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Ein Stück Herbst

HERBST-2

Ich bin die Letzte an diesem Abend, die das Büro verlässt. Als ich den Schlüssel umdrehe und die schwere Tür des Altbaus behäbig in das Schloss fällt, kommt ein Gefühl der Melancholie auf. Einen Moment innehalten, wahrnehmen, konservieren. Mit diesem Gefühl über den Winter kommen, der noch in der Ferne verweilt. FDP-Plakate hängen abgekämpft im Wind. Diesen deutschen Herbst werde ich verlassen, gerade als er beginnt, seine Fühler auszustrecken. Doch ich bin traurig um der Traurigkeit willen.

HERBST-3

Ich kämpfe mich gegen Windböen an der East Side Gallery entlang – gegen den Strom. Sehe all die Touristen. Ab morgen schlüpfe ich wieder in die Rolle, als Fremde in einem fremden Land. In dem Moment, in dem ich meine Tür aufschließe, umschließt mich ein Stück Wehmut. Ich liebe den Herbst, weil er zurückblicken lässt auf das Gewesene und einen Wechsel einläutet. Weil alles ein wenig herunterfährt, weil man inne hält, den Atem einmal anhält. Die viel zu schnell drehende Uhr einmal ins Stocken kommt. Doch mein Atem hechelt, will weiter – von Reise zu Reise, und bin ich hier, vermeide ich auch das klassische Zurückziehen. Ich habe nicht mal Zeit für ein Stück Melancholie, kommt es mir da in den Sinn.

Neun Stunden bleiben mir, bis ich zum Flughafen fahre. Ich tätige Telefonate, die gemacht werden müssen, weil ich weiss, dass diese lang geplante Reise doch zur falschen Zeit kommt. Meine Sachen liegen auf dem Fußboden verteilt. Die Hälfte kehrt zurück in den Schrank. Ich kann mich für Packlisten nicht begeistern, liebe ein wenig das Chaos, das ich in diesem Moment doch auch hasse.

HERBST

Dann doch noch schnell den deutschen Herbst zelebrieren – nur einen Moment in der Küche. Flink einen Kürbis zerstückeln und zur Suppe verkochen während mein Blick über den Strausberger Platz schweift. Wie viele Kürbissuppen werden mir in diesem Herbst bleiben?
Wie viele Blätter werden die Bäume vor meinem Fenster nach meiner Rückkehr tragen? Wird der Brunnen dann noch sprudeln?

Und plötzlich geht wieder alles so schnell… um 4 Uhr sitze ich auf der Rückbank des Taxis, aus den Boxen tönt Sunglasses at Night von Corey Hart. Das sind die letzten Klänge, die mir dieses Mal von Berlin bleiben und die mein Gefühl gut einfangen. Eine halbe Stunde ziehen die Häuserfronten und Industrieanlagen an mir vorbei. Eine halbe Stunde bleibt mir für ein bisschen herbstliche Melancholie.

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