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Die letzte Reise – in Zeiten von Corona

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Meine Beine verlieren an Leichtigkeit, je mehr wir uns dem Ziel unserer mehrtägigen Wanderung durch das Baliem-Tal nähern. Noch einen Fluss gilt es zu überqueren. Stromschnellen wirbeln unter dem Baumstamm, der als provisorische Brücke dient, das Wasser auf. Schwere Regenwolken liegen in der Luft und werden sich bald über uns ergießen. Aus dem Gebüsch tönen Zikaden, ich lausche ihrem Surren und meinen Schritten, als in meinem Kopf das Orchester meiner Gefühle eine Melodie komponiert – aus dem Pochen meines Herzens und dem sich überschlagenden Puls.

In einer Stunde werde ich die papuanische Provinzstadt Wamena erreichen, mich dort nach Tagen digitaler Abstinenz in ein sehr behäbiges WLAN einloggen und die Welt, wie ich sie kannte, wird in diesem Moment nicht mehr dieselbe sein. Diese Vorahnung beschleicht mich. Doch als mich dann die neusten Informationen schleppend erreichen, überrollen mich diese mit einer unerwarteten Wucht. Wäre ich doch einfach weitergewandert, immer tiefer in die Berge hinein, in denen das Volk der Danis auf das der Yalis trifft. Manchmal zahlt es sich aus, uninformiert zu sein – zumindest für den Seelenfrieden.

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Plötzlich schließt Europa seine Grenzen (an der nach wie vor Flüchtlingsströme stehen), deutsche Urlauber werden unter größter Kraftanstrengung zurückgeholt, da immer mehr Länder ihre Grenzen schließen oder sie unter Quarantäne stellen, der Dax bricht ein, Schulen und Kitas werden geschlossen, Veranstaltungen abgesagt, eine weltweite Reisewarnung wird ausgesprochen. Kurz gesagt: Es wird ernst. Wenige Stunden bleiben mir, um abzuwägen: Soll ich bleiben oder gehen? Und was bedeutet Heimat für mich? Das nie dagewesene Gefühl, nach Deutschland zurückzuwollen, überwältigt mich. Doch wie sinnvoll ist eine Rückkehr ins aktuelle Corona-Krisengebiet? Soll ich nicht lieber in Papua, wo noch alles entspannter wirkt, der Dinge harren? Die Entscheidung wird mir schon wenige Stunden später abgenommen. Der indonesische Präsident wehrt sich noch gegen einen Lockdown, doch die Fallzahlen der Infizierten steigen und das Gesundheitssystem ist nicht vorbereitet. Die Wahrscheinlichkeit, das öffentliche Leben herunterzufahren, schwebt über uns. Die entscheidendere Nachricht ist allerdings, dass Deutsche nicht mehr einreisen dürfen und auch keine Visa mehr erteilt oder verlängert werden. Doch in wenigen Tagen läuft mein Visum aus. Der Gürtel an Fluchtmöglichkeiten zieht sich zusammen. Inzwischen herrscht in über 100 Ländern Einreiseverbot oder –einschränkung für Deutsche.

An den Flughäfen in Wamena und in Sentani wird Temperatur gemessen. Gesundheitskarten werden verteilt, ein Fragebogen ausgefüllt. Die deutsche Staatsangehörigkeit ist von nun an ein Makel. Auch das Einchecken im nächsten Hotel ist ein zäher Prozess, nachdem wir unsere Pässe auf den Tisch gelegt haben. Die Rezeptionistin schiebt uns umgehend eine Desinfektionsflasche über den Tresen und meint „oh in Deutschland ist es ja gerade besonders schlimm“. Dass wir seit 3 Wochen fernab vom deutschen Boden verweilten, findet auch kein Gehör. Ob wir ein Zimmer erhalten, steht noch in den Sternen, vielmehr taucht nach längerem Warten ein weiterer Mitarbeiter auf, der nun unsere Temperatur messen möchte. Zum ersten Mal spüre ich die Kehrseite des sonst so geschätzten deutschen Passes, zum ersten Mal empfinde ich so etwas wie Diskriminierung – die sonst viele andere Nationalitäten regelmäßig erfahren.

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Es folgen Telefonate in Endlosschleifen von Qatar Airways und einigen Mails und Nachrichten. Zeitgleich checken wir immer wieder die Nachrichtenlage aus Jakarta, aus Doha und Berlin. Eine Umbuchung ist am Ende, als wir doch jemanden erreichen, möglich, aber nur zum eigentlichen Flugpreis. Zeitgleich wirbt Qatar Airways mit kostenlosen Umbuchungen auf den Social-Media-Kanälen. Die Rückflugtickets nach Deutschland für diese Woche sind begehrt, warum sollte man aus dieser Lage nicht ein Geschäft machen, gerade wenn man sich ausrechnen kann, dass Corona wohl den Flugverkehr für längere Zeit lähmen wird. Wir hadern etwas mit unserer Entscheidung, kaum dass wir sie getroffen haben.

Die Sehnsucht nach Heimat nimmt ab, je mehr ich mich durch die Social-Media-Kanäle lese. Nach der Welle an Fotos von Hamsterkäufen ist es nun en vogue geworden, Bilder von Menschen in Parks mit einem Fingerzeig zu veröffentlichen – egal ob da große Gruppen oder auch nur zwei Personen darauf zu sehen sind. Die Message bleibt gleich #stayFUCKINGathome – ich schränke mich aus Solidarität mit den Schwächsten ein, also tue das bitte auch! Das „Bitte“ geht im Ton und der Form der Versalien doch meistens unter. Der Ton ist rau. Ich werde den Eindruck nicht los, dass der Denunzierungswille und der Ruf nach Einschränkung der Freiheitsrechte wächst. Solidarität ist wichtig, gemeinsam an einem Strang ziehen auch.

Doch erreicht man dies bei den Widerspenstigen tatsächlich auf diese Art und Weise? Dringen diese belehrenden Worte überhaupt aus der eigenen Blase hinaus – zu den feiernden Jugendlichen? Mir wird es leicht unwohl, wenn ich an die Rückkehr denke. In schlechten Zeiten treten meist auch die schlechten Eigenschaften der Menschen an die Oberfläche. Sie können das Miteinander stärken oder das Gegeneinander heraufbeschwören. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Und in welcher Gesellschaft leben wir überhaupt? Unser Zusammenleben befindet sich auf einem Prüfstand. Einmal mehr kommt neben der riesigen Solidarität auch der Egoismus des Einzelnen zum Vorschein. Und egoistisch ist immer nur der Andere.

Ich beobachte nur aus der Ferne. Das was in Deutschland passiert wird mir nur vermittelt – von anderen Menschen, die bereits selektieren und bewerten. Vielleicht ist es in Wirklichkeit gar nicht so schlimm? Doch der schnelle Ruf nach einer Ausgangsperre von sonst so liberalen Menschen verstört mich nicht minder als die geschmacklose Corona-Partys feiernden Jugendlichen und Renitenten, die das Gefahrenpotenzial ignorieren. Merkels besonnene und zugleich mahnende Stimme wirkt wie ein schützendes Pflaster. Mehr Nüchternheit, weniger Emotionen – das ist schwer in diesen Zeiten, scheint es. Divers sind die Interessen, die unter einen Hut gebracht werden müssen, um den Virus zu bekämpfen. Während Deutschland an der Herausforderung arbeitet, strikte Maßnahmen zur Bekämpfung umzusetzen, geht in Indonesien das Leben noch normal weiter. Mundschutz und Thermometer sind sicherlich auch hier nur die Vorboten für etwas, was längst um sich greift, aber noch nicht in seinem wahren Ausmaß erfasst wurde.

Also gehen wir auch unserem Leben hier normal nach. Wie fühlt es sich an, wenn man weiss, dass das, was man tut, morgen schon nicht mehr möglich ist? Sorgen und Ängste machen einen Moment Platz für das melancholische Durchleben der letzten Male. Das intensive Erleben von Augenblicken, die es auf unbestimmte Zeit nicht mehr unbekümmert geben wird. Die letzten Bahnen im Wasser ziehen, das letzte Mal am Fitnessgerät sitzen, den letzten Kaffee im Café trinken, das letzte Abendessen in einem Restaurant einnehmen, die letzte Massage, die letzte Berührung. Der Zeithorizont von 4 Wochen ist sicherlich zu kurz gefasst, wie viele Infizierte wird es bis dahin geben, kann das Gesundheitssystem das alles wuppen, zeigen die ersten Maßnahmen Erfolg, haben wir die Kurve im Griff? Und wie wird das Sozialleben nach Ostern aussehen? Wann kann ich meine Eltern wiedersehen? Und was macht die Isolation mit uns?

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Über den Dächern von Jakarta zeichnen sich Blitze in den Himmel. Die Welt im Ausnahmezustand wirkt gespenstisch. Am nächsten Tag bilden sich am Flughafen Schlangen mit Europäern und Amerikanern an den Schaltern von Emirates und Qatar Airways. Immer wieder höre ich die Worte „Wir wollten eigentlich bis April, aber“ und „Umbuchungen“. Schon in der Sicherheitskontrolle und der Immigration verlieren sie sich. Im Flugzeug nach Doha bleiben (anders als später im proppenvollen Berlin-Flieger) viele Reihen leer. Als die Maschine auf die Startbahn rollt, zieht sich ein bedächtiges Schweigen durch die Kabine. Eine ähnliche Atmosphäre erlebte ich einmal, als ein Flieger bei der Landung in Lissabon noch einmal durchstarten musste. Schockstarre oder der sanfte Entzug der Luft, wenn wir den Atem anhalten – als wollten wir mit keiner Regung den Erfolg behindern. Anders als in einer Maschine, die abzustürzen droht. In einer solchen erlebte ich in den 90ern mal, wie Passagiere den Stewardessen die Alkoholflaschen aus den Händen rissen und alle für Stunden zum Kettenraucher wurden. Feiern und Betäuben, wenn man auf keine Rettung mehr hofft.

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Jakarta verliert unter uns an Größe und Konturen. Indonesien wird bald nur ein Puzzleteil in unserer Erinnerung – an andere Zeiten – bleiben. Die letzte Reise. Es ist, als ob dem Leben, wie wir es kannten, langsam die Luft ausgeht. Die glänzende, pralle Haut zieht sich zusammen und entblößt das, was unter der Oberfläche noch vom Sein übrig bleibt. Geschrumpft auf das bloße Existieren und der damit verbundene Kampf. Der Puls flacht ab, die Adern der Gesellschaft drohen zu erstarren. Touchdown Berlin, 21. März 2020 um 13.20 Uhr. Die Vögel zwitschern. Der Frühling ist ein Tag frisch. Zart kämpft sich die Natur ihren Weg frei. Eine Frau betritt die leere S-Bahn. „Ihr spinnt doch alle, was ist nur los mit Euch?“ ruft sie durch die leeren Reihen. „Draußen ist schönes Wetter, keiner kann mehr genießen, alle denken nur an „diesen“ Corona!“ Selbst in der Krise – Berlin bleibt sich treu.

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