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Malekula und eine Wanderung durch ehemaliges Kannibalenland

Vanuatu, Malekula

Es ist Sonntagmorgen, als wir erneut das Flughafengebäude von Port Vila betreten. Kinder springen barfuß durch die Halle. Wenn der Flieger nach Sydney abhebt, kehrt Stille ein. Ni-Vanuatu Männer, die für ein paar Monate in Australien arbeiten, lassen dann Frauen und Kinder zurück.

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Vanuatu und das Abenteuer Fliegen

Wir sind bereits am Vortag hier gewesen. Nach zwei Stunden Warten rief uns ein Mitarbeiter von Air Vanuatu heran, um uns mitzuteilen: „Your Flight is cancelled.“ Ein Hinterfragen, wie ich es in Deutschland gewohnt bin, kam mir hier nicht in den Sinn. Gegebenheiten so nehmen wie sie sind, weil man ohnehin nichts ändern kann – das ist Vanuatu schon am zweiten Tag für mich. Nun ein erneuter Anlauf. Wirre Boardingzeiten drei Flugtickets für zwei Personen, das alles hinterlässt ein kurzes Staunen, aber auch ein „das wird schon seine Richtigkeit haben“. In unregelmäßigen Abständen werden Flüge aufgerufen – nun nach Lamaap- Uli – Craig Cove. Das Boarding dieser Maschine ist längst abgeschlossen, als uns der Sicherheitsmann heranwinkt und nachfragt, wo wir denn hinwollen. „Norsup – unser Flieger geht in 1 Stunde.“ Da winkt er uns auf die Maschine, die unser Ziel nicht ansteuern sollte. Wir lassen uns überraschen. Der Pilot sieht meine Unsicherheit, als ich meinen Sitz in der ersten Reihe der Otter mit 19 Sitzen einnehme. Norsup sei richtig, allerdings machen wir 4 Stopps. Meinem „wow, das wird ja ein langer Flug“ erwidert er mit einem breiten Grinsen: „Lehne Dich zurück, er wird szenisch!“. Und damit soll er recht behalten.

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Die Otter schiebt sich an Wolkenbergen vorbei, unter uns ist das Korallenmeer. Grüne Punkte des aus 83 Inseln bestehenden Staates tauchen immer wieder im tiefen Blau auf. Nach 40 min setzen wir zum Landeanflug an. In meinem Sichtfeld liegen nur das Meer und ein kleiner Sandstrand, ansonsten dichtes Inselgrün. Eine Landebahn kann ich nicht ausmachen. Erst als wir samtweich auf dem Boden aufsetzen, sehe ich den kleinen Grasstreifen, der hier als Landebahn fungiert. Am Rand warten ein paar Leute. Ähnlich werden wir noch zweimal landen. Der Flug über Ambrym wartet mit einem weiteren Highlight auf. Wir überfliegen einen Vulkan. Schwefelgeruch dringt in die Kabine, als sich unter uns die bizarre, erkaltete Magmalandschaft ausbreitet.

Vanuatu, Malekula Vanuatu, Malekula

Sonntags in Vanuatu

Ganz 1,75 h dauert das Flugabenteuer, bis wir Malekula erreichen. Das Grün der Außen-Insel wirkt noch satter als auf Efate. Ein dachloses Häuschen, dessen Wände vom Einsturz bedroht sind, dient als „Abfertigungshalle“, in der Tickets noch handschriftlich ausgestellt werden. Am Landestreifen ist alles komplett improvisiert. Nur das Schild „Welcome to Malekula“ will hier nicht so richtig passen.

Die Einheimischen verschwinden nach und nach. Zurück bleiben wir. Ich frage einen Mann, wie wir denn unsere anvisierte Unterkunft, das Ameltoro, erreichen. Er soll uns später mitnehmen. Eine Bezahlung lehnt er ab, als er uns vor einem wunderschönen Garten absetzt. Die Häuser sind verwaist. Nun sitzen wir da und warten, da wir unser Kommen nicht angekündigt hatten. Und weil wieder einmal nichts passiert und wir ohnehin nicht wissen, was wir daran ändern sollen. Es ist Sonntag und da passiert noch weniger als sonst.

Irgendwann taucht ein Junge auf, überrascht von der Tatsache, dass hier Gäste sind. Vielleicht auch genervt, dass er nun arbeiten muss. Man weiß es nicht. Touren kann man machen, heute aber nicht, meint John, der Groß-Neffe der Eigentümerin, die sich aktuell in Neukaledonien aufhält. „Beim Flughafen ist ein Strand, geht da hin.“ Wir folgen seinem Rat, nachdem wir unsere Hütte direkt am Strand bezogen haben. Der Blick fällt auf das steinige Braun der freigelegten Korallen. Gegenüber auf Norsup Island strahlt hingegen ein weißer Strand, doch wie kommen wir da hin? Heute wohl unmöglich. Es gibt keinen Transport am Sonntag, nirgendwohin. Wir laufen durch Bananenhaine, dann wird die Natur wieder üppig grün. Pfade verlieren sich im dichten Gestrüpp. Manchmal kreuzen Ni-Vanuatu unseren Weg. Freundlich grüßen sie, bevor sie wieder im Dickicht verschwinden. Das alles wirkt so komplett surreal. Der Jetlag und die Hitze tun ihr übriges.

Am schmalen Aop-Strand hinter dem Flughafen relaxen die Ni-Vanuatu-Familien. Auf Decken picknicken sie im Schatten, während ihre Kids im Wasser spielen. Es ist eine Welt, in der Kinder Kinder sein dürfen. Mädchen tollen wild wie kleine Ronjas herum, Jungen suchen sich Treibholz und Kokosnüsse, um sie als Spielzeug umzufunktionieren. Da ist niemand, der uns nicht ein Hello zuwirft. Angeschwemmte Korallenreste und Kokosnüsse machen es schwer, eine Stelle für unser Tuch zu finden. Es ist nicht der schönste Strand, aber er hat Charme und wir tun es den Ni-Vanuatu gleich. Bilderbuch wartet eben hinter den Mauern der Resorts. Wir mögen es wild und ungeschönt. Dunkle Wolken legen sich über die Berge im Landesinneren, Grollen raunt über die Wipfel. Vögel zwitschern, Grillen zirpen. Ich schließe die Augen und lausche der Musik.

Wieder zurück in Ameltoro begrüßt uns John mit einem schelmischen Lachen, als wir ihm verraten, wo wir herkommen. Ich zeige hinüber zu der Insel, die vor Ameltoro liegt und meine, der Strand da drüben ist sicherlich schöner. Da verrät uns John, dass er jedes Wochenende zu diesen Strand auf Norsup Island hinüber paddelt und wir auch hätten rüberpaddeln können. Wir hätten ihn aber nicht explizit danach gefragt. Eigentlich gefällt mir die Attitude der Einheimischen. Warum soll man auch die schönsten Dinge mit den Touristen teilen, wenn die sich auch mit den weniger schönen Dingen begnügen?

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Der beschwerliche Weg, eine Tour auf Malekula zu kaufen

Durch das Moskitogitter, das die Fensterluke unserer Bambushütte ausfüllt, tönt der Atem des Meeres. Das Licht der längst aufgegangenen Sonne sucht sich seine Bahnen durch die engen Maschen.Mein Kreislauf ist komplett down vom Nichtstun, als ich erwache. Ich kann es nicht fassen und begreife doch immer mehr, warum die Menschen hier so sind wie sie sind. Nach dem Frühstück nehmen wir einen Minibus ins 5 km entfernte Lakatoro. Was wie ein kurzer Gang zum einzigen Touranbieter der Insel anmutet, soll eine Tagesaufgabe werden. Denn um 11 Uhr wird diese bereits für eine Lunch Pause geschlossen. Da wir hinsichtlich unseres Rückflugs noch unentschieden sind, schickt uns die Dame ohnehin erst einmal zu Air Vanuatu. Dort empfängt uns eine Frau in einem T-Shirt mit einem Post-Vanuatu-Aufdruck. Ich erkundige mich, ob ich hier richtig sei. Sie lacht und meint, sie sei Allrounder – Post und Airline zugleich. Na denn. In ihrem Aufgabengebiet ist sie jedoch weniger Allrounder, sollen wir schnell feststellen. Denn sie kann keine Umbuchung für uns vornehmen. Internetbuchung sei Internetbuchung. Nur wo um Gotteswillen kommen wir in diesem Kaff ins Internet. Diesen Gedanken müssen wir uns ohnehin erst wieder ab 13.30 Uhr hingeben. Denn bis dahin ruht der gesamte Ort. Nur Schulkids erobern die Straßen, um kurz zu Hause ihr Essen einzunehmen. Zeit, um uns Lakatoro anzusehen und um festzustellen, dass es hier nichts zu sehen gibt. Der Markt ist das Zentrum der Inselhauptstadt. Wobei das Wort Hauptstadt hier maßlos übertrieben erscheint. Wir pausieren, suchen das einzig sichtbare Restaurant am Ortsrand auf, um dort als einziges Gericht ein Schnitzel mit Reis angeboten zu bekommen, dass wir dankend ablehnen. Bei der Hitze dürstet es uns ohnehin nur nach Frischem. Wasser und Saft sei im Angebot. Wir wählen den Saft, der ein nahezu unverdünnter Sirup ist.

Um 13.40 Uhr betreten wir erneut das stickige Büro des Touranbieters Malampa Travel. Dieser kann nicht annähernd ihren professionellen Internetauftritt einhalten. Mitten im Gespräch verlässt die Verkaufsdame, ich mag sie gar nicht so nennen, denn das Verkaufen von Touren liegt ihr fern, den Raum, um immer wieder mit den Polizeimännern von Gegenüber herumzushakern. Inzwischen sind auch zwei spanische Mädchen eingetroffen, die das Prozedere hier enorm stresst. Wir sind inzwischen 5,5 Stunden mit dem Thema „wie kann ich eine Dog’s Head Tour“ buchen beschäftigt. Die Dame ist sichtlich überfordert, die Wünsche von nun vier Damen zu bedienen, weder gleichzeitig noch geordnet nacheinander. Immer wieder tritt sie vor die Tür, um zu meditieren oder sich einfach nur eine Pause zu gönnen. Als wir um 17 Uhr wieder zurück in unserer Unterkunft sind, beginnen wir zu verstehen, weshalb Menschen Resort-Tourismus mögen. Für Vanuatu abseits von Efate benötigst Du viel Zeit und Geduld. Einen Tag des kostbaren Urlaubs will nicht jeder im Büro einer Kaschemme verbringen. Wir setzen uns ans Meer und schauen hinüber zum weißen Sandstrand von Norsup. Warum kann reisen nicht einfach sein? Doch das Rascheln der Blätter in den Bäumen, die einsetzende Ebbe und die untergehende Sonne lassen uns schnell wieder zu dem Zurückfinden, weshalb wir da sind.

Die Hunde des Nachbarn tollen am Strand, die Kids schmeißen bunte Schwimmreifen auf das Wasser, im Nachbargarten brennt ein Feuer. In der Ferne hören wir den Rhythmus von Musik. Wir sind mitten in einem melanesischen Dorf. Wir sind im Small Namba Land. Wir sind in der Südsee. Was aus der Ferne traumhaft klingt, ist für uns nah geworden, ist Realität.

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Dog’s Head Trek – eine Wanderung vom Osten in den Westen von Malekula

Um 8.30 Uhr holt uns Robert mit einer halbstündigen Verspätung ab. Er hatte noch „this and that“ zu erledigen. Das muss man akzeptieren. Eine Stunde fahren wir an der Nordostküste von Malekula entlang. Die geteerte Straße verliert sich bald hinter Norsup in eine vom Regen gezeichnete Ruckelpiste. Unseren Guide, Erima, laden wir in Rano Mainland ein. Eine aufgeweckte fünfzigjährige Lady im Spitzenrock und 80er Jahre T-Shirt springt mit ihrem ruhigen Sohn, Paul, ins Auto. Einen bunten Schirm in der einen Hand, in der anderen eine fast leere Sporttasche. Ich frage mich, wo ihr Gepäck für die nächsten drei Tage auf dem Dschungeltrek ist. Ihr Outfit scheint so falsch, für das, was wir vorhaben und macht es doch auch so interessant. Der krause Kurzhaarschnitt unterstreicht ihre sympathische burschikose Art, mit der sie uns die nächsten zwei Tage über die Hügel und durch das dichte Gestrüpp Malekulas führen wird. Auf den Rock würde sie gern verzichten, doch das Gebiet, das wir durchwandern, folgt noch strengen Regeln. Tabu ist beispielsweise eine Hose an Damenbeinen – nur wir Touristinnen sind ausgeschlossen. Und dass wir es mit Tabus nicht ganz so haben, zeigen meine drei Begleiterinnen mit ihren ordentlichen Hotpants. Wenn wir schon Regeln brechen dürfen, dann richtig!

Als wir um 9.30 Uhr Atchin erreichen, wo unsere Tour startet, warten die zwei lustigen Katalaninnen Kristina und Gemma, die wir am gestrigen Tag bereits in dem Büro von Malampa Travel trafen. Wir sind die erste Gruppe, die in diesem Jahr den Dog’s Head Trek nehmen wird. Um 10 Uhr machen wir uns auf den Weg zunächst durch Kokosnuss-Plantagen. Erima zieht hier ihren sonst schlendernden Schritt etwas an, mit dem Hinweis, dass das Gefährliche die herabfallenden Kokosnüsse seien. Später, als das Gestrüpp dichter wird, und wir die Plantage verlassen, erklärt sie uns verschiedene Pflanzen.

Drei Stunden wandern wir in der Hitze, die uns die Mittagssonne mit über 30 Grad beschert. Schnell plädieren wir für eine erfrischendere Route, die uns zu einem Fluss führt. Sechsmal werden wir diesen heute durchqueren. Barfuß auf den rutschigen Steinen zu balancieren, wird nach und nach eine Herausforderung und doch will niemand von uns das kühlende Wasser missen.

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Um 13 Uhr erreichen wir eine Siedlung auf einem Hügel. Mitten im Nichts des hügeligen Hinterlandes, das die Small Nambas und Big Nambas bewohnen, tun sich ordentliche Gärten auf, die mit Hecken begrenzt sind. Überall erstrahlen Blumen, die man sich hier nicht nur für Touristen hinters Ohr steckt. Tische, Toiletten – überall, wo es sich anbietet, werden die Blüten zur Zier drapiert. Farbige und naturbelassene Bambushäuschen schmücken dieses Dorf. Am Eingang steht vor einem Gebäude ein Schild mit der Aufschrift „Kindy“. Bald sollen wir erfahren, dass selbst die abgelegensten Orte Malekulas Kindergärten haben. Gerade ist jedoch Pause und die Kinder befinden sich in den Familien zum Lunch. Schüchtern heben die Kinder ihre Hand, schauen beschämt in unsere Richtung, um die anfängliche Scheu schon bald komplett abzulegen, neugierig mit uns zu spielen und sich am Fotografieren zu erfreuen. Kleine Hunde hängen an den Zitzen der Mutter, Hühner flattern wild umher und inmitten dieses Dorflebens werden uns frische Kokosnüsse mit Blumengarnitur gereicht. Nach der dreistündigen Wanderung tun diese sehr gut.

Die Frauen des Dorfes rollen ihre Bambusmatten aus, um darauf das beliebte Nationalgericht Laplap zu servieren. Ein auf Blättern gereichter Maniokbrei mit Kokosnussmilch und Fluss-Garnelen. Rachel setzt sich zu uns auf den Boden und plaudert mit uns ziemlich offen über ihr Leben hier in der Abgeschiedenheit und auch über typische Frauenprobleme. Ni-Vanuatu Frauen erlebe ich hier immer wieder als sehr starke, robuste Persönlichkeiten, die selbstbewusst auftreten. Und dennoch ist sie da, die vom Machismus geprägte Welt. Oft hört man, dass die Männer nichts tun, während die Frauen arbeiten gehen. Ich selbst erlebe die Männer eher zurückhaltend, aber freundlich, wohingegen Kinder und Frauen recht offen und aufgeschlossen den Kontakt zu uns suchen.

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Nach 2,5 Stunden in Botko setzen wir unsere Wanderung fort und erreichen eine Stunde später Kalili. Hier leben Leikabo und Bosiano Nalip mit ihrer Familie, die in der Hochsaison regelmäßig Gäste beherbergt. Wir teilen uns mit Kristina und Gemma eine Gästehütte mit Matratzen auf dem Boden, über die Moskitonetze gespannt sind, und erfahren, dass bald weitere Hütten dazukommen sollen. Auch dieses Dorf ist umschlossen von Gärten und einem Palmenhain. Erima berichtet uns am Abend noch über kuriose Gäste, die sie auf diesem Trek begleitet hat. Da war beispielsweise einmal ein Paar mit teuren Klamotten, Stadtschuhen, wie sie meinte. Allein das Schuhwerk bemängelte sie schon. Doch dass das Paar ernsthaft mit Rollkoffer auf diese Wanderung gehen wollte, fasste Erima gar nicht. Tatsächlich mussten sie Träger engagieren, die die Sachen für das Paar trugen. Am nächsten Morgen beschwerte sich die Dame über den Lärm im Dorf, der sie um den Schlaf gebracht hat. Es handelte sich um eben die Geräuschkulisse, die auch uns durch die Nacht begleitet – bellende Hunde, krähende Hähne, grunzende Schweine, muhende Kühe. Tatsächlich sind die Geräusche sehr intensiv, aber das macht nunmal das Dorfleben inmitten des Waldes aus.

Am nächsten Tag starten wir um 8 Uhr unsere Wanderung. Nur eine halbe Stunde später beginnt der Aufstieg auf einen Hügel. Hier warnt uns Erima vor Tabus, die auch wir nicht brechen dürfen. Dazu zählen: nichts trinken, nicht spucken, keine Äste brechen und kein Toilettengang. Unsere Stimmen verstummen als hätte uns auch jemand das Sprechen untersagt. Eine halbe Stunde hören wir nur unsere Schritte und unseren Atem.

Auf dem Berg angekommen werden wir auf dem nächsten Streckenabschnitt von riesigen Banyan Bäumen überrascht. Fasziniert schauen wir auf das auffällige Wurzelwerk, dass sich wie eine Krake an den Boden haftet. Nach 3,5 Stunden erreichen wir wieder eine Siedlung mit vielen kleinen Gärten und Häusern. In Womul haben wir Lunch.

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An der Westküste von Malekula

Als wir uns um 13 Uhr auf den Weg machen, geht es nur noch ein kurzes Stück durch den Wald. Dann folgen wir der Straße. Die Mittagssonne knallt vom Himmel, so dass wir unter Tüchern und Mützen Schutz suchen. Um 14.30 Uhr tut sich wie eine Fata Morgana vor uns das Meer auf. Die Schritte werden in der lähmenden Hitze flinker. Wir haben die Westküste erreicht. Wir alle haben nur noch ein Ziel – das Bad im Ozean. Doch wir sollen noch eine Stunde warten, bis Robert, unser Fahrer aufschlägt, um uns nach Wilak zu fahren, wo sich unsere Unterkunft befindet. Diesen Ort haben sie gewählt, weil er besonders idyllisch ist. Hier endet der Zugang zur Außenwelt und die Straße wird von einem Gebirge blockiert. Keine Motorboote, kein Handyempfang. Strom liefern die Solarpanels. Ein einsames Kanu schippert im türkisfarbenem Wasser, das auf den dunklen Sand schwappt. Kinder spielen am Strand, während wir uns hier von der Wanderung ausruhen. Dorfidylle wie sie nicht schöner sein könnte.

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Shila, die drei Jahre auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet hat, kümmert sich rührend um uns. Man merkt ihr ihre Arbeitserfahrung mit Touristen sofort an. Es hat sie nach der Schufterei Tag und Nacht sieben Tage die Woche wieder nach Malekula gezogen, wo sie nun Gäste beherbergt und auch noch Erzieherin im Kindy ist. Sie hat einen Garten und ein Leben, das sie glücklich macht, wie sie betont. Letztes Jahr war sie nur dreimal in Lakatoro. Sie vermisst das Leben in der Stadt nicht. Auch wenn sie abgeschnitten lebt, macht sie das alles zufrieden. Woher sie wisse, wann Gäste kommen, will ich von ihr wissen. Da erzählt sie uns, das am gestrigen Abend um 22 Uhr der Truckfahrer bei ihr klingelte, um einen Brief abzugeben. Sie hatte sich bereits schlafen gelegt und so legte sie den Brief erst einmal ungeöffnet auf den Küchentisch, um den Schlaf fortzusetzen. Doch sie fand nicht mehr in den Schlaf. Um 2 Uhr nachts öffnete sie dann den Brief, in dem unser Besuch angekündigt wurde. Dann konnte sie gar nicht mehr schlafen, denn nun wusste sie, dass sie noch bevor sie im Kindy arbeiten würde, alles für uns herrichten müsse.

Es klingt wie ein Leben aus einer anderen Zeit, in der Kommunikation beschwerlicher war. Doch genau dieser Backlash, den wir auf dieser Reise in Ansätzen nachempfinden, bringt auch uns mehr zu uns selbst und zur Ruhe. Wo man sich anderswo zwanghaft um digitales Detox bemüht, kommt man hier gar nicht drumherum. Kinder hüpfen wieder unbeschwert über den Hof, schauen neugierig durch das Fenster, ohne jedoch aufdringlich sein zu wollen. Überhaupt, ich habe das Gefühl, alles ist hier dezent, als wolle man Aufdringlichkeit vermeiden. Mit dem Wellenschlag im Ohr und einem Ziehen in den Beinen und im Rücken, durchlebe ich die Nacht halbwach.

Um 2 Uhr morgens zeigt das Display an, als sich die Balken in unserem Häuschen bemerkbar machen. Es knarzt und wackelt, bevor sich Bett und Wände um mich herum verschieben. Ein paar Tage später soll ich erfahren, dass dies Auswirkungen eines Erdbebens vor Ambae waren, das 6,3 auf der Richterskala maß.

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Zu Besuch im einstigen Kannibalenland – bei den Small und Big Nambas

Malekula führt mich auch zurück in eine Zeit, in der die Stämme gefürchtete Krieger und Kannibalen waren. Alle Menschen, denen wir auf unserer Wanderung begegneten, gehören den beiden Stämmen der Big und der Small Nambas an. Schnell vergisst man bei so viel Freundlichkeit, dass noch bis vor einigen Jahren allein der Name der auf Malekula lebenden Stämme Angst und Schrecken auslöste. Die Urvölker folgten nachweislich dem Brauch des Kannibalismus bis zur Ankunft der ersten Missionare im 19. Jahrhundert. Der letzte dokumentierte Fall ereignete sich jedoch noch in den späten 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Heute findet man nur noch gruselige Zeugnisse dieser Epoche – menschliche Knochenreste und Schädel, die an alten Begräbnisstätten im Regenwald beigesetzt wurden. Einen dieser rituellen Orte suchen wir auf unserem Rückweg auf und setzen mit dem Boot auf Rano Island über. Hinter der kleinen Ortschaft der Small Nambas finden wir im hohen Gras solche Überreste. Schnell erfahren wir hier von unserem Guide, dass small und big nicht für die Körpergröße steht, sondern für die Größe und Form des traditionellen Penisköchers, den die Männer als Kleidungsstück tragen. Die Small Nambas tragen einen kleineren Penisköcher, der lediglich aus einem Pandanusblatt besteht.

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Eine Woche bin ich nun dort, wo die glücklichsten Menschen leben sollen, wo man Bilderbuchstrände und Sonne satt erwartet – in der Südsee, in Vanuatu. Sorgen hat man hier keine, sagt man. Erdbeben, Tsunami, Wirbelstürme, Vulkanausbrüche – alles reale Gefahren, mit denen die Menschen leben. Aber ansonsten – spürt man die totale Zufriedenheit und die ist ziemlich ansteckend. Vor allem auf den Outer Islands des 83 Insel-Staates ticken die Uhren noch langsamer als anderswo und so machen Pläne auch wenig Sinn. Wild, freundlich, üppig und unheimlich relaxt – so lernte ich vor allem Malekula kennen. Das beste Detox, das man sich geben kann. Ich habe mich ein bisschen in die 90er zurückgeworfen gefühlt, als Reisen noch entschleunigt und analog stattfand.

Was man sonst noch wissen sollte?

  • Übernachtung: Amel Toro Bungalows, 3 Bungalows mit Meerblick für 5000 Vatu plus 1300 Vatu Abendessen. Rona, die Besitzerin, war während unseres Aufenthaltes nicht da.
  • Transport: Minibusse fahren regelmäßig (außer sonntags) auf der Straße zwischen Lakatoro und Norsup und kosten 100 Vatu. Der Transport Richtung Süden der Insel ist beschwerlich – so wie bei uns in der Regenzeit, da Flüsse überquert werden müssen.
  • Restaurants: an unserem Abreisetag entdeckten wir ein neueröffnetes Café am Ortsausgang: Café Tily (am Ortsausgang Richtung Flughafen 7737112 / 5428234). Hier gibt es Kaffee, Snacks und Milchshakes. Ansonsten gibt es am Ortsausgang auch das Nehtung Restaurant.
  • Internet: Mit WLAN sieht es auf Malekula schlecht aus. Der beste Ort, um digital Detox erntshaft zu betreiben. Dennoch muss man manchmal etwas organisieren (z.B. FLugumbuchung), dafür suchten wir das ITBC Center Internet im Ortszentrum nahe dem Consumer auf.
  • Tour: Malampa Tour Operator ist der einzige offizielle Touranbieter, mit dem auch die unterkünfte und Guides vor Ort zusammenarbeiten. Der professionelle Internetauftritt ist eine Täuschung. Öffnungszeiten sind willkürlich, Buchungsprozedere zeitaufwendig und beraten wird man schlecht. Darübr hinaus hörten wir von Einheimischen (Unterkünfte und Guides), dass sie nicht immer ihr Geld erhalten. Ich würde daher immer direkt buchen. Eine gute Adresse scheint dafür Nawori Bungalows weiter nördlich zu sein. (Etienne ist wohl sehr hilfsbereit bei der ganzen Organisation von Touren – auch Dog’s Head Trek.)
  • Geldwechsel: Malekula hat keinen ATM, Umtausch nur in Bank möglich. Bringt Bargeld mit. Bei Malampa Tour kann man mit Kreditkarte zahlen.
  • Reisezeit: Wir waren am Ende der Regenzeit auf Malekula. In der Mobilität ist man recht eingeschränkt, will man die Gegend um Lakatoro verlassen, da viele Straßen unpassierbar sind. Vorteil jedoch ist, uns begegneten außer die zwei Katalaninnen keine weiteren Touristen.
  • Tipp: Uri Island. Hierzu folgt ein separater Beitrag.
  • Ich reiste im März 2019.

 

 

1 Kommentare

  1. Weißt du warum der Kannibalismus nicht mehr ausgeprägt ist? Ich habe vor vielen Jahren mal eine Reportage darüber gesehen aber kann mich kaum mehr erinnern.

    Nur wir können uns dies ja schlecht vorstellen. Aber ich denke die „Horrorgeschichten“, dass Touristen „gefressen“ wurden, werden nicht stimmen. Hier wird es eher um Rituale, Traditionen, Feindbilder … gehen.

    Hattest du Respekt? Angst oder ähnliche Gefühle?

    LG Daniel

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