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Marokko calling. Einmal über die Straße von Gibraltar

Kamel_670

Nach dem letzten Arbeitstag geht es noch zu einer Lesung mit Helge Timmerberg, der sein neues Buch African Queen vorstellt. Der Rucksack will längst gepackt sein, doch wartet er geduldig zu Hause, während Helge die Lesung ausdehnt, als wäre er auf einem neuen Trip, der ihn gelassen auf den schwarzen Kontinent befördert. Dieser Abend soll unsere nächste Reise einläuten – eine einwöchige Kurzreise wohlgemerkt. Easyjet macht es möglich. Und glaubt man Helges Mantra, dass die Seele immer erst drei Tage später ankommt, wird unser Kurztrip gleich noch viel kürzer.

So easy wie der Jet uns runterbringt auf unseren Nachbarkontinent, so einfach startet auch die Reise. Im schönsten Frühlingswetter verlassen wir am Dienstagmorgen Berlin. Nach ca. 3,5 Stunden schaue ich wieder aus dem Fenster und sehe wie sich unter meinem Blick Europa und Afrika vereinen. Nur eine Haaresspalte ausgefüllt mit emsigen Schiffen trennt die erste von der dritten Welt. Ganz deutlich erkenne ich Gibraltar, Algeciras, Tarifa auf der Sonnenseite des Lebens und Tanger auf der etwas Dunkleren. Nun ist es noch eine Stunde bis Agadir – den Ort, den Easyjet zum Überquellen bringt. Einen ganzen Flieger voller deutscher Touristen, vornehmlich mit Rucksäcken und in Outdoorklamotten – landen parallel zum Thomas Cook Pauschalflieger aus Düsseldorf. Im Landeanflug sehen wir unendliche Weite voller karger rotbraun getünchter Berge, und erst kurz vor Agadir auch Felder voller Plastikplanen und Felder ohne Plastikplanen, aber mit viel Grünzeug.

Taghazout Markt

Taghazout Markt

Schnell bewegen wir uns zum Swifty Mietwagenstand und packen schon das erste Französisch aus dem hintersten Kopfregal. Verstaubt sind die Seiten. Es will nur schwer gelingen, das Spanische vom Französischen zu trennen. 17 Jahre ausgehungertes Wissen will genährt werden. Swifty nimmt es easy. Erst warten bis jemand kommt, dann in aller Ruhe die Papiere klären und dann versagt die Kreditkarte von Lars. Er ist der Fahrer, er hat den internationalen Führerschein. Aber meine Kreditkarte funktioniert. Ich kenne die Regeln von der Mietwagenfirma. Es muss derjenige garantieren, der am Steuer sitzen wird. Der marokkanische Angestellte schaut über diesen Fakt gnädig hinweg und führt uns hinaus auf den Parkplatz. Dort lässt er uns zurück, denn der gemietete Dacia Logan ist weit und breit nicht zu sehen. Nun stehen wir allein auf einem arabischen Flughafengelände. Normalerweise bedeutet dies in meiner Phantasie reinster Stress. Aber niemand interessiert sich für uns. Kein einziger hat uns in dieser Stunde auf marokkanischem Boden angesprochen. Wann wird Marokko marokkanisch? Ein kleiner weißer Suzuki fährt vor und soll unseren großen Rumänen ersetzen. Den gab es sicherlich auch billiger zu haben.

Als wir den Parkplatz verlassen, zeigen wir unsere Parkkarte vor, doch der Wächter will Geld. Willkommen im Bakschischkönigreich. Bezahlt ist schon längst und verarschen lasse ich mich nicht. Der König grüßt von zahlreichen Plakaten umrahmt von noch unzähligeren roten Flaggen mit grünem Pentagramm, die in der steifen atlantischen Brise wehen. Die recht zivilisierte Schnellstraße bringt uns flott an Agadir vorbei in unseren Zielort Tamargaht, der nördlich der Stadt liegt. Immer entlang der Küstenstraße reihen sich marokkanische Ortschaften aneinander. Problematisch wird es, wenn diese keine lesbaren Schilder ausweisen. Wir wissen nicht annähernd, wo sich unser Riad befindet und nun finden wir noch nicht mal den Ort. Ich sage einfach mal immer weiterfahren, bis links von der Straße nur noch ein breiter Streifen von steinigem Nichts Ortschaft vom Strand trennt.

Tamraght

Tamraght

Dann halten wir intuitiv vor einem „Deutschen Café“ und fragen auf Französisch nach dem Weg. Wir stehen 20 m vor unserem Riad. Das Imourane ist wirklich süß. 15-10 Zimmer reihen sich auf zwei Etagen um einen Innenhof, dessen Herz ein kleiner Pool darstellt. Um diesen sind Tische und Pflanzen drapiert, durch die Hunde, Katzen und Schildkröten munter und weniger munter sich bewegen.

Tamraght Familie

Tamraght Familie

Unser Weg führt uns recht schnell über die Straße in Richtung Strand – gegen den verhaltenen Strom an Surfern, die den Strand bereits verlassen. Die angesprochene Brachfläche, die zum Wasser führt, könnte eine groß angelegte Säuberungsaktion vertragen. Vor lauter Neoprens sehen die hier anwesenden Surfer wohl den vielen Müll nicht mehr. Und so viel Müll habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen. Dafür ist der breite Strandstreifen, auf den wir von oben runterblicken, sauber und leer. Nur ein paar Surfer sind noch im Wasser und wenige marokkanische Familien spazieren entlang. Mir ist es frisch. Der Wind kühlt das letzte Fünkchen Wärme noch zum Eisblock runter. Wir suchen auf der nächsten Anhöhe das einzige hier anwesende Café auf – mit Blick über den Atlantik. Danach gehen wir noch zu einem Felsen, der in das Wasser ragt, bevor wir pünktlich zu den Gesängen der Muezzins im Riad zu Abend speisen. Die Mystik kommt nur häppchenweise, denn zwei Moscheen sind schnell durch. Mein Körper tanzt den Rhythmus Marokkos, meine Seele noch nicht.

Wir sind gereist im April/ Mai 2012. Geschrieben 24.04.2012.

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3 Kommentare

  1. Wie cool ist das denn, eine Woche Gibraltar!
    Das mit der Kreditkarte ist uns in Australien auch fast zum Stolperstein geworden. Zudem brauchten wir nicht bloss den internationalen, sondern auch den nationalen Führerschein!

    Toll, hat es bei euch geklappt und danken für den spannenden Beitrag.
    Liebe Grüsse aus Mexiko.
    Simon

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