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Palomino: Wo der Shoestring endet {DIARY}

Palomino

Wellenrauschen klingt in den Ohren. Wir sitzen unter einer Bilderbuchpalme mit Blick auf den herrlich blauen Himmel und das türkisfarbene Meer. Palomino. Nach fünf Tagen Ciudad Perdida-Trekking haben wir Dich wahrlich verdient. 1,5 bis 2 Stunden östlich von Santa Marta liegt dieser kleine bedeutungslose Ort an der Hauptstraße Riohacha – Santa Marta. Hier steigt man aus. Etwas ist anders als in den anderen kleinen schmutzigen Ortschaften an dieser Route. Westliche Touristen hocken in den Kneipen oder kaufen Wasser in den Tiendas. Gleich stehen fünf Mopeds neben uns – alle bereit, den fußfaulen Touristen mit schwerem Rucksack zu befördern.

Die Anreise hierher war nicht aufwendig. Vom Mercado in Santa Marta fährt ein Bus direkt hierher. Einfach nicht in Zaino aussteigen, von wo aus andere in Richtung Tayrona Park strömen. Einfach sitzen bleiben, bis Du der letzte im Bus bist.

Wir sprangen auf die Mopeds und ließen uns zum Sirena fahren. Unterwegs fummelte John, mein Fahrer, bereits an seinem Handy herum, um unser Ankommen anzukündigen. Und tatsächlich erwartete und Carolina, die geschäftige, gute Seele schon auf der Terrasse der kleinen Gemeinschaftshütte. Nur eine Cabaña hätte sie noch frei – 110.000 Pesos pro Person, Dinner und Frühstück inbegriffen. Ich schaute mir die 100 EUR-Hütte an. Da stand ein Bett und ein klappriges Holzregal. Ein Außenbad unter freiem Himmel sowie ein Terrassenbereich mit Hängematten, Liegestühlen und Tisch komplettierten die doch recht einfach gehaltene Hütte für den stolzen Preis. Wieviel sind wir bereit zu zahlen für ein bisschen Karibiktraum? Wie viel sind andere „Rucksacktouristen“ an diesem verdammten Strand bereit zu zahlen?

Der Blick von der Terrasse fiel in einen Palmenhain, hinter dem das karibische Wasser seine Wellen schlug. Die Hütten lagen so weit ausseinander, dass man ganz ungestört diesen Traum leben konnte. OK, einmal Luxuspreis für nicht Luxus geht schon. Gleich Anzahlung, gleich die Regeln heruntergepredigt in einem Stakkato. Mir schwirrte der Kopf. Die Geschäftstüchtigkeit drang von Anfang an aus jedem Wort der Haushüterin. Sollte mich jedoch vorerst nicht stören. Gleich ging es vor an den Strand. Schilder warnen überall vor der starken Unterströmung, und tatsächlich waren nur sehr wenige Touristen im Wasser. Vorerst reicht auch der Ausblick. Liegestuhl geschnappt und Lesen. Immer wieder plumpste neben uns eine Kokosnuss nieder. Man solle sich nicht direkt unter eine Palme setzen. Auch das ein ernstzunehmender Hinweis. Drei Tage faulenzen, am Strand entlangspazieren bis zur Flussmündung und wieder zurück. Pelikane ziehen ihre Bahnen über den Ozean. Und immer wieder das Meeresrauschen im Ohr. Man kann nicht genug davon bekommen, hat man ein gutes Buch dabei. Ansonsten überkommt einen schnell Langeweile.

Der eigentliche Ort Palomino befindet sich 10 Minuten vom Strand entfernt und wird dann interessant, wenn günstiger Lebensmittel beschafft werden sollen. Für uns hieß es, Wasservorräte aufstocken. Und auch andere Strandhungrige verirren sich immer wieder in den kleinen Ort an der Straße. Auch hier oben gibt es einen kleinen Backpacker. 25.000 Pesos im Doppelzimmer. Lärm, Staub und authentisches Feeling inklusive. Nur die harten Sparfüchse mit obligatorischen Dreads bleiben hier. Wir schauen nur für einen Mora-Shake vorbei, bevor wir wieder in das ruhige Strandleben abtauchen. Palomino ist wohl der Geheimtipp unter den Reisenden, denen Taganga zu überfüllt und Tayrona durch die Parkgebühr zu teuer und überfüllt ist. Für einen Geheimtipp scheint mir auch dieser Ort schon zu überschwemmt zu sein. Und ein Geheimtipp hat normalerweise nicht solche gepfefferten Preise. Nur für Hängemattenplätze mag das Preisargument zählen, für die übrigen Unterkünfte eher nicht. Tatsächlich aber hat sich dieser Ort noch nicht in alle Reiseführer vorgearbeitet. Im LP hörten wir, sei er dennoch schon drin. Und wenn Du da drin bist, ist es mit dem Geheimtipp doch sowieso vorbei.

Unsere Tage hier sind streng reglementiert: Frühstück von 8 bis 9 Uhr, Abendessen von 7 bis 8 Uhr. Leider finden auf der kleinen Terrasse des Sirenas nicht alle Gäste Platz. Das heißt, in der eh schon kurzen Essenszeit sollte das Essen heruntergeschlungen werden, um den Wartenden Platz zu machen. 100 EUR! Genuss ist Luxus, der einem hier verwehrt bleibt. Schnell scheucht Carolina jeden weg, der nichts Essbares vor sich hat. Ich jedoch habe noch ein volles Glas. Sie traut sich nicht an mich heran. Vier junge Franzosen jedoch umso mehr. Einer aus dieser Gruppe beschimpft mich, als ich nicht sofort aufstehe, weil ich sein Anliegen gar nicht gleich verstanden habe. Zu rapido war dieses vorgetragen, und Englisch ist keine Option. Es sind Franzosen, stolz, wenigstens eine andere romanische Sprache fließend vortragen zu können. Bad vibes spürte ich, weniger er. Es reicht mir vollkommen. Einen Tag später beim Frühstück will Carolina uns sichtlich los haben. Wir würden noch eine Nacht bleiben, aber uns geht das Bargeld leider aus. Und Nachschub gibt es nur in Santa Marta. Ohne viele Extrasnacks ginge es dennoch. Wir probieren mit Carolina dennoch zu vehandeln. Sie verweist auf die Hängematte. Der Preis sei eh schon günstig und ohne propina (Trinkgeld). Günstig? Hat diese Kolumbianerin überhaupt ein Gefühl von preiswert? Für 100 EUR bekomme ich anderswo mehr Service und ein besser ausgestattetes Zimmer. Das Öko-Siegel rechtfertigt hier wohl alles. Zudem weiss ich nicht, welche Leistungen das Trinkgeld rechtfertigen. Wir ziehen aus.

Neben dem La Sirena befindet sich die Finca Escondida. Finca? Nun ja, es handelt sich um ein großes Bambushaus mit acht Zimmern – vom Dorm bis Zweibettzimmer alles dabei. Die Wände sind offen, wir gaben hier ein Stückweit Privatsphäre auf oder tauschen sie ein gegen einen geringeren Übernachtungspreis. Das versprochene Zimmer mit Ausblick ist bereits vergeben. Was bleibt ist nun ein kleines dunkles Zimmer zwischen zwei anderen mit noch dunklerem Balkon. Einen kurzen Moment bereuen wir den Auszug aus dem La Sirena. Tatsächlich bekommen wir das volle Programm einer nach oben geöffneten Wand geboten. Um zwei Uhr nachts bekommt unser Nachbar die Scheißerei. Nicht, dass dies schon genug Unruhe in das gesamte Haus bringt, so muss er noch bei jedem Toilettengang die große Beleuchtung anwerfen. Hallo Herr Nachbar, wir sind hier ein Raum, schon vergessen? Am frühen Morgen dann mischen sich die Stöhngeräusche weiterer Nachbarn unter das Rauschen der Wellen. Wir ziehen aus, verlassen Palomino. Weder gute noch schlechte Gefühle hegen wir. Es ist einfach ein langer Beach. Wer viel reist, kennt Strände. Palomino gehört nicht zu den schlechtesten Stränden, aber auch nicht zu den schönsten. Aber wohl sicherlich zu den überschätztesten, was das Preisgefüge betrifft. Die junge Taube Palomino wird bald erwachsen und als fette Paloma ins Meer stürzen…

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