einbricht. Wir sollen nicht immer an die Wirtschaft denken, so gern ich das auch unterstütze, aber nur so lässt sich nunmal auch unser Sozialstaat aufrechterhalten. Dieser realistischen Betrachtungsweise sollte man nicht sofort Ekpathie unterstellen. Gesundheitsschutz und Wirtschaft gehen Hand in Hand, das eine benötigt das andere. Und was passiert dann mit den Abgehängten? Soziale Ungleichheiten werden noch sichtbarer, irgendwann wenn sich die Wohnungstüren wieder öffnen.

Mai-Temmen

Platonischer Frühling, las ich irgendwo. Was passiert, wenn man Leben wieder dort spüren kann, wo es dich berührt – draußen, in der Natur? Dort, wo die Knospen explodieren und Kopf und Seele wieder zum Blühen bringen. Ein Kondensstreifen am Himmel liest sich wie ein Zeichen aus längst vergangenen Tagen. Die Kinderstimmen am Wasser füllen den Raum. Ungelenk, behutsam sind die Schritte ins kühle Wasser des Großen Krinertsee. Bedächtiger ist unser Tun, sind unsere Gedanken. Frühling 2020. Ausflug in die Uckermark. Und angebadet habe ich auch noch.
Temmen, 9. Mai 2020

Mai-Boetzsee-2

Wer das Gesamtbild sehen will, sollte fähig sein, die Perspektive zu wechseln. Das ist unbequem und scheint ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Aber nur wer weiß, dass er eben nicht weiß, hat eine Chance, zu lernen und mit Veränderung umzugehen. Während sich auf den Social-Media-Kanälen eine unangenehme Stimmung ausbreitet, die jede Regung außerhalb der Wände abstraft, nehme ich da draußen in der Welt so viel positive Stimmung wahr. Jedes Lächeln, jeder Gruß, jedes kleine Gespräch – auch in Brandenburg am See. Das stimmt mich hoffnungsvoll.
Bötzsee, 11. Mai 2020

An einem Samstagabend Mitte Mai reservieren wir uns einen Tisch im Mutzenbacher. Wie sehr man etwas vermisst, merkt man erst, wenn man es nicht mehr hat. Essen gehen war für mich bisher etwas Selbstverständliches, doch nun wird es zelebriert. Alles auf Abstand – natürlich. Als die Männer vom Ordnungsamt auf dem Gehweg erscheinen, spürt man die Anspannung an den Tischen. Beobachtende Blicke durch die Scheibe. Wie sehr wir durch Regeln und Maßregelungen inzwischen geprägt sind, merken wir, als kurz darauf die Männer vom Ordnungsamt das Restaurant betreten. Wenn der Reset-Button eines aktiveren Soziallebens gedrückt wird, muss auch das Gehirn wieder umprogrammiert werden, das sich in kurzer Zeit an den Leitsatz, Vergnügen stünde unter Strafe, gewöhnt hatte. Die Männer vom Ordnungsamt fragten nach dem Fahrzeughalter eines Kastenwagens, in dem ein Hund saß. Dies sei doch Tierquälerei… man könne einen Hund nicht im Auto einsperren. Das österreichische Personal kommentierte gewohnt humorig und zauberte eine gelöste Stimmung herbei, in der ein entspanntes Lächeln den Raum füllte.

Mai-ArkenbergerSee

Rhythmisch nimmt das Getreide am Straßenrand die Bewegung des Windes auf und bringt die Landschaft zum Glitzern. Einzelne rote Köpfe von Mohnblumen ragen aus dem grünen und goldenen Flächen heraus, die ich mit meinem Rennrad durchstreife.
Aus der Box neben dem Imbissladen, in dem sich die fettigen Hähnchen aufgereiht auf Stangen drehen, tönen alte Hits und Schlager. Die Stimme des Alleinunterhalters mit Mikro ist bis hinunter an den Strandstreifen des Arkenberger Baggersees zu hören. Hunde und Schwäne erfreuen sich im Nass, hin und wieder vernehme ich ein Plätschern von der gegenüberliegenden Uferseite, an der sich hauptsächlich FKKler im geschützten Schilfstreifen sonnen.
Der kühle Wind treibt uns bald weiter über die Stadtgrenze hinaus – in den Barnim. Nach Schönerlinde, Schönwalde, … in die schönen Ortschaften hinein. Wege meiner Anfangstage in Berlin. Mein kleiner Garten Eden liegt auch irgendwo hier – gezeichnet von vielem Schönen. Blumentöpfe, altes Antiquariat, Menschen – verstreut im Garten unter blauem Himmel, an dem fluffige Bilderbuchwolken vorüberziehen. Grasduft liegt in der Luft, während ein Künstler mit seiner verrauchten Stimme einen Songtext rezitiert. Kraftvoll tönt wiederholt das Wort „holy“ durch den Garten, während die Gäste zufrieden an ihrem Kaffee nippen und der Gastgeber zum Saxophon greift. Wie heilig dieses Beisammensein wirkt, bemerkt man an jeder sachten Geste, die Zufriedenheit und Freude ausdrückt. Seit 8 Wochen ist das mein erster Cafébesuch mit einem Verweilen. Obwohl wir alle mit gebührendem Abstand diesen Frühlingstag in Gemeinschaft genießen, werden wir aus der wunderbaren Welt, wie wir sie einst kannten, mit den Worten „Das Ordnungsamt ist unterwegs.“ herausgeholt. Wir machen alles richtig und es fühlt sich doch so falsch an. Wie lange wird das bleiben?
Radausfahrt, Arkenberge und Schönwalde, 18. Mai 2020

Mai-Lychen-Kronsee

4 Tage raus. Uckermark. Die Stadt verlassen – wie es viele tun. Die Autokolonne schiebt sich im Stop and Go aus Berlin. Einmal auf der Landstraße wird es luftiger, grünes Blattwerk umhüllt uns. Motorradfahrer*innen rattern viele an uns vorbei. Traktoren und Radfahrende mit Fliederzweig-Deko kommen uns entgegen. Bollerwagen sehe ich keine. Es wird anders – dieses Himmelfahrt, und doch bleibt vieles gleich. Ich zelte normalerweise spätestens jetzt an. Aber Campingplatzaufenthalte sind wohl noch in Ferne, vermute ich. Fast hätte ich verschlafen, mir eine Unterkunft im Grünen zu buchen, dachte ich doch, das sei erst Pfingsten möglich. Last Minute noch etwas Preiswertes in Brandenburg zu ergattern war schwer. Ich will raus, der Mensch will raus – sehnt sich nach Bewegung und Natur. Hier Radler*innen, dort Taucher*innen, Kanut*innen und Wandernde. Wieder ein kleines Stück mehr Normalität. Genau 2 Monate nach der abrupten Rückkehr von meiner letzten Reise endet der auferlegte Stillstand – sanft, leicht und unprätentiös in Brandenburg. Weil ich hier oft bin, weil es das Zuhause meines Herzens ist, weil mein Kopf hier frei sein kann, weil es mich ohne viel Pathos erdet. Dieser Sommer wird nicht viel anders sein, See- und Meerluft in Brandenburg / MeckPomm gehörten schon immer dazu. Nur die Spontanität wird leider auf der Strecke bleiben, daran muss ich mich noch gewöhnen…
Lychen, Himmelfahrt, 22. Mai 2020

Mai-Lychen-Paddeln-2

Mit der Natur auf Augenhöhe. Enten landen im Wasser, Haubentaucher übertönen das Rauschen des Windes mit ihren elektrischen Klängen, Reiher liegen träge in der Luft. Aus dem Wald ruft ein Kuckuck und der Specht hämmert. Ich lausche dem Paddelschlag und schweige. Die beste Meditation. Im Boot mit gebührendem Abstand am Schilfgürtel entlanggleiten, mit keiner anderen Bewegung ist man der Natur so nah… Himmelfahrtswochenenden sind perfekt dafür gemacht, sagte mir einst ein Kanuverleiher in Mecklenburg – zu anderen Zeiten. Als ich noch fast an jedem Wochenende in mein Kajak im Müritz NP stieg. Gestern verloren sich nur wenige Boote auf den Weiten und Längen des Zens- und Platkowsees. Die Strömung trieb uns noch ein Stück mehr an, während sich über uns die Wolken zu einer dichten Schicht zusammenzogen – um sich erst später, als wir längst wieder in der warmen Stube saßen, über den Seen zu entladen – wohl dosiert. Im Fenster sitzend sah ich Tropfen mit dem Seewasser vereinen.
Lychen, Himmelfahrt, 24. Mai 2020

Mai-Friedrichswalde

Es ist das eine kleine Funkeln an diesem Tag, als der Regen das Erlebte hinfort spült und sich ein Lichtstrahl über den Horizont legt. Vor mir Berlin, hinter mir die Uckermark. Hier und jetzt der Barnim – weil er der Weg ist und zufällig auch das Ziel für einen Stopp. Durch die Tropfen auf der Autoscheibe schimmern die grünen Felder noch satter.
Wasser ist in diesen Zeiten rar. Ein Blick in die Wälder offenbart trockenes Gehölz. Die Natur dürstet, so wie wir nach Natur dürsten.
Das Laub schwingt fast ein Stück zu beschwingt über unserem Dach, klopft an, um uns noch einmal hinauszulocken. Wir halten am See. Weil fast alle unsere Ausflüge immer an irgendeinem See enden. Ein Mann, ein Kleinkind an seiner Hand – was wir mit ihnen teilen ist der gemeinsame Blick über das Wasser. Und ein zufriedenes Zunicken. Schon weit hinten türmen sich neue Regenwolken auf, als wir den Weg zwischen den Feldern nehmen. Die Mohnblüten klatschen zusammen. Stolzer perlt die Kornblume das Wasser ab. Getreideähren wiegen in den Böen. Ein Radler, ein Hund an seiner Seite, ein netter Gruß, später wird und uns noch eine Frau aus ihrem Garten fröhlich zuwinken. Gäste sieht man hier in diesen Tagen wohl kaum. Der Weg, das Ziel – Ausflüge sind da, um Neues zu entdecken und Liebgewonnenes zu pflegen. Die ersten Tropfen prasseln bereits auf das Blechdach, als wir ins Auto steigen mit der Gewissheit, in wenigen Tagen wird sich erneut die Perspektive drehen – vor mir die Uckermark, hinter mir Berlin. Dazwischen ein Weg.
Friedrichswalde, 26. Mai 2020

Mai-Gerswalde-2

Auf der glatten Oberfläche des Stiernsees bilden sich Wolken ab. Seerosenblätter setzen grüne Akzente. Springende Fische hinterlassen Kreise, die sich durch die Wolkenspiegelung schieben. Über dem Schilf strebt das Laub der Bäume zur Sonne.
Vögel zwitschern, Kuckuckrufe ertönen. Enten landen, Kraniche trompeten in der Ferne. Mücken attackieren mein Gesicht. Back to nature, back to Uckermark.
Ein Haus, ein See, ein Steg – ein Moment nur ich.
An dem Abend, an dem MeckPomm als erstes die Öffnung für Tourismus bekannt gab, buchte ich meinen Platz in diesem Idyll. Nur weg aus der Stadt – schnell. Ich weiß, für diesen nicht einmal niedergeschriebenen Gedanken erntet man dieser Tage schnell Kritik.
Zufällig lag der Bungalow in der Uckermark, (nicht in Mecklenburg) und zufällig stand ich genau hier schon einmal im letzten Herbst.
Dass ich heute hier sitzen würde, ahnte ich nicht.
Holprige Wege über Feldsteine, Sand und Platten führen an diesen Ort. Geführte Eseltouren bremsen meine mitgebrachte Geschwindigkeit aus. Tempo rausnehmen, das gerade jetzt in der Stadt wieder an Fahrt gewinnt. Ein Planwagen holpert vor mir her. Eine andere Zeit, ein anderes Zeitgefühl.
Als mich Regina strahlend empfängt, sagt sie auch, sie sei überrannt worden von der Nachfrage. Ich hatte Glück. Ein Haus am See für 3 Tage.
Stiernsee, Pfingsten, 30. Mai 2020

Mai-Gerswalde

„Ich habe eine Ziege gestreichelt!“ Immer noch begeistert von diesem besonderen Erlebnis echter Landidylle dreht sich der Berliner im Polohemd zu seiner Freundin, die mit einem belustigten Unterton seinen Satz wiederholt. Im Hof des Regionalladens Flieth ist einiges los an diesem Pfingstsamstag – anders als mittags in der Herberge in Groß Fredenwalde oder am Spätnachmittag bei Doritas Imbiss. Mit beiden Gastgebern hielten wir einen Plausch. Verwundert, dass die Anzahl der Gäste überschaubar blieb. Fast hatten wir schon die „Hamptons Uckermark“ vermisst. Großstädter auf dem Land. Wer Berlin verlässt, um Berlin(er) zu finden, kommt oft in die Uckermark, bevorzugt nach Gerswalde. Während wir auf unserer gestrigen Radtour noch kaum über Menschen stolperten, wussten wir, wo wir sie heute finden würden.
B-Kennzeichen schmücken den Pflasterweg, der direkt zum Großen Garten führt. Geduldig warten die Ausflügler in langen Schlangen auf ihren Fisch von Glut & Späne oder leckeren Dal oder Kuchen von Café zum Löwen. Der Garten gerade groß genug, die eigens mitgebrachte Decke auf einer der Wiesen ober- oder unterhalb der Beete auszubreiten. Vor der Margaritenwiese spielen fröhlich Kinder, mal ertönt Spanisch, mal Englisch … der böige Wind trägt die Worte davon. Einzeln treten wir ein ins Gewächshaus, um unsere Bestellung aufzugeben. Aus Ostern wurde Pfingsten. Doch Ruhe und Geduld haben einen langen Atem. Ein Strahlen zieht sich über die Gesichter. Alles ist ein wenig umgeräumt, doch der Schattenwurf durch das Glas gleicht dem im Spätherbst – als ich das letzte Mal hier verweilte. Durch die Scheiben beobachte ich für einen Augenblick das Geschehen, das ich mir in dieser Fülle noch vor einem Monat hier nicht hätte vorstellen können. Ein Moment Stille, bevor ich wieder in den belebten Garten trete, der noch blühender und bewegter nach dem viel zu langen Winter wirkt.
Gerswalde, Pfingsten, 30. Mai 2020

Fußabdrücke.
Kalter Sand.
Sanftes Sonnenlicht.
Der letzte Kampf gegen die Wolken, gegen die Nacht. Die Sonne tüncht die Umgebung in ein kräftiges Orange. Der Himmel gewinnt an Farbe, die Welt wird schwarz.
Verloren ist die Zeit.
Nacht kommt. Tag geht.
Zurückkehren in die Stadt der funkelnden Lichter. Doch keines der Lichter ist echt.
Mein Blick will den Spuren folgen und verliert sich doch in der Fülle der unwichtigen Details. Bleibt stecken im Sand. Wie lange bleibt das Dagewesene sichtbar, wie lange erinnert man sich?
Jener Tag, jene Woche – vor genau einem Jahr. Wie lange werden sie bleiben – wach?
In meinem Regal ist ein kleiner Abdruck einer Pfote, weil die Asche anderswo in einer Schrankwand ruht, anstatt irgendwo im Grünen. Es waren die Stunden zuvor und danach, die ich an diesem See verbrachte. Bewegt. Zerrissen.
Still, funkelnd – Hoffnung vortäuschend und am Ende ertränkt.
Schwerer Tag, schwere Woche – vor genau einem Jahr. Hier, am Kaulsdorfer See.
Leben, Tod, Hoffnung, Entscheidungen, Resignation…Vergänglichkeit.
Spuren verweht.
Hinfortgetragen.
Der See verliert schleichend sein Wasser. Neue Schilder sind angebracht. Kein Müll, kein Rad, kein Hund, keine Textilien erlaubt. Doch wir dürfen sein, können sein – dankbar. Verändern tun sich Orte, Zeiten und Regeln. Verändern tun wir uns.
Die Sonne überzieht den neuen Sommer mit einem hellen Licht und zeichnet mir ein Schmunzeln ins Gesicht. Doch die Gedanken sind heute im Gestern, in jenen Tagen im vergangenen Jahr.
Kaulsdorfer Seen, 4. Juni 2020

Juni-Carwitz-Zelten

Sandkörner verteilen sich, als ich das Zelt auffalte. Es sind die Überbleibsel des vergangenen Sommers, die sich nun mit dem dürren uckermärkischen Waldboden vermischen. Ostsee. Anfang September. Lauwarme sternenklare Nacht, auf die der Sturm und Platzregen folgte und uns in den langen Herbst entließ. So plötzlich unsere Flucht damals von Usedom geschah, so unvorhersehbar waren die Monate, die auf einen intensiven Sommer folgten.
9 Monate ruhte das Zelt eingerollt im Schrank, um sich jetzt wieder zu entfalten.
Das rege Treiben der letzten Saison verstummt. Bedächtiger, leiser. Abstände sind größer – mehr Raum für weniger – noch. Das Fassungsvermögen des Waschraums abgezählt an 8 Tischtennisbällen, es sind nie alle weg. Der See schimmert durch die Sträucher und Bäume. Der Mond ist von den Wolken bedeckt und doch verlieren die kurzen Sommernächte nicht an ihrem Licht. Stille kehrt ein – kein Klappern, keine Schritte, keine Stimmen – bis die aufgehende Sonne um 4 Uhr zum Vogelkonzert anstimmt. Melodien der Nacht, die von den Ästen schallen. Ich öffne den Reißverschluss des Zeltes und schaue hinaus in die Dämmerung, kein Wecker könnte einen Morgen beschwingter und klangvoller einläuten wie der frühe Vogel.
Camping in der Uckermark, 14. Juni 2020

Juni-Boitzenburg

„Himmelfahrt war hier richtig Bullerbü. Die Buletten sind hier eingefallen. Kommen ja nirgendwo anders mehr hin. Jetzt wollen sie sich mal in der Uckermark umgucken.“ Uckermärker*innen im Gespräch. Berliner*innen haben sich an diesem Sonntag nach dem Sturm nicht an diese Badestelle verirrt. Kenner*innen werden diese mit Hilfe des Fotos verorten. Teichrosen, Schilf umgibt beide Stege, der See verliert Jahr für Jahr an Wasser. Der Turm ist längst gesperrt. Es sollen später noch drei Stadtjungs, die kurz mit Kanu anlanden, die Absperrung überwinden, den Turm erklimmen und springen. Die Berliner Schnauze der Brandenburger*innen wird es später nur trocken kommentieren, genauso wie die genutzte Feuerstelle und das Parken am Strand von nicht Ortsansässigen. Es ist vielleicht das, was zu Unbehagen führt. Meine Füße graben sich tiefer in den Sand, meine Gedanken wollen sich fest in das Buch „Vor dem Fest“ verankern und doch lausche ich den Worten der Einheimischen, wie sie ihre nächste Putzaktion in der kommenden Woche planen, um den See von den Schlingpflanzen und dem Schilf zu befreien. // ein Tag am See, Juni 2020
Schumellensee, 16. Juni 2020

Sonntage auf dem Boot. Stuhl, Angel, ein Bier. Mal allein, mal mit Familie. Sonntage raus zum Angeln, die Sonne genießen, in die Ruhe der Natur eintauchen. Der See, die Heimat die verbindet – mit den Menschen, die einen begegnen – am Sonntag besonders aber auch an anderen Tagen. Umschlossen von Wald – das glitzernde Wasser. Die Beobachterin erhascht nur einen kurzen Blick vom Hügel. Das Boot schiebt sich sanft aus dem Blickfeld. Sie wird weitergehen und später andere Bootsfahrer treffen – am Steg, beim Angeln, beim Quatschen an einem anderen See. Sonntags in der Uckermark – wenn der einsame Landstrich zusammenrückt – wenn die wärmenden Strahlen der Sonne verbindet, wenn der Wald die schützenden Äste über uns legt und der See die milden Gaben an den Haken der Angler zaubert.
Schumellensee, 16. Juni 2020

Juni-Ahrensfelde-Mohn

Zwischen Berlin und Brandenburg. Am Wegesrand. Durchzieht die Landschaft ein rotes Band. Fragil sind die Blüten, vergänglich der Glanz.
Ahrensfelde, Mohnfeld, 18. Juni 2020

Juni-Ostprignitz-Ruppin

Der Himmel ist uns überall gleich nahe. (Friedrich Gottlieb Klopstock) •
Mittsommer. Brandenburg. Regentropfen wecken mich aus dem Schlaf. Sanftes Plätschern auf dem See. Ich habe die Tür geöffnet, um den Schwalben beim Nestbau zuzusehen. 3 Stunden schauen, lauschen, genießen – bis der Regen aufhört. Dann durch das feuchte Gras wandern, behutsam, um nicht das mühevoll Gewachsene niederzutrampeln. Kaffeebegegnung auf dem Land. Später in die Stadt fahren, wo ich diesen Spruch im Restaurant Markt 11 auf die Tafel geschrieben sehe. Auf der Rückfahrt kreuzen Füchse die Straße. Im Rückspiegel färbt sich der Himmel rot-violett. Vor einem Jahr verbrachte ich den längsten Tag des Jahres in den portugiesischen Bergen, zuvor mal auf dem Boot zwischen Schweden und Finnland, schon so lange wollte ich zu den weißen Nächten mal in St. Petersburg sein. Doch jetzt bin ich hier – in der Ruppiner Heide. Der perfekte Platz direkt am See. Der Himmel ist überall gleich. Doch diese Nacht ist einzigartig, weil Orte bleiben, aber Zeit vergeht.
Mittsommer in Ostprignitz-Ruppin, 21. Juni 2020

Juni-Sewekow

Wenn die Wolken sich verziehen und die Sonne uns hinaus an den Strand zieht… Waren wandern, da wo Brandenburg auf Mecklenburg trifft, einmal um den See. Natur kennt keine Grenzen. Der Pfad führt durch den Wald, Mückenschwärme setzen sich auf meiner Haut nieder, hohes Gras kitzelt am Bein. Die Sonne arbeitet sich durch das Blätterdach und bringt uns zum Schwitzen. Wo Waldboden sich zu Sand formt, kleine Bootshäuser den See umringen, springen wir ins Wasser. Endlich Sommer!
Wittstock-Dosse, 22. Juni 2020 / Eine kurze Wanderung durch mecklenburgisches Gebiet (Ist das ein Tagesausflug?)

Juli-Thomsdorf-2

Die Hitze lasse ich in den Häuserschluchten zurück. Im Osten färbt sich der Himmel dunkel. Blitze begleiten mich am Ende dieser Woche aus der Stadt und leiten mir den Weg ins Grüne – bis sich die Wolken über mich ergiessen und meine Scheibenwischer die Flut nicht mehr bewältigen. Herabfallende Äste blockieren den Weg. So schnell ist das, was nicht sein soll, so schnell werden rosarote Wolken tiefschwarz. Die Großstadt lasse ich zurück. Bäume ersetzen Häuser, die eine Kontur in den Himmel zeichnen. Skyline der Natur. In der schwülen Luft ist Beton noch weniger erträglich. Der Duft des feuchten Laubs dringt ins Auto.
Die Sonne wärmt nach dem Regen und lockt die Menschen an und in das Wasser – irgendwo in der Uckermark. Ein älterer Mann fährt sein Auto bis an den Strand, noch beim Aussteigen reißt er sich die Klamotten vom Leib. Nach dem erfrischenden Bad steigt er nackt ins Auto und fährt davon. Eine Einwohnerin, die ihn kennt, meint erstaunt: Ist der jetzt wirklich nackt losgefahren? Unsere Blicke folgen dem Auto mit UM-Kennzeichen. Ein Schmunzeln verbindet.
Als sich längst alle Menschen in ihre Gärten und Häuser zurückgezogen haben, spaziere ich noch einmal am Schilfgürtel entlang.
Sitze am Wasser, schaue zur Sichel am Himmel, der Hintergrund verfärbt sich. Junger Knabe kommt mit seinem Rad, zieht sich hurtig aus, um dann einen Moment innezuhalten. Die Hand reicht zum Bedecken, als er an mir vorbeirennt. Sein Armschlag mischt sich unter die Gesänge der Vögel. Schaue in den Himmel, bis hinterm Schilf ein Boot auftaucht. 22.30 Uhr, Zeit zu den anderen zurückzukehren. Der Himmel klart auf.
Thomsdorf, 28. Juni 2020

Juli-BoitzenburgerLand

Tropfen für Tropfen nehmen mir die klare Sicht durch die Scheibe – bis die Welt vor mir verschwimmt. Nuancen werden zur Fläche. Wo Technik reinigen kann, will sich der Kopf nicht fügen. Das Ziel hat keine Eile, bleibe am Wegesrand stehen. Verweile. Durch das Grün des Waldes erblicke ich das schimmernde Wasser. Ein Grollen begleitet mich auf dem Weg ans Ufer. Saftige Blätter getränkt vom Leben bieten mir ein Dach. Setze mich an den See, während der Regen auf das Laub prasselt und Blitze flüchtige Muster in die graue Wolkendecke zeichnen. Vernunft will hier nicht walten.
„Die Vernunft täuscht uns öfter als die Natur.“ (Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues)
Auf dem Weg, irgendwo in der Uckermark, Ende Juni 2020

Flammen und Knistern. Was an einem Abend die Natur in bedächtiger Stille schafft, erledigen am nächsten Abend die Menschen aufmerksamkeitsstark. Rauch steigt auf und legt sich über den Hang. Gegrölt werden Fußballhymnen und Lieder, die bis ans Seeufer schallen. Feuer am Himmel, Feuer auf der Wiese. Herz brennt, Kopf raucht.
Thomsdorf, 2. Juli 2020

Juli-Kakelduett

Weicher Boden. Gibt nach. Schuh verliert sich im Sand.
Gescheckte Katze huscht unter dem warmen Licht der Straßenbeleuchtung an mir vorbei.
Einzelne Tropfen tränken das Laub. Sanftes Rascheln gibt dem Dorf seinen Klang.
Erdig ist die Luft, luftig die Erde.
Reißverschlüsse zurren, ein Murmeln legt sich über den Campingplatz, als ich ihn passiere auf meinem Weg zum See. Unter dem Schutz des Stoffes vermeintliche Sicherheit spüren.
Diese Nacht ist gemacht für Nostalgie, sie will mich nicht ergreifen. Als wäre ich nie weggewesen, ist alles noch an seinem rechten Platz. Doch Zeit ist vergangen. 4 Jahre.
Brombeersträucher, von denen ich in jenen Sommern naschte, wollen noch keine Früchte tragen. Am nächsten Morgen werden sie von Wildcampern niedergetrampelt sein.
Das Trompeten der Kraniche füllt den Wald, ergreift, zieht sich durch jede Pore.
Hinter dem Schilf schlummert der See. Der Vollmond sollte ihn längst ausleuchten, doch versteckt er sich hinter dem Wolkenvorhang. Durch meine Adern rinnt Fülle, mein Kopf ist auf Reset gestellt. Nichts als Leere will mich ergreifen. Momente sind nicht mehr reproduzierbar, Gefühle ebenso wenig. Das glühende Leuchten am Himmel bleibt aus.
Den Schein der Lampe durchhuscht nur noch mein Schatten, während ich längst ein paar Schritte voraus bin. Schaue nicht zurück.
Kakeldütt, 5. Juli 2020 / mein erster Ausflug 2020 nach MeckPomm

Juli-Liepen

Schilf verneigt sich unter dem Druck des Windes, der über den See fegt. Tropfen mischen sich unter. Menschen haben sich in die kleinen Ferien- und Wochenendhäuser zurückgezogen. Beobachten durch die betropften Scheiben wie die Welt verschwimmt. Ein Weiler inmitten von Feldern und Wäldern, der auf unserer Wanderung durch den Müritz Nationalpark liegt. Pferde und Kühe auf den Koppeln und Weiden. Äste verbiegen sich im Wind. Wer nicht in die vorgegebene Richtung einlenkt, wird gebrochen. Herabgefallene Zweige zieren den Weg. Auf dem Steg verweilen, einen Moment die Weite spüren, die bis ans nächste Ufer reicht. Einen Augenblick die Ruhe finden im Sturm. Durch die benässten Lider über die glatte Seeoberfläche schauen, wo sich das Wasser vereint, ohne Spuren zu hinterlassen. Das Gewesene verschwimmt.
Liepen, 7. Juli 2020 / Wanderung im Müritz NP

Juli-LoewenbergerLand

Hinter mir die Sonne, vor mir der Regen. Dazwischen liegt golden das Feld. Ein Farbstreif am Himmel. Es bedarf nur eines Richtungswechsels und schon ist man wieder im Spotlight des Sommers.
Löwenberger Land, 7. Juli 2020

Juli-Gramzow

Speicher. Aufbewahren. Erhalten. Speichern. Bis nichts mehr da ist. Das Lager leer. Puffer aufgebraucht. Keine Reserve. Beton will Neues fassen und ist sich doch auch selbst genug im sanften Licht der Uckermark.
Speicher Gramzow, Etage 7, 14. Juli 2020

Juli-Habermannsee

Abends am See. Wenn sich die Natur zurückerobert, was der Mensch besetzt. Wenn die Sonne den Wolken einen orangen Rahmen verleiht. Wenn Schreie und Lachen zu einem Flüstern gedimmt werden. Abende wie dieser sind rar im aktuellen Sommer, der uns nicht viel Wärme schenkt. Um so mehr zieht es nun die großstädtische Masse hinaus in die Suburbans Ostberlins. Wo einst ältere Anwohner FKK frönten, Familien vergnügt planschten, Jugendliche mit ihren Musikboxen durchliefen, um zu ihrem Abschnitt zu gelangen, und der eine oder andere für die schnelle Nummer im luftigen Wäldchen hinterm Strand verschwand, haben nun Gruppen an Berlins international Young Hipstercrowd ihre Fühler ausgestreckt, bringen Neukölln-Kreuzberg ins Siedlungsgebiet von Mahlsdorf. In welchem Medium dieser See als der heiße Scheiss verkauft wurde, bleibt mir ein Rätsel. Bekannte Gesichter versteckt in der Anonymität der Großstadt. Wo Textilien fallen und die Maske gleich mit. Durchatmen. Leben spüren. Feiern, solange die langen Tage den Raum schaffen. Dieser Sommer ist anders.
Kaulsdorfer Seen, 16. Juli 2020

Juli-Ruegen

Sonne fortgefegt. Schwere Wolken ziehen vom Festland auf uns zu. Tropfen prasseln auf das Deck nieder. Sommer pausiert. Strandtage liegen hinter uns. Kühles Ostseewasser, in das es abzutauchen lohnt, um lange Winter zu vergessen. Zwischen Windschutzburgen und Eiswagen rauschen die Wellen auf uns zu. Mit sanfter Wucht umspielen sie jede Rille der Sandburgen. Perfektes Spiel zwischen Nähe und Distanz geübt auf den heißen Sandkörnern. Die Suche nach Kegelrobben im Greifswalder Bodden will uns an diesem Tag nicht recht gelingen. Vier Köpfe spottet die Begleiterin in der unruhigen See. Ich lasse die Mönchguter Hügellandschaft, in die sich Steiluferpassagen einfügen, an mir vorbeiziehen, lausche den humorvollen Berichten der Biologin. Kindheitserinnerungen aus den 80er Jahren mischen sich unter, als die Ostsee genügen musste, um Fernweh zu stillen. Wiederkehrende Momente. Kreisende Gedanken auf dem schaukelnden Schiff.
Der Horizont färbt sich schwarz. Möwen kreischen. Der Sommer ist anderswo. Konserviert sind diese Tage an der Ostsee. Sonne, Sand, Salz, Meer. Unruhige Zeiten bedürfen Orte der Beständigkeit.
Baabe, 21. Juli 2020

Zwischen Wolken und Meer. Nichts, was dazwischen passen würde. Gedanken bauen Luftschlösser, die in sich zusammenfallen. Eine Welle spült sie hinfort. Natur mit sich alleingelassen. Scharf ist die Kante, hinter der sich der nächste Ort, der nächste Tag verbirgt. Dunkel ist das Meer, dunkel der Himmel. Heute, morgen, übermorgen – bis wieder die Sonne scheint. Dahinter Utopie, Dystopie, Realität – was auch immer kommen mag. Licht nehmen, wie es kommt. Ich möchte wieder tanzen.
Gedanken: in Overmorrow Exhibition, Juli 2020.

„Mich kann man wochenlang in die „Natur“ aussperren. Wunderbar! Ich liebe die Distanz, Abgeschiedenheit, das Alleinsein – aber freigewählt. Aber auf wenige qm eingesperrt zu sein, das widerstrebt all meinen Sinnen und Gefühlen.“
Zum Jahreswechsel in Pjöngjang schreibe ich diese Zeilen in mein Notizbuch, gerade so krakelig, dass ich diese Worte zuhause noch lesen kann. Ich blättere, lese, schmunzele – aber Geschichten wollen sich gerade nicht mehr daraus formen lassen. Zu viel prägt das, was zwischen heute und damals lag, jede dieser Zeilen. Gedanken lassen sich nicht zurücknehmen. Anstatt zu schreiben, gehe ich mehr denn je raus, um zu leben, zu erleben, zu genießen, zu erfahren, wahrzunehmen. Vielleicht immer im Kopf, wie schnell die Vergangenheit die Gegenwart einholen kann und dann zur Zukunft wird.
Ende Juli 2020.

Juli-Ruegen-Breege

Und wieder fällt die Sonne dramatisch ins Meer, um am nächsten Morgen im neuen Glanz zu erscheinen und uns im Spot ihres Lichtes in Szene zu setzen für eine weitere Episode in der Aufführung „Leben“.
Breege, 29. Juli 2020.

Aug-Berlinchen

Es ist Sommer. Der heißeste Tag des Jahres. Die Menschen zieht es raus. Musik schallt übers Wasser, die Jugend feiert irgendwo im Wald. Mopeds knattern, Lachen und Kinderschreie überziehen die Landschaft. Eine fröhliche, ausgelassene Stimmung, als wäre das, was war, nicht gewesen. Autos mit Kennzeichen Wittstock und Prignitz halten, um Liegestuhl, Sonnenschirm, Kühlbox, Gummigeschosse und SUPs zu entladen. Touristen und Großstädter sieht man kaum. Eine Gruppe an Rentnern läuft dicht an uns vorbei, um dann zu verstehen zu geben, dass dort, wo vor uns eine Berliner Familie Platz genommen hat, ihr Revier ist. Sie lassen Ihre Campingstühle direkt daneben fallen. 1,5m Abstand, darauf achten wohl nur die „Fremden“. Vor 6 Wochen umrundeten wir den idyllischen See noch in völliger Stille. Wir trafen auf Kühe, auf Menschen kaum. Viele Badebuchten gibt es. Platz ist für alle da – hier in der Ostprignitz. Der Zufall trieb uns nun erneut hierher. Die spontane Campingplatzsuche ist in diesem Sommer eine wahre Herausforderung. Aus Mecklenburg und anderen Teilen Brandenburgs hagelte es Absagen und dann war da die Ostprignitz, aus der die positiven Nachrichten ins E-Mailfach flatterten. Und langsam schließe ich die Region in mein Herz, weil sie so unverbaut und unprätentiös brandenburgisch wirkt und Du an manchen Ecken noch wahre Zeitreisen erleben kannst.
Wittstock, 3. August 2020

Aug-Briesensee

Grundrauschen begleitet mich bis ich in den Wald eintauche,
ich den eigenen Atem höre und die Geräusche der Tiere.
Ein Flattern, ein Summen, ein Rascheln umgibt mich. Wellen schlagen über den See.
Natürliche Stille.
Zivilisationslärm, Licht- und Luftverschmutzung wegfiltern,
die Reinheit dessen, was nicht menschengemacht ist, spüren.
Die Natur als Verbündete für Körper und Seele.
Der Mensch braucht mal eine Pause von seinesgleichen.
Dem eigenen Atem lauschen, anstatt dem der anderen.
Sich treiben lassen, anstatt sich antreiben zu lassen.
Seinen eigenen Gedanken nachhängen, als unreflektiert Gedanken zu übernehmen.
„Man verlernt die Menschen, wenn man unter Menschen lebt.“ (F.W. Nietzsche)
Briesensee, 5. August 2020

Aug-Darss-Born

Alles anders und doch gleich.
Dieser Sommer.
Diese Halbinsel.
Dieses Meer.
Neu ist das Schild, das am Strandzugang 2 Ahrenshoop auf den Umgang mit Robben am Strand hinweist. Abstand halten, ist die Devise, auch für uns Menschen.
Meine Füße schieben mühevoll den heißen Sand auf der Düne beiseite. Unbezahlbar dieser Blick, wenn sich das Meer über die Grashalme schiebt. Leer ist es für denjenigen, der ein paar planschende Vierbeiner in Kauf nehmen kann. Einen Aufgang weiter sind die Strandmuscheln und Windschutze schon dichter aufgestellt, am heißesten Tag des Jahres.
Auf den Buhnen sitzen die Möwen mit gebührendem Abstand zueinander aufgereiht. Wo sind die kreisenden Strandräuber in den Lüften? Als hielten auch sie sich von den Menschen fern. Der Parkautomat verschlingt fast doppelt so viel Geld als noch vor 2 Jahren und auch das kleine Stück Zeltplatz hat seinen höheren Preis. Und trotzdem… seit dem Hitzesommer 2003 gibt es kein Jahr (außer das letzte), in dem ich nicht ein paar Tage hier verbrachte. Kein Sommer ohne den Darß.
Glasklar, kühlend das Wasser. Quallenfrei heute auch. Meine Füße greifen weiter draußen im Meer nach dem weichen Untergrund der Sandbank. Scheinbarer Halt, den Wellen ins Wanken bringen. Blinzelnder Blick in die Sonne. Am Horizont weiße Segel, die über das Meer gleiten. Der Wellenschlag schluckt die menschengemachte Geräuschkulisse, die vom Strand übers Wasser zieht – filtert sie so, dass nur ein Rauschen übrigbleibt. Berauschender Rausch.
Abends auf der anderen Seite, am Saaler Bodden. Die Sonne ist längst untergegangen. Flach liegt das Wasser vor mir, über ihm steigt Dunst auf.
Was bisher klar erschien, verliert sich schnell im Nebel. Nichts ist sicher…was vor uns liegt.
Auch am allerschönsten Tag ist der orange getünchte Himmel am Abend nicht der Vorbote für den Sonnenschein des nächsten Morgens.
Born, 11. August 2020

Aug-Ruegen

Wieder am Meer.
Weißes Segel am Horizont.
Schiebt sich von Insel zu Insel.
Selbes Wasser, anderes Land.
So nah, dass die Silhouette genug Raum lässt, für die Vorstellung von dem, was ist, was sein kann.
Wege, die sich kreuzen, sind längst kein Ziel.
Der nicht enden wollende Sommer rollt noch immer den Teppich aus. Illusionen werden bedient. Was gewesen ist, kann nicht verloren sein. Der Blick aufs Meer.
Hinter mir Musik aus den Boxen aus längst vergangenen Tagen. Es darf getanzt werden. Der erste Schritt zaghaft, mein Blick begleitet die Gäste. Wüsste man immer, wann es der letzte Tanz ist, wäre man dann beschwingter?
Lange Tage, kurze Nächte.
Jetzt.
Doch schon bald verkürzen sich die Tage so, dass sie im Schatten der Nächte verweilen.
Dunkelheit kehrt ein.
Der Tanz nur eine Erinnerung aus anderen Zeiten.
Sternen gesäumt der Himmel.
Wellenschlag unter der Seebrücke.
Dieser Weg führt ins nirgendwo.
„Bald – und du hast alles vergessen.
Bald – und alles hat dich vergessen.“
(Marc Aurel)
Thiessow, 15. August 2020

Aug-Daemeritzsee-2

Zwischen Wolken und Wellen
ein Paddelschlag,
der mich über den See trägt.
Wasser und Luft vereint.
Abend nimmt, was Tag gegeben,
Sommer, Sonne, SUP –
Frau gleitet so von Ufer zu Ufer,
in diesem Jahr, in dem Paddel die Flügel der Lüfte ersetzen.
Nur wenige Flieger ziehen über uns hinweg.
Sommer ist
hier, jetzt, noch.
Gleichgewicht halten, in Bewegung bleiben.
Treiben lassen, und doch auch die Richtung selbst bestimmen.
Nicht stürzen.
Fische springen, Vögel zwitschern, Grillen zirpen, als wäre Mensch nicht da.
Motorboote ziehen vorbei und bringen sich ins Gedächtnis.
Dem Rausch der Geschwindigkeit standhalten,
sich ausbremsen lassen
und doch auch das Wanken ertragen.
Es sind die letzten Abende, die auf dem Wasser kein Frösteln auslösen.
Warm ist es, das Lächeln, das uns die Natur noch einmal schenkt,
bevor sie sich zur Ruhe legt und uns den Wogen des Sommers überlässt.
Erkner, 20. August 2020 

Aug-Art-Biesenthal-2Aug-Art-Biesenthal-1

Picknickdecken auf dem Rasen verstreut.
Ein Garten ohne Zaun.
Grenzenlose Weite – wohin das Auge schaut.
Ein Bach rauscht vorbei an der Mühle.
Auch die untergehende Sonne mag die 36 Grad auf dem Thermometer nicht dämpfen.
Hund tobt, Katze spielt zwischen den Kunstwerken.
Von der Woche gezeichnete müde Körper tanken hier wieder auf.
Aus den versteckten Boxen in der Wiese ertönt Musik. Dampf steigt auf.
Wir setzen uns nieder. Kisten mit Speisen werden gereicht.
Ein „Seele“ in Leuchtbuchstaben flackert am Baum hängend auf.
Es bedarf keiner strahlenden Kunstwerke, um die Seligkeit dieses Abends zu spüren.
Wir lassen uns fallen mit stetigem Blick nach oben. Fangen Tropfen auf. Irgendwo vor den Toren Berlins, zwischen Wäldern, Wiesen und Seen, irgendwann zum Feierabend nach 2 h Stau, wenn unsere erschöpften Geister der Filterblase entfliehen, sich in der Dunkelheit erden.
Später an einem See, mitten in der Nacht. Kein Mondschein, kein Funkeln des Wassers. Und doch zieht er magisch an. Noch einmal hineinspringen, erfrischen, bevor wir in die Stadt zurückkehren. Nächtliches Nacktbad.
Im Scheinwerferlicht des Autos erscheint ein unbekleideter junger Mann am Straßenrand. Wir winken uns zu. Es ist diese Ausgelassenheit, die schon bald hinter den biedermeierlichen Gardinen verschwindet, wenn dem Mensch Grenzen gesetzt werden und die Seele in ihren inneren Konflikt zwischen Vernunft, Begehren und Muthaftem gerät.
Biesenthal, 21. August 2020

Aug-Templin

Habe Sternschnuppen fallen sehen,
der Mond steht als Sichel am Himmel.
Die Nacht gefüllt mit den Rufen der Kraniche. Morgenstunden löschen dieses melodische Feuer,
leeren die nächtliche Melancholie.
Vom Regen gereinigt,
von Wind getrocknet,
von Sonne zum Glanz poliert.
Uckermark im Spätsommer,
wenn Tau sich auf die Zeltwände legt, sich klamm die Glieder in den Schlafsack graben,
Fülle der Leere weicht.
Ein Windhauch zieht über die Wiese hinweg, Wolken schieben sich über die Wipfel.
Folgen dem Trampelpfad über die Pferdekoppel.
See liegt vor uns.
Noch einmal funkelt Wasser. Zwischen Schilf und Kolben klafft eine Lücke.
Wir schwimmen der Sonne entgegen, die die Landschaft in ein warmes Licht tüncht. Bevor uns Kälte ergreift und der Sommer auf dem Land endet.
Netzow, 22. August 2020

Aug-Ringenwalde

Male Regen in die Luft.
Sonne zerlegt ihn in Farben.
Ein Aquarell wächst für einen Augenblick in die Transparenz hinein, um bald wieder zu verschwinden. Flüchtig sind die Farben, die wie Öl an meinen Gedanken kleben und in der Luft verwässern. Nacht nimmt Sonnenlicht und auch die Farbe.
Tropfen für Tropfen schwindet die Vorstellung von dem, was sein könnte und wird ersetzt durch das, was ist. Kein Regenbogen ist von Dauer.
Ringenwalde, 30. August 2020

Sep-Daemeritzsee

Unübersichtlich ist sie geworden, die schrille, laute Welt. In der Stille, der Schockstarre des Frühjahrs wuchs hinter verschlossenen Türen ein Sturm heran, der im Spätsommer über das Land hinweggeweht. Erntezeit.
Ungewissheit füllt die Lücken, die das Schwinden des Altbewährten hinterlässt. Fugen voll mit Angst, die das Begreifbare unbegreifbar macht. Kann man darauf ein stabiles Haus bauen, in dem es sich friedlich zusammenleben läßt?
Wer erklärt uns die unerklärbare Welt? Wo leeres Papier Antwort ist, scheinen Fragen Transparente und Medien zu füllen.
Was gestern gewiss war, ist es heute nicht mehr. Was morgen hätte sein können, ist nicht mehr.
Hier Angst, dort Wut,
wo uns einst Hoffnung, Freude und Träume einten.
Gemeinschaftliches Handeln fordern, wo Individualismus längst jede Vene unseres Zusammenlebens durchfließt. Der Lauteste wird gehört.
Halt finden, wo das eigene Bild vom Leben, von Zukunft wankt.
Vertrauen ernten, wo Skepsis wächst. Solange die Wurzeln noch greifen, gibt es auch Halt und daraus kann man wachsen.
In Schieflagen besonnen agieren, anstatt auf Wut mit Wut zu antworten. Haltung zeigen, die trägt. Sich aber auch selbst hinterfragen. Denn in haltlosen Zeiten ist jeder für die Stabilität verantwortlich, die er selbst einfordert. Die Gesellschaft ist nur so gut wie ihre Bürger.
„Aufrecht stehen, ohne aufrecht gehalten zu werden.“ • Marc Aurel
Dämeritzsee, 1. September 2020

Aug-Lychen

Als wir uns das letzte Mal sahen, ahnten wir nicht, dass uns bald ein zu viel an Nähe trennt.
Die Äste an den Bäumen so zerbrechlich, die Wiesen und Felder im Thüringer Wald im fahlen hellbraun.
Auf den Winter sollte der Frühling folgen, in dem wir uns in meiner Heimat wiedersehen wollten.
Es wurde Spätsommer in der Uckermark.
Der Frühling blieb hinter einer milchigen Scheibe der Großstadt,
in der soziale Kontakte auf einen Display reduziert wurden.
Doch was macht Distanz aus Menschen, die von Zuwendung zehren?
Wo Sorge da ist, dass jede Berührung, jeder Atemzug, nicht ohne Folgen bleibt, überdenkt man jede Begegnung, jede Umarmung.
Das frische Grün verliert bereits seine Strahlkraft.
Erste Blätter fallen gelb-braun vom Ast. Regen tropft leicht durch Apfelbäume auf der Wiese, befeuchtet den Rasen, der vom Sommer längst verbrannt.
Es ist, als wäre der Welt wieder die Farbe entzogen im Moment des Wiedersehens, im Augenblick der unbeholfenen Gesten in der Begrüßung, als wir maskiert voreinander stehen.
Doch nach und nach gewinnen wir die Sicherheit im Umgang zurück.
Und schon am nächsten Tag weckt uns die Sonne.
Seen leuchten im satten Blau, in dem sich die Welt kopfüber spiegelt.
Momentaufnahmen, die schon im nächsten Augenblick durch Wind und vorbeifahrende Boote ins Wanken geraten. Wellen erfassen unsere gespiegelten Silhouetten.
Nichts ist von Dauer.
Sie bleiben als Abzüge eines anderen Sommers in meiner Erinnerung, in dem das Gewohnte seine Normalität verlor.
Lychen, Ende August 2020, Familien-Wiedersehen.

Sep-offene-Ateliers-Lichtenberg

Die Hitze verschafft sich durch jede Fensteröffnung Einzug in das Schlafzimmer. Wir sitzen da auf dem durchwühlten Bettlaken und diskutieren hitzig über Corona-Politik und Hygiene-Demonstrationen. Ein echtes Aufregerthema, ohne Frage. Aber wie viel will Mensch nicht verstehen? Verhärtete Positionen, die Augen und Ohren vor dem verschließen, was der Sender als Botschaft transportieren will. Genervt setze ich erneut an, um noch einmal feiner auszuformulieren, dass diese Demonstrationen nicht Gegenstand meiner Aussage sind, wenn ich Bedenken aufwerfe, ob jede ergriffene Maßnahme im Frühjahr so sinnvoll und hilfreich war, um die Menschen mitzunehmen. Als ich erkläre, dass jeder Ausflug in die brandenburgische Natur, aus dem ich mehr Kraft ziehe, als einem Spaziergang in einem überfüllten Berliner Park, zum Spießrutenlauf wurde. Ich mich immer an alle Vorschriften gehalten habe, aber zu Ostern zum Essen in die Wohnung meiner Schwester ging (was nicht erlaubt war), obwohl ich zuvor noch mit ihr durch Indonesien gereist bin und wir uns oft ein Bett teilten. Dass ich Omas gesehen habe, die einfach das schöne Wetter auf einer Bank draußen genießen wollten an der frischen Luft, was viel gesünder ist, anstatt in ihrer dunklen Wohnung zu verweilen, aber genau damit machten sie sich strafbar und das Ordnungsamt scheuchte sie auf. Die Regeln seien doch nicht schlimm gewesen, sagt mir dieser Mensch, der mir gegenübersitzt und sich quasi im Wochenrhythmus mit verschiedenen Ladys trifft (sie sind ja dann trotzdem max. nur 2). Er verhält sich immer tadellos, spürte auch nie Einschränkungen. Wie stark hat man mit Selbstreflektion schon abgeschlossen, wenn man sein Verhalten als vorbildlich beschreibt, aber gleichzeitig in Pandemiezeiten nie nach dem Vorhandensein eines Corona-Tests oder Corona-App oder einfach nur nach den anderen Kontakten fragt, bei all seinen Zufallsbegegnungen. Umsichtiges Handeln sieht für mich doch anders aus. Das Argument zur Selbstenttarnung lässt er nicht gelten. Er will nur das raushören, was ihn beschäftigt. Und damit steht er in diesen Zeiten nicht allein da. Wer nur kleine Zweifel äußert, wer die Regierung für den verschlafenen Sommer kritisiert, macht mit den Covidioten auf der Straße gemeine Sache und wird umgehend vor den Fernseher platziert, wo man mit der zigsten Talkrunde um Plasberg und Co., in der auch Herr Lauterbach präsent ist, wie ein ungehöriges Kind umerzogen werden soll. Auch zwischen Vernunft, Gehorsam und Angst sind Sinn und Sinnhaftigkeit nicht hineingetackert.
Berlin, Anfang September 2020

Sep-Lieberose

Vielleicht war es dieser eine Stuhl, der mich in der gestrigen Ausstellung „Zärtlichkeit. Vom Zusammenleben“ berührte, weil er das spezielle Jahr 2020, das Social Distancing und #stayfuckingathome-Rufe prägten, so gut widerspiegelte und gleichzeitig konträr zum Motto steht.
Monate, in denen der Zusammenhalt gestärkt werden wollte und vielmehr still entglitt.
Fragile Zärtlichkeit kämpft gegen das Brachiale an.
Der eine Stuhl verloren hinter einem geschlossenen Fenster. Worte prallen ungehört an den Wänden ab. Lichtschein fällt durch die Scheibe, um Schatten zu werfen. Natur entfaltet sich, Mensch nicht.
Das Er-Leben ist anderswo – in vergangenen Zeiten.
Verschlossen dieser Weg. Wir zehren von den verblassenden Gedanken daran.
Die Welt hielt scheinbar an, weil wir zum Nichtstun verdammt waren und doch drehte sie sich weiter, weil sie uns doch gar nicht braucht. Ein Stuhl, ein Fenster – im Schutz der Wände –  mehr bedurfte es nicht. Ruhe, Beobachten, Nachdenken, Begreifen. Stillstand. Und Zärtlichkeit.
An den Wänden nagt die Zeit. Farbe blättert ab, verblasst.
Es ist kein Kunstwerk, nur Nebenschauplatz, Requisite, in diesem faszinierenden Ort, der dem zunehmenden Verfall ausgesetzt ist.
“He remembers those vanished years. As though looking through a dusty window pane, the past is something he could see, but not touch. And everything he sees is blurred and indistinct.” (aus In the mood for Love)
Rohkunstbau in Lieberose, 6. September 2020

Sep-Artrun

Farben an den Wänden,
Farben am Himmel,
Farben im Kopf.
Spiegel unserer Gedanken.
Skizzen unserer Welt.
Wege die tragen,
Laufen wir.
Rundwege, Sackgassen, Schnellstraßen.
An Kreuzungen stehen,
Den Blick abwenden vom nervtötenden Verkehr.
Bald bricht die Nacht herein,
Schritte werden langsamer,
Tempo lässt nach.
Der Atem tiefer.
Was bunt war, wird schwarz.
Scherenschnitt der Stadt legt sich in das Feuer des Himmels.
Funken fallen herab.
Jeder Moment ist Weg und Ziel, ist Bewegung, ist von Leben getränkt.
Artrun Berlin, 10. September 2020

Sep-Diemitz

Blicke auf,
wo Krähen in den Baumkronen krächzen,
Fischadler über uns kreisen.
Lausche dem Plätschern unter dem Steg.
Neu sind Schilder und Bänke.
Dorfgemeinschaft feiert Hochzeit
Im Garten einer Kneipe.
Schmetterlinge flattern über die Grashalme hinweg.
Kinder sind längst hinausgezogen.
Unzählige Sommer, die ich hier verbrachte.
Alter Ort hinfort.
Äste wiegen sich im Wind.
Sommer in der Luft, Herbst dringt durch den Boden.
Blätter fallen, wir stehen auf.
Wasser kühlt und trägt. Es sind die letzten Züge.
Dieses Sommers?
Kalter Sand unter der Decke, wärmendes Sonnenlicht.
Windböen wehen feine Körner in die Ohrmuschel,
Staub setzt sich ab in Haar und Poren.
Blinzle. Ein feuchter Film legt sich zwischen Jetzt und Erinnerung.
Ein Knirschen filtert Geräusche.
17 Jahre sind vergangen.
Neue Balken, neues Gelände zieren den Steg.
Früher lebhaft, heute still.
Schön und schmerzhaft.
Wann wird das Heute Morgen sein,
wann wird aus dem bloßen Gefühl Nostalgie?
Wann lösen sich Erinnerungen im Vergessen auf?
Diemitz, 12. September 2020 / erster Tagesausflug nach Mecklenburg

Aug-Daemeritzsee

Septembertage im Schein der tiefstehenden Sonne.
Warmes Licht, wo bald Kälte herrscht.
Als würde sie unsere Akkus extra aufladen, für das was kommen mag.
Weiße Schatten der Nacht legen sich über den See.
Alles was Wasser tragen kann, ist heute unterwegs. Es plätschert, schnurrt und heult auf. Dazwischen Scharen an Schwänen – und wir.
Bewegung da, wo bald Leben erstarren wird. Unter einer Frostschicht Stille einkehren wird.
Rückzug da, wo jetzt nach vorn geschritten wird.
Der nicht enden wollende Sommer verblasst mit jedem Sonnenuntergang mehr bis er nur noch eine Reflexion im Rückspiegel ist.
Vor uns ein Schattenwurf des vorauseilenden Winters.
Erkner, 16. September 2020

Sep-Habermann

This is the end – am Kaulsdorfer See.
Einmal noch die Sternschnuppen fallen sehen bis sie in der Dunkelheit des einkehrenden Spätsommers verschwinden. Über uns lagen Lichter eines herannahenden Fliegers. Fernweh wollte Lücken schließen, die im baldigen Herbst aufreißen würden, wenn Enge den gewonnenen Freiraum ersetzt. Wir waren die Letzten am Wasser. Füße vergruben sich im Sand, um sie dort zu wärmen. Am Ende des Strands flackerten Teelichter auf. Silhouetten als Statisten der Nacht. Ein Fuchs schlich an uns vorbei zum Wasser, darauf ruhten die Schwäne. Nachts, wenn sich die Natur ihr Revier zurückerobert.
Ein Sommer endet da, wo er begonnen hat. Als die Welt verengt auf Räume, suchte ich am Stadtrand die Weite.
Zu Ostern die Füße ins Wasser eintauchen, im Mai dann den Rest. Erst mit Abstand unter den prüfenden Augen der Polizei, später dichter Decke an Decke.
Abend für Abend die leichte Frische einatmen, die zwischen den Fassaden der Innenstadt in der Hitze erlosch. Doch der Freiraum verschwand auch hier im Sand mit fortschreitendem Sommer. Nur der freie Körper und Geist blieben.
An einem der letzten Tage am See ziehen die Schwäne noch einmal theatralisch über unsere Köpfe hinweg, als wollten sie uns mit ihrem lautstarken Flügelschlag Adieu sagen.
Abschiedsworte füllen die Lücken zwischen den Decken. Ein Sommer der Distanz brachte wieder Nähe. Verbundenheit und Leidenschaft in dem was man tut.
Noch einmal zieht es junge internationale Gruppen aus der Innenstadt hier hinaus. Partystimmung light bevor der Kater kommt. Dieser Sommer war anders – vor allem an diesem Strand. Wir ahnen alle, dass das der letzte Sonnenuntergang für uns sein wird – an diesem Ort. Stimmen und Musik legen sich über das Kleinod, das sonst in Ruhe schlummert. Die Wolkendecke hat sich am Abend zugezogen, als sollte der Vorhang fallen. Doch als hätten wir nach einer Zugabe verlangt, öffnet sich um 7 noch einmal eine Spalte, aus der uns die Sonne Lebewohl zuruft.
Habermannsee, 16. September 2020

Sep-Ihlow

Die Ruhe nach dem Schuss.
Bin aufs Land geflüchtet.
Wiese. Wald. Feld. Weite.
Verlieren an Fülle.
Vermeintliche Einsamkeit.
Wo keine Worte sind, ist niemand.
Wohltuend der leise Ton.
Nicht jeder Schritt muss gehört werden.
Raum für Gedanken,
die sich auflösen wollen.
Kalte Nacht auf dem Rasen,
nur ich.
Aufheulende Hunde.
Eine Jagd da draußen,
im Märkischen Wald.
Im Kopf füllt sich die Leere,
Verpufft der Hall.
Herz wehrt sich,
Bilder schießen zurück.
Dunkle Stunden,
Wenn in der Großstadt noch Lichter funkeln,
Verabschiedet sich hier der Tag
Mit den eindringlichen Klängen der Kraniche.
Ihr Trompeten erfüllt die roséfarbene Himmelskulisse mit Melancholie.
Unter dem Mantel der Nacht wird sie sich ausbreiten,
Kein Licht soll scheinen.
Zugvögel ziehen in Formationen über mich hinweg,
Als wüssten sie bereits,
wie sich das Morgen anfühlt.
Peitschender Flügelschlag
Gegen das Unausweichliche,
Gegen die kühle Luft.
Die Sehnsucht nach Wärme teilen wir.
Sie gehen, ich bleibe.
Blicke zum Himmel auf.
Klirrend die Luft.
Eisig das Wasser.
Erstarrt mein Körper.
Gefroren der Aus-Blick.
Licht für Licht flackert auf
Bis der Sternhimmel komplett ist.
Rauschen füllt meinen Kopf.
Herbst, ich spüre Deinen Atem!
Ihlow, 18. September 2020

Sep-Buckow

Sommer war gestern,
heute ist Herbst.
Zeit war,
Zeit ist,
Zeit wird sein.
Bald Erinnerung.
Bald Nostalgie,
jene Zeit.
Lachen, Weinen,
Erleben, verlebt sein.
Leichtigkeit außen,
Schwermut innen.
Türen schließen.
Rückzug.
Verschwommene
Träume
Hinter der beschlagenen Scheibe.
Sommer wird sein
Wenn Lachen die Stille durchdringt,
Fenster und Türen wieder öffnen.
Buckow, 19. September 2020

Sep-Greece-5

22.3. der letzte Facebook-Eintrag. Danach gab es nichts mehr zu sagen. Die Welt entglitt uns – alles komprimierte sich auf ein Wort, an dem jegliche Kommunikation ausgerichtet wurde. Wie macht man das weiter, was vor über einem halben Jahr jäh beendet wurde? Zu reisen und darüber zu schreiben – in diesen Zeiten. Wie macht man dort weiter, wo Vielfalt und offene Diskussionen niedergeschrien und weggemutet werden, als könnte man dies auch im Offline-Leben tun? Nach dem Motto: was ich nicht sehe und höre oder alternativ übertöne, gibt’s nicht.
Die letzten Monate machten mich sprachlos, nicht wegen des Virus, das war da und wird auch erst mal bleiben. Und jede*r hat seine*ihre Art, dies zu verarbeiten. Wir sind nicht gleichgeschaltet, wir sind Individuen, mit eigenen Vorgeschichten, Gefühlen, Ängsten, die es manchmal doch zu verstehen gilt, doch dafür muss man sich Zeit nehmen, zuhören (wollen). Sorge bereitete mir eher der soziale Umgang, die Kommunikation, das gesellschaftliche Klima. Online noch vielmehr als offline. Moral vs. Amoral, Intervention vs. Laissez-faire etc. – frei nach dem Motto, wer Recht hat, bestimme ich. Doch verantwortliches Handeln entsteht nicht mit der Überzeugung, dass die eigene Meinung der Meinung anderer überlegen ist.
Und dann ist da auch die entzweiende Frage: wer entscheidet und wer urteilt darüber, wie wir leben? Positionen verhärteten sich in vielen Fragen des Zusammenlebens – wo es die Offenheit für unterschiedliche Blickpunkte bedurfte. Dabei lebt unsere Gesellschaft von respektvollen Diskussionen, Vielfalt und Dialog, der Kompromisse erst ermöglicht, um möglichst viele mitzunehmen – doch der bleibt zunehmend auf der Strecke. Die zu kommunizierende Botschaft mag manchmal auch richtig sein, aber der aggressive Ton und die fehlende Etikette, die die Vortragsweise begleiten, sind dabei fatal und machen den*die eine*n oder andere*n Komplizen und Komplizin zum*r Gegner*in. Wo ich sonst Kommunikation befürworte, bin ich aktuell oft nur noch sprachlos und unheimlich müde – auf FB, Twitter & Co..
Und nun bin ich zurück mit einem so seichten Thema, dem Reisen auf dem Mittelmeer. Vielleicht entspannt’s den Kopf, der an manchen Tagen zum Zerbersten voll war und vielleicht finde ich darüber dann auch wieder Worte.
Athen, 26. September 2020 / erste Auslandsreise seit März

Sep-Greece-4

Salz auf der Haut,
Wind im Haar,
Weit der Blick.
Berge besteigen,
Dann wieder abtauchen.
Fallen lassen,
In den Himmel schauen,
Wolken ziehen sehen,
Sinne tanzen,
Leben spüren.
Unter mir das Meer.
Über mir ein Segel
Mit Schattenwurf.
Gedanken pausieren
In der Sonne.
Dieser Ausblick
Soll genug sein
Bis er Rückschau wird
angereichert mit Jasminduft.
Mittelmeer –
Mein Anker
Zwischen hier und jetzt
Und dort.
Hydra, 28. September 2020 

Wolken legen sich über die kargen, braunen Bergkuppen und nehmen dem Ort und dem Meer ein wenig die Farbe. An Brillanz verlieren sie dadurch nicht. Autos gibt es keine. Hydras Lasten werden von Maultieren getragen. Geduldig warten sie am Kai. Unter dem prüfenden Blick der Einheimischen und anderer Segler legen wir mit unserem Katamaran an. Immer wieder ein kurzer Augenblick, der die entspannte Atmosphäre an Bord unterbricht. Zwei ältere Griechen sitzen vor der gegenüberliegenden Bankfiliale und diskutieren impulsiv. Die Willkommensmelodie von Hydra ist ein Gemisch aus ihren Stimmen, der griechischen Musik in den Lokalen, dem Motorengeräusch der Fähren und dem Wind.
Ich verliere mich in den Gassen, erklimme die Hügel und habe stets schnurrende Begleiter an meiner Seite. Mit ihren Badetüchern über den Schultern begegnen mir ein paar Touristen und Einheimische auf ihrem Weg zu den kleinen Badebuchten, von denen meist Leitern ins Wasser führen. Ich folge ihnen hinunter an den Strand. Kleine Fährboote gleiten an uns vorüber und hinterlassen für ein paar Sekunden Schaum und Wellen, die sich in der Weite des Meeres verlieren. Hydra ist wie ein Echo jener Sommer unserer Erinnerungen.
Hydra, 28. September 2020

Sep-Greece-1

Braune Felsen ragen wie Splitter in den Horizont.
Davor ein weißes Segel auf dem tiefblauen Wasser.
Zwischen Blau, Braun und Weiß gibt es keine Schattierungen.
Harte Kanten vor mir.
Spiel von Geometrie und Minimalismus.
Hinter mir das Funkeln des Lichts in den Wellen.
Verspielt, in Bewegung.
Starre bricht auf, wo Kräfte wirken.
Inseln verschwimmen im Dunst
Zu einem impressionistischen Gemälde.
Die Sonne im Rücken zaubert dem Meer ein Glitzern, das in der Erinnerung verschwimmt.
Klar, in satten Farben erscheint die nächste Insel der Kykladen,
mit ihr rückt die Heimkehr nah.
Der Segeltörn bald nur noch ein Silberstreif auf dem zurückgelassenen Meer.
Kolona Beach, 1. Oktober 2020

Als ich in dieser Vollmondnacht unter dem leuchtenden Sternenhimmel in einer Bucht auf Kithnos in eine Decke gehüllt einschlief und unter diesem Morgenhimmel auf dem Deck des Katamarans aufwachte. Zwischen Night Swim und Morning Swim lag ein bezauberndes Farbspiel. Klamm war der Stoff auf der Haut, kalt die Füße, warm das Herz.
Potamia Bucht, 1. Oktober 2020 

Okt-Liepnitzsee

Zwischen dem Gestern und Heute liegt dieser Sonnenuntergang in Brandenburg.
Es ist irgendwo zwischen Alimos und Flughafen, 3.30 Uhr, als mein Taxifahrer durch die Plexiglasscheibe und dem heruntergerutschten MNS meint, normalerweise seien um diese Zeit die Straßen voll. Leere ersetzt die einstige Fülle. Alles geschlossen, alle daheim. 30 min bin ich seinem Redefluß ausgesetzt, der mir ein dystopisches Zukunftsbild von Angst, Armut und einer angestrebten Weltherrschaft aufzeigt.
„Ich will dass das einfach alles endet“, verabschiedet er mich am Flughafen. Wer will das nicht?
Müde bin ich – und das ist wohl der Gesamtzustand in diesen Zeiten, der uns in einen kollektiven Winterschlaf schickt. Mein Kopf spielt längst nicht mehr mit, will ruhen. Will den Abstand der letzten Tage mitnehmen. Mit dem Segel der Unbeschwertheit die nächsten Winde nehmen. Vor meinem Landeanflug über München färbt sich der Horizont rot. Wie eine Ampel, die ausbremsen will. Das Gewimmel auf dem Flughafen will nicht ganz dazu passen. Es ist Tag der deutschen Einheit, als ich mittags zum letzten Mal auf TXL lande. Ich schiebe mich vorbei an der Schlange, die für Doha eincheckt. Erinnerungen an diesen Winter, den ich in der Ferne verbrachte, bevor die Reise ihr jähes Ende fand. Kurz rauschen all die Abflüge, Verspätungen, vermisstes Gepäck an mir vorbei. TXL war meist der hoffnungsvolle Anfang und auch das wehmütige Ende meiner kleinen Alltagsfluchten. TXL war der Notausgang, die Tür zur Illusion. Sicherlich auch eines der Symbole, die mir die Einheit brachte. Am Alex steige ich aus. Laufe vorbei an ausgebreiteten Bannern, in der Ferne skandierende Parolen. Blaulicht und Sirenen heulen auf. Übergänge sollten weich gezeichnet werden, damit sie nicht überfordern. Tausche Tasche mit kleinem Rucksack und fahre hinaus. Füße ins Wasser, wenn Sonne glutrot hinter den Bäumen versinkt. Gestern noch Mittelmeer, heute am Liepnitzsee. Der Himmel ist überall gleich.
Liepnitzsee, 3. Oktober 2020 

Apr-FrankfurterAllee

Sturm im Kopf,
Regen auf der Haut.
Runden drehen
unter dem flackernden Licht der Parklampe
Wie unter einem Stroboskop.
Leben abgehackt in sich wiederholende Frequenzen.
Hier waren wir schon.
Tropfen hinterlassen Kreise
Auf der Oberfläche der Spree.
Flüchtig dieses Muster und
Vorhersehbar zugleich.
Gedanken wollen tanzen.
Beine auch.
Laufe schneller
Um der Musik im Ohr zu folgen.
Pitche meinen Puls
Bis ein Rauschen bleibt,
um den Lärm zu übertönen.
Unter den aufziehenden Wolken
Verliert die Stadt an Weite,
wechselt die Perspektive,
verändert ihr Gesicht.
Lebendigkeit erstarrt.
Hubschrauber kreisen.
Sirenen heulen auf.
Macht und Kontrolle,
die Vielfalt erdrückt.
Grenzüberschreitung.
Freiräume durchschneiden.
Beliebigkeit ist
Was am Ende bleibt
Zwischen uninspirierten Hochhausfassaden.
Das Ziel ist der Weg.
Friedrichshain, 9. Oktober 2020 (Räumungen gehen immer, auch in der Pandemie)

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Neulich auf dem Meer.
Azurblau das Wasser,
Himmelbläue über dem Horizont.
Darauf weiße Segel.
Klare Linie, wo das Sichtbare endet und Vorstellung beginnt.
Klare Linie, wo sich Sichtweisen unterscheiden.
Es gibt kein oben, kein unten. Nur mittendrin.
Es gibt Wind, es gibt Wellen, von hinten, von vorn, von den Seiten.
Es gibt Kräfte, die sich entgegenstellen und die treiben.
Und es gibt uns.
Neulich, als sich kurz der Horizont öffnete,
Weite wieder spürbar war – für einen Augenblick.
Meer gesehen, Meer gerochen, Meer gespürt.
Unendliche Leere, die sich füllt
Tropfen für Tropfen.
Ist es nicht fantastisch?
Eine Woche später
In der herbstlichen Stadt
Bilder aus „Über die Unendlichkeit“
Flimmern über die Leinwand
Mit dieser Frage.
Draußen legt sich ein eisiger Film auf die Scheiben.
Unsichtbare Mauern bauen sich auf.
Wir ziehen uns zurück,
Lassen Kälte nicht einziehen.
Was ist denn am Leben und an der Welt,
hier und jetzt, fantastisch?
Dass wir sind.
Die Erinnerung, der Augenblick oder der Traum, aber nicht unendlich.
Berlin, 13. Oktober 2020

Winterschlaf.
Müde, erschöpft, fade.
Farben verblassen.
Satt war, mager ist
Der sich entfernende Sommer.
Weite schrumpft zusammen,
Nähe entfernt sich.
Draußen kalt, drinnen warm.
Der Andere, die Gefahr.
Herbst durch die Scheibe,
die immer mehr beschlägt.
Menschlichkeit, die auf Distanz aufbaut.
Die Außenwelt verschwimmt zur amorphen Masse,
bis sich Eiskristalle über sie legen
und sie erstarrt.
Nur ein Hauch,
als Lebenszeichen,
Schafft für einen Moment Durchblick.
Eingefroren, wie wir sie zuletzt zurückließen
bleibt die Welt ausgeschlossen.
Frühling wird kommen.
Harren der Dinge,
blicken drauf,
nur nicht rein.
Fahren den Stoffwechsel herunter,
zehren vom angefressenen Speck des Sommers.
Verzehren uns nach der Erinnerung,
die in unserer Vorstellung wieder sein wird.
Unser Leben,
Das nach dem Winter wieder erwacht.
Berlin, 16. Oktober 2020

Okt-Griessmuehle

Als ich tanzte.
Als sich eine unsichtbare Schnur fein um das Leben zog,
Draußen der Frühling erwachte.
Die Natur war weit.
Die Sehnsucht groß
Nach dem, was man später vermissen würde.
Heute das Wissen über das, was einem fehlte.
Nun im Herbst zieht sich da erneut etwas zusammen,
Das Rauschen hallt nach.
Jede*r hat seine*ihre eigene Melodie,
Die ihn*sie durch diese Zeit trägt.
Ich gebe zu,
ich war tanzen,
erlag dem Rausch der Musik.
Bewegende Körper,
die die Leere wegstampften
unter einer Plastikplane
hinter Mauern.
Alles genehmigt, alles legal.
Habe wieder Er-Leben gespürt.
Doch der Rausch bleibt im Verborgenem.
Schöneweide, 18. Oktober 2020

Wer nach unten schaut, sieht den Weg,
den man eingeschlagen hat,
aber auch den Schatten, den man selbst mit der Sonne im Nacken wirft.
Den Blick auch nach oben und zu den Seiten zu richten,
weitet den Horizont.
Sonst folgt man doch nur stets den eigenen Umrissen,
die einen prägen und verliert den perspektivischen Blick.
Wir laufen den eigenen Schatten hinterher,
wo die Sonne doch über uns scheint
und all die Pfade um uns herum ausleuchtet.
Mit der Fähigkeit, sich beim Urteil über andere von eigenen Entwürfen und Schablonen zu lösen,
Erwartet man auch nicht, dass andere im eigenen Schatten mitlaufen.
Schöneweide, 18.10.2020

Okt-Warthesee

Winterschlaf.
Müde, erschöpft, fade.
Farben verblassen.
Satt war, mager ist
Der sich entfernende Sommer.
Weite schrumpft zusammen,
Nähe entfernt sich.
Draußen kalt, drinnen warm.
Der andere Mensch, die Gefahr.
Herbst durch die Scheibe,
die immer mehr beschlägt.
Menschlichkeit, die auf Distanz aufbaut.
Die Außenwelt verschwimmt zur amorphen Masse,
bis sich Eiskristalle über sie legen
und sie erstarrt.
Nur ein Hauch des Atems,
als Lebenszeichen,
Schafft für einen Moment Durchblick.
Eingefroren, wie wir sie zuletzt zurückließen
bleibt die Welt ausgeschlossen.
Frühling wird kommen.
Verharren der Dinge,
blicken drauf,
nur nicht rein.
Fahren den Stoffwechsel herunter,
zehren vom angefressenen Speck des Sommers.
Verzehren uns nach der Erinnerung,
die in unserer Vorstellung wieder sein wird.
Unser Leben,
Das nach dem Winter wiedererwacht.
Oktober 2020

Okt-Thomsdorf

Winterzeit
Das Knacken der Bäume hallt durch den Wald,
in zarten Herbstwinden wiegen Äste.
Süßer Duft gegorener Früchte
vermischt sich mit dem der Erde.
Licht wird runtergekühlt,
bis sich die Wärme nur noch im Laub verfängt,
herabgefallene Blätter betten jeden Schritt weich
Als wolle ich bald versinken
in dieser wundervollen Welt,
die mir das Wasser spiegelt.
Goldener Gürtel umschließt den See,
Auf glatter Fläche brechen Wolken, Wald und Sonne ein.
bald wird das Wasser trüb, verblassen die Farben.
Wenn Tag geht und Nacht hereinbricht
Früher als gestern.
Dem Blick auf diese klare Welt
Wird Zeit genommen,
um diese im Dämmerzustand zu verbringen.
Jeder Tag eine Täuschung
Meiner Gedanken.
Sonne lässt sich erschöpft fallen,
badet in der Finsternis,
bis sie mit neuer Kraft Welt zum Scheinen bringt
ewiger Tanz von Licht und Schatten.
Thomsdorf, 27. Oktober 2020

Okt-Stargard

Habe vergessen Tag und Zeit.
Wollte einfach nur vor der Enge fliehen,
Gegen den Strom fahre ich aufs Land der Sonne entgegen, Regenwolken ziehen im Rückspiegel ab.
Alles drängt rein, ich raus.
Fülle wird nicht voller indem man sie mit noch mehr Unnötigem füllt.
Doch wieviel Nichts braucht’s, um daran zu verzweifeln?
Fühlt sich an wie die letzten Stunden,
Dabei ist es doch nur der (An-)Sturm.
Eine Kirchenglocke läutet den Abend ein. Auf dem Land gleicht jeder Tag einer Isolation.
Doch scheinbare Leere füllt sich mit kleinen Lichtern.
Anmutig wie aus einer anderen Zeit laufen sie mit ihren Laternen durch den Ort und bringen mir ein Stück meiner Kindheit zurück. Finster ist es geworden, es regnet Blätter vom Himmel. Farbiges Laub bedeckt lückenlos den Asphalt, macht Spuren ungeschehen. Der Herbst zieht sich aus, wirft sein Kleid auf die Straßen. Äste und Stämme formen wie ein entblößtes Gerippe ein filigranes, undichtes Dach. Rehe und Füchse erstarren im Licht meiner Scheinwerfer am Straßenrand. Und irgendwo da draußen in einer verlassenen Mecklenburgischen Ortschaft stehen glitzernde Gespenster an einer Straßenecke und geben der Einsamkeit ein maskiertes Gesicht, ohne sich selbst damit zu entlarven. Bevor sich Zeit in der Beliebigkeit auflöst, wissen wir sie zu zelebrieren. In der Ferne erhebt sich die Burg, in der ich nächtige, aus der platten Landschaft. Aus dem Gemäuer zirpt und kreischt es, als würden die Zeugen der letzten Jahrhunderte in dieser Vollmondnacht zu uns sprechen. Fühlt sich an wie die letzten Stunden, dabei ist es doch nur die einkehrende Stille.
Burg Stargard, 31. Oktober 2020

Okt-MueritzNP

Vor der Stille
Es fühlt sich an wie ein vorgezogenes Jahresende, als wir unsere Sachen in der Umkleidekabine packen. Es war der letzte Tanz. Begleitet von besten Wünschen schauen wir hoffnungsvoll voraus. Abschiedsworte tragen immer, weil sie die Schwere der Melancholie und Leichtigkeit der Zuversicht begleitet. Die letzte Sauna, die letzte Trainingseinheit, die letzte Ausstellung, das letzte kleine Konzert, der letzte Kino-, Restaurant-, Cafébesuch, der letzte Kurztrip. Das große vorausschauende Vermissen setzt ein, schon bevor es uns genommen wird. Es ist ein leiser Abschied begleitet durch ein trotziges „Hier waren wir schon einmal“. Wir waren stets bemüht und haben doch noch nicht gewonnen. Wir konnten nicht, was wir wollten, vielleicht weil wir mussten, vielleicht weil der Weg zu unbequem, das Ziel zu unerreichbar schien. Also wieder da weitermachen, wo wir im Frühjahr aufhörten. Leben herunterfahren, reduzieren – in den sanften Winterschlaf begeben, den wir als leichten Lockdown benennen, weil’s besser bekommt, weil Arbeiten, Shoppen, Beten, Lernen erlaubt sind. Relevanz ist nicht verhandelbar.
Sahen wir im Frühjahr noch die Natur durch die Scheibe erblühen, fällt nun das, was herangereift ist, von den Zweigen. Frucht für Frucht, Blatt für Blatt, Tropfen für Tropfen.
Ein transparentes Tuch legt sich sanft über das Land, dämmt den Lärm des Sommers.
Leise ist es geworden. Was nicht sichtbar war, uns stets begleitete, ist plötzlich wieder da. Ist nie weggewesen, nur durch vorgetäuschte Leichtigkeit verdrängt. Schwere lässt sich nicht dauerhaft ertragen. Auf den goldenen Oktober folgt der karge November. Pur sind bald Geäst und Gezweig. Durchlässig der Ausblick. Aufgefüllt die Erinnerung. Nach dem Welken wird es gefrieren und dann auch wieder blühen.
Serrahn, 31.10.2020

Nov-Boetzsee

„There is no love of Life without despair of Life.“
Es war Februar, als ich diesen Ort entdeckte (und ihn mit diesen Worten Camus versah),
der mir im Schutz der Äste und Blätter immer wieder eine wohlige Umarmung schenken sollte,
wenn Beton erdrückt.
Frisch war noch das Jahr,
durch die kahlen Baumkronen sendete uns die Sonne ihr spätwinterliches Licht.
Tief genug, um lange Schatten zu werfen,
in denen wir uns verfingen.
Das Echo unseres Lachens schallte zurück.
Als wollte es uns beweisen, dass wir sind.
Bedächtiger waren unsere Schritte, unsere Stimmen,
als wir im April zurückkehrten.
Wir nahmen die Stille aus unseren Wohnungen mit
und trugen sie in den grünenden Wald hinein,
aus dem Vogelgezwitscher hallte.
In der Natur gibt es keinen Stillstand.
Vorsichtig breiteten wir für wenige Augenblicke eine Decke aus.
Weil Verweilen nicht erlaubt war,
fühlten wir uns unter Dauerbeobachtung.
Entspannung, Zerstreuung, Balance
ließen sich auch hier nicht mehr finden.
Das stetige Gefühl der Unruhe kam und blieb.
Getrieben im Stillstand.
Auf einem erfrischenden Sommer,
in dem das kühlende Wasser
das Feuer im Kopf löschte,
folgt ein dürrer Herbst,
der uns auf den Anfang zurückwirft.
Meine Augen sind müde.
Leben im flimmernden Dauerrausch.
Bewegte Bilder ersetzen die eigene Bewegung.
Füße still halten wurde zum neuen Stay at Home ausgerufen.
Doch die Schönheit der Natur kommt nicht mit dem Lieferdienst.
Wir müssen schon hinaus, um uns in der Kraftquelle Wald zu stärken. •
Bötzsee, 7. November 2020

Nov-Liepnitzsee

Einhalt aushalten.
Sich einen Schritt von allem entfernen.
Im Nirgendwo das Irgendwo finden.
Bis irgendwann wieder jetzt ist.
Alle Bilder weg, alle Worte fort.
Beleuchtung meines Bildschirms defekt.
Wenn Technik versagt.
Zerbrochenes einsammeln.
Verschwundenes sichtbar machen,
Dunkles ins Licht holen.
Wort für Wort,
Bild für Bild,
entstehen nie dagewesene Momente,
stets nur eine Kopie.
Beschreibungen von Aktionen,
Interpretationen von Leben,
Wie es war, wie es ist, wie es sein könnte.
Bewegte Bilder, bewegende Worte.
Haben Dialoge verloren,
Monologe aufgelesen
irgendwo im Wald.
Versatzstücke der eigenen Gedanken.
Setzen sie ein,
wenn es die Situation erlaubt.
Kopierte Sätze
füllen die Leere, die manchmal
sprachlos macht
und zu Gedankenlosigkeit führt.
Liepnitzsee, 8. November 2020

Nov-Wuhletal

Solange die Sonne dem Himmel ein lebendiges Glühen entlockt,
ein energiegeladenes Knistern sich über die Köpfe legt,
Unsere Füße das Laub mit einem Rascheln vor sich herschieben,
Vögel mit ihren Flügelschlägen ein Abschiedslied für uns hinterlassen,
Stillt Leben noch die unbändige Lust
fernab von Stillstand und Stille
und eines arrangierten Stilllebens.
Zeit lässt sich nicht anhalten,
Welt sich nicht drapieren.
Jahr verliert seine Tage,
Farbenfroher Herbst blättert ab,
Gibt sich die Blöße.
Zurückgeworfen auf das, was darunterliegt
Nehmen wir das auf, was wir tragen können
Und schlittern mit der Last durch den Winter.
Doch der Schmerz lässt sich nicht stillen.
Radtour, Schöneweide, 15. November 2020

Wenn das, was vor uns liegt, verschwimmt.
Der Horizont sich spiegelt,
Echtheit täuscht.
Täuschung enttäuscht.
Zersetzt sich das Ziel.
Wo ist der Rand, das Ufer?
Auf dem Wasser lösen sich Konturen auf,
Gefallenes Laub schmückt den See,
als seien die Blätter Boote.
Bunt schimmernde Oberfläche
verbirgt die Tiefschwärze des Bodens.
Wenn das farbige Blattwerk hinfort gespült,
bleibt zurück das trübe Wasser,
auf dem sich der farblose Scherenschnitt der Häuser und Bäume spiegelt.
Gezeichnet in Tusche,
Die Tag für Tag verwässert.
Und wir fragen uns, wann ist es passiert,
dass von diesem kraftvollen Ölgemälde
nur eine blasse Schablone übrigblieb?
Wuhlesee, 15. November 2020

Nov-Talsperre-Schoenbrunn-2

Bin da wo der Schnee ist.
Bin der Zeit voraus.
Weil Sein sich manchmal dem Wunsch angleicht.
Für einen Moment zeichnet er den bevorstehenden Winter in den Himmel.
Luft voller Kristalle.
Beschwingter Flockentanz
Sinkt sacht und leise auf die Erde.
Von Eis zu Tropfen zu Matsch.
Der Herbst verliert an Strahlkraft,
Winter schleicht sich an,
und will doch noch nicht bleiben.
Schönbrunn, 20. November 2020

Es ist dieser kleine Ausschnitt,
Hinter dem Tunnel, der zeitlos erscheint und doch im steten Wandel.
Irgendwo zwischen Vermissen und Vergessen.
Wo sich Berge weich in die Landschaft zeichnen: Grün der Wald, samtig das Moos, diesig das Wetter.
Weiße Kronen verschmelzen mit dem Himmel.
Längst haben die Blätter ihre Farben verloren,
liegen zertreten auf dem Boden
mit Erde vereint.
Wellige Landschaft, die sich mit klaren Kanten schlecht verträgt.
Doch Kälte steht ihr gut.
Trüb ist es hier fast immer.
Jedes Funkeln brennt sich ein.
Tropfen überziehen die Scheibe,
legen sich feucht auf die Wangen.
Beeinträchtigen meinen Blick.
Klamm sind die Hüllen, die mich kleiden.
Unbelichtet bleiben einige Bilder,
die mich in die Vergangenheit tragen
ohne diese Autobahn, auf der ich jetzt fahre,
ohne diese Tunnel, die das Gebirge durchschneiden,
ohne diese riesige Fabrik, die von Jahr zu Jahr vor den Scheiben meines Elternhauses anwuchs, bis sie komplett die Sicht auf die Wälder versperrte.
Irgendwo zwischen Nostalgie und Verklärung liegt das, was wirklich war.
Es ist nur das am Ende der Straße, was in wenigen Sekunden sein wird,
wenn ich nicht umdrehe.
Tiefliegende Herbstsonne kämpft sich durch die Wolkendecke.
Kräftige Farben legen sich über die Straßen und Wiesen,
auf denen ich einst spielte.
Der Tanz von Sonne und Wolken
Bringt einen Regenbogen hervor.
Gleich darunter einen Zweiten.
Es ist nur selten Licht an diesen Hängen, doch heute ist ein hoffnungsvoller Schein.
Erletortalsperre, 21. November 2020

Nov-Rennsteig-Schnee

Habe Winter gespürt.
Aufgespürt im
Dichten Nebel.
Habe kurz über die Wipfel geschaut,
Hinein ins eisige Kleid.
Zerbrechliche Zweige erstarrten im Frost,
der auf ihre Rinde ein Glitzern zauberte.
Hatte eine kurze Ahnung davon
Wie Kälte sich anfühlt.
Geschlittert auf spiegelglattem Weg.
Fußabdrücke im frischgefallenen Schnee,
Prickelnde Kristalle im Gesicht,
Empfindungen projizieren Bilder.
Schmelzen zusammen,
bevor ich sie deuten kann.
Tropfen für Tropfen löst sich auf.
Tag für Tag verliert das Jahr an Kraft
Bis nichts von ihm bleibt
Außer das, an was wir uns erinnern wollen.
Suche nach Bildern im Nebel.
Suche nach Worten im Wald.
Finde Eiskristalle, spüre Leben.
Winter, Zukunft ist bald.
Schmücke, 22. November 2020

Nov-Talsperre-Schoenbrunn

Pinke Heimat
Es war der Moment, in dem sich meine Heimat auf allen Karten pink färbte. Ich schaute hinaus über die blassen Felder und Wiesen, denen die einkehrende Kälte die Farben entzog während der Inzidenzwert erst über 500, dann über 600 kletterte. Tagelang Kontakte in Berlin heruntergeschraubt, weil ich hier auf dem Land niemanden gefährden wollte. Nun kennt jede*r diesen Landstrich, in dem ich aufwuchs, in dem sich schon lange jegliche Wut auf alles anstaut. Dass aber erst jetzt mal die Kameras draufhalten, weil sich geballte Unvernunft so gut in „Covidioten“-Bildern verkauft, sei den Nachrichtenfaktoren geschuldet, die dieses Ereignis bediente. Und so geistert durch die Medienlandschaft wieder für ein paar Tage ein neuer Aufreger, der ab sofort alle mit einem HBN-Autokennzeichen stigmatisiert. Selber schuld, mögen viele sagen. Ja, it’s all about Stimmung – in diesen Zeiten.
Ich bin es leid, dass in diesen Zeiten noch viel mehr als sonst schon Verallgemeinerungen sich wunderbar verkaufen und um sich greifen. Fühlen wir uns besser, wenn wir den oder die eine Schuldige*n ausmachen – Großfamilien, Partypeople whoever … weil’s das Unbegreifbare begreifbarer macht, wenn wir den Finger auf jemanden richten?
Nicht jede*r denkt und lebt in dieser Region so unsozial und egoistisch wie die 400 „Spaziergänger*innen“, die an der Seite von Rechten marschieren, die sind übrigens auch in anderen Zeiten hier äußerst aktiv und haben nun durch die nicht immer konsistenten, nachvollziehbaren Maßnahmen der Corona-Politik von „da oben“ und misslungenen „Krisenkommunikation“ ein leichtes Spiel. Vermitteln, Aufklären, Mitnehmen… anstatt Regeln aufzustellen und mit Ausrufezeichen zu versehen und beim Blick in den Spiegel zu merken, dass man auf dem Weg einige verloren hat, die dem belehrenden Zeigefinger ungeniert einen trotzigen Mittelfinger entgegenstrecken.
Nachhaltig kann Verhalten nur beeinflusst werden, wenn man selbst daran glaubt und von dessen Richtigkeit überzeugt ist. Manch ein*e Bürger*in hat den Glauben und das Vertrauen in unsere Institutionen, Demokratie und Politik aufgegeben und biegen auf Alternativwege nach rechts ab. Das beängstigt mich nicht nur mit Blick auf die Pandemiebekämpfung, sondern auf das kommende Wahljahr.
Auf dem Küchentisch meiner Eltern liegt ein Schreiben der AfD, Post, die ich in Berlin nicht erhalte. Hier flattert sie auf fruchtbarem Boden ein ahnen wir, nachdem wir den Brief entsorgt haben. Man kann sich hier gut aus dem Weg gehen und gleichzeitig unter Dauerbeobachtung hinter wackelnder Gardine und Zaun stehen. Schließlich ist man auf dem Land immer „unter sich“ – Familien, Freunde, Kolleg*innen – verdächtig macht sich der*die Andere.
Kurz nachdem ich abreiste, wurde eine Ausgangssperre über die Region verhängt.
Massentests, die nur auf geringes Echo treffen, starten im Flockenwirbel, der einen Moment ausbremst. Wann wenn nicht jetzt einmal innehalten? Einsam auf verschneiten Waldwegen zu spazieren ist triftig genug.
Als ich an einem sonnigen Sonntagnachmittag über den Boxhagener Platz in Berlin radle, muss ich später noch einmal nachschauen. War hier nicht etwas? Maskenpflicht? Hier tummeln sich sehr viele Menschen, sitzen und stehen in Gruppen. Masken sehe ich nur eine einzige! Ist Berlin, ist Friedrichshain, ist Stadt …müssen wir nicht drüber reden. Die Grenzen hier zieht sich ohnehin jede*r selbst, ohne irgendwo lauthals zu protestieren und zu marschieren. Und wenn Du sie dann befragst, stehen sie 100% hinter der Corona-Politik und merken selbst nicht, wie sie hier und da gegen Regeln verstoßen. Doch dieses permanente Verschieben und Anpassen von Regeln im Kleinen bedarf keiner Berichterstattung. Wurschteln wir uns doch alle irgendwie hier durch. Wir könnten natürlich die langen Schlangen vor den Shopping Tempeln abbilden, aber wait a minute, das ist ja schließlich noch erlaubt. Es bringt uns nicht weiter, Schuldige zu suchen, die Lösungen liegen in jedem und jeder von uns selbst.
Südthüringen, Totensonntag, November 2020

Dez-Gamengrund

Erster Advent 2020.
Abstand
Von jedem,
Von allem.
Nie war Nähe so weit weg.
Gedämpfter Kerzenschein,
der Wärme vortäuscht.
Brauche
Frische Luft,
freien Atem.
Märkte und Straßen sind voll.
Geht Ihr mal shoppen,
ich gehe in den Wald.
Gamensee, 29. November 2020

Sep-BiesethalDez-Biesenthal

Leben vom Band.
Alles gesehen.
Alles gesagt.
Alles gedacht.
Innehalten.
Stopp.
Nichts tun.
Nichts sollen.
Nichts dürfen.
Play.
Aus Leere Fülle machen.
Arbeiten, konsumieren, wohnen.
Nicht zu viel bewegen.
Pause.
Aus Fülle Leere machen.
Möglichst verharren
Oder gleich erstarren.
Dauerschlummer.
Da ist diese eine Bank
Mit Blick auf den See.
Kann Verweilen Sünde sein?
Rewind.
Biesenthal, 6. Dezember 2020

„Ich lasse mich nicht impfen. Ich habe so große Angst! Meine Eltern und Freunde auch nicht, nur mein Sohn will.“ Wieder sitze ich bei meiner Friseurin, der ich eben prophezeit habe, dass der nächste Lockdown nächste Woche kommen wird. Sie zeigt sich aber überrascht, Herr Spahn hätte gesagt, Friseursalons müssten nie wieder schließen. Tja, was die Regierung so sagt und später macht, ist nicht immer stringent. Doch die Impfthematik scheint sie ohnehin mehr zu interessieren. Befreundete Ärzt*innen vertrauen der Impfung ebenso wenig, meint sie. Sie ist keine Covidiotin, kann durchaus differenzieren, aber die Angst ist ein grausamer Partner – sollten wir spätestens in der Pandemiezeit gelernt haben. Diesen Ängsten vor Impfschäden (die ehrlicherweise nie jemand ausschließen kann, auch bei anderen Impfungen nicht) kann und sollte Politik entgegenwirken. Schwierig ist nämlich, dass immer mehr Ärzt*innen und medizinisches Personal – aus meiner Sicht wichtige Influencer*innen in dieser Causa – ihren Patient*innen von Impfungen abraten. Selbiges höre ich von meinen impfwilligen Eltern, deren Hausärztin auch keine Freundin dieser Impfung ist. Landärzt*innen sind noch Vertrauenspersonen, auf die man hört, das sollte man nicht unterschätzen. Ich muss selten solche Diskussionen führen, doch sehe ich mich selbst mit meinen Worten als Verfechterin dieser Impfung. Ich würde lieber früher als später das hinter mich bringen – Hauptsache wieder ein uneingeschränktes Leben. Als ich den Salon verlasse, wissen wir nicht, wann wir uns wieder sehen werden. Mein nächster Termin ist Anfang Januar – sie hat mir noch zwei Alternativen in ihr Terminbuch eingetragen für Mitte Januar und Anfang Februar. Länger sollte der Lockdown nicht gehen, sonst bedarf es generell keiner Termine mehr.
Berlin, 9. Dezember 2020

Bin so müde von den paradoxen Diskussionen. Läden bis heute nicht zu schließen, aber Menschen dafür anzuklagen, dass sie einkaufen gehen. Sie auch noch als Handlanger des Todes zu beschimpfen? Müsste man als Politiker*in nicht die Läden dann schließen, wenn es so bedrohlich ist. Hat man dies nicht selbst in der Hand? Aber nein, dann müsste man dies ja monetär ausgleichen, wohingegen im Fall, dass niemand einkaufen geht, den Ladenbesitzer*innen nichts zustünde. Aber wer sollte dieses nicht stringente Agieren auch hinterfragen?

Werte schaffen.
Verwertung.
Entwertung.
Was ist uns alles wert?
Stetige Bewertung.
Wie wertvoll ist Leben?
Welchen Wert hat Erleben?
Kann man Werte wiederbeleben?
Ist es das alles wert?
Berlin 10. Dezember 2020

Dez-Buckow

Gehe dem Stillstand entgegen,
Nehme Tempo raus.
Schritt für Schritt
Werfe Gedanken ab,
Verliere Worte.
Allein bedarf es keiner Stimme.
Im Rausch der Stille.
Reduzieren wir uns auf das,
Was es vermeintlich braucht.
Mein triftiger Grund heißt Natur.
Buckow, 13.12.2020

Dez-Habermannsee-Angler

Es ist, als wollten die Farben nicht weichen,
Es ist, als wollten die Vögel nicht verstummen.
Es ist, als kämpfte dieses Jahr um jeden seiner Tage.
Viele Antworten auf eine Frage
Liegen irgendwo auf dem Grund.
Wären wir doch Angler
Und höben diesen Schatz.
Dann würden wir uns auch nicht wundern,
warum Menschen wie Menschen handeln,
denn niemand gleicht dem anderen,
Vielfalt hätte Platz.
Es ist einer dieser letzten Tage,
an dem ich dorthin zurückkehre,
wo all die Melancholie begann.
Als könne man Spuren verwischen,
in jenem kühlen Sand.
Durchlässiger ist Geäst geworden.
Unaufdringlich der Blick.
Als wollten nicht nur Körper ausweichen.
Als wäre Mensch plötzlich Luft.
Musik, Lachen, Picknickkörbe,
all das war im Sommer – für einen Moment.
Mehr von allem als gewöhnlich,
als wollte man auf Vorrat leben,
Drei Monate Scheinnormalität,
Ausgelassenheit.
Das Wasser zieht sich immer mehr zurück.
Fülle weicht der Kargheit
auch in Mimik und Gestik.
Reduziertes Leben.
Da ist der Angler,
um den sich Kreise im Wasser ziehen.
Da ist ein Paar in Bademänteln,
das sich ins eisige Nass stürzt.
Da ist das Schwanenpaar mit seinen fünf Kindern,
deren braunes Federkleid fast nahtlos weiß strahlt.
Da ist der Mann, der den Müll mit einer Zange aufliest.
Und da ist Schwermut und Bedächtigkeit.
Herbst geht, Winter kommt.
Und mit jeder Veränderung
ist da die Zuversicht,
dass sich der Horizont aufklart.
Habermannsee, 20.12.2020

Rennsteig-Schnee

Im Schneefall des ausgehenden Jahres
wird die Welt ein Stück leiser.
Lausche den Flocken.
Schließe Augen, spüre Eis.
Kristalle wirbeln von Bäumen,
Biegen sich im Wind.
Dämmen Worte,
Umhüllen Gedanken
Bis sie nicht mehr sind.
Machen kostbar
Was nicht sein soll.
Ich hier und jetzt.
Auf verschneiten Wegen,
schlittere ich leichtfüßig dahin.
Hinterlasse Spuren
Im gefrorenen Regen.
Bin nicht hier gewesen,
Weil nicht sein darf,
Was ist.
Sturm weht übers Land
Formt weiße Fläche
Nach seinem Willen.
Klar und rein
Ist das, was mich umgibt.
Kalt und fröstelnd
Ist das, was mich erreicht.
Am Ende dieses Jahres
bleibt nur die Müdigkeit.
Vieles ist anders,
Anderes ist gleich.
Vergehen wird auch diese Zeit.
Thüringer Wald, Dez. 2020

Es beginnt oder endet immer mit einem Schaltjahr – zumindest in unserer Familie. Mein Leben, das meiner Schwester, der Tod meiner Großeltern… große und kleine Katastrophen, Freude oder Veränderungen. Zum Jahresende 2019 sehe ich meine Mutter ängstlich in das neue Jahr schauen, weil sie meint, Schaltjahre brächten selten etwas Gutes. Dass es dieses Jahr ein Virus sein sollte, ahnte damals noch niemand. Als ich vor einem Jahr auf einem Schiff in Pjöngjang das neue Jahr begrüßte, weitab, isoliert von der restlichen Welt, schien die mir vertraute Welt noch in Ordnung. Doch spürte ich dort auf nicht vertrauten Pfaden die permanente Beklemmung im Nacken, wie es sich anfühlt, wenn man seine freiheitlichen Rechte mit dem Aushändigen des Passes an das Regime abgegeben hat. So interessant die Erfahrung war, so sehr wusste ich auch all das zu schätzen, was wir in unserer Gesellschaft genießen konnten. Wie dankbar wir dafür sein können, gerade für uns Bürger, die östlich der Grenze aufwuchsen ist das keine Selbstverständlichkeit. Ich habe viel darüber nachgedacht, weshalb mich weg von den Corona-Leugnern, Impfverweigerern mich vor allem das Abdriften ins Denunziantentum, das Überschreiten einer nicht sichtbaren Grenze so sehr nervte. Es öffnet die Tür für etwas, das auch nach Corona bleiben kann. Warum neigt der Mensch dazu, für alles einen Schuldigen zu suchen? Blaming von allem und jedem. Denn nur das eigene Verhalten ist tadellos. Und so klagten wir im Einklang, was Politiker*innen und Medien vorgaben (und diese Schelte mache ich sehr ungern, traf dieses Jahr aber leider zu), nachdem die erste Welle „geschafft“ war, an: die Reiserückkehrer, die Partypeople, die „arabischen“ Großfamilien, die Glühwein- oder Kinderpunschverzehrer im öffentlichen Raum, die Skifahrer (muss sich um Skilanglauf handeln, da Pisten gesperrt sind) und diejenigen, die sich erdreisteten, den Tod seiner*ihrer Großeltern oder alten Eltern in Kauf zu nehmen, weil sie diese zu Weihnachten besuchten. Ich machte mich nach diesem Maßstab in diesem Jahr wohl in fast allen genannten Punkten schuldig und dennoch würde ich behaupten, achtsamer als manche eine*r der*diejenigen, die anklagten und shamten, gehandelt zu haben. Aus epidemiologischer Sicht kann man all die Punkte verurteilen, da komplette Isolation natürlich der einzige Weg ist, die Corona-Ausbreitung möglichst schnell zu stoppen. Aber wir sind nach wie vor Menschen und verurteilen andere Menschen, weil sie sich eben wie Menschen verhalten. Soziale, physische, psychologische Kriterien spielen nunmal auch eine Rolle – auch in der Pandemie.
Öfter die eigene Perspektive zu verlassen, zuzuhören, zu verstehen und nicht gleich zu bewerten, zu verurteilen – das wünsche ich mir im neuen Jahr. Am Ende verfolgen wir doch alle dasselbe Ziel! Und dieses erreicht man nur im Miteinander.

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