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Estland und die Lieder gegen das Verschwinden

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Plattenbauten aus der Sowjetzeit ziehen an uns vorüber, als wir Tallinn gen Osten verlassen. Peterburi ist nur 300 km, die russische Grenze 200 km entfernt. Das Weiß ummantelt die Tristesse dieser Gegend am Rande der Hauptstadt. Ein Viertel der Einwohner Tallinns leben im Plattenbau. Das matte Metall der Straßenbahnschienen, die die Menschen hier mit dem Zentrum verbinden, blinkt aus dem Schneegestöber. Tallinn ist klein. Schnell weitet sich der Blick, in den die Flocken hineinwirbeln. Das nördlichste Land des Baltikums hat der Winter Ende März noch im Griff. Wir kommen kurz auf dem Standstreifen der Autobahn zum Stehen, um alte Ringgräber anzusehen. Die ältesten erhaltenen Baudenkmäler hier. Man hätte die kreisförmigen Steinaufschüttungen fast übersehen können durch die beschlagene Scheibe. Wir könnten auch mitten auf der Autobahn anhalten – es hätte niemanden gestört.

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Wasserfall Jägala – gefrorene Erinnerung

Es sind diese einsamen Landstriche, die mich immer wieder faszinieren. Raus aus dem Menschentrubel Berlins, rein in die Abgeschiedenheit. Wir verlassen die Route gen Osten – da wo Natur ihre kalte Schönheit entfaltet und ihr frostiges Gesicht uns entgegenstreckt. Vor uns verschwimmen weiße Flächen. Irgendwo darin kommen wir zum Halten, irgendwo darin stürzt sich eine braune Wassermasse senkrecht durch das pure Antlitz des nicht enden wollenden Winters herab. Gebannt stehe ich am Wasserfall Jägala. Auf der gegenüberliegenden Seite erkenne ich die Umrisse eines einsamen Hauses. Hier stand ich schon einmal … 10-12 Jahre ist es her – wie weggespült schienen die Erinnerungen von einst, die sich nun in meinem Gedächtnis formen.

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Spuren im Viru-Hochmoor – ein Schnaps gegen die Kälte

Ein Stück weiter von hier wandern wir durch das winterliche Viru-Hochmoor – hinterlassen im frisch gefallenen Schnee unsere Fußspuren. Nach dem uns der Weg ein Stück durch den Wald führt, erreichen wir die zugefrorene Wasserfläche.

Dort führt ein 1,5 km langer barrierefreier Bohlenweg zur Aussichtsplattform. EU-finanziert – schmunzelt Karmen. Dahinter liegt ein weniger gut gebauter Zweibrettersteg in der für Lahemaa typischen Wald- und Moorlandschaft – dieser Teil ist nicht EU-finanziert, sondern durch Estland, ergänzt sie. Als wolle sie uns mit Nachdruck zeigen, wie wichtig die EU für das kleine Land an der EU-Außengrenze ist.

All das, was diese Landschaft ausmacht, liegt unter einer weißen Decke – Moorpflanzen, ehemalige Sanddünen und Heidewälder. Karmen packt Kekse, Tee und Schnaps aus – ein wärmendes Picknick auf der Plattform, die uns einen weiten Blick über die Kargheit gewährt. Es ist genau diese Gegend, die mich bei meinem letzten Estlandbesuch bereits warm umschloss, als der Regen auf uns herabströmte bis die Sonne am Tagesende herausblinzelte. Damals war es das besondere Spätsommerlicht, das die satten Farben herausarbeitete. Dieses Mal ist es der maximale Minimalismus, der uns in seiner Leere verschluckt.
300 Flechten und Moose soll es in Estland geben. Und dann ist da viel Wald – im Süden des Landes dominiert Birke, im Norden der Nadelwald. All das kommt im Frühling, Sommer und Herbst zum Vorschein, doch jetzt verschwimmt Fläche mit Umrissen.

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Natur- und Kulturlandschaft im Lahemaa Nationalpark

Im Lahemaa Nationalpark treffen Natur- und Kulturlandschaft aufeinander, betont Karmen. Vier Gutshöfe liegen allein hier. Einer davon ist Palmse. Das gelbe Herrenhaus strahlt in die Leere und Stille hinein. Bei meinem letzten Besuch, gab es noch viele Gäste. Doch nun sind wir die einzigen, die durch die einsamen Gemächer streifen und die Kälte unter den Jacken und Wollpullovern spüren. Hinter dem Haus ist ein kleiner Teich, eine Herberge, eine Taverna. Dort lassen wir uns zur Mittagszeit nieder, bevor es zurück nach Tallinn geht.

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Auf der Sängerbühne für die Unabhängigkeit

„Wir stehen im Winter so eng wie Pinguine und singen“, schwärmt Karmen auf der Rückfahrt über die estnische Chortradition und berichtet uns über die Sängerbühne in Tallinn.
Vielleicht ist es die Angst vor dem Verschwinden. Wenn wir estnische Lieder singen, verschafft sich das kleine Volk Gehör. In einem Besucherzentrum der Sängerbühne erfährt man mehr über die Bedeutung der Sängerfeste für die estnische Kultur und Geschichte. Die Tallinner Sängerbühne war in diesem Prozess zur Eigenstaatlichkeit ein wichtiger Ort, da dort die von den damaligen Machthabern kritisierten Volksversammlungen stattfanden. Auf ihnen wurde über die Unabhängigkeit Estlands gesprochen, es wurde Musik gemacht und die gesamte Bewegung unterstützt. All diese Informationen fühlen sich wie eisige Kristalle in diesen Zeiten an, die schimmern und doch auch gefrieren. Ukraine-Flaggen säumen die Straßen und Gebäude Tallinns. Kriegs-Flüchtlinge kommen. Aber auch Russen, die aus ihrer Heimat fliehen, um in der EU zu leben. Da schwebt auch immer wieder die Angst mit, dass diese Unabhängigkeit ihres kleinen Landes nicht selbstverständlich ist. Bis heute empfindet Karmen sehr großes Glück, diese genießen zu können. Geschichte, Kultur, Leben… Fakten, Gefühle, Eindrücke vermischen sich zu einem nicht greifbaren Bild nach diesen wenigen Tagen im Baltikum.

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Telliskivi – im Zentrum der Kreativität

Es gäbe viel zu schreiben über die Architektur und holprigen Kopfsteinpflastergassen der am besten erhaltenen mittelalterlichen Altstadt Nordeuropas. Nicht umsonst zählt sie zum UNESCO Weltkulturerbe. Dass Estland einen Nationalstein, den Kalkstein hat, der seit Jahrtausenden als Baumaterial verwendet wird, erfahre ich am Rande. Allein im mittelalterlichen Tallinn sind wohl die meisten Gebäude mit Kalkstein erbaut worden. Hinzu kam seine Renaissance am Ende des 19. Jahrhunderts in Industriegebäuden.

Mich zieht es dahin, wo die Schönheit nicht sofort ins Auge springt. In einer alten Industrieanlage haben sich Galerien, Gastronomie, kleine Geschäfte und kreative Startups niedergelassen. Wir besuchen den Kreativcampus Telliskivi aber hauptsächlich wegen der Streetart. Mehr als 20 Stücke bekannter und weniger bekannter Künstler*innen gibt es hier zu bestaunen. Wer tiefer einsteigen will und nicht nur für ein Foto kommt, sollte an einer Graffiti-Tour teilnehmen. Bei eisigen Minusgraden werden auch wir 90 min über die Anlage der „kreativen Stadt“ geführt. Längst vermögen die Finger nicht mehr die Bilder an den Mauern mit Handy oder Kamera festzuhalten. Vom dreidimensionalen „Flugeichhörnchen“ des Portugiesen Bordalo über der „Estonian Woman“ des Franzosen Hopare bis zum Stencil „Dance with Death“ des bekannten estnischen Künstler Edward von Lõngus findet man hier eine Vielfalt an Streetart.

Am Ende meiner spätwinterlichen Reise durch Estland fügt sich doch noch ein Farbtupfer in das minimalistische Bild. Es wird Zeit, das Land einmal im Sommer oder Frühling zu erkunden, denke ich mir, als ich in den Flieger zurück nach Berlin steige. Die Melodie der langgezogenen Vokale begleitet mich. Und noch einmal muss ich schmunzeln, denn so schweigsam und langsam, wie Karmen die Est*innen beschrieb, sind sie gar nicht.

Teil 1 zu Lettland.

Ich wurde von Gebeco zu dieser Recherche-Reise in Lettland und Estland eingeladen. Alle Ansichten sind meine eigenen.

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