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Lost in the Desert

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Der Tag beginnt nicht besser als er gestern endete. Im strömenden Regen wachten wir auf. Hotel Dalanzadgad anstatt Ger Camp. Damit hatten wir uns abgefunden. Wir versuchten den gestrigen Tag zu vergessen, auf Neuanfang zu stellen. Zudem ist heute Battuuls Geburtstag, und sie sitzt wie ein Tropfen Wasser in der Lobby als wir vom Frühstück kommen. Sichtlich hatte sie wohl die Nacht im Auto verbracht; weshalb, blieb uns schleierhaft. Trostlos saßen wir als einzige Gäste morgens im Restaurantbereich. Kein gemeinschaftliches Frühstück. Unser Guide hatte bereits bestellt. Und so kam eine Schnitte Weißbrot mit Ei, Tomate und Gurke. Die breit aufgestellte Kaffeekarte auf unserem Tisch täuschte nur die einst exklusiveren Zeiten vor. Tatsächlich stand hinter der Bar ein Espressoautomat und auch eine kleine Mahlmaschine. Beide einsatzbereit, nur kamen sie nicht zum Einsatz. Es muss wohl an den fehlenden Kaffeebohnen liegen. Die Instant-Kaffeezeiten neigen sich dem Ende, das lässt sich verkraften. Weniger verkraften ließ sich das Desaster, das uns kurz nach unserem Start ereilte.

Unser Tagesziel lag im Nordosten von Dalanzadgad. Wir verließen die Stadt entgegen meiner Erwartungen gen Westen und fuhren auf das freie Feld. Dann kehrten wir wieder um. Erst einmal nach dem Weg fragen, war nun die Idee. Keine neue, zugegeben, aber wenigstens fahren wir keine 80 km Umweg, dachte ich noch. Der junge Knabe zeigte zurück, doch unser Fahrer schien seinen eigenen Gedanken zu folgen und fuhr wieder weiter querfeldein. Warum er genau hier die Straße verließ und dann noch gen Nordwesten fuhr, blieb mir schleierhaft. Wir fuhren nun im Zickzackkurs zwischen irgendwelchen One-Way-Fahrspuren, bis sich unser Fahrer seine eigene Spur schuf. Und dann ein Wagen, und noch einmal fragen, der Herr zeigte nun gen Osten. Wir fuhren weiter auf nicht befahrenem Terrain – hin und her war das Motto. Die Stadt entfernte sich hinter uns, war bald nicht mehr zu sehen. Vor uns tauchte ein kleines Dorf auf – ein Test. Khankhongor! Knapp daneben ist auch vorbei, definitiv kein Ort auf unserem Weg. Die Nervosität stieg, nun fuhren wir gen Osten – richtig gen Osten, denn da drüben wird die eigentliche Straße vermutet. Nun ja, ich vermutete sie von vornherein da drüben, aber ich wollte heute einfach einmal meine Klappe halten, der Fahrer würde sein Handwerk schon verstehen. Wir entfernten uns auch von diesem Ort, bis wir weder Siedlung noch Einzeljurte irgendwo sahen. Um uns herum nur Regen und ein nicht auszumachender Horizont. Wir fuhren in eine Hügellandschaft rein. Nun kreuzten wir noch nicht einmal mehr Einzelspuren. Hier war noch niemand vor uns gewesen, zumindest nicht in den letzten Tagen. Der Zickzackkurs verschärfte sich und schloss sich bald zu einem Kreis. Flussbetten, die wir mehrfach durchquerten – die Ahnungslosigkeit unseres Fahrers offenbarte sich. Wir fragten nach – das erste Mal, aber außer Ausreden gab es wieder keine Aufklärung. Die schuf erst die Tatsache, dass wir irgendwann am Horizont kurz Dalanzadgad wieder aufblitzen sahen – 1,5 Stunden nachdem wir diese Stadt verlassen hatten. Ich will nicht ungerecht sein, aber bei einem Fahrtag von über 300 km auf Holperpiste hätte ich mir diese Aufwärmphase gern erspart. Auch die Wetterbedingungen luden nicht gerade zu einer kleinen Extraausfahrt in die Wüste Gobi ein. Also, what the hell war hier los? Das wusste Battuul das Unschuldslamm und „nur“ Reiseleitung auch nicht recht zu erklären. Der Fahrer hätte sie getäuscht. Er hätte gesagt, er kenne den Weg. Bisher musste sie wohl nie auf Wege achten, sie hatte ihm vertraut. Der Fahrer selbst schwieg. Klappe halten ist wohl auch das Beste, wie sollte man sonst so eine Nullcheckerei erklären? Warum nicht einfach mal sich im Ort selbst noch informieren, warum nicht einfach mal im Hotel nachfragen, wo es übrigens auch eine sehr gute Ortskarte mit allen Ausfahrtwegen gab. Es handelt sich ja nicht um eine unbefahrene Straße, die wir suchten, sondern die Hauptverbindungsachse zwischen Ulaanbaatar und Dalanzadgad. Die muss man doch kennen! Die kann ja nicht nur ein kleiner Feldweg sein! Ich wusste nun gar nicht, was ich davon halten sollte. Wir hatten gestern bereits unseren Frust freien Lauf gelassen, uns geäußert zu der permanenten Ahnungslosigkeit. Selbst wenn ich noch nie die Strecke gefahren wäre, ich hätte doch anstelle des Fahrers alle Beine und Füße unter die Arme genommen, um mich noch vor der Abfahrt zu informieren. Unsere beiden Nasen erlagen stattdessen einer Starre, vielleicht auch reiner Hilflosigkeit. Sie taten mir leid und gleichzeitig konnte ich kein Mitleid mehr spenden. So dumm konnte man doch nicht gleich zweimal sein. Vielleicht war ihnen die Idee auch einfach nicht gekommen, uns es mal so richtig zeigen zu wollen. Vielleicht fahren sie ja auch einfach nur gern Auto. Plötzlich wieder eine Jurte – ein Mensch, wie wunderbar! Dieser Mensch ist ein wahrer Schatz. Und wieder ein Wink gen Osten, den wir straight umzusetzen wissen. Weitere 20 Minuten und wir haben den Weg! Ich nenne ihn Weg, aber wichtige Straßen erkennt man in der Mongolei daran, dass sie zigmal nebeneinander angelegt sind. Denn was wir vorfinden, sind einfach mal zehn Wege, die im Matsch versinken. Um 11 Uhr endlich auf dem Weg gen Mandalgobi, das ist ja schon einmal etwas. Das nächste Hindernis ist nun das Wetter, das sich immer weiter verschlechtert. Der Regen prasselt immer kräftiger nieder. Die Wüste scheint im eigenen Sand zu versinken – Schlamm wohin man schaut. Die Verbindungsstraße zwischen Ulaanbaatar und Dalanzadgad scheint weniger befahren als vermutet. Uns kommt in den ersten Stunden gar kein Auto entgegen, danach vielleicht einmal zwei. Drei festgefahrene LKWs passieren wir und auch einen Mann mit Moped, Frau und Baby. Schnell wird geholfen, ihr Moped wieder aus dem Schlamm gezogen, damit kann die Reise weitergehen. Wie weit sie gehen wird, bleibt ungewiss, denn nahezu die gesamte Straße ist an dieser Stelle ein Schlammloch. Um 12.30 Uhr erreichen wir dennoch zur besten Mittagszeit endlich den einzigen Ort an dieser Tagesstrecke – Tsogt-Ovoo. Nach 120 km Fahrt (ohne Umweg eingerechnet) hätte hier die Mittagspause erfolgen sollen. Mit Umweg passte das, ohne Umweg wäre dies wohl viel zu früh gewesen. Battuul hatte sich gestern noch kurzfristig für diesen Stopp entschieden, da wir uns kein Lunchpaket im Hotel besorgen konnten. Was Tsogt-Ovoo zu bieten hatte, war nicht viel. Dieser Ort ist kleiner als das Dorf, in dem ich aufwuchs. Dennoch bestens ausgestattet mit Schule, Bank, Arzt, Minimarkt – alles, was man eben so braucht. Hatte uns gestern der Reiseführer der Brasilianer noch erzählt, dass die Grundversorgung in einem Umkreis von 35 km abgedeckt ist. Niemand müsse mehr als 35 km fahren, um zur Schule, zum Arzt oder zur Bank zu kommen. Eine kleine positive Errungenschaft des Sozialismus. Tsogt-Ovoo war wohl so ein kleines Zentrum – ein Minizentrum in meinen Augen. Was es hier auf den ersten Blick nicht gab, war Nahrung für Vegetarier. Und so wurde Battuul zweimal in kleinen Gaststätten abgewiesen und fand dann irgendwo doch noch eine Köchin, die aber Zeit benötigte. Uns hatte der Appetit noch nicht heimgesucht und in diesem Ort bei Regen weiter Zeit zu verschwenden, war auch nicht unser Ansinnen. Also trafen wir eine wohl sehr unpopuläre Entscheidung, wir wollten den Programmpunkt Lunch für heute streichen, oder zumindest für jetzt. Der Fahrer setzte die Fahrt grummelig fort und auch Battuul reagierte schnippisch, als hätte man sie arg verletzt. Eigentlich hätte es nun noch 3 Stunden bis Mandalgobi gedauert. Doch die Rechnung machte ich ohne die Wetterlage auf und setzte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 h/km an. Streckenweise arbeiteten wir uns jedoch nur im Schritttempo durch den Sumpf der Hauptstraße zwischen Ulaanbaatar und Dalanzadgad. Jede Pinkelpause war eine Qual. Die Pietät geht verloren, wenn man auf einer weiten Steppenlandschaft einen Hügel oder Busch sucht, hinter dem man sein Geschäft erledigen kann. Und so waren meine Wege per se weiter als die meiner männlichen Begleiter. Delikat wurde es, als ich hinter einem Winterunterschlupf für Schafe und Ziegen deren Extremitäten und Hörner da liegen sah. Nicht nur einmal Pfoten und Hörner sondern zigfach. Gleich dachte ich hier noch einmal an die Geschichte vom brasilianischen Guide, als er uns erzählte, dass es bis 1999 in der Mongolei 3 Mio. Kamele gab. Dann kam die Krise und die Mongolen mussten ums Überleben ringen. In der Not verkauften sie Kamele an die Chinesen. Diese mögen besonders die Kamelpfoten, die sie abhackten und verspeisten. 300.000 Kamele blieben übrig. Gruselig! Nach 7,5 Stunden erreichten wir endlich Mandalgobi, nachdem uns 5 Minuten zuvor Battuul noch gesagt hatte, der Ort sei noch mindestens 25 km entfernt. Aber diese Orientierungslosigkeit sah ich den beiden gern nach.

Wir waren froh, dieses weniger sehenswerte Aimagzentrum erreicht zu haben. Nun hieß es durchfragen nach Unterkünften, denn hier hätten wir die eigene Wahl. Die erste Wahl, laut LP häufig von Tour Operator angefahren, war gleichzeitig das erste Highlight dieser Stadt. Hinter einer Industrieruine am Ortsrand stand das nicht minder Ruinengleiche Gebäude des Hotels Golden Gobi. Die besten Jahre sind vorbei, würde ich gern sagen, aber dieses Hotel kann keine guten Zeiten gehabt haben. Der LP-Journalist kann definitiv nicht hier gewesen sein oder wurde für seinen Eintrag bestochen. Wie ein gottverlassenes sibirisches Krankenhaus mutete nicht nur die Fassade an, die schon durch zerschlagene Fensterscheiben keine Visitenkarte abgab. Nein, auch innen war es nicht minder schockierend. Ein kalter Gang, ein alter Mann, der durch unsere Übernachtungsfrage so überrannt zu sein schien, dass er seine Zimmer nicht kannte. Ein Gast! Um Gottes Willen, was soll ich jetzt nur tun? Die Qual der Wahl der Zimmer, nach langem Diskutieren führte er uns nach oben in den letzten Raum. Die Lichtschalter in den Fluren funktionierten nicht, so dass wir uns im Dunkeln vorarbeiteten. Dann passte der Schlüssel nicht, oder der Alte bekam das Zittern. Ich weiss es nicht. Das Zimmer war so kalt wie Außenfassade und Innenleben zusammen. Ein Loch. Der Wind wehte rein. Sicherlich regnete es auch rein, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, denn ich war schneller wieder draussen als ich reinkam. Für dieses goldene Stück wollte man immerhin noch stolze 25 EUR. Das Frühstück kann nicht inkludiert gewesen sein, denn dort, wo sich der Restaurantschriftzug befand, sah ich nur einen leergeräumten Saal. Nun schlugen wir uns durch tiefe Schlammlöcher wieder zurück ins Stadtzentrum. Ich will wahrlich nicht nervig sein, aber unser Fahrer empfindet uns sicherlich schon als die größten Nervensägen der Welt. Die zweite Adresse der Stadt laut LP sei das Gobi. Auf goldene Zeiten wurde hier erst gar nicht hingewiesen. Auch dieses Hotel verlangte 25 EUR und bot nicht mehr Komfort, aber die Atmosphäre war ein wenig wärmer. Wir merkten es uns vor und versuchten noch die Empfehlung von Boum, mit der Battuul nun endlich rausrückte. Mandal! Hätte ich Mandal als erstes besichtigt, hätten wir wahrscheinlich mit den Augen gerollt. Doch nach den zwei ersten Pleiten, handelte es sich beim Mandal um eine wahre Luxusherberge. Ein bisschen Standard, ein lebhaftes Restaurant und viele hörende Wände. Aber wir waren sofort einverstanden, unsere letzte Nacht im Gobigebiet hier zu verbringen. Bessere Adressen würden wir in diesem 13.000 Einwohnernest nicht mehr finden. Murun und Tsetserleg waren wahre Perlen gegenüber den Aimagzentren im Gobigebiet – weder Dalanzadgad noch Mandagobi versprühten irgendeinen Charme. Zu dominant mischen sich zwischen Holzzäunen und Jurten die heruntergekommenen sozialistischen Plattenbauten, die im Regen noch trostloser und kälter schienen, als sie es eh schon waren. Das Lunch wurde hurtig nachgeholt. Guide und Fahrer verbanden dieses gleich mit dem Abendessen, auf das sie dankend verzichteten. Zweimal Fleisch am Tag essen sie nicht. Seltsam nur, dass sie dies auf unseren bisherigen Reise nicht gestört hatte. Im Internetcafé später bemerkten wir, dass wir nicht die einzigen verirrten Touristen in dieser trostlosen Stadt waren. Drei Ösi-Mädels unterhielten sich über die Computer hinweg. Fragte die eine, in welcher Stadt sind wir hier überhaupt. Die andere nicht minder schlau beantwortete dies mit einem Schulterzucken. Sicherlich wären die drei die geeigneteren Touristen für unseren Guide und Fahrer.

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