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Bogotá oder wenn Kunst Mauern einreißt

Graffiti in Bogota, Kolumbien

Goldmuseum? Haben wir schon. Botero Museum? Auch. Monserrate? Claro. Es ist nicht ganz einfach, uns in Bogotá etwas Neues zu zeigen, das auch von touristischem Interesse ist. Nachdem wir bei unseren letzten Besuchen die Stadt immer allein erkundeten, haben wir uns nun zur Abwechslung professionelle Begleitung von Natura Travel gesucht. Wir wollen hinter die Fassaden schauen, die eher im schlichten rotbraunen Backstein gehaltene Stadt neu entdecken. Nein, nicht alles ist einfallslos dahingebaut. Eine meiner liebsten Altstädte in ganz Lateinamerika liegt im Herzen der kolumbianischen Hauptstadt – die Candelaria. Mit ihren wundervollen farbigen Kolonialhäusern, die die Straßen zwischen dem Plaza de Bolívar und dem Hausberg Monserrate säumen, ist sie der Touristenmagnet schlechthin und entzückt auch uns jedes Mal wieder.

Cesar und Nataly kommen bei unserer Aufzählung des bereits Gesehenen ganz schön ins Staunen. „Dann machen wir eben etwas, was Ihr so noch nicht gemacht habt – wir schauen uns Bilder an“, meint Cesar. Kunst geht immer!

Wir beginnen unseren Streifzug nicht in der Candelaria, wie viele andere Graffiti Touren Bogotás, sondern in Chapinero, einem der ältesten Stadtviertel zwischen der Altstadt La Candelaria und dem Ausgehviertel im Norden.
Der Schuhmacher Antón Hero Cepeda aus Spanien produzierte nach seiner Ankunft Chapines – Schuhe aus Holz und Leder. Er lieh mit seinem Namen Hero und seinen Schuhen Chapines dem heutigen Stadtviertel Chapinero seinen Namen.

Nachdem wir die Iglesia de la Porciúncula passiert haben und immer wieder einzelne schön verzierte Fassaden sahen, die meistens Auftragsarbeiten sind, erreichen wir die Universidad Nacional Pedagocica. Auch hier finden wir Graffitis. Während ich fotografiere, erklären uns Cesar und Nataly, dass es nur wenige öffentliche Universitätsplätze gibt und man an den privaten für ein Semester 4000 USD zahlen muss. Das führt zu einem Tagesrhythmus, abends zu studieren, tagsüber zu arbeiten.
Wir laufen die Carrera 11 entlang, bis wir den Hippie Parque erreichen, wie ihn Nataly und alle anderen Bogoteños liebevoll nennen. Neben der erst kürzlich restaurierten Kirche Templo Nuestra Señora de Lourdes schlagen sonst wohl viele Überlebenskünstler ihre Stände auf und verkaufen selbstgemachten Schmuck und andere Handwerksarbeiten. Doch heute sind es nur wenige Verkäufer.

Da man die 8 Millionen-Metropole nicht zu Fuß erlaufen kann, nehmen wir uns von hier ein Taxi zum Plaza De Mercado De Paloquemao. Dieser Indoor-Markt ist der größte Bogotás. Viele Verkäufer anderer Märkte kaufen hier ein, aber eben auch die ganz normale Bevölkerung. Die Fleischabteilung ersparen uns unsere netten Begleiter, doch allein die Vielfalt an Obst und Gemüse und Heilpflanzen erschlägt uns schier. Wir kennen schon viele Obstsorten, doch immer wieder deckt Nataly noch Lücken auf, um uns gleich danach eine Kostprobe zu reichen. Und auch um die Zauberpflanze Borojo kommen wir nicht herum. Sie schmeckt gut, ob sie uns aber heiß macht, wie sie verspricht, das werden wir dann noch sehen. Nachdem wir uns noch eine Ladung guten kolumbianischen Kaffee verabreichen, meint Cesar, seien wir nun gar nicht mehr zu halten. Neben dem Kaffeestand werden Coca- und Marihuanaprodukte in allen Formen verkauft. Wir passieren diesen Stand und verlassen die Halle verlassen. Leider bauen die Blumenverkäufer draussen bereits ihre Stände ab. Kolumbien ist ein großer Blumenexporteur, schade, dass wir dieses Farbspiel verpasst haben. Ein anderes Farbspiel wird uns aber die nächsten Stunden begleiten – und da sind wir wieder bei den Bildern, von denen Cesar eingangs sprach.

Wer sagt, dass gute Kunst immer nur hinter geschlossen Türen stattfinden muss, warum nicht mal auf den Mauern? Ganz Bogotá hat sich diesem Motto angenommen und gilt heute berechtigterweise als die Streetart Metropole Südamerikas und in Zukunft vielleicht sogar der Welt.

Wir erreichen die Calle 26 und sind entzückt. Viele Graffitis drücken hier noch politische und sozialgesellschaftliche Botschaften aus. In einem Land mit einer konfliktreichen Vergangenheit verwundert das nicht. Die Streetart-Künstler projizieren mit Farbe kleine Mahnmale an die grauen Mauern der Großstadt, an die niemand blind vorbeiläuft.

Sie bleiben ein Stück weit anti – Anti-Regierung, antikapitalistisch und irgendwie noch Punk. Und trotzdem sind sie geduldet, werden tatsächlich durch Gesetze unterstützt und gelten als alles andere als Schmierereien. Der Bürgermeister hat einige Plätze freigegeben. Streetart-Künstler werden meist nicht mehr verfolgt, verglichen zu früher, als sie mit empfindlichen Strafen und Inhaftierungen rechnen mussten. Leider ging dem Ganzen ein trauriges Ereignis voran, der junge Künstler Diego Felipe Becerra wurde 2011 von einem Polizisten erschossen, als er in einer Unterführung sprayte, was den Anlass zum Umdenken hin zu einer neuen Toleranz hinsichtlich Streetart gab.
Der Bürgermeister Gustavo Petro ermunterte mit einem Dekret, Graffitis als künstlerischen und kulturellen Ausdruck Bogotás zu sehen und definierte Orte, an denen das Sprühen weiterhin verboten sein sollte.
Inzwischen zählt man über 6000 Streetartkünstler, sie kommen sogar aus dem Ausland nach Bogotá und hinterlassen in der Stadt ihre kreativen Werke. Bekannt ist beispielsweise der spanische Graffiti-Künstler Pez, dessen grinsende Fische die Candelaria zieren.
Aber auch unter den Bogoteños gibt es ein unheimlich kreatives Potenzial – Künstlerkollektive wie beispielsweise die APC (Animal Poder Crew), Grupo M30 oder Toxicómano wurden gegründet.

Eines der beeindruckendsten Bilder an der Calle 26 erinnert an die 4.150.000 Vertriebenen durch den Bürgerkrieg. Ein Stück weiter hat der Graffiti Künstler Guache seinen Ruf nach Hoffnung hinterlassen. Er fasziniert mich nicht nur einmal mit seinen starken Inhalten, mit denen er mit einem Stück Optimismus die Ungerechtigkeit und die Gewalt der vergangenen Jahrzehnte anprangert.
Guache sprayt mit einer indigenen Handschrift und will somit auch die ganz normale kolumbianische Bevölkerung erreichen. Und dann ist da das große Bild, das den Satiriker und Journalisten Jaime Garzon zeigt, den die Paramilitärs 1999 für immer zum Schweigen brachten. Daneben mahnen Füße zu einem offenen Bogotá, in dem alle Menschen und Meinungen Platz haben. Von Toxicómano stammt in derselben Straße ein Bild, das gegen die Ausbeutung der Natur durch Ölgesellschaften protestiert, die Grupo M30 hingegen fällt mehr mit surrealistischen Stücken auf.

Mit all diesen Bildern im Kopf klingeln wir bei einer jungen kolumbianisch-französischen Musikerfamilie – Freunde von Cesar, die uns zum Mittagessen eingeladen haben. Viele Häuser der Candelaria kenne ich von innen, es sind Hostels, Kneipen oder Museen. Doch es ist das erste Mal, dass ich nun ein einfaches Wohnhaus betrete und wir sind alle ziemlich von dem Charme angetan von den offenen Räumen, den riesigen Holzbalken und dem alt verputzten Mauerwerk.
Im kleinen angeschlossenen Garten ist ein Tisch für uns gedeckt. Wir speisen gemeinsam und hören mit Entsetzen, dass unsere Gastgeber dieses kleine Idyll bald aufgeben. Gentrifizierung macht vor der Candelaria auch nicht Halt und so soll hier bald ein Hotel entstehen.

Am Nachmittag erkunden wir die Straßen der Candelaria und suchen meinen Lieblingsplatz, den Plazuela Del Chorro Del Quevedo, auf, wo die Stadt 1537 von Gonzalo Jimenez de Quesada gegründet wurde. Natürlich ist die Stadt viel älter. Er nahm nur eine Umbenennung des indigenen Namens Bacata in Bogotá vor.
Dieser kleine Platz bei der Universität ist das kreative Zentrum. Etwas angehipstert und auf jeden Fall sehr bunt. Graffitis und Stencils findet man hier überall. Wir enden unseren Rundgang in der La Peluqueria in der Carrera 3/ Calle 12 – eine Mischung aus Friseur, Café und Klamottenladen. Cesar und Nataly fragen uns noch einmal nach unserem befindet – nach der Borojo-Saft müsste doch jetzt mal wirken. Nun, wir könnten noch Stunden weitergehen, Bogotá ist voll mit Kunst und der Saft ist weniger an unserer Gefühlswelt schuld…

Das höchste Kunstwerk auf einer Hauswand entdeckte ich erst kurz vor meiner Abreise. Es ist eine Auftragsarbeit des Bürgermeisters an fünf Künstler von Vertigo und trägt den wundervollen Namen „Kuss der Unsichtbaren“. Dieses Werk ist in sechs Tagen entstanden und soll den normalen Leuten der Stadt eine Stimme geben, die sich oft einfach unsichtbar fühlen.

Auf meinem Weg zum Flughafen nehme ich jedes Werk mit anderen Augen wahr. Cesar von Natura Travel hat mir bei der Tour durch Bogotá auf wunderbare Weise die Bilder aus der Anonymität geholt und ihnen eine Bedeutung gegeben. Sie geben der Stadt nicht mehr nur ein buntes Gesicht, eine schön anzuschauende Fassade, sie schauen auch hinter die Fassade und geben in ihrer Auseinandersetzung mit dem tiefen Kern der versteckten Probleme eine schöne Sinnhaftigkeit. Bogotá ist reich an Museen, doch das größte Museum ist die Stadt selbst, man muss nur die Augen öffnen.

Wir wurden von Natura Travel unterstützt. Alle Ansichten sind unsere eigenen.

3 Kommentare

  1. Liebe Mad,

    welch eine tolle Zusammenstellung! Mein Herz habe ich vor 7 Jahren an Bogotá und Kolumbien verloren. Hier habe ich einige Monate gelebt und die tolle Kunstszene lieben gelernt, die sicherlich einmalig ist.
    Mit eurem neuen Homepage-Design kommen die Farben eurer Bilder noch besser zur Geltung! Ich bin verliebt 😉

    Saludos,
    Sonja

    • Ganz lieben Dank Sonja. Mir geht es ähnlich 😉 Bin 2009 zum ersten Mal nach Bogotá gereist und danach einige Male zurückgekehrt. Ich mag die Stadt mit ihrer Kulturszene sehr – auch wenn sie sicherlich nicht den Schönheitspreis gewinnt. Liebe Grüße, Madlen

  2. Wow, Street Art ist für mich wirklich eine der schönsten Arten, sich mit Kunst auszudrücken. Ich liebe es einfach, diese Kunstwerke zu bestaunen und frage mich sehr oft, wie die Künstler es geschafft haben, die hohen Fassaden zu besteigen. In diesem Punkt kann ich dir Thessaloniki sehr empfehlen. Wirklich beeindruckende Werke, die man dort an jeder Ecke findet: :)

    Liebe Grüße,
    Iza :)

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