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Wo die EU endet – Lettland zwischen Stränden, Mooren, Bunkern und KGB

Lettland Kemeri Moor

Ein eiskalter Wind bläst durch die verwaisten Straßen Rigas. Mütze, Handschuhe und dicke Winterjacke versagen an diesem stürmischen Märztag. „Nordwind ist immer kalt“, sagt Kristine, die uns auf dieser Reise begleitet. Auffällig viele gelbblaue Fahnen wehen in den Straßen. Hinzu kommen die rot-weißen lettischen Flaggen. „Gestern war Gedenktag für die Opfer des kommunistischen Terrors“, klärt sie auf. Was das bedeutet, werde ich noch bei einem Stopp im KGB-Museum auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel erfahren.

Lettland Riga KGB GebäudeLettland Riga KGB-Gebäude

Das Eckhaus und der KGB – über Verschleppung, Folter und Verhöre

1949 deportierte das sowjetische Besatzungsregime 43.000 Menschen aus Lettland nach Sibirien – Bauern, Intellektuelle und andere, die Moskau als Feinde des Kommunismus ansah. „Jeder hat in der Familie jemanden der verschleppt wurde.“, sagt Kristine. Im einstigen KGB-Gebäude, das unscheinbare Eckhaus, werden wir durch die Verhörräume und Gefängniszellen geführt und blicken am Ende auf eine Wand mit Einschusslöchern. Die kalten Temperaturen in den Räumen, die damals auf 30 Grad beheizt wurden, versetzt uns in die Zeiten, in denen das Komitee für Staatssicherheit (KGB) in Lettland agierte. Tscheckisten haben im Eckhaus von 1940 bis 1941 und von 1944 bis 1990 die lettischen Bürger eingesperrt, die das Okkupationsregime als Feinde betrachtete, verhört, gefoltert und im ersten Okkupationsjahr auch ermordet. Einschusslöcher deuten darauf hin, dass es auch nach 1944 noch zu Erschießungen kam.

Lettland Riga KGB-GebäudeLettland Riga KGB-Gebäude

Ich kam, um durch Moore zu wandern und historische Städte zu erkunden und doch ist jede Pore dieser Reise auch mit Politik und Geschichte gefüllt. Wir sind an der EU- und Nato-Außengrenze. Die Furcht sitzt tief – seit Jahren und seit der Krim-Annexion besonders. Die lettische Gesellschaft ist gespalten – das äußert sich nicht erst seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs. Die Hälfte der in Riga lebenden Bevölkerung 640.000 Einwohner ist russischsprachig. „Man bleibt unter sich“, meint Kristine. Getrennte Schulen legen hier die Basis für die verschiedenen Lebenswelten in der kleinen Nation. Zu Sowjetzeiten profitierten davon durchaus der lettischsprachige Teil der Bevölkerung, um ihre Identität und Sprache zu bewahren, heute jedoch sieht man diese Zweiteilung eher als trennend an. Wie der russischsprachige Teil der Letten hier denkt und empfindet, werde ich auf dieser Reise nicht erfahren.

Lettland RigaLettland Riga

Gegenüber der russischen Botschaft hängt ein großformatiger Totenkopf Putins. Am Zaun flattern unzählige Plakate gegen den Ukrainekrieg. Wir treffen an einer Mauer etwas abseits des Stadtzentrums den Künstler Harijs Grundmanns, der nur eine Woche nach Ausbruch des Kriegs mit 39 anderen Künstlern ein Graffiti für den Frieden initiiert hat. In nur 5 bis 6 Stunden war dies umgesetzt. Letten können zu gut verstehen, was in der Ukraine gerade passiert – das wird in allen Gesprächen, die wir führen, betont. Protest ist somit selbstverständlich, auch wenn dieser nicht in allen Landesteilen Lettlands so stark zum Ausdruck gebracht wird wie in der Hauptstadt.

Lettland Bunker LigatneLettland Bunker Ligatne

Bunkeranlagen und die Zeichen gegen das Vergessen

Nur eine Stunde entfernt von Riga befindet sich in Ligatne ein vollausgestatteter Bunker für die politische Elite in der Sowjetzeit. „Seit vier Wochen bekommen meine Touren einen anderen Realitätsbezug“, beginnt der Historiker Oskar Okonovs die Tour durch die 9 m tiefe und 2000 qm große Anlage unter einem Reha-Zentrum. Bunkeranlagen befinden sich meist unauffällig unter zivilen Gebäuden. Dieser in den 80er Jahren gebaute Bunker mit dem Decknamen „Altersheim“ ist für ca. 225 Personen so gebaut, dass man drei Monate darin überleben kann. Natürlich nur die politische Elite wie die ersten Sekretäre der Sowjetischen Kommunistischen Partei Voss und Pugo, um von dort die Staatsgeschäfte im Atomkrieg oder anderen Katastrophenfällen weiterführen zu können.

Lettland Bunker LigatneLettland Bunker Ligatne

Jährlich fanden darin Übungen statt, doch für einen Notfall wurde die 4 Billionen Dollar teure Behausung (was 1/3 des Staatshaushalts Lettlands war) nie genutzt. Der Bunker verlor erst 2003 seine Geheimhaltung. Die Sowjetzeit ist in den unterirdischen Gängen omnipräsent. Alle Schilder sind in russischer Sprache. Der Bunker bildet eine autonome Struktur, sämtliche authentische Einrichtungen sind bis heute erhalten geblieben. Wir schauen uns Zimmer, den Speisesaal, Beratungsräume, die Kommunikationszentrale und auch den Luftfilterraum an. „Die Technik ist nicht auf der Höhe der Zeit, aber alles muss reparierbar sein“, so Oskar und bedient die noch funktionierende Luftfilteranlage ohne Vorwarnung, um uns mit dem Lärm zu erschrecken.
Ist man im Osten Deutschlands aufgewachsen, sind einem einige Dinge, die Oskar mit seinen schauspielerischen Einlagen vermittelt, sehr vertraut. Nach der einstündigen Führung  tauchen wir wieder in der Lobby der Rehabilitationsklinik auf, die mit ihrem Interior aus der Zeit gefallen ist. Hier verabschiedet uns Oskar mit den mahnenden Worten: „Wir haben zu lange im Frieden gelebt, so dass wir Krieg vergaßen. Wir müssen uns erinnern, denn wenn wir vergessen, passiert es immer wieder.“

Lettland Kemeri MoorLettland Kemeri Moor Lettland Kemeri Moor

Mit Schneeschuhen ins Kemeri Moor

Auch wenn sich immer wieder gesellschaftspolitische Fragen in den Vordergrund schieben – Lettland bietet noch so viel mehr. Schöne Ecken zum Abschalten und Entspannen beispielsweise – auch wenn das in diesen Zeiten schwerfällt. Wir fahren an einen Ort, an dem uns keine Menschen begegnen und wir nicht ständig die Nachrichtenlage checken – ins Moor.
Ieva verteilt am Waldrand Schneeschuhe. Der Frühling ist frisch und noch finden sich überall Schneereste. Aber um diese soll es nicht gehen. Vielmehr sollen sie unser Gewicht verteilen und uns Halt geben, wenn wir durch die Moorlandschaft wandern. Ich verdränge schnell die Gedanken aus meiner Kindheit, im Moor zu versinken. Im Kemeri Nationalpark gibt es Hochmoore, niedrige Grasmoore und Übergangsmoore. Das Große Ķemeri Moor ist eines der größten Hochmoore in Lettland. Stege führen direkt ins Moor hinein. Doch für uns hat sich Ieva eine andere Stelle ausgesucht, die man mit den umfunktionierten Schneeschuhen am besten beschreitet. Lettland Kemeri Moor

Über die Heide- und Kiefernlandschaft hallt das Trompeten von Kranichen. Gänse fliegen über unsere Köpfe, während wir über die noch größtenteils gefrorenen Wasserflächen hinwegschlurfen. Immer wieder knackt und vibriert es unter den Schuhen.Das vom Winter gezeichnete Moos gibt nur ungern nach. Der Frühling bahnt sich seinen Weg und doch muss das Grün noch wachsen. Die Sonne lässt uns heute nicht im Stich und legt der Landschaft einen speziellen Filter über. Ieva zeigt auf Preiselbeeren, Heidelbeeren, Moltebeeren… im Sommer kann man hier nicht verhungern und verdursten. Sie hält Moos in die Luft und rinnt dieses aus. So erhält man gefiltertes Wasser, Trinkwasser! Wir erreichen eine Seefläche mit kleinen Inseln. Manche Inseln ohne Bäume schwimmen sogar. 4 m tief soll das Wasser hier sein, in dem Letten im Sommer baden gehen. Selbst Fische soll es hier im Moor geben, auch wenn sie nicht überleben. Im Sommer schlafen die Einheimischen sogar unter dem Sternenhimmel. Ohne Zelt sei das hier erlaubt. Auf dem Rückweg durchs Moor meint Ieva, dass irgendwo unter uns sicherlich noch Munition liege. Schließlich stellte das Moorgebiet im 2. Weltkrieg das letzte große Hindernis für Panzerfahrzeuge vor dem Erreichen der Rigaer Bucht dar. Wir laden uns auf mit Natur und Kultur und werden begleitet durch die Geschichte, weil sie uns viel über die Gegenwart sagt.

Lettland JurmalaLettland JurmalaLettland JurmalaLettland Jurmala

Jurmala – die Strandstadt

Nicht weit vom Moor befindet sich das Meer. Ein breiter weißer Sandstreifen mit feinem Quarzsand, der im Wind tanzt. Möwen spielen in den Wellen. Wie schön muss es hier im Sommer erst sein. Jurmala, die Stadt, die aus vielen kleinen Orten besteht, heißt übersetzt Strand. Sie erstreckt sich über 30 km entlang der Ostseeküste. Riga befindet sich also doch am Meer, denn es verfügt über eine gute Bahnverbindung, die die Großstädter alle zehn Minuten in nur 40 Minuten durch wunderschöne Fichtenwälder an den Kurort bringt. Bunte Sommerhäuser aus Holz und Villen, die Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurden, suchen den Schutz unter Kiefern und dahinter rauscht die See.

Lettland Riga JugendstilLettland Riga JugendstilLettland Riga Jugendstil

Wunderschönes Riga – Balsam gegen Sehnsucht und gebrochene Herzen

Lettland ist klein, daher kann man die Hauptstadt auch als Basis nutzen, um umliegende Orte zu erkunden. Ich war vor über 10 Jahren schon einmal hier und erlebe permanent Déjà-vus. Was an diesen Tagen im Vergleich zu damals fehlt, sind die vielen Reisegruppen in den engen Straßen der Altstadt. Die lettische Hauptstadt wirkt nahezu ausgestorben.
Wie die meisten kulturinteressierten Riga-Besuchenden schlendern wir durch das Viertel Klusais centrs, was soviel wie „stilles Zentrum“ bedeutet. Teure Autos parken in den Straßen. Hier wohnt und arbeitet, wer Geld hat. In dieser Gegend finden wir besonders viele der über 800 Jugendstilbauten, die es in der lettischen Hauptstadt gibt. Die meisten entstanden 1900-1910, als die prosperierende Industriestadt Wohnraum benötigte. Die prächtigsten Häuser entwarf Michail Ossipowitsch Eisenstein, die man zwischen der Albert Straße (Alberta Iela) und der Elisabeth Straße (Elisabetes Iela) findet.

Wer das Schöne sucht, ist in Riga richtig. Viele verschiedene Stile vereinen sich in den Gassen der Altstadt und darüber hinaus. Ein Spaziergang führt über den Rathausplatz und Domplatz am Pulverturm vorbei zur Oper. Kristine betont immer wieder, Riga sei eine deutsche Stadt, das dürften wir nicht vergessen. Kaum ein Bau, der nicht von einem deutschen Baumeister geplant worden wäre. Vor dem Dom, hinter dessen Backsteinmauern im Sommer die 6768 Pfeifen der Orgel täglich erklingen, stehen die Bremer Stadtmusikanten. Und auch die ältesten Häuser der Stadt, die „Drei Brüder“, haben einst deutsche Kaufleute gebaut. Dank der Hanse kamen im Mittelalter viele Kaufleute in die Stadt und prägten das Altstadtzentrum. Das Schwarzhäupterhaus in der Nähe unseres Hotels ist neben der Großen und der Kleinen Gilde nur eines jener prunkvollen Gebäude, hinter dessen schmuckvollen Fassade  sich einst unverheiratete deutsche Kaufmänner trafen. Das im 14. Jahrhundert erbaute Haus wurde im zweiten Weltkrieg zerstört und erst 1999 wiederaufgebaut. Lettland Riga ZentralmarktLettland Riga Zentralmarkt

Es gibt Orte, die sind selbst im ruhigen Riga belebt – der Zentralmarkt in der Nēģu iela. Dieser ist einer der größten und ältesten Märkte Europas. Hier treffen wir uns mit dem Fernsehkoch Martins Sirmais️️, der auch Restaurants wie das 3 pavāru restorāns besitzt. Er begleitet uns durch die fünf Pavillons in ehemaligen Zeppelinhangaren, Relikte aus dem ersten Weltkrieg. In einem Hangar findet man mehr Obst und Gemüse, im anderen Fisch und Fleisch und in einer anderen Ecke wiederum Backwaren. Der Koch-Profi zeigt uns an verschiedenen Lebensmitteln, woran man erkennt, dass sie nicht auf der Aufzucht stammen oder frisch sind: Eine gezackte Flosse am Fisch deutet beispielsweise auf Wildfang hin. An der Pick Corner gibt es die Resterampe und in der  Charity Line kann man einen Stand gegen eine Gebühr von 1 Euro aufbauen. Der Markt ist ein Treffpunkt aller sozialer Schichten. Am Ende führt uns Martins durch die Kellergänge unter dem Markt. Am Morgen ist es hier geschäftig, wenn die Waren angeliefert und Fleisch zerlegt wird. Jetzt hingegen ist es auch hier wieder gespenstisch ruhig.Lettland Riga Lettland Riga

Unsere Tage in Lettland enden immer in einem Restaurant – meist mit „Contemporary Local Cuisine“. Lokal heisst dabei oft, die Zutaten kommen aus der Gegend. Wir fragen daher, was nun so wirklich typisch für Lettland sei.„Rīgas Melnais balzam“ ist die Antwort. Kristine hebt am letzten Abend ihr Glas und richtet im beschwingten Ton die kitschigen Worte an uns: „Balzam heilt alles außer ein gebrochenes Herz und die Sehnsucht nach Riga.“ Und ergänzt mit einem Lachen: „Schreibt das aber nicht!“ Ihre eigene Familiengeschichte ist von Verschleppung, Flucht und ganz viel Heimatgefühl geprägt – sie weiss, wovon sie spricht, wenn sie über ihre Sehnsucht nach Riga berichtet. Und außerdem wärmt so ein Likör auch – gerade in diesen kalten Märztagen.

Teil 2 zu Estland erscheint in Kürze.

Ich wurde von Gebeco zu dieser Recherche-Reise in Lettland und Estland eingeladen. Alle Ansichten sind meine eigenen.

2 Kommentare

  1. Ich fand Riga so schön und so spannend/gegensätzlich! Leider bleib bei meinem Städtetrip keine Zeit für Jurmala und andere Orte. Dein Artikel erinnert mich daran, dass ich eines Tages unbedingt nochmal nach Lettland möchte!

    • Das solltest Du unbedingt, liebe Susi. Bei mir gab es auf dieser Reise viele Déjà-vus, da ich vor über 10 Jahren schon einmal da war. Mit Mietwagen sieht man sehr schnell sehr viel vom Land, aber Jurmala erreicht man auch gut mit der Bahn. LG!

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