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Vier Käptn’s, ein Boot – Auf der Robusta zu den Mariannen

Schweren Herzens, aber auch um Einiges erleichtert überreichen wir INTIs Schlüssel an ihre neuen Eigner. Tränen fließen und Erinnerungen an unseren Kauf kommen hoch. Saßen wir vor fast sieben Jahren genauso da, berührt, das Boot von jemanden zu kaufen, der es so sehr geliebt hat und nun stecken wir in der gleichen Situation. Doch glücklicherweise holt uns der Alltag schnell ein, wir haben verabredet, auf dem Boot Robusta unserer schweizer Freunde Anja und Thomas weiter nach Saipan zu segeln. Aufregung macht sich breit, die Strecke umfasst 1600 Meilen, kein Spaziergang also, dann auf so kleinem Raum, zwei Morgenmuffelinen an Bord und alle ausgestattet mit einem umfassenden Repertoire an Seemannsgarn, ob das mal so gut geht? Das Proviantieren läuft als Erstes schon mal glatt. Ein Haufen Frischzeug wird besorgt, obwohl man hier kaum von Frisch sprechen kann, alles Gemüse und Obst, sogar Zwiebeln kommen in Majuro gekühlt an, aus den USA oder umliegenden Ländern importiert. Wir nehmen trotzdem, was wir kriegen können, schließlich kann es sein, dass wir bis zu drei Wochen gemeinsam auf dem Kahn ausharren werden. Wir organisieren noch ein Abschiedsessen mit unseren neuen Freunden und tags drauf geht es auch schon los. Im Pass zum Atoll werden wir noch von Delfinen verabschiedet und raus geht es in die erste gemeinsame Nacht auf See. Wir dürfen unseren Abschiedsschmerz ausschlafen, das heißt, wir werden die erste Nacht von Wacheschieben verschont, wie schön! Doch das Aufwachen ist dann zwar nicht bitter sondern salzig und viel früher als geplant! Eine Welle hat sich den Weg durchs Cockpit gebahnt und platscht fröhlich und voller Schwung auf Smutjes Kopf! Bähhh, nass! Jetzt kommt Schwung in die Bude, eine echte Herausforderung für vier Leute, sich vernünftig einzubasteln. Alle stehen aufgeregt rum, reichen Handtücher zum Trocknen, einer muss aufs Klo, rammt dem anderen beim rauskommen die Tür in den Rücken, jemand kocht Kaffee, einer schwankt durchs Cockpit. Doch mit der Zeit kommt Routine in die Abläufe, die Aufregung sinkt, Ruhe tritt ein. Es werden kleine Backgammon, bzw. Tavliturniere gespielt, und vor allem unglaublich gut gekocht. Obwohl Capitana augenzwinkernd ein Kochverbot auferlegt wird, ihr Essen produziere zu viele Darmwinde, schmausen wir von morgens bis abends fein, jeder gibt sein Bestes und das kann man auch schmecken (was im Schweizerischen allerdings „riechen“ bedeutet).

Segeln fühlt sich sehr angenehm auf der „Robusta“ an. Sie ist viel schwerer und breiter als INTI, bewegt sich noch behäbiger mit den Wellen, ruhiger und langsamer.

Da die Fahrt die ersten Tage sehr angenehm ist, kommt Thomas Angel und Smutjes Leine zum Einsatz, mal sehen, was wir vor dem Bikini-Atoll so fangen… Und kurz vor Sonnenuntergang der erste Biss! An Thomas Angel zappelt es und er zieht einen Skipjack-Tuna heraus. Gerade an Bord gehievt, zappelt es beim Smutje und siehe da: ein Yellowfin-Tuna hängt dran. Najaaa, da wir ja vier Personen sind wollen wir mal nicht so sein, der kommt auch raus. Und flugs sind einige Dips zubereitet und die rohen Tunas werden heißhungrig verschlungen, der Rest angebraten für den nächsten Tag. Nachts brauchen wir nun keine Taschenlampen mehr, denn wir leuchten von selbst von dem verstrahlten Tuna. Natürlich nicht, aber trotzdem kommen Gedanken auf, inwieweit hier, nach dem Atomversuchen der Amis, noch Strahlung vorhanden ist und ob das auch im Meer direkt der Fall ist.

Diese und die nächste Nacht müssen wir uns treiben lassen, der Wind ist komplett eingeschlafen. Doch im Anschluss lässt er sich nicht lumpen und dreht so richtig auf! Squalls tauchen auf, die Welle beginnt zu steigen, Regenschauer erfrischen uns und das ist erst der Anfang! Nach ein paar Tagen können wir uns kaum noch bewegen, ohne uns irgendwo abstützen zu müssen, Wellen überraschen uns nun des öfteren in unserer Schlafkoje, und wir alle fühlen uns wie Kugeln im Flipper. Die Wellen werden haushoch, einmal fällt die arme “Robusta“ gar von einer Welle herunter und taucht bis zu Reling ins Wasser ein, wobei zwei Waschlappen futsch gehen. Nicht so schlimm, wir verbringen diese Tage sowieso in totaler Lethargie, können uns kaum bewegen ohne irgendwo anzuecken, kochen und abwaschen wird zu reinen Akrobatik, wonach man sich erstmal wieder ausruhen muss. Gefühlte 50 Bücher lesen. Aufs Klo gehen? Kaffee kochen? Das braucht mindestens eine halbe Stunde mentale Vorbereitung. Man will ja auch niemanden anders aus seiner Apathie reißen. Nein, das klingt drastisch, ganz so war es nicht, aber diese paar Tage mit dem starken Wind und der Riesenwelle waren nicht ganz ohne. Wären da nicht die WALE gewesen! Anja erspäht sie und ruft uns alle ins Cockpit. Riesige Exemplare ziehen vorbei, mindestens zwei Pärchen. Ab und zu stoßen sie Fontänen aus, verschwinden im Wasser, um dann wieder munter aufzutauchen. Irgendwann verabreden sie sich gar zum Spielen, was der Alptraum eines jeden Seglers ist, ein Wal kann ganz schönen Schaden am Boot anrichten, doch Stahlbootbesitzer bleiben cool. Sie tauchen unter dem Boot hindurch, genau, wie Delfine es lieben, der Unterschied besteht allerdings darin, dass sie genauso lang wie die „Robusta“ sind, das heißt über 10 Meter groß! Wir halten den Atem an und sind völlig fasziniert, wie wendig diese großen Säuger sind, geschmeidig tauchen sie wieder auf und sind nach einer halben Stunde so lautlos, wie sie kamen, auch wieder irgendwo im weiten Ozean verschwunden. Langsam beruhigt sich die Welle, auch der Wind nimmt ab. Doch irgendwie ist die Stimmung angespannt. Wird der Alptraum wahr? Werden wir uns alle auf hoher See, zu weit weg um rechts ran zu fahren, streiten, zerfleischen, kielholen? Angst! Des Rätsels Lösung ist doch denkbar einfach: Thomas´ Zigaretten sind alle. Doch das bedeutet Stress für alle. Anja als Nichtraucherin ist froh, dass er Abstinenz üben muss, Capitana, die auf Überfahrten normalerweise garnicht raucht hat es sich für diese Überfahrt anders überlegt und raucht mal zwei, drei am Tag, die Zigaretten, die Smutje wiederum für sich gekauft hat, da er auf Überfahrten gerne raucht. Nicht leicht, diese Situation. Anja überlegt, uns alle in unsere Kabine einzusperren, es gibt ein Gitter, um sie abzusperren und uns die Zigaretten in homöopathischen Dosen reinzureichen. Wir schlagen Alarm! Nein, bloß das nicht! Ab jetzt werden die  Zigaretten seemännisch geteilt, die Stimmung beruhigt sich langsam wieder und schlussendlich findet Thomas dann doch noch irgendwo eine Schachtel und der Frieden ist wieder hergestellt. Schiffe sehen wir auf dieser Überfahrt so gut wie keine und überraschenderweise haben die zwei Nächte driften auch nichts daran geändert, dass wir schon nach 13 Tagen Saipan am Horizont aufleuchten sehen. Wir alle sind stolz auf uns, diese Fahrt so problemlos und schnell gemeistert zu haben.

Lust auf eine andere Sicht auf die Überfahrt? Dann schaut doch mal bei https://sy-robusta.ch vorbei!

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Myohyang-Gebirge

Nordkorea Diary – Im Myohyang-Gebirge

Eine zu Eis erstarrte Mittelgebirgslandschaft umgibt uns, als das Auto plötzlich hält. Song Guk, einer meiner beiden Guides, winkt mich nach draußen. Seine Kollegin Lim bleibt überraschend beim Fahrer im Auto zurück. Hier gilt kein Vier-Augen-Prinzip mehr. Vor uns liegen große Kasernenanlagen. Schreie tönen über das Gemäuer. Bilder fügen sich allein aus den Geräuschen in meinem Kopf zusammen.

Eine ungewöhnliche Wanderung im Myohyang-Gebirge

Irritiert frage ich Song Guk, ob wir hier jetzt wandern wollen. Er nickt und marschiert schon schnellen Schrittes davon. Ich stolpere auf den gefrorenen Wegen, die nicht gestreut sind, hinter ihm her. Frostiger und grauer könnte eine Landschaft nicht wirken, ihr Antlitz von Eis überzogen, meine Wahrnehmung von der Starre in meinen Adern geprägt. Das Blut schießt mir in den Kopf, verliere immer wieder den Halt auf den spiegelglatten Wegen, klare Gedanken habe ich längst verloren.

Als wir uns der Kaserne nähern, schießt mir nur noch ein „das war’s Madlen“ durch den Kopf. Hier kannst Du von der Bildfläche dieser Welt verschwinden und niemand bekommt es mit. Vielleicht war ich doch zu naiv, als ich dachte, meinen Blog könne ich verstecken – vor dem System. Anders kann ich mir diesen abstrusen Spaziergang der in seiner Surrealität nicht zu überbieten ist, nicht erklären.

Myohyang-Gebirge Myohyang-Gebirge

Song Guk wird wortkarg, eilt nicht zur Hilfe, als ich ausrutsche und falle. Das ungute Anfangsgefühl stellt sich wieder ein und damit auch mein Abwehrmechanismus, den ich immer in kritischen Situationen abrufe – Leute so zuquatschen, mich nur nicht unsichtbar machen. Doch meine Worte erreichen scheinbar längst nicht mehr den Empfänger. Song Guk ignoriert sie und entfernt sich immer mehr. Weitere Kasernengebäude lassen wir links liegen, dann verhallen die Schreie immer mehr im Wald bis schließlich Stille einkehrt und das Hämmern des Spechts die einzige Geräuschkulisse ist. Ich lasse Song Guk davonziehen, halte inne, lausche dem Rauschen des Baches, an dem wir von nun an entlangwandern.

Der Weg wird steiler und glatter. Jetzt, da ich entspannen könnte, verspannt sich mein Körper komplett – nur nicht fallen. Und zugleich durchzieht mich ein Schamgefühl, ertappt, noch immer vertraue ich meinen Guides nicht.

Ich bin im Myohyang-Gebirge, man nennt es auch als Gebirge der geheimnisvollen Düfte. Hier befindet sich auch mit dem Piro-bong der zweithöchste Gipfel des Landes. Ein kleines rotes Blockhaus leuchtet am Wegesrand, in dem normalerweise die Parkgebühr kassiert wird. Doch in dieser Jahreszeit gibt es keinen Grund, sich in dem verlassenen Wald den Hintern täglich einfrieren zu lassen, denn auf so eine seltsame Idee wie wir, auf Eis zu wandern, kommt keiner. Ab März oder April würde man die Wege auch streuen und das Eis entfernen, entschuldigt sich Song Guk, der endlich einhält und das Gespräch sucht. Im Sommer werden die Wälder voll mit Wanderern sein, das Gebirge gilt unter Nordkoreanern als Erholungsgebiet und auch Kinderferienlager findet man in der Nähe.

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Myohyang-Gebirge Myohyang-Gebirge

High Class für mich allein – eine Nacht im Hyangsan Hotel

Noch vor der Dunkelheit erreichen wir mit einer kurzen Autofahrt entlang des teilweise zugefrorenen Myohyang-Flusses das Hyangsan Hotel, wahrscheinlich eines der besten Hotels im Lande. Mit seiner pyramidenförmigen Beton- und Glaskonstruktion will sich der monströse 80er Jahre Bau nicht so ganz in die bergige Landschaft einfügen. Lim und Son Guk verabschieden sich an der Rezeption von mir. Um 19 Uhr gäbe es im Restaurant Abendessen – sie selbst müssten woanders speisen. Ich bin einziger Gast in diesem 15-stöckigen Hotel mit seinen 190 Zimmern. Mehrere Speisesäle, ein Drehrestaurant, ein Saal für Karaoke, ein Fitnessraum, ein Schwimmbad, einen Schönheitssalon und Massageraum… alles betrieben, um in diesem Moment einen Gast zu bedienen – mich. Lim lässt durchblicken, dass nach dieser Neujahrszeit wohl auch streckenweise gar keine Gäste mehr hier nächtigen.

Nordkorea, Hyangsan-Hotel Nordkorea, Hyangsan-HotelMyohyang-Gebirge

Neugierig laufe ich durch die Gänge, rausgehen darf ich nicht. Gefangen im Luxushotel in den Bergen. Ich frage, ob ich in das Schwimmbecken springen kann. Die Tür ist verschlossen, also winke ich sofort ab, will die Energiekosten nicht unnötig strapazieren. Aber nun gibt es kein zurück. Der Gast will schwimmen und saunieren, also wird schnell die Mitarbeiterin gerufen, die den Sportbereich betreibt. Licht an, Sprudel an, Sauna an… denn der internationale Gast zahlt. Ich liebe einsame Orte, doch in dem Moment fühle ich mich tatsächlich komplett verlassen, deplatziert, ausgeliefert. Ich gönne meinem Körper nach Tagen endlich wieder etwas Sport. Ziehe meine Bahnen, schwitze in der Sauna und versuche meine Gedanken dabei zu sortieren.

Der Besuch im Restaurant später ist nicht minder skurril. Runde Banketttische festlich eingedeckt mit Einzelbetreuung. Inzwischen sind zwei weitere Gäste angereist, die am Nachbartisch Platz genommen haben und unter der Beobachtung ihrer persönlichen Servicekraft stehen. Ein wenig atme ich doch auf. Auch ich werde von einer Kellnerin betreut, die ihr Englisch auf sympathische Weise während des gesamten Essen praktizieren möchte. Dabei versteht sie meine Fragen nie, aber freut sich über meine Antworten.

Internationale Freundschaftsausstellung Internationale Freundschaftsausstellung Internationale Freundschaftsausstellung

Nordkoreanische Freundschaften – zu Besuch in der Internationalen Freundschaftsausstellung

Nicht weit vom Hotel entfernt liegt eine besonders ungewöhnliche Sehenswürdigkeit, in der leider ein striktes Fotografierverbot herrscht. Zwei wie Tempel anmutende riesige Gebäude aus Marmor beherbergen die Internationale Freundschaftsausstellung. Für drei Stunden verschwinden wir hinter der gewaltigen Schiebetür, die ich ehrenvoll mit übergestülpten Handschuhen öffnen darf. Mehrere Tonnen schwer ist dieses güldene Prachtstück, dass von bewaffneten Soldaten bewacht wird. Das Hauptgebäude, das die meisten Touristen besuchen, beherbergt die Staatsgeschenke für Kim Il-sung und Kim Jong-un. Die Geschenke für Kim Jong-il befinden sich im zweiten Gebäude.

Es geht durch Metalldetektoren, dann muss ich Kamera, Handy, Uhr, Tasche, Jacke, Schal abgeben. Wir passieren ein Labyrinth von Marmorfluren, begleitet von Symphonien, die Kim Il Sung selbst komponiert hat. Eine Verbeugung vor Kim Il-sung, dann verschwinden wir auch schon in den Räumen, die Staatsgeschenke wie präparierte Bärenköpfe von russischen Oligarchen, ein ausgestopftes Krokodil von den Sandinisten, ein Sturmgewehr von Fidel Castro, ein Aschenbecher von Jimmy Carter, Stalins gepanzerte Limousine und viel Geschirr aus Osteuropa hinter Vitrinenglas aufreihen.

Am Ende treten wir auf den Balkon. Selten strahlte der Himmel über Nordkorea so blau, wie an diesem Tag. Mein Blick schweift durch das Tal, durch das die Sonne ihre Strahlen schickt und mich blendet. Was hinter mir in den zahlreichen Räumen liegt, ist bereits nur noch eine flüchtige Erinnerung dieses Morgens. Ein Beweis der Anerkennung, Trophäen zur Vergewisserung der eigenen Akzeptanz und zugleich eine Sammlung der Blendung. Warum findet man diese Sammlung nicht in Pjöngjang, frage ich Song Guk, der mir meine Jacke und meine Kamera von der Garderobe gebracht hat. „Hier sei der Mittelpunkt des Landes“, entgegnet er knapp, als sei das ein überzeugendes Argument. Ich rühre in meiner Kaffeetasse und entscheide mich, keine weitere Frage zu stellen.

Pohyon-Tempel Pohyon-Tempel Pohyon-Tempel

Zu Gast im größten buddhistischen Tempel Nordkoreas, dem Pohyon-Tempel

Wie gut die frische Winterluft nach diesem Morgen tut, merke ich, als ich über das Gelände des Pohyon-Tempels streife, das sich nicht weit von der Freundschaftsausstellung befindet. Lim bleibt erneut im Auto zurück, Song Guk ist in ein Gespräch mit der lokalen Führerin vertieft, als ich aus ihrer Sichtweite verschwinde. So muss sich Freiheit im Kleinen anfühlen. Unbeobachtet bewege ich mich zwischen Buddhafiguren, stapfe von Gebäude zu Gebäude durch den Schnee, zünde mit Wünschen im Kopf Räucherstäbchen an. Wer an Nordkorea denkt, hat vor allem die monumentale Architektur vor Augen, Tempelanlagen kommen in der Imagination nur selten vor. Dabei schauen diese auf eine lange Geschichte zurück – 1042 wurde die größte buddhistische Tempelanlage Nordkoreas gebaut, später Teile zerstört und restauriert. Dieser Ort verkörpert  bis heute die nationale Baukunst Koreas inmitten einer wunderschönen Landschaft und setzt einen Kontrast zu den uninspirierten, funktionalen Hochhäusern.

Revolutionäre Stätte Revolutionäre Stätte Revolutionäre Stätte

Eine Universität im Wald

Auf dem Rückweg nach Pjöngjang passieren wir die Satellitenstadt Pyongsong. Nur knapp eine Stunde von der nordkoreanischen Hauptstadt entfernt gilt sie als Wirtschaft- und Wissenschaftszentrum. Eine Stadt, die wohl für die Bevölkerung einfacher zugänglich ist, als Pjöngjang. Doch für Touristen wurde sie erst 2011 geöffnet. Was den ausländischen Besuchern hier gezeigt werden könnte, erschließt sich mir ohnehin nicht. Es ist eine graue Stadt, die aber vor geschäftigen Menschen wimmelt. Der zugefrorene Fluss wird von den üblichen pastellfarbenen Häuserfassaden umringt. Als ich Song Guk frage, ob ich einmal an den Taedong-gang treten könne, ernte ich einen fragenden Blick. Warum will ich an den zugefrorenen Fluss gehen? Wegen der Fotos. Schnell checkt er, ob er etwas übersehen hat, dann laufen wir konspirativ an diesen Fluss, bevor wir im nahegelegenen Hotel Jangsusan  zum Mittagessen verschwinden. Tatsächlich freue ich mich auf eine Aufwärmphase, doch werde schnell enttäuscht. Das Restaurant gleicht einem Eiskeller. 10 Grad zeigt das Thermometer an. Es gab bis eben Stromausfall, wird man sich bei mir entschuldigen und dazu einen Tee reichen. In Winterjacke mit Schal und Mütze speisen wir, während sich der Kellner im leeren Gastraum über unseren Besuch freut und uns schmackhafte Espressi zaubert, die er für meine nordkoreanische Begleitung mit Honig verfeinert. Eine „echte Kaffeemaschine“ stimmt mich trotz der eisigen Kälte fröhlich.

Im nahen Tal der Kastanien liegt bei Pyongsong die Revolutionäre Stätte Paeksongri. Von 1952 bis 1954 hatte man die Universität in Pjöngjang vor dem amerikanischen Bombardement schützen wollen und hierher verlegt. Eine Bronzestatue glänzt am Rande des Kiefernwaldes. Einfache Hütten liegen zwischen den Bäumen verstreut, in diesen hatten einst die Studenten geschlafen, gegessen, studiert. Und auch Kim Il-sung kam zu Besuch und über diesen berichtet die lokale Führerin inbrünstig. Wie er ein Gedicht vortrug, wie er fragte, ob er den Studenten mit irgendwelchen Wünschen helfen könne, und diese nach Zigaretten fragend die Antwort erhielten, Zigarettenvorräte seien vornehmlich für die Soldaten da. Überall, wo Kim Il-sung war, ist heute eine revolutionäre Stätte.

NordkoreaNordkorea

Es dämmert bereits, als wir auf der leeren Autobahn nach Pjöngjang fahren. Meine nordkoreanische Begleitung muss sich an diversen Checkpoints ausweisen, nach meinem Pass wird nie gefragt. Eselskarren, Passanten und Räder – im Grau der herannahenden Nacht lassen sich Menschen nur schwer ausmachen. Wie in einer Schattenwelt huschen dunkle Silhouetten vor uns über die Straße. Die Leere ist spürbar, wo das Leben selbst nur zur Ausstattung mutiert, wo Menschen wie Statisten wirken, die nur temporär in einer inszenierten Wirklichkeit die Hauptrolle besetzen dürfen. Am letzten Tag nehme ich wahr, dass meine komplette Bandbreite an Emotionen runtergedimmt ist auf das Nötigste. Ich bin des Fragens müde. Auch Song Guk und Lim schließen ihre Augen, genießen sichtlich die Ruhe, die den Innenraum des Autos einnimmt.

Ich frage mich, wie lange benötigt es, sich so anzupassen, dass man diese Wirklichkeit nicht mehr (mit)spielt, sondern lebt. Die mir präsentierten Menschen wirken wie Marionetten in einem Puppentheater. Der Strippenzieher ist überall präsent und doch auch unsichtbar. Ich fühle mich wie ein Gast einer achttägigen Aufführung. Nur die Emotionen werden nicht bedient… Es bleibt im Dunkeln, ob es Angst, Glaube oder Gehorsam ist, was das nordkoreanische Volk empfindet. Zwischen mir und der Bevölkerung bleibt ein Vakuum, das jede menschliche Regung fortsaugt, bevor sie mich erreicht.. Selten habe ich auf Reisen so wenige lächelnde Menschen erlebt. Hier ist kein Platz für Gefühle. Wer nach Nordkorea reist, muss selbst die Grenze finden, die die Wahrheit von der Inszenierung trennt.

Zum Teil 1: Nordkorea Diary – Pjöngjang, eine Insel
Zum Teil 2: Nordkorea Diary – Pjöngjang zum Jahreswechsel, Juche 109

 

Dieser Beitrag ist Teil 3 zu meiner privaten achttägigen Reise nach Nordkorea zum Jahreswechsel 2019/20. Ich versuche das zu beschreiben, was ich sah und fühlte. Eine politische Bewertung nehme ich nicht explizit vor. 

Ciao INTI

Wir schaukeln dahin im schier grenzenlosen Nordpazifik, der Passatwind hat uns wieder und schiebt uns beständig Richtung West. Noch ungefähr 1500 Seemeilen vor uns liegt unser nächstes Ziel: Saipan in den nördlichen Mariannen, in unserem Kielwasser das geschäftige Majuro in den Marshall Islands und fünf unglaublich bewegende Wochen. Wir segeln nicht mehr auf INTI, sondern auf der wunderschönen Colin Archer „Robusta“ von unseren Freunden Anja und Thomas. INTI ist in Majuro geblieben, unser Zuhause in einem der intensivsten Abschnitte unseres Lebens! Hier in Majuro haben wir ihre Überführung aus Fiji beendet und sie an die neuen Besitzer übergeben. Sieben Jahre haben wir mit INTI verbracht, davon über sechs Jahre nahezu ununterbrochen auf ihr gelebt. Über zwanzigtausend Seemeilen liegen in unserem Kielwasser, mehr als zwanzig verschiedene Länder haben wir bereist. Raue Küsten, paradiesische Südseeatolle, karge Eilande, Karibikträume und die dichte Vegetation Süd- und Mittelamerikas. Auf ihr haben wir die Nord- und Ostsee durchsegelt, den Atlantik und nahezu den ganzen Pazifik überquert, Flauten und Stürme erlebt, Naturgewalten gespürt. Nicht nur äussere Horizonte und Grenzen haben wir auf ihr durchfahren, sondern auch unsere inneren. Grenzen durchstossen und kennengelernt, gedankliche Horizonte erweitert, uns selbst kennengelernt, Träume erlebt aber auch platzen gesehen, unendlich viel Spass und Glück aber auch Tiefpunkte und harte Zeiten erfahren. So viele Menschen aus den verschiedensten Kulturen haben wir getroffen, die uns immer wieder den Spiegel vorgehalten und uns zwangsläufig zur Selbstreflexion geführt haben. Dazu all die Aussteiger auf allen erdenklichen Bootstypen. Millionäre, Rentner, Familien und Lebenskünstler. Menschen mit den unterschiedlichsten Lebenswegen und Lebensläufen, die vor allem eines eint: das Segeln und ein einfaches Leben mit der Natur, weit weg von all den Zwängen unserer heimischen Leistungsgesellschaft. 

So kullern natürlich dicke Tränen aus unseren Augen als wir INTI verabschieden, die uns so ans Herz gewachsen ist. Doch wir freuen uns auch auf das, was kommen wird, frei zu sein für neue Schritte, denn so ein Boot braucht auch viel Aufmerksamkeit und Pflege. So genau haben wir noch nicht definiert was kommen wird, dazu müssen wir erst einmal zur Ruhe kommen, zu wirr und emotional war die letzte Zeit. Jetzt sind wir erst einmal zwei bis drei Wochen ununterbrochen auf See, trotz Geschaukel und durchwachter Nächte immer eine Zeit der Tiefenentspannung für uns. Zeit runter zu kommen und neue Pläne zu schmieden, Zeit, den Abschiedsschmerz von INTI zu verdauen. 

Sehr viel leichter gemacht uns von INTI zu trennen haben es ihre neuen Eigner Patty und Michi, ein junges deutsches Paar das in Majuro lebt und arbeitet. Es war schön zu sehen wie sehr sie sich über das Boot gefreut haben! So verbringen wir viel Zeit miteinander, gehen Detail für Detail durch, üben Öl- und Filterwechsel, Wassermacherwartung und Rostkloppen, machen intensives Segeltraining. Wenden, Halsen, Reffen, Mann über Bord, Anlegen an der Boje….so viele Manöver wie in den letzten fünf Wochen sind wir zuvor im gesamten letzten Jahr nicht gefahren! Wir haben viel Spass miteinander und wissen INTI mehr und mehr in guten Händen. Wir sind gespannt auf die neuen Abenteuer die sie mit den beiden erleben wird! 

Aus dem Bootsverkauf entwickelt sich eine richtige Freundschaft, die Beiden kümmern sich herzlich um uns. Sie führen uns in eine lustige, bunte Clique aus Ausländern und Einheimischen, die in Majuro leben, arbeiten und sich regelmässig treffen, ein. Aus über dreizehn verschiedenen Nationalitäten besteht diese Gruppe, Mitarbeitern von GIZ-, Weltbank- und Uniprojekten, Ärzten, Krankenschwestern und Lehrern, Schweissern und Hubschraubermonteuren. Aus Deutschland und der Schweiz über Kolumbien und Fiji bis nach Taiwan und der Mongolei ist alles dabei, ausgelassen feiern wir Weihnachten und Sylvester mit ihnen. 

Viele unserer neuen Freunde wohnen in einem grossen Wohnblock, in den auch wir für zwei Wochen einziehen, da eine japanische Freundin nach Hause fliegt und uns freundlicherweise ihre Wohnung überlässt. So haben wir Platz uns auszubreiten, nach und nach unsere persönlichen Dinge aus INTIs Bauch zu räumen und zu sortieren. Ein riesiges Paket geht zum Postamt und kommt hoffentlich irgendwann in Deutschland an, auf die „Robusta“ nehmen wir nur zwei Rucksäcke, Tauchzeug und die Gitarre mit. Langweilig wird das Landleben nicht, regelmässig kochen wir mit unseren neuen Nachbarn und Freunden. Sogar ein richtiges Weihnachtsmenü mit Schweinebraten, selbstgemachten Rotkohl und Semmelknödeln kriegen wir mit unseren deutschen Nachbarn zusammengebastelt! Immernoch geht es täglich mit den neuen Besitzern zum INTI-Training. Auch müssen wir mehrfach in die Botschaft der USA, werden interviewt, müssen Passfotos machen, endlose Formulare ausfüllen und Dollares abdrücken. Saipan gehört zu ihrem Staatsgebiet und laut US-Vorschrift reist man mit dem Segelboot nicht als normaler Tourist ein, sondern braucht das aufwendige B1/B2 Visum. Als es dann endlich fertig ist spuckt der Drucker Capitanas Visum aus und bricht danach zusammen, Smutje muss sich noch ein paar Tage gedulden, Island Time gilt auch in dieser sonst eher an eine Festung erinnernde Botschaft. 

Dann heisst es auch schon proviantieren, vorbereiten und tanken auf der Robusta, zwei bis drei Wochen auf See mit vier Personen brauchen doch ein bißchen mehr. So fliegen fünf Wochen im Majuroatoll nur so an uns vorbei und es heisst Abschied nehmen. Abschied von unseren vielen neuen Freunden und unserem alten Zuhause INTI. Wir besteigen die Robusta, legen elegant unter Segeln von der Mooring ab, opfern Neptun, Rasmus und der guten alten INTI einen ordentlichen Schluck Rum, holpern hart am Wind durch den kabbeligen Pass und gleiten in den tiefblauen Pazifik. Hinaus in die See, hinein in einen neuen Lebensabschnitt!    

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Nordkorea, Silvester in Pjöngjang

Nordkorea Diary – Pjöngjang zum Jahreswechsel, Juche 109

Ein Fluss, ein Boot, eine Band, ein prächtiges Feuerwerk am Ufer – Silvester wie es überall stattfinden kann. Dass ich in Pyongyang bin, kann ich an jenem Abend schnell vergessen.
Mal erfüllt die „DPRK“ alle Vorurteile, mal überrascht sie auch. Vier Tage bin ich bereits in einem Land, das ich nicht zu fassen bekomme. Mimik, Gestik, Zwischentöne sind nur kleine Anhaltspunkte, um hinter die Fassaden zu schauen. Der Interpretationsspielraum ist groß. Wir sehen immer das, was wir sehen wollen. Tatsächlich denke ich oft, das hier ist wie die DDR – nur krasser.

An jenem Silvesterabend auf dem Boot finde ich mich in einer Parallelwelt wieder, die wenig mit Pjöngjang und noch viel weniger mit der Land Nordkorea zu tun hat. An den Tischen vor der Bühne, auf der zwei Stunden vor Mitternacht eine Frauenband im Krankenschwester-Look auftritt, das wohl sexy wirken soll, sitzen ausländische Touristen und Nordkoreaner, die es sich leisten können. Über Preise spricht man hier nicht. Eigentlich war vorgesehen, den Abend auf dem nahen Kim Il-sung-Platz zu verbringen, doch die angekündigten -16 Grad ließen Lim und Song Guk gemeinsam mit ihrer Agentur Alternativpläne schmieden, die uns einen wohlig warmen Abend mit Blick aufs nächtliche Feuerwerk bescherten. Es floss viel Alkohol, es gab fast Schlägereien und es fielen auch Masken. Einen Moment blitzte das fast Unmögliche durch und es bröckelte die Fassade. Aus Marionetten wurden Individuen. Und das war vielleicht der größte Moment in dieser skurrilen Nacht, die uns je nach Perspektive ins Jahr 2020 oder auch Juche* 109 führte.

(*Der Juche-Kalender wurde 1997, drei Jahre nach Kim Il-sungs Tod, in Nordkorea offiziell eingeführt und gilt seither parallel.)

Nordkorea, SilvesterNordkorea, Silvester

Im Herzen von Pjöngjang: Wo Kim Il-sung-Platz und Juche Turm auf einer Achse liegen

Wir stehen am Kim Il-sung-Platz am Westufer des Taedong-gang. Eifrig werden Mauern aus Eis und Schnee aufgebaut. Dahinter entstehen Eisskulpturen. 10 Euro Eintrittsgebühr wird man später vom ausländischen Besucher dafür verlangen, wenn die Kunstwerke abends illuminiert sind. Es ist Silvester, der letzte Tag des Jahres soll auch der Kälteste sein. Wir versuchen daher nach jedem Außenbesichtigungspunkt auf unserer Agenda kleine Aufwärminseln einzubauen. Jetzt heißt es mal wieder „Café Sacher“ – wer in Pjöngjang Kaffee trinken will, wird wohl um diese Adresse nicht drum herumkommen. Eine Handvoll Tische, ein Tischkicker und eine vielversprechende Kaffeemaschine zieren den kleinen Raum neben dem repräsentativen Platz, der von der großen Studienhalle des Volkes, mehreren Ministerien und der Zentrale der PdAK umringt ist und als erste Adresse für die riesigen Paraden gilt. Fenster gibt es, wie auch in den anderen Restaurants, die wir besuchten, keine. Eine Melange, Cappuccino, Kaffee Latte… alles bestellbar, einst gab es wohl sogar Sachertorte, doch Kuchen sind nicht mehr im Programm.

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Auf der gegenüberliegenden Flussseite des Taedong-gang streckt sich der 170 m hohe Turm der Juche-Ideologie in den Himmel und bildet eine städtebauliche Achse mit dem repräsentativen Platz. Man vergleicht das Ensemble hinsichtlich Architektur und Funktion oft mit dem Pekinger Tian’anmen-Platz.

Das Wahrzeichen von Pjöngjang wurde anlässlich des 70. Geburtstags des Präsidenten Kim Il-sung errichtet. Diese Lebensjahre spiegeln sich in den 70 Stufen wider. Mit dieser Symbolik der Zahlen wird fast in allen Gebäuden gespielt, die Kim Il-sung erbauen ließ. Im Eingangsbereich befinden sich Widmungstafeln von weltweiten Anhängern der Juche-Ideologie. Nachts wird der Turm angestrahlt und die Fackel von innen mit einem Flackereffekt rot beleuchtet, während weite Teile der restlichen Stadt im Dunkeln liegen.

Hinter dem Turm taucht schnell Militär auf, das uns vertreibt. Fotografieren ist natürlich mit ihnen im Bild nicht erlaubt, aber spazieren ebenso wenig, denn um den Turm herum wurde wohl schon die Pyrotechnik für den Silvesterabend vorbereitet, und „davon“ sollen wir uns fernhalten. Eigentlich kann man auch gegen eine Gebühr von 5 EUR nach oben, doch die Aussicht ist es heute nicht wert, meint Lim. Und ihrem Wort folgen wir – immer.

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Am Monument der Parteigründung

An einem anderen Denkmal lässt es sich ungestörter verweilen. Drei übergroße Fäuste halten Hammer, Sichel und Pinsel in den Himmel. Mit diesem 50 m großen Monument (die Zahl symbolisiert den 50. Geburtstag der Partei)  huldigt man den Arbeitern, Bauern und Intellektuellen und damit der Partei der Arbeit Koreas, die diese drei zentralen Elemente in ihrem Symbol trägt. Umschlossen werden diese von einem Steinring mit 50 m Durchmesser, der die Einheit des nordkoreanischen Volkes darstellt, das sich geschlossen um die Partei reiht, wie die lokale Führerin mit vollem Stolz erklärt. Lims Gesichtszüge ziehen sich immer zusammen und ihre Stimme verliert an Kraft, wenn sie sich mit bloßen propagandistischen Übersetzungen beschäftigen muss, das fällt mir bei jedem Mal mehr auf, wenn sie neben einer strahlenden lokalen Führerin steht, die inbrünstig alles Mögliche über Kim Il-sungs und Kim Jong-Ils Größe zum Besten gibt. Tatsächlich schafft man allein mit dem Visuellen der Prunkbauten, sich ziemlich klein zu fühlen. Die Erzählungen sind somit nur noch Garnitur. Ein Park umschließt die Anlage, in dem Kinder und Erwachsene Badminton spielen. Dahinter liegen zwei rotfarbene und stufenförmige Wohnblöcke, die bei Frontalblick auf das Parteigründungs-Denkmal symmetrisch wehenden Flaggen nachempfunden sind.

Täglich tauchen wir – wie hier auch – in Souvenirshops und Restaurants der Stadt ab – Adressen hierzu bleiben mir verborgen. Meist gibt es eine junge Frau im traditionellen Kleid, über dem sie wegen der winterlichen Temperaturen einen Mantel trägt, die uns das Licht anmacht, wenn wir den Souvenirshop betreten. Postkarten, Bücher, T-Shirts, Alkohol….es sind die immer gleichen Artikel, die in Vitrinen präsentiert werden. Kalt ist es in den Räumen. Wenn wir die Räume verlassen, wird das Licht gleich gelöscht und wahrscheinlich auch die Heizung abgedreht.

In Restaurants läuft es noch ein Stück konspirativer ab. Diese sind nämlich meist nicht von außen offen erkennbar. Nicht selten muss man erst durch einen Souvenirshop gehen, was schon ein Indiz dafür ist, wer in diesen Restaurants speist. Darüber hinaus liegen sie fast immer auf der 1. Etage versteckt – Fenster gibt es kaum. Und sollte es Fenster geben, sind sie mit Jalousien verdeckt. Das Essen selbst ist so gut und reichlich (eben koreanisch), dass man sich nach vielen Reportagen über die hungernde Landbevölkerung Nordkoreas doch selbst in seinem Tun hinterfragt. Nachdem wir immer wieder darauf beharren, ein Kaufhaus zu besuchen, werden wir in einen chinesischen Kettenladen geführt. Hier gibt’s alles – meint Lim stolz, und tatsächlich denke ich bei dem Anblick dieses Ladens an unsere früheren Intershops und Delikatläden. Das Besondere gibt es durchaus, hat aber seinen Preis. Tatsächlich fragt uns Lim schmunzelnd, warum Deutsche eigentlich immer so erstaunt sind, dass sie in Nordkorea auch Bananen haben.

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Große Studienhalle des Volkes – und von der bizarren Buchauswahl

An diesem letzten Tag des Jahres ist kaum noch ein Student hier, entschuldigt sich Lim. Tatsächlich sind es eher Touristengruppen, die sich in diesem riesigen Prunkbau verlieren, der 30 Millionen Büchern Platz bietet. 600 Räume erstrecken sich über zehn Etagen und eine Fläche von insgesamt 100.000 qm. Wir sind fasziniert von dem Gebäude, aber auch von dem, was man uns so zeigt.

Man unterscheidet hier die Sozial- und Naturwissenschaften, informiert uns Lim, während sie eine Tür zum Lesesaal öffnet. Hier wird sie uns gleich fröhlich gestimmt „Oma, die Miethaie und ich“, „Lübeck gestern und heute“, „Fräulein Pop und Mrs Up“ sowie Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“ auf den Tisch legen. Tatsächlich erzeugt diese Auswahl auch bei mir ein Schmunzeln. Adorno, Habermann … was weiss ich, was ich hier erwartete. Auf jeden Fall nicht das. Wir treten in einem anderen Raum, dem „Internationalen“, an ein Regal. Hier sollen Fächer nur deutsche Literatur zeigen… Goethe, Schiller… Fehlanzeige, stattdessen ein Kochbuch von Hannelore Kohl. Wir sind irritiert. In diesem Regal steht nichts, was man als große deutsche Literatur bezeichnen könnte. Wir ziehen weiter durchs Gebäude und landen in einem Raum, in dem man Tonträger ausleiht. Auch hier, komische Schlager und nichts was man kennt.

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Mansudae-Kunststudio: Wo Tiger- und Propaganda-Kunst entsteht

Nach dem Ausflug in die Literatur geht’s weiter mit den schönen Künsten des Landes. Eigentlich sollten wir heute die Filmindustrie Nordkoreas kennenlernen, doch diese wurde durch einen Besuch des Mansudae-Kunststudio im Stadtteil P’yŏngch’ŏn-guyŏk ersetzt. Wer eine Nordkorea-Reise bucht, muss sich immer auf Änderungen einstellen. Das Kunststudio ist die größte und bedeutendste Kunstproduktionsstätte Nordkoreas. Viele Skulpturen und Gemälde stammen von hier. Das Studio mit seinen 13 Kreativgruppen und sieben Fabriken beschäftigt etwa 4000 Angestellte, darunter etwa 1000 ausgebildete Maler, Bildhauer und weitere Künstler.

Vor der  Statue von den beiden verstorbenen Kims werden bereits wieder Blumen abgelegt. Die Künstler sind an diesem Silvestertag schon fast alle in Urlaubsstimmung, ihre Ateliers verschlossen. Zwei Künstler findet der lokale Führer dann doch noch, die mit uns sprechen und sich fotografieren lassen. Der Maler Kim Chol hat sich auf Tiger spezialisiert. Harmlosere Motive könnte man uns fast nicht präsentieren. Ergänzt werden diese durch wunderschöne Landschaftsgemälde, die an den Wänden hängen. Dabei hätte mich die Entstehung der Propaganda-Poster doch viel mehr interessiert.

Als nächstes wird uns der Töpfer U Chol Ryong vorgestellt. Typische koreanische Keramik, die als „Koryŏ-Seladon“ bezeichnet wird und erstmals während der sogenannten Koryŏ-Zeit (918—1392) hergestellt wurde, wird hier heute wieder produziert. Das koreanische Wort für Seladon, ch’ongjabedeutet „bläuliches Porzellan“. Das Besondere ist seine farbintensive, glänzende blaugrüne Glasur. Die Aufträge der Künstler kommen wohl selbst aus dem Ausland, meist China ergänzt man schnell. Ob man das alles auch in Südkorea hat, wisse man nicht. So oft wir hören, dass man ein Volk sei, bei den Errungenschaften und Besonderheiten spielt aus nordkoreanischer Perspektive Südkorea keine Rolle.

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Vor der Stadt: Zu Besuch im Mangyongdae Geburtshaus von Präsident Kim Il-sung

12 km vor Pjöngjang hält das Auto inmitten einer grünen Idylle, die willkommene Abwechslung zu der grauen und pastellfarbenen Hochhauskulisse der Hauptstadt bietet. Vögel zwitschern, trotz der winterlichen Kälte. Wir spazieren durch einen Park, in dem das Geburtshaus Kim Il-sungs liegt. Natürlich werfen wir auch einen Blick in das schlichte Bauernhaus samt Stallung und erhalten in aller Kürze von der lokalen Führerin die wichtigsten Fakten geliefert. Viel interessanter ist nach diesem informativen Tag der entspannte Blick über die Stadt. Diesen kann man von der Aussichtsplattform auf dem Mangyong-Hügel, dem Hügel der zehntausend Aussichten, genießen. Der Rundum-Blick ist erfrischend – endlich erfasst mein Auge wieder Weite, die dennoch nicht weit genug reicht. Die Freiheit ist anderswo – hinter dem Horizont, der immer Dunst verhangen ist.

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Ausstellung der drei Revolutionen oder die Errungenschaften Nordkoreas auf einen Blick

Zurück in der Stadt sollen uns noch einmal die Errungenschaften Nordkoreas nahe gebracht werden. Stolz zeigt die lokale Führerin in der Ausstellung der drei Revolutionen (die für die Begriffe Ideologie, Technik, Kultur stehen), wie Nordkorea seine Energie gewinnt. Lim übersetzt „blau“ steht auf der Karte für Wasserkraft, „rot“ für Wärmekraft, grün… und dann ziehen die beiden Damen tuschelnd weiter. Doch der gelbe Punkt auf der Karte bleibt unerklärt. Ich frage Lim, wofür dieser eigentlich steht und im selben Moment könnte ich mir direkt auf die Zunge beißen, denn wieder vergesse ich, wo ich mich gerade befinde. Lim weicht aus. Dann senkt sie die Stimme und nuschelt „Atomkraft“. Es ist der letzte Programmpunkt, den wir 2019 noch auf unserer Liste haben. Die Dame, die uns als letzte zwei Touristinnen 2019 geduldig durch zwei der sechs riesigen Hallen führt und uns die wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Errungenschaften ihres Landes mit leidenschaftlicher Stimme und Gestik anpreist, bekommt davon nichts mit. Sie strahlt weiter und erklärt uns, wie der Bergbau bei ihnen funktioniert. Dann schauen wir uns Autos aus Eigenproduktion an. Auf den Straßen findet man aber auch ausländische Karosserie, gibt Lim zu, als ich meine Skepsis zeige.

Die Hallen Allgemeine Einführung, Elektronik und Automatisierung, Schwerindustrie, Agrikultur, Klassenkampf und Lichtindustrie haben leider nicht alle ihre Tore geöffnet, denn tatsächlich würde mich eher der Besuch des futuristischen, dem Saturn nachempfundenen Planetariums interessieren oder gleich der Pavillon „Klassenkampf“. Stattdessen überqueren wir den Platz zwischen den Gebäuden und steuern den übersichtlichen Komplex Agrikultur an, wo uns Äpfel und alles rund um Tierhaltung erwartet. Mein Kopf hat sich längst verabschiedet, doch mein Körper muss noch funktionieren, denn diesen Abend werden wir bis in die frühen Morgenstunden auf dem Boot Taedong in das neue Jahr hinein feiern und die nette Führerin verabschiedet uns mit einem herzlichen „Alles Gute fürs neue Jahr.“ Was soll man ihr wünschen? Ich weiss nicht einmal, ob das Heruntergebetete reine Fassade ist oder ob sie den Stolz im Herzen trägt. Man sollte nicht alles, was man sieht, anzweifeln.

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Neujahrstag am Großmonument Mansudae

Menschenmassen sind bereits morgens um 10 Uhr nach dieser Silvesternacht auf den Beinen. Die Macht und Ominipräsenz des Staates zeigen sich in der Größe der Monumente wieder. Auch das Großmonument Mansudae zählt dazu. An wichtigen Tagen und allen Feiertagen kommen zahlreiche Menschen hier zusammen, um Blumen zu Füßen von Kim Il-sung und Kim Jong-il abzulegen. Es ist das erste, was ich 2020 tun werde, ein bisschen seltsam erscheint mir dieser Gedanke schon, als unser Auto auf dem Parkplatz in Nähe des Mansudae-Denkmals hält. Für je 5 EUR kaufen wir Blumensträuße – eine Auswahl haben wir nicht. Frisch sieht das, was die Folie straff zusammenhält, auch nicht mehr aus. An uns ziehen Armeetrupps vorbei. Musik tönt über den Platz vor den überdimensionalen Bronzestatuen der beiden Kims. Wir legen unsere Sträuße ab, machen die obligatorische und inzwischen geübte Verbeugung und dürfen dann auch fotografieren. Wieder erwarte ich Anweisungen, wieder bleiben sie aus. Egal welchen Winkel man nimmt und dass Armee sich auf den Fotos befindest, über den Aspekt wird inzwischen auch hinweggesehen. Neben dem Denkmal kehren Trupps mit Besen den Boden rein und wecken mein Interesse. Ich zögere, fotografiere nicht. Lim meint, ich könne dies ruhig filmen, das sei keine Arbeit, sondern ein Neujahrsritual. Alles was hier passiert, liegt im Auge des Betrachters, birgt eine Doppeldeutigkeit in sich.

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Auf dem Friedhof der Revolutionshelden

Dann finden wir uns vor dem Friedhof der Revolutionshelden wieder. Die Sonne bringt die vertrockneten Sträucher zum Leuchten. Schneereste liegen auf dem ausgedörrten Gras, das die strahlend weißen Gräber der gefallenen Soldaten im Kampf gegen die Herrschaft des Japanischen Kaiserreichs umgibt. Junge Gesichter zieren die Steine – 23-25 Jahre alt waren fast alle Männer, die ihr Leben im Krieg ließen. Die lokale Führerin hat uns versetzt und so laufen wir selbst ein wenig durch die Reihen. Es gibt keine anderen Besucher, die die Ruhe dieser Gedenkstätte stören.

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Wie zuhause – Die Berliner U-Bahn rollt in Pjöngjang

Endlos erscheint die Fahrt auf der Rolltreppe, die an der Puhung (Gedeihen)-Station in 100 m Tiefe führt. Musik schallt durch die Lautsprecher. Anders als bei uns bewegt sich niemand auf den Treppen. Starr lassen sich die Nordkoreaner hinauf rollen, während ich in der Tiefe verschwinde.

Der Grund für die Tiefe des U-Bahn-Netzes wird damit erklärt, dass die Stationen im Kriegsfall als Bunker herhalten können. Über den Bahnsteigen hängen imposante Kronleuchter. An den Wänden begegnet mir sozialistische Ästhetik. Ein Zug fährt ein und ich wähne mich, würde ich das klassische Ambiente mit Kronleuchter und Marmor auf dem Bahnsteig ausblenden, in Berlin. Alte U-Bahnen der BVG – nur mit einem veränderten Anstrich – rollen hier noch auf den Schienen. Kritzeleien an den Fensterscheiben deuten auf die Herkunft hin. Schaffnerinnen kümmern sich um den geordneten Ein- und Ausstieg. Im Waggon dann Berlin-Feeling, nur das Konterfei der Kims am Ende des Waggons erinnert mich wieder daran, wo ich bin.

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Fünf Stopps weiter erreichen wir die Käson (Triumph)- Station: Auf Bildschirmen zeigt sich nordkoreanisches Fernsehen, eingefasste Zeitungen ziehen die Aufmerksamkeit der Fahrgäste auf sich. Wieder am Tageslicht erstrahlt der Triumphbogen vor uns. Wir sind nicht nach Paris gereist, auch Pjöngjang hat sich zum Anlass der Befreiung von Japan einen Nachbau des Arc de Triomphe gegönnt – selbstverständlich ist dieser größer als das Original – um ganze drei Meter überragt er das französische Bauwerk. Der somit höchste Triumphbogen der Welt dient dem Gedenken an die Rückkehr von Kim Il-sung aus dem sogenannten Vaterländischen Befreiungskrieg. Für 5 Euro gelangt man mit einem Fahrstuhl nach oben und erfreut sich von hier einem wunderschönen Blick über das Kim-Il-sung-Stadion, den Moran-Hügel und den Hochhäusern der Stadt. Unsere Guides lassen uns mit diesem Blick allein. Keine Erklärungen, keine überflüssigen Worte.

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Neujahrsspaziergang und Tanz im Moranbong-Park 

Hinter dem Kim Il-sung Stadion schlittern wir auf glatten Wegen durch den größten Park der Stadt. Im Sommer soll hier gegrillt werden, doch heute geht nur eine Handvoll Einheimischer spazieren oder tanzt im Park. Von der Plattform auf dem Hügel genießen wir erneut eine schöne Aussicht über die Stadt. Auf unserem Rückweg ertönt Musik und eine Gruppe älterer Menschen tanzt genüsslich unter einem Dach neben einem Teich. Dieses Bild erinnert mich an China. Es sind diese seltenen Momente, die den Menschen ein Strahlen in die Gesichter zaubern. Es ist einer der wenigen auf mich authentisch wirkenden Augenblicke in diesem Land. Die tanzenden und lächelnden Menschen verzaubern die sonst so kalte Atmosphäre dieser Wintertage. Jeder bewegt sich anders, jeder ist auf der Tanzfläche individuell und nicht mehr Teil eines Ganzen. Sie müssen nicht funktionieren, weil es ihnen vorgegeben ist, diese Zeit wollen sie genau so funktionieren, wie ihre Arme sich in die Luft schwingen und die Beine zu einer Drehung ansetzen. Musik und Tanz füllt den Park – dieses Glück am Neujahrstag ist universell. Adrian und ich reihen uns in diesen lustigen Ausdruckstanz ein und ernten viel Schmunzeln. So nah sind wir selten den Nordkoreanern gewesen.

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Zum Teil 1: Nordkorea Diary – Pjöngjang, eine Insel
Zum Teil 3: Nordkorea Diary – Im Myohyang-Gebirge

 

Dieser Beitrag ist Teil 2 zu meiner privaten achttägigen Reise nach Nordkorea zum Jahreswechsel 2019/20. Ich versuche das zu beschreiben, was ich sah und fühlte. Eine politische Bewertung nehme ich nicht explizit vor. 

Pjöngjang, Nordkorea

Nordkorea Diary – Pjöngjang, eine Insel

Ich sitze im Transit in Peking. Körper und Geist befinden sich in einem undefinierbaren Raum. Der Jetlag tut sein Übriges. Die Fülle, die mich in Peking schlicht überrollt, wird bald einer Leere weichen. Diesen Hohlraum will ich mit Gedanken füllen. Keine Reize die mich ablenken könnten. Das klingt kontemplativ – ein bisschen nach Kloster. Davon bin ich jedoch weit entfernt. Dennoch führt mich die vor mir liegende Reise hinter Mauern.

Mit 2000 EUR in der Hosentasche durch Peking

Mit knapp 2000 EUR bar in der Tasche laufe ich an jenem zweiten Weihnachtsfeiertag völlig übermüdet durch die Straßen Pekings. Ich bin seit mehr als 24 h auf den Beinen. Für jeden Kriminellen wäre ich in diesem Zustand ein einfaches Opfer. In einer kleinen Seitenstraße in der Nähe des Ritan Parks liegt eine Einkaufspassage, in die sich wohl nur wenige Touristen verirren. Hier liegt im Untergeschoss das Yi Beiping Beijing Story Restaurant, in dem ich mit Ri Jong verabredet bin. Er wird mir bei einem Essen mein Visum gegen eine Gebühr von 50 EUR aushändigen und außerdem muss ich die Tourgebühr Cash auf die Hand zahlen. Kaum habe ich am Tisch Platz genommen, als er auch schon das Geld verlangt. Worte sind an dieser Stelle überflüssig. Wer nach Nordkorea reist, macht automatisch Geschäfte mit der Regierung. Das kann man sich nicht schönreden. Mein Pass wäre zunehmend ein Spiegelbild der „Achse des Bösen“, gäbe es für diesen Trip einen Stempel, anstatt eine Visum-Einlegkarte, die man bei Ausreise wieder abgibt.

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Einreise nach Nordkorea

16.14 Uhr zeigt der Uhrzeiger, als meine Maschine von Air Koryo nordkoreanischen Boden berührt. Eine leichte Schneedecke überzieht die Landschaft, in der Menschen mit Pelzmützen laufen. Auf dem Flughafen herrscht gähnende Leere. Viele Ziele sind es auch nicht, die die schlechteste Airline der Welt, wie sie oft genannt wird, anfliegt. Peking, Wladiwostok, dann hört es auch schon auf.

Meinen Namen wolle er wissen. Es fällt mir schwer, die Frage auf Englisch zu verstehen. Als ich deutlich Madlen sage, huscht ein Lächeln über das Gesicht des Immigration Officers. Ich bin eine der ersten Touristen unseres Fliegers, die als nächstes durch den Zoll geht. Ungefragt strecke ich der Mitarbeiterin Handy, Kamera und mein ausgefülltes Zollformular entgegen, auf dem ich den gesamten Kofferinhalt von der Unterwäsche bis Kosmetik notiert habe. Meine Uhr? Hat sie Bluetooth? Nervös zeigt die Dame immer wieder auf mein Handgelenk. Sportuhren machen sich verdächtig, soll ich noch häufiger in den nächsten 8 Tagen feststellen. Bedingt durch den Andrang hinter mir – die Silvestertouren der anderen Anbieter erfreuen sich wohl großer Beliebtheit – lässt die Dame von mir ab und händigt mir freundlich mein Handy und meine Kamera aus. Ich bin erstaunt, der erwartete Blick in meinen Koffer bleibt aus. Mehrfach hatte ich „Die Zeit“ durchgeblättert, paranoid, doch eine kurze Notiz über den nordkoreanischen Führer Kim Il Un übersehen zu haben, denn Berichte über das Land ebenso wie Reiseführer dürfen nicht „eingeführt“ werden.

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Zwei Guides erwarten mich in der Vorhalle des sauberen und durchaus repräsentablen Flughafengebäudes. Ohne sie findet keine Reise nach Nordkorea statt. Lim verfällt in freundlichen Smalltalk, Song-Guk wird mich hingegen sofort nach meinen Reisen und meinem privaten Umfeld fragen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass er die Antworten schon kennt. Und in diesem Moment geht der Film an. Ich bin in Nordkorea, und mein Ur-Vertrauen weicht einer ungesunden Skepsis. Journalisten sollten sich nicht zu diesen Touren anmelden, hieß es vehement. Die Erfahrung sagt, dort wo Journalisten nicht erwünscht sind, steht die Tür für Blogger auch nicht sonderlich weit offen. Es bedarf nur eines Checks im Internet. Bilder poppen im Kopf auf, die durch das, was wir über das abgeschotteste Land wissen, geprägt sind. Nur zwei Menschen erzählte ich von meinen Nordkorea-Plänen im Vorfeld der Reise und beide Male bekam ich als erstes Feedback den Namen „Otto Warmbier“ entgegengeschmettert. Natürlich hätte man mir aus politisch korrekter Sicht noch ganz andere Vorwürfe bezüglich dieser Reise machen können, sie alle bin ich jahrelang durchgegangen, um mich am Ende doch für einen Blick in dieses Land zu entscheiden. Drei Wochen vor Reisebeginn buchte ich erst die Tour. Von da an las ich nichts mehr über Nordkorea, in der Hoffnung, unvoreingenommener an  das Land rangehen zu können. Doch das ist nur eine Illusion. Anspannung ist mein Begleiter, zumindest am Beginn der Reise.

Zwei weitere deutsche Touristen begleiten mich in den ersten Tagen, am Ende bin ich mit Lim und Song Guk allein. In den folgenden 45 min im Auto stadteinwärts werde ich mich am Verhalten dieser beiden orientieren, nicht zu viele Fragen stellen, fotografieren, nur wenn sie dies auch tun. In einer Diktatur überlebt man durch Anpassung. Antrainiertes Verhalten aus meiner Kindheit wird abgerufen. Nur nicht auffallen! Die Straßen sind leer. Die Bevölkerung bewegt sich vornehmlich zu Fuß oder mit Rad. Die Sonne geht langsam unter und verschluckt die grau gekleideten Menschen. Pjöngjang ist da, wo die Lichter sind – und mehr Autoverkehr. Vor uns tut sich eine Skyline auf, Werbetafeln zeigen sozialistische Arbeiter- und Kampfmotive, anstatt Waren wird hier Ideologie beworben. Wer im Sozialismus aufgewachsen ist, dem ist das vertraut.

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Unser Hotel, unser Gefängnis

Anstatt das geplante Koryo Hotel im Stadtzentrum fahren wir überraschenderweise das Yanggakdo International Hotel an (Otto Warmbier verweilte auf seiner Silvesterreise damals ebenso hier, sollte ich später lesen). Mit seinen 43 Stockwerken ist es das zweithöchste Gebäude Nordkoreas. Es liegt auf einer Insel  – und genauso fühle ich mich die nächsten 8 Tage. Wie auf einer Insel, die ich nicht ohne Begleitung verlassen darf. Hotel und Auto werden zum Gefängnis. Das alles wusste ich natürlich auch vor der Reise. Eine penetrante Indoktrinierung, auf die ich gefasst war, erfolgt aber auch nicht. Dennoch, das Land mit seiner Bevölkerung ist mir fern und besteht aus einer nicht greifbaren Skyline. Zwischen uns das gefrorene Wasser des Taedong Flusses. Auf dieses Eis kann man sich nicht begeben – zu glatt. Dreimal erlebe ich außerhalb der Hotelwände Situationen, in denen ich Kindern eine Kleinigkeit geben möchte, jedes Mal ziehen die Mütter die Kinder ängstlich und doch auch mit einer Bestimmtheit weg. Denn Kontakt zu mir Ausländerin ist nicht erlaubt und unter Strafe gestellt, sollte dies beobachtet werden, liest man.

Mit Betreten des Hotels gebe ich meinen Reisepass aus meiner Hand, aber er würde mir hier ohnehin auch nichts mehr nützen. Mit einer Reise nach Nordkorea liefert man sich auch dessen System aus. Wahrscheinlich werden die richtigen Stellen alles über mich wissen, ich am Ende der Reise jedoch genauso wenig wie zuvor über das Land.

Mein Hotelzimmer liegt im 38. Stock. Ich trete in das verrauchte Zimmer mit der Nummer 38-15. Ausstattung à la 70er Jahre. Neben dem Bett stehen zwei Sessel und ein Tisch mit Aschenbecher. Der Nachttischschrank ist gleichzeitig ein Radio und steuert auch das Licht – und was man damit noch so alles machen kann, will ich gar nicht erst wissen. Ein Relikt aus anderen Zeiten, das Ganze erinnert mich an schlechte Agentenfilme. Und tatsächlich ertappe ich mich dabei, wie ich durch das Zimmer laufe und alle Ecken abchecke. Man könnte mich paranoid finden. Dieses Hotel ist definitiv verwanzt. Allerdings, was will man hier schon abhören, Selbstgespräche führe ich keine. Laut Reiseführer soll sich in der 5. Etage die Abhörtechnik befinden, ich lese ihn jedoch erst nach meiner Reise.

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Auf den Straßen von Pjöngang

Es ist noch nicht einmal 7 Uhr, als sich die Menschen auf den unbeleuchteten Straßen schnellen Schrittes zur Arbeit bewegen. Die Kapuzen der schwarzen und grauen Parkas sind oft über die Köpfe gezogen, um der Kälte zu trotzen. Für den deutschen Autofahrer ein Albtraum, hier jedoch komplette Normalität. In Deutschland hätte man den Fußgängern und Radfahrern längst leuchtende Warnwesten übergezogen und einen Helm gleich mit übergestülpt. Manche Radfahrer halten in der einen Hand eine flackernde Taschenlampe – Radbeleuchtung auf nordkoreanisch. Auch gibt es keinen Respekt vor Zebrastreifen. „Autos first“ heißt es da. Auch wenn auf dem Land auf den Straßen und Autobahnen gähnende Leere herrscht oder diese von Fußgängern und Radfahrern erobert werden, so spielt Verkehr in Pjöngjang doch eine größere Rolle, manchmal gibt es sogar kleine Staus. Am Sonntag ist die Stadt jedoch autofrei – meint Lim und ergänzt stolz, weil das aus Umweltsicht gut ist und naja, weil wir auch nicht so viel Sprit haben, muss schließlich alles teuer importiert werden. Sie selbst haben keine Autos, zu teuer die Anschaffung und der Unterhalt. Ob man so einfach ein Auto kaufen kann oder das à la DDR-Manier abläuft, erfahre ich nicht. Ich wende meinen Blick wieder auf die Straße hinüber zu Tram und Bus. Gesichter quetschen sich an die beschlagenen Scheiben. Der öffentliche Nahverkehr ist zum Bersten voll. Manchmal erhascht man einen starren Blick der Menschen. Regungslos bleiben die Gesichtszüge, nur selten zuckt ein Lächeln über die Wangen. Wir passieren immer größere Plätze an Kreuzungen, auf denen sich Brigaden mit Trommelwirbel und Tanz auf die Arbeit einstimmen.

Nordkorea, Pjöngjang, Sonnenpalast

Mein Besuch im Kumsusan Sonnenpalast, dem Mausoleum von Kim Il Sung und Kim Jong Il, und die Verbeugung

Wir starten unseren Aufenthalt in Nordkorea mit einer Verbeugung vor Kim Il Sung und Kim Jong Il im Kumsusan Sonnenpalast. DSCHong – berichtigt Lim immer wieder, sollte aus Gewohnheit doch ein Jong über die Lippen kommen. Dasselbe belehrende Verhalten tritt zutage, wenn es um die Ideologie Juche (sprich Dschutschegeht, die den klassischen Marxismus-Leninismus als Weltanschauung in der Verfassung der „Demokratischen Volksrepublik Korea“ 1992 ersetzte.  Wer sich beim Besuch nicht an Regeln halten kann oder will, kann im Auto warten. Die sechsmalige Verbeugung (einmal vor den beiden ehemaligen Staatshäuptern und dann noch einmal an den beiden Seiten) ist Pflicht. Und um die Bedeutung dieser Geste noch mehr zu unterstreichen, sollte man dies auch in angemessener Garderobe tun. Hemd, Sakko, Rock werden empfohlen, auf keinen Fall Jeans, Turnschuhe oder Schal. Wir alle müssen uns einem prüfenden Blick von Lim und Song Guk unterwerfen. Und auch zur Haltung gibt es noch einen Kurzvortrag – Arme an den Seiten hängen lassen, auf keinen Fall verschränken – ob vor oder hinter dem Körper. Hände haben auch in den Hosentaschen nichts zu suchen.

Wir erreichen den großen Parkplatz, der für Staatsgäste und ausländische Besucher vorbehalten ist. Dort befindet sich eine Wartehalle, in der sich um die 100 Touristen versammeln. Da ausländische Touristen aktuell nur zweimal die Woche Zutritt zum Mausoleum erhalten, kann man an der versammelten Gruppe gut erkennen, wieviele hier aktuell reisen.
An manchen Tagen reicht diese Halle nicht aus, meint Song Guk. So viele Touristen besuchen inzwischen vor allem an Feiertagen mit den großen Paraden das Land. Wir können in Bildbändern und Büchern schmökern, bis wir zum Hauptgebäude geführt werden.

Nordkorea, Pjöngjang, SonnenpalastNordkorea, Pjöngjang, Sonnenpalast

Neben uns erreicht eine Straßenbahn den Vorplatz, Einheimische reisen mit der Tram an, erklärt man uns. Festliche Kleidung, die bei den Frauen aus farbenfrohen Kleidern und bei Männern aus Anzügen besteht, tragen sie – der Besuch hier sei ein besonderer Moment. Selbstverständlich bleiben unsere Gruppen strikt getrennt, aber so, dass uns die Nordkoreaner sehen können. Wir werden zum Teil der Propaganda. Internationale Gäste, die sich vor ihren verstorbenen Staatspräsidenten verneigen.

An der Garderobe werden wir aufgefordert, alles abzugeben. Handys, Kameras, Bluetooth-Uhren sind strikt verboten. Ich habe vergessen, meinen Geldbeutel im Auto zu lassen. Nun rückt meine ohnehin nutzlose Visakarte ins Interesse der Sicherheitskontrolleurin. Sie schaut die Geldkarte gründlich an, als hätte sie nie zuvor so etwas gesehen. Danach widmet sie sich intensiv meiner Kette. Als sie von mir ablässt, betrete ich einen langen Gang, den man auf einem Rollband entlanggleitet. Laut reden oder lachen sollte man nicht, denn nun wird es ernst. Versteinerte Gesichter – von den Wänden und auf dem gegenüberliegenden Rollband. Feierliche Musik begleitet uns. An den Wänden hängen Bilder der Kims. Kühl ist es, gern hätte ich meine Jacke, meine Hände presse ich immer wieder in den Wollstoff meines Kleids. Wir durchqueren riesige Hallen und Räume, bis wir den Raum mit dem präparierten Leichnam von Kim Il Sung erreichen. In kleinen Gruppen treten wir aufgereiht an den Sarg, verneigen uns zu seinen Füßen, dann zu seinen Armen. Sein Kopf ist auf einem roten Kissen gebettet. Anschließend werden wir in einen Raum geführt, in dem die Orden und Auszeichnungen von Kim Il Sung ausgestellt sind. In einem weiteren Raum werden sein Auto und Eisenbahnwaggon, mit dem er weltweit reiste, gezeigt. Das Ganze wiederholt sich dann für Kim Jong Il. Ca. 90 Minuten sind wir Teil einer Inszenierung, die der Bevölkerung unsere Hochachtung vor ihren Führern vermitteln soll – sagt man. Meine Glieder sind komplett gefroren, mein Hals ist rau als ich das Mausoleum verlasse. Schnell reichen sie uns unsere Kameras – wir sollen von außen noch Fotos machen – das sei erlaubt. Im Auto tausche ich hurtig mein Kleid gegen zwei Thermounterhosen und -zwei Longsleeves, einer Hose und einem dicken Winterpullover ein. Ein Besuch Nordkoreas im Winter ist dem Eindruck, den man erhält, nicht förderlich. Wie wäre die Atmosphäre, wenn alles blüht und duftet? Verschwinden die versteinerten Mienen der Menschen dann?

Nordkorea, Pjöngjang, Kwangbop Tempel

Eine buddhistische Zeremonie im Kwangbop Tempel

Die Planer des Programms sind Dramaturgen, als hätten sie ein Gespür die Befindlichkeiten der ausländischen Touristen. Nicht zu viel erdrückende Ideologie – jetzt muss erst einmal ein Tempel her. Wir fahren ein Stück durch die leicht eingeschneite, frostige Landschaft, in der an einem Hang des Taesongsan-Bergs der buddhistische Tempel Kwangbob liegt. Auf dem Weg sehen wir arbeitende Bevölkerung, die auf den gefrorenen Boden der Felder einhackt. Fotografieren dürfen wir sie ebenso wenig wie das Militär. Das sind die einzigen zwei No Gos der Fotografie. Fortschrittliche Feldarbeit sieht aus unseren Augen tatsächlich anders aus.

Hinter den Tempelmauern lassen sich die Bilder schnell vergessen. Der Tempel, vor dem wir stehen, wurde von dem König Koguryos im Jahr 392 gebaut und bestand mehr als 1500 Jahre. Er wurde im dreijährigen Koreakrieg bei einem US-Luftangriff zerstört und 1990 in seiner früheren Gestalt wiedererrichtet.

Im Türrahmen des großen Gebäudes mit dem zweistöckigen Giebeldach und goldener Ornamentik lehnt ein Mönch. Er beobachtet, wie wir fotografieren. Als eine polnische Reisegruppe mit Kamera den Hof betritt, startet er mit einer Zeremonie. Der Rhythmus der Melodie ergreift jeden der Anwesenden. Schweigen breitet sich aus mit jedem Gong. Wir tauchen in eine Welt ein, die sich auch in China oder Südkorea befinden könnte. In diesem Moment ist Nordkorea ganz weit weg und die Anspannung löst sich. Schnell werde ich merken, dass mit der Gewohnheit auch ein Stückweit Entspannung entsteht.

Nordkorea, Pjöngjang, Kwangbop TempelNordkorea, Pjöngjang, Kwangbop Tempel

Zum Teil 2: Nordkorea Diary – Pjöngjang zum Jahreswechsel, Juche 109
Zum Teil 3: Nordkorea Diary – Im Myohyang-Gebirge

 

Dieser Beitrag ist der Auftaktartikel zu meiner privaten achttägigen Reise nach Nordkorea zum Jahreswechsel 2019/20. Ich versuche das zu beschreiben, was ich sah und fühlte. Eine politische Bewertung nehme ich nicht explizit vor. 

I-Matang auf Abaiang

Unser Leben ist wie ein Meer, in dem wir schwimmen. Wir können entscheiden, ob wir kämpfen und kämpfen um an ein Ziel zu gelangen oder uns einfach einmal treiben lassen. Und wenn wir uns treiben lassen, kommen die schönsten Dinge manchmal von ganz alleine. Elias Raatz

„I-Matang, I-Matang“ schallt es uns entgegen, dutzende Kinder rennen auf uns zu, wollen unsere Hände abklatschen, strahlen uns mit leuchtenden Augen an. I-Matang ist das Wort für Ausländer in Kiribati, eigentlich heisst es auch „Englisch“, denn bis vor noch nicht allzu langer Zeit dachten viele der I-Kiribati (der Name der Einheimischen) dass alle Weissen englisch sprechen. Es gibt noch so einige weitere schräge Wortkonstrukte, die uns schmunzeln lassen, beispielsweise „komhere“ für Hund. Wahrscheinlich haben die ersten englischen Besucher mit Hunden immer „come here“ hinter ihren ungezogenen Kötern hinterher gebrüllt. Viele Ausländer gibt es nicht in Kiribati und auf Abaiang noch viel weniger, umso grösser ist die Freude, wenn mal ein Bleichgesicht vorbei schaut. 

Hier können wir uns vom trubeligen Tarawa erholen, können bedenkenlos in das türkisblaue Wasser springen, welches hier nicht mit Kolibakterien verseucht ist. Und ganz besonders leicht machen es uns auch Lisa und Nick, ein Schweizer, der mit einer I-Kiribati zusammen ist, die auch lange in der Schweiz gewohnt hat. Sie haben sich hier niedergelassen und sich ein gemütliches Refugium gebaut, direkt am Wasser. Jeden Abend treffen wir uns auf ihrer Terrasse, kratzen zusammen, was die Bilge noch hergibt um ein Mitbringsel zu kochen. Zusammen mit den Köstlichkeiten aus ihrem Kühlschrank haben wir die herrlichsten Abendessen, und die Krönung: ein original Schweizer Käsefondue (Capitanas erstes überhaupt) bei 30 Grad mit viel Knoblauch, Lachen und guter Stimmung! 

Unsere Freunde von der Robusta haben ihnen aus Fidschi eine neue Batterie für ihren Quad mitgebracht. Leider war es nicht das einzige Problem, doch nach tagelanger Tüftelei von Nick, Smutje und Thomas  läuft das Teil wieder. Die Benzinpumpe war total mit vergammeltem Sprit verklebt, doch Mc-Gyver Thomas kocht sie einfach mehrfach in Entfetter aus und bringt sie wieder zum Laufen! Ein Anhänger wird installiert und so düsen wir zu sechst auf der einzigen Strasse über das Atoll. „Mauri, I-Matang, Mauri, Mauri!“ Überall springen Menschen aus dem Palmenwald und zeigen breit lächelnd ihre weissen Zähne und freuen sich ungemein über diesen lustigen Transport, der da über ihre Insel zockelt.

Unvergesslich auch eine Tanzveranstaltung in einer Maeva, einem der vielen Gemeinschaftshäuser in denen sich die Dorfgemeinschaften treffen, um alltägliches zu besprechen, das hier schwer angesagte Bingo zu spielen, Feste zu feiern oder sich auch einfach nur zum Schlafen nieder zu legen. Wir sind die einzigen Bleichgesichter und werden vom Moderator der Show persönlich vorgestellt, anschließend geben die vier Tänzerinnen ihr Bestes. Ein Lautsprecher scheppert, Hüften schwingen, Baströcke schwirren durch die Luft und die Gemeinde freut sich. Sie hat Geld gesammelt dafür, dass die Tänzerinnen auch auf andere Inseln fahren können, um ihre Show zu präsentieren, morgen geht es los auf die Nachbarinsel. Auf einer Matte sitzen wir auf dem Boden und bewundern die anmutigen Tänze. Manchmal kommt eine Kinderhand angekrabbelt, die unsere weisse Haut anfassen möchte, die Münder stehen weit offen und das Lächeln kommt spontan zurück. Grössere Hände klopfen uns auf die Schulter, Smutje hält einen Schnack mit dem Moderator und Vorsteher der Gemeinde, auch hier sind wir herzlichst Willkommen! Am Ende müssen wir sogar noch mittanzen, steifhüftig bringen wir die Dorfgemeinschaft zum Lachen. 

Mit einem Lachen geht hier alles, es wird gern und viel gelacht! Auch bei einer Einladung des Moderators, bei ihm, seiner Familie und der Gemeinde zu essen. Es wir lecker aufgetischt und jede unserer Bewegungen verfolgt. Kokosnüsse, Fisch, Muscheln und die gekochten Früchte der Pandanus-Palme. Die Ukulele und Gitarre werden ausgepackt, alle singen mehrstimmig und wunderschön. Wir haben noch zwei Babiebodies in unserem Schrank gefunden, und sofort wird ein kleiner Junge in einen knallig pinken Body gewandet. Auf einmal sprechen uns deutsche Worte an?! In Kiribati gibt es ein deutsches Ausbildungszentrum für Seemänner und so treffen wir auch hier zwei Männer, die auf deutschen Frachtern unterwegs waren. Sie kennen sogar Bremen und geraten ins Schwärmen.

Die Tage plätschern dahin auf dieser einzigartigen Insel, in der die Zeit irgendwie stehengeblieben zu sein scheint. Weit weg scheinen die Probleme vom so gebeutelten Nachbaratoll Tarawa. Lisa und Nick laden uns ein das Atoll weiter zu erkunden und so düsen wir in ihrem Auslegerboot über die Lagune und besuchen die verschiedenen Inseln. Abgeschlossen wird der Ausflug mit einem wunderbaren Essen bei Derrick, einem Engländer, der sich hier vor vierzig Jahren niedergelassen hat. Vor seinem Grundstück schaukelt die „Goti“, ein Boot, mit dem wir eine lustige Zeit in Französisch-Polynesien verbracht haben. Wir erfahren dass Ulf, der norwegische Käptn, sich hier in eine I-Kiribati verliebt hat, ein Kind bekommen und mit ihr nach Norwegen gegangen ist, das Boot gehört jetzt Derricks Schwiegersohn. Wie klein ist doch die Welt manchmal….  

Nun heisst es aber auch mal typisch Kiribati auszugehen und das macht man in einer der vielen Kavabars. Das berauschende Getränk aus der Kavawurzel gehört zwar nicht zur Kultur Mikronesiens, wird aber äußerst erfolgreich importiert. Und so finden wir uns in einer schummerigen Bar mit Billard und DJ wieder und schlürfen das modderige beruhigende Getränk. Aus der wild blinkenden Anlage scheppert Kiribatipop, ansonsten herrscht schläfrige Tiefenentspannung. Als allerdings Lisa und die Capitana ausgelassen das Tanzbein schwingen erwacht die Kavacrowd und spendet ordentlich Applaus. 

Nach zwei Wochen und einigen weiteren wunderbaren Abenden mit Lisa und Nick heisst es aber leider wieder Abschied nehmen von dieser wunderbaren Insel, die uns einen so intensiven Blick in das ursprüngliche, mikronesische Leben ermöglicht hat. Unser Visum läuft aus und wir müssen zurück nach Tarawa zum Ausklarieren und uns auf unseren letzten Sprung nach Majuro vorbereiten.

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Rad-Herbst

Perspektivenwechsel – Radfahrer sind auch nicht die besseren Menschen

Es ist en vogue, über die bösen Autofahrer zu schimpfen. Sie verstopfen alles, sind rüpelhaft und sorgen für ein schlechtes Klima. Und auch ich könnte zig Situationen benennen, in denen ich mich als Radfahrerin über Autos aufrege und von ihnen fast umgefahren wurde. Als Radfahrerin verstehe ich mich zu 80 % meines täglichen Lebens – denn ob Sommer, Frühling, Herbst oder Winter, ob bei Regen, Schnee oder Sonnenschein, bin ich mit Rad in der Stadt unterwegs. Und Radtouren am Wochenende mache ich auch gern. Allerdings gibt es da noch die gefühlten anderen 20 % – und da bin ich eben auch Fußgängerin und – oh je – Autofahrerin. Aber darum soll es nicht gehen. Ein Perspektivenwechsel tut tatsächlich jedem gut, um nicht zu verbittern. Sitze ich im Auto, kann ich mich besser in Fußgänger und Radfahrer hineindenken und deren nächsten Schritte abschätzen. Das aber nur am Rande.

Kürzlich stieß mein Kollege, der nachts zu Fuß auf dem Gehweg unterwegs war, mit einem Rad zusammen. Das nährte seinen Frust über Radfahrer. Vom rücksichtslosen Radfahrer übern Haufen gefahren zu werden – das füttert natürlich das Bild vom Feind. Vor einem Jahr wirbelte mich eine Motorradfahrerin mitsamt meines Rads einmal durch die Luft. Mein linkes Bein war so lädiert, dass ich nicht wirklich laufen konnte. Dank meines Rads schaffte ich es allerdings schon am Folgetag ins Büro, rollen klappte, laufen nicht mehr. Dennoch: Mein Feindbild vom bösen Motorrad wurde durch den Unfall anders als von vielen erwartet nicht verstärkt. Motorräder sind mir auch als Autofahrerin suspekt. So unterschiedlich ist die individuelle Wahrnehmung.

Dennoch, der Stärkere siegt auf dem begrenzten und hart umkämpften Straßenraum fast immer. So die Auffassung und wohl auch die Zahlen. Aber: Ich steige jeden Tag aufs Rad, ich ärgere mich jeden Tag mehrfach über… nein, nicht die Autofahrer, sondern meine Leidensgenossen, die anderen Radfahrer. Weil … der ihnen zur Verfügung stehende Raum zu klein ist, für die steigende Zahl an Menschen auf dem Sattel. Aber auch, weil mindestens ein Drittel sich dort ignorant und unsozial verhält und die Regeln offensichtlich nicht kennt. Auf dem Rad ist alles erlaubt, scheint es. Wenn man die anderen Radfahrer manchmal doch völlig entnervt auf etwas hinweist, pöbeln sie zurück, zucken ignorant mit den Schultern. Das Verständnis für ein gemeinschaftliches Miteinander scheint hier noch geringer vorzuherrschen, als im Auto auf der Straße. Manchmal denke ich mir, es liegt außerhalb der Vorstellungskraft der anderen Radelnden, dass es auch zwischen Radfahrern zu schwereren Unfällen kommen kann. Weil Schuld ist doch immer nur… ja, das böse Auto. Nein, ist es nicht… nicht nur. Wenn wieder jemand herausschnippt während ich schon im Überholvorgang bin, jemand ohne nach hinten zu schauen oder anzuzeigen, abbiegt – dann kann das, wenn man nicht gerade gemütlich auf Hollandrad unterwegs ist, schon auch ziemlich dumm ausgehen. Sozial wäre auch, dass ich eben mit dem langsameren Gefährt nicht konsequent links fahre oder noch besser unentschieden und im Schneckentempo nach rechts und links schwanke, damit ja niemand überholen kann. Da hilft kein Helm und keine Gelbweste, wenn man nicht die einfachsten Regeln beherrscht, aber sich dann über die schweren Geschosse auf den Straßen beschwert.Die Kopfhörer mal abzunehmen, um die hermetisch abgeschirmte Egozone zu verlassen, wäre auch schön. Radwege sind ein sozialer Platz und werden doch asozial genutzt.

Radweg

Der Zustand auf den Radwegen hat sich noch mal verschärft, seit auch noch die E-Scooter das Terrain befahren. Zig Zeitungsbeiträge habe ich über die Abwehrhaltung der ignoranten Deutschen gegen „Innovationen“ gelesen. Und Radfahrer sagen wieder, wir hätten ja den Raum, wenn den uns nicht die bösen Autofahrer wegnehmen würden. Das tun sie aber nun mal – noch. Man sollte Dinge von hinten denken. Erst den Raum vergrößern und dann Roller zulassen. Anstatt erst Wild West Verhältnisse zu erzeugen. Mir sind die Innovationen ziemlich gleichgültig, wenn man dieses planerische Potenzial nicht zunächst in die Infrastruktur steckt. Denn das Gefahrenpotenzial hat sich durch diese Gefährten auf den Radwegen noch verschärft, auch weil dort, wo ich unterwegs bin, fast nur Touristen ohne Regelkenntnis oder -willen diese Roller nutzen. Diese könnten auch für die paar Meter ihre Füße, Mieträder oder die BVG nutzen – gesünder wäre es auch noch – das aber nur am Rande.

Ich möchte ungern Leute belehren und bekehren. Dennoch tue ich es hin und wieder aus Notwehr – wenn ich wieder eine scharfe Bremsung einlegen muss und in die naiv dreinschauenden Rehaugen meines Gegenübers schaue, oftmals auch aus Schreck. Ich weiß, wie nervig das „belehrt werden“ sein kann.*

(*Wenn ich wieder mal auf Reisen mit jungen – „ich bin jetzt gerade Veganerin geworden und muss allen davon erzählen und sie dann davon überzeugen“ – Ladys beisammensitze, schäme ich mich immer etwas fremd. In meinen 28 Jahren als konsequente und überzeugte Vegetarierin (nicht Pescetarierin, denn Fische sind auch Tiere) kann ich mich – außer an anfängliche Diskussionen mit meinen Eltern – an keine Situation erinnern, in denen ich anderen meine Form des Speisens aufdrängen musste. Und ja, ich befürworte auch, wenn die Welt auf Fleisch verzichten würde …sogar sehr. Darauf muss jeder aber selber kommen. Denn ich würde auch eine Welt begrüßen, in der Frieden herrscht. Warum das so schwer ist, leuchtet mir einfach nicht ein. Sollten nicht alle Menschen zumindest hinsichtlich dieses Ziels dasselbe Interesse verfolgen? Wie kann ich genau von diesen Menschen erwarten, dass sie auf Fleisch, Auto oder irgendetwas verzichten? Die Welt ist im Arsch. Das aber nur am Rande. Der Mensch braucht ein Feindbild, an dem er sich abarbeiten kann, um das eigene Wohlbefinden zu verbessern. Und um auf das eigene positive Verhalten aufmerksam zu machen, kann man ja auch die anderen belehren, was aber sicherlich nicht zum Ziel führt, aber vielleicht in dem Moment ein bisschen Genugtuung gibt.)

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Radfahrer machen auch viel falsch, sie sind nicht per se die besseren Menschen. Und dass nicht Wenige ihre Gefährte inzwischen auch als Statussymbol wie einst das Auto hochstilisieren und Tausende Euros nun hier reinstecken, macht die Sache für mich nicht besser. Was früher das Auto war, ist heute vielen das Rad. Nicht alle Autofahrer brauchen ihr Gefährt zum Protzen, aber dafür überträgt sich der Wettkampfeifer heute auch auf die Zweiradfahrer. Ich verstehe es grundsätzlich nicht, ein Fahrzeug – egal ob mit 2 oder 4 Rädern – mehr als das anzusehen, was es ist – ein Fortbewegungsmittel. Mit einem SUV durch die Großstadt zu düsen ist genauso sinnfrei wie mit einer zweirädrigen Rennmaschine, die hier ohnehin permanent ausgebremst wird, aber auch das nur am Rande.

Es ist in, sich auf dem Rad mal mehr, mal weniger galant zu bewegen und über die anderen zu pöbeln. Das tue ich leider auch. Ich sehe mich aber auch nicht als besseren Menschen, weil ich nur auf zwei anstatt vier Rädern dahin rolle und die Welt damit weniger verschmutze.

Am Ende bleibt der Mensch, das unsoziale Wesen – egal ob mit Auto, Motorrad, Rad oder zu Fuß. Der Schlüssel zum Erfolg eines besseren Miteinanders im öffentlichen Raum ist immer auch ein Perspektivenwechsel. Wie radele ich mit schnellem, wie mit langsamem Rad? Wie nehme ich die Kreuzung mit Auto und wie mit Rad? Wie würde ich die Straßenseite als Fußgänger überqueren? Doch diese Fähigkeit des sich in andere Hineindenken scheint uns allen völlig abhanden gekommen zu sein. Und manchmal tut es eine kleine Entschuldigung auch.

Tarawa – Bunker und Schrott unter Palmen

Doch nun endlich Landgang! Nach acht Tagen auf See sind die Beine schlapp und wollen laufen. Aber erstmal müssen wir einen Parkplatz fürs Dingi finden, garnicht so leicht, denn der Hafen ist unglaublich dreckig und müllig und bietet keinen Steg zum festmachen. Glücklicherweise dürfen wir an einem rostigen alten Versorgungsschiff festmachen und wir vier betreten freudig Land. Wir haben uns vorsorglich ordentlich mit Moskitospray eingedieselt, man weiß ja nie. Nach ein paar Schritten bemerken wir, dass wir von Fliegenschwärmen umnebelt sind, wie eine schwarze Aura begleiten sie uns. Pfui, ihhh, wir sind zwar nicht wirklich gewaschen, aber wir stinken doch nicht! Und sind auch noch gegen Insekten imprägniert! Wir gewöhnen uns dran und langsam wird auch deutlich, warum hier so viel Zeugs rumfliegt, Müll liegt überall herum, am Bein festgebundene Schweine liegen im Dreck vor den Häusern und es riecht nicht wirklich appetitlich. 

Wir begegnen einem australischen Menschenjäger-Paar, sie rekrutieren überall im Pazifikraum billige Arbeitskräfte für Altenheime und Pflegestationen. Sie zeigen uns ein chinesisches Restaurant und gut gesättigt fallen wir in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Tag besorgen Smutje und Thomas das Permit, um das Nachbaratoll Abaiang anlaufen zu können und wir ankern um, denn hier vor der überbevölkerten Hauptstadt Betio ist es uns zu trubelig. 

Wir verlegen uns vor das niedliche Parlamentsgebäude. Am Anfang dürfen wir noch bequem an deren Steg festmachen und es gibt sogar eine öffentliche Dusche! Welch ein Genuss! Doch der Spass hält nicht lang, da eine zweiwöchige Sitzung der Abgeordneten stattfindet dürfen wir nicht mehr anlegen und müssen weiter durch einen kleinen Kanal und über einen Strand an Land gehen. Strand hört sich erstmal gut an, doch dieser ist die öffentliche Toilette. Direkt am Parlament sehen wir wirklich elende Zustände, die Menschen kacken ins Wasser und an Land, es gibt selbstverständlich keine Kanalisation und Tarawa ist hoffnungslos überbevölkert. Wir hören, dass die Lagune einen tausendfachen Gehalt an Kolibakterien hat. Sie schimmert in den schönsten Grün- und Bautönen, doch wir mögen nicht baden. Obwohl Smutjes Schnitt gut verheilt trägt er besser auch an Land einen Verband. 

Wir beschliessen, uns die blutige Geschichte Tarawas genauer anzusehen. Thomas von der „Robusta“ organisiert eine Tour zu den Schauplätzen des Gemetzels der US-Amerikaner mit den Japanern 1943. Molly, eine I-Kiribati (wie die Einheimischen genannt werden) zeigt uns diese mittlerweile skurrilen Orte. Wir stehen in den Gärten von Familien, wo Bunkerreste langsam von der Natur eingenommen werden, sehen Geschützstellungen, die als Toiletten benutzt werden und Bunker auf deren Dächern Holzhütten stehen. Überall stehen noch rostige FLAK und MG Fundamente herum, auf manchen stapelt sich der Abwasch an anderen baumelt munter die Wäsche. In einem Hinterhof liegt ein Flugzeugpropeller, im nächsten Garten steht eine gewaltige Kanone. Die tropische Natur verwischt die Spuren, doch ein wirklich grausamer Dokumentarfilm zeigt uns, was hier wirklich los war. Die einheimische Bevölkerung wurde zwar umgesiedelt, um den Kriegsspielen der Grossmächte Platz zu machen, doch so einige erwischte es dennoch. Was für ein Wahnsinn! Wir sehen Bilder der Lagune mit tausenden von Leichen und wir hören, dass die Amis heute wieder nach den Knochen ihrer gefallenen Soldaten suchen, da die Insel eventuell bald dem steigenden Meeresspiegel zum Opfer fallen könnte und sie ihre Soldaten nicht dem Meer überlassen wollen. IRRSINN! Wir können es nicht fassen, wie mit den so harmlosen Pazifikbewohnern umgegangen wurde, in Französisch-Polynesien und auf den Marshalls wurden Atombomben getestet, hier wurden friedliche Inseln zum Schauplatz blutiger Gefechte.

Wir sind unglaublich deprimiert aufgrund der Lebensumstände hier, doch immer wieder erstaunt, wie freundlich und fröhlich die Menschen sind, von Endzeitstimmung keine Spur. Es mischt sich Trauer und Wut in uns und auch Schuldgefühl darüber, was mit den Menschen hier passiert. Erst spielen wir Krieg und sprengen ihre Inseln in die Luft, jetzt überziehen wir sie mit unserem Plastikmüll ohne uns Gedanken zu machen, wie sie den eigentlich wieder loswerden können und dann blasen wir auch noch so viel Dreck in die Luft, dass Klimaveränderungen, steigender Meeresspiegel und zunehmende Stürme dafür sorgen, dass die ohnehin schon karge Landmasse einfach weggespült wird. Wir, das sind die Industrienationen, die gemütlich in ihrer Wohlstandsgesellschaft hausen, Kiribati? Nie gehört! 

A propos Müll: wir wissen nicht, ob es wirklich klappen kann, aber es gibt ein Projekt zur Landgewinnung unter Verwendung des Mülles hier. Und nebenan einen öffentlichen Park, der liebevoll aus Müll hergestellt wurde und von den Einheimischen rege genutzt wird. Wenn es nicht so makaber wäre, könnte man diesen Park schön und kreativ gestaltet nennen, doch es treibt uns fast die Tränen in die Augen.

Als wäre es so nicht schon schlimm genug, jagen hier auch noch alle erdenklichen Freikirchen nach neuen Anhängern und reden den Menschen ein, dass Verhütung Teufelswerk ist. Tarawa ist einer der überbevölkertsten Orte der Erde, über 63.000 Menschen leben hier dicht an dicht auf 32 Quadratkilometer Landfläche, Tendenz steigend. Den Kirchen ist es egal, denn Gott wohnt hier am Schönsten. Die unzähligen Religionsgemeinschaften haben herrliche Kirchen für ihre Schäfchen gebaut, die selbst in wackeligen Unterständen wohnen. Andererseits finanziert die Kirche auch Projekte zum Anbau von Obst und Gemüse. Wir machen an einem Schild Stopp, auf dem „Learning Garden“ steht. Der Betreiber erklärt uns eine Methode, wie man aus den Fasern der Kokosnuss fruchtbare Erde herstellen kann, denn der Boden besteht ja aus Korallenschutt und hat kaum Nährgehalt. Stolz bietet er uns eine sagenhaft schmeckende Honigmelone und frische Kokosnüsse an. Die Menschen haben kaum Zufuhr von Vitaminen, es wächst etwas Papaya, Brotfrucht, Kokosnuss. Aus Australien oder Asien wird gekühlter Kohl eingeflogen oder geschifft, ab und an Möhren oder Äpfel. Und das kostet Geld! Ein Kilo Kohl kostet umgerechnet etwa 5 Euro!

Es war uns wichtig, mal einen Blick in diese fast schon apokalyptische Welt zu werfen, deren gebeutelte Menschen uns trotz all der Missstände dennoch mit einer unglaublichen Freundlichkeit empfangen. Auch das gehört unserer Meinung nach zum Reisen dazu. Es kann nicht immer nur Paradiese geben und es ist uns ein wirkliches Anliegen, auf die Bedrohung dieses ehemaligen Paradieses am Ende der Welt aufmerksam zu machen. Nach zehn Tagen wird es aber auch uns zu viel und wir verlegen auf das Nachbaratoll Abaiang. Hier empfängt uns ein komplett anderes Bild, doch lest mehr dazu in unserem nächsten Artikel.   

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Bloody Smut

Blut, Blut, überall Blut. 

Nach einer Woche im schönen Funafuti in Tuvalu verlassen wir Polynesien und brechen auf nach Mikronesien. Es geht 700 Seemeilen nach Norden Richtung Tarawa, welches zu den Inseln der Gilbert-Gruppe von Kiribati gehört. Dieser Törn lässt uns etwas zittern, denn wir werden den Äquator überqueren und das kann mal wieder Flaute bedeuten, Hitze, Gewitter und ab und an starke Böen. Doch es kommt anders. Wir verlassen Tuvalu am Nachmittag und werden nachts von etlichen Gewittern verabschiedet. Doch dann beruhigt sich das Wetter und wir können ununterbrochen segeln. Mit gemütlichen Wellen und relativ konstantem Wind geht es dahin, nicht besonders schnell aber immer weiter. Herrlich! Ganz entgegen unserer Erwartungen und Befürchtungen. Nur Fisch will nicht beissen und der Menüplan schrumpft langsam aber sicher. Delfine kommen wieder und wieder, begleiten unser Boot sogar einmal eine ganze Nacht. Seevögel sind hier auch unterwegs, kreischend umkreisen zwei riesige Exemplare unser Boot und lassen sich direkt auf der Mastspitze auf unserer Windanzeige nieder. Wir rütteln mit den Leinen, schreien, machen das Mastlicht an und aus, doch sie sind schwer zu verscheuchen. Letztendlich haben sie doch genug und verschwinden in die Nacht. Doch die Windex ist ganz schön verbogen. Ein anderer Geselle ist da genügsamer, er setzt sich auf den Bugkorb, steckt seinen Kopf ins Gefieder und macht ein ausgiebiges Schläfchen. Als er am nächsten Tag auf den Solarpaneelen Platz nehmen will müssen wir ihn leider verscheuchen, er kackt nämlich alles voll. 

Sonst passiert so gut wie garnichts. Einmal haben wir Funkkontakt mit einem US-amerikanischen Trawler, der darüber klagt, keinen Fisch zu fangen. Wir auch nicht. Doch der nächste Morgen zeichnet sich leicht gewitterig ab, schnell läßt Smutje die Schleppleine raus, dies sind gute Bedingungen zum Fischen. Und schon nach einer halben Stunde macht sich die Leine bemerkbar!!!!! Sollten wir Glück haben? Capitana ist an diesem Morgen etwas flau im Magen, doch der Ausblick auf ein Sashimi-Frühstück läßt die Übelkeit schnell vergehen. Und schon bald zeigt sich, dass wir ein wunderbares Exemplar von Yellowfin-Tuna an der Leine haben, genau richtig für zwei Tage köstliche Mahlzeiten. Schnell ist der Fisch drin, Smutje tötet ihn und schleppt ihn zum Ausbluten noch eine Weile hinter dem Boot her. Jammi! Jetzt gehts ans Filetieren. Das neue, superscharfe Messer aus Fidschi kommt zum Einsatz! Doch auf einmal steht der Smutje blutverschmiert im Cockpit und hält sich die Hand. Was ist denn passiert? War das Biest doch noch nicht tot und hat zugeschnappt? Hat sich Smutje an den scharfen Rückenflossen verletzt? Oh Nein, es ist viel schlimmer! In seiner Hand klafft ein tiefer Schnitt, mühsam hält Smutje den zusammen, man kann den gesamten Aufbau des Fleisches erkennen, die gelbe Fettschicht zuoberst und dann das rote Fleisch. Zitternd und flau im Bauch und grün um die Nase machen wir einen Plan. Smutje drückt die Wunde zusammen, derweil Capitana den Inhalt aller Medizinkästen durchs Boot verteilt, auf der Suche nach Abhilfe für dieses Desaster auf hoher See, vier Tage vom nächsten Arzt entfernt. Die Klammerpflaster wollen nicht halten, zu feucht und schwitzig die Hand. Was nun? Wir entsinnen uns unseres Kurses zur Medizin auf See, da hatten wir an einer Orange das Nähen von Wunden gelernt. Doch dies ist keine Orange! Steril verpackte Rundnadeln mit Faden haben wir an Bord,  sie sind bald gefunden. Doch wie geht das? Wer näht das jetzt? Zitternd hält Capitana die klaffende Wunde zusammen, während Smutje sich heldenhaft ins eigene Fleisch sticht. Das ist zäh wie Leder und garnicht leicht, zum Glück verspürt Smutje keinen Schmerz, Adrenalin? Mit vier Stichen ist der Riss geflickt, die Knoten eher dilettantisch von Capitanas bebender Hand geknotet. Während Smutje die Beine hochlegt beseitigt Capitana das Massaker, kippt einen Eimer nach dem anderen über das Blut, Smutjes und Tunas. Schmerzmittel, Antibiotika, alles liegt nun wohlsortiert für den Notfall bereit. Der Fisch stinkt derweil in der Sonne. Wir geben ihn den Haien zum Fraß, Appetit mag nicht mehr aufkommen. Vergeblich rufen wir unsere Freunde der „Robusta“ über Funk, wir entsinnen uns, dass Anja ja auch schon im medizinischen Bereich gearbeitet hat. Am nächsten Tag, ohne weitere Zwischenfälle, meldet sich, wie ein dahergeflogener Engel, erst Thomas auf dem Funk, dann bekommen wir gute und hilfreiche Ratschläge von Anja und sind unglaublich glücklich, dass wir unser Leid teilen können. Glücklicherweise ist ja auf See ein antiseptisches Klima, es gibt keine Fliegen, Mücken, etc., so dass sich auch die Wunde nicht infizieren wird. Hoffentlich…

Wir passieren kleine Atolle, die wir aber nicht anlaufen können, da es Pflicht ist, zunächst in der Hauptstadt von Kiribati einzuklarieren. Als sich das Atoll Tarawa am Horizont abzeichnet wird der Himmel unglaublich schwarz, vereinzelte Blitze zucken durch die Nacht und wir drehen bei, lassen INTI entspannen und versuchen das auch, bei diesem Wetter wollen wir nachts nicht in den Pass. Der Morgen sieht noch immer grau aus, aber nun los! Wir sind im Sichtkontakt mit unseren Freunden, doch auf einmal steht ihr Boot still. Nanu-was ist los? Wir nähern uns und erfahren, dass es ein Motorproblem ist. Wir bleiben in der Nähe, doch deren Problem ist dann doch schnell gelöst. Die nächste Aufgabe: wir müssen „Tarawa Radio“ anfunken, um um Erlaubnis zum Einlaufen in die Lagune zu bitten, beziehungsweise unser Kommen ankündigen. Wir sind in Mikronesien und die Sprache auf dem Funk klingt schon fast asiatisch! Mehrere Anläufe brauchen wir, um gehört zu werden. Man befragt uns zu unserem Boot, wieviel Crew wir an Bord haben und ob wir einen Schlepper brauchen….? Hä? Einen Schlepper? Wir sind doch kein Tanker oder Frachter!!!! Nein, das ist nicht nötig. Wir lassen gemütlich den Anker fallen. „Robusta“ ist im Kontakt mit den zuständigen Behörden und auch für den Transport aufs Boot, denn Smutje kann mit seiner Hand noch nicht mit Capitana das Dingi zusammen bauen. Eine Herausforderung sondergleichen für Thomas! Die erste Fuhre Beamte sind auf ihr Boot befördert worden, doch natürlich nicht ohne Zwischenfall: der Customsbeamte fällt beim Einsteigen ins Dingi halb ins Wasser und schürft sich die Hand übel auf, so dass Anja nun nicht mehr ferndiagnostisch sondern live behandeln muss. Die zweite Fuhre kommt problemlos an und die Einreiseformalitäten sind schnell abgehandelt. Dann nochmal kurz an Land und in der Krankenstation vorbei. Der Doc ist begeistert von unseren Nähkünsten. „Hier noch eine Salbe, in drei Tagen Fäden raus, ich denke das bekommt ihr selber hin!“ Jetzt kehrt Entspannung ein, willkommen in Kiribati!

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Samarkand, Registan

Samarkand und der Mythos Seidenstraße

„Hast Du Kinder?“ „Nein.“ „Das ist krank.“ „Das ist Deutschlands Krankheit. Du musst Eva Herman lesen.“ Meine Brust bebt, meine Hände verkrampfen sich im dunklen Stoff der Decke, als ich bestimmend rauspruste, so etwas niemals zu lesen. Zugegeben, besser hätte meine Reise nach Usbekistan nicht beginnen können. Mein russlanddeutscher Sitznachbar, der in Usbekistan aufwuchs, hat mich bereits eine Stunde auf dem Flug von Moskau nach Taschkent über Chemtrails, Überwachung, Vergiftung deutscher Städte genervt. Müde nickte ich alles ab, obwohl jeder einzelne Punkt Anlass zur Diskussion geboten hätte. Doch beim Thema Kinderlosigkeit ging er mir mit seinem übergriffigen Urteil zu weit. Ich bekam eine ungefähre Ahnung, dass ich in Usbekistan wieder einmal an meine Toleranzgrenze gelangen könnte – längst fällt es mir schwer, Ungleichheiten und Intoleranz mit lächelnder Gleichgültigkeit zu begegnen und auf lapidare Kulturunterschiede zurückzuführen. Müde drehte ich mich weg und öffnete die Lider erst wieder, als ich um 3 Uhr nachts die Lichter von Taschkent unter mir ausmache und die Ansage zum Landeanflug durch die Aeroflot Maschine schallt.

Taschkent Taschkent Taschkent

Nachts in Taschkent und wenn alle Züge ausgebucht sind

Es sind ungewohnt viele Plätze in der Immigration besetzt. Auch die Geldwechselstube tut nachts noch ihren Dienst, was sich als durchaus vorteilhaft erweist, in Anbetracht dessen, dass kein Geldautomat funktioniert. Wir nehmen uns ein Taxi zum Hauptbahnhof, von dem wir um 7 Uhr den Hochgeschwindigkeitszug Afrosiyob nach Samarkand nehmen wollen. Neben dem Bahnhofsgebäude liegt das Haus, in dem die heißbegehrten Tickets verkauft werden. Die Ticketverkäuferin steht mit dem rauchenden Sicherheitsmann vor der Tür und zeigt Verwunderung, als wir aus der Dunkelheit der Nacht auftauchen.

Mit ein paar beflissenen Englisch-Vokabeln macht sie sich an die Arbeit, unterhält sich mit uns und tippt zeitgleich Samarkand in das System. Doch heute ist der Schnellzug ausgebucht. Morgen auch. Und übermorgen… natürlich auch. Wir bekommen eine Ahnung. Vorsichtshalber erfragen wir gleich die nächsten anvisierten Ziele mit und erhalten ein No, Njet und Kopfschütteln. Doch es gibt noch die langsamen Züge, die jedoch von einem anderen Bahnhof abfahren. Aber es besteht keine Eile. Sie zeigt hinüber zu den Bänken im Wartesaal und meint, wir sollten uns um 7 Uhr erst ein Taxi zum Südbahnhof nehmen. Zuvor will ich noch ein bisschen Geld aus dem Automaten ziehen, doch auch am Bahnhof ist alles außer Funktion.

Taschkent Taschkent

Als wir später in das Taxi steigen, ist die Hauptstadt der usbekischen Republik bereits erwacht. Der Wartesaal des Südbahnhofs ist verwaist, eine Anzeigetafel kann ich nicht finden. Eine Verkäuferin fragt uns freundlich nach unserem Ziel. Sie deutet auf Gleis 5, auf dem unser Zug bereits wartet. Der Teekessel kocht am Eingang des Waggons, den wir um 9 Uhr übermüdet besteigen. Ein Teppich ziert den Gang zwischen den komfortablen Sitzen. Kleine Snacks werden zum Verkauf angeboten. In den nächsten drei Stunden ziehen Wüsten- und Grasbüschellandschaften am Fenster vorbei.

In Samarkand umringen uns gleich Taxifahrer und City Tour Guides. Unaufdringlicher als gewöhnlich lassen sich diese wieder abwimmeln. Hinter den Mauern des Rahmon Guest Houses begrüßt uns ein junger Mann auf Englisch. An einem Dastarchona serviert uns Dior – ja wie die große Modemarke wie uns der Mann bestätigt –  Tee mit Gebäck und Früchten. Und so bekommen wir bei einem Plausch gleich die viel gepriesene usbekische Gastfreundschaft zu spüren.

OLYMPUS DIGITAL CAMERASamarkand, RegistanSamarkand, Registan

Samarkand und der Spagat zwischen Alt und Neu

Irgendwo hatte ich gelesen, es sei schwer, Usbekistan mit seinen wunderschönen blauen Gebäuden nicht bei blauem Himmel zu erleben, soll doch an 300 Tagen die Sonne scheinen. Wir erwischen wohl zwei von den 65 übrigen Tagen, an denen es durchaus auch einmal regnen kann. Die Großstadt mit ihrem kulturellen Erbe liegt uns eindruckslos im Dunst zu Füßen. Das Blau der Moscheen, Medresen, Mausoleen taucht in das Grau des Himmels ein. Die Schönheit aus 1001 Nacht, die der märchenhafte Registan versprühen soll, wird von der breiten, geschäftigen Straße nebenan fast erschlagen. Blaue Kuppeln und Minarette lugen überall aus der Skyline Samarkands heraus, doch dazwischen liegt auch die normale großstädtische Infrastruktur des 20. und 21. Jahrhunderts.

Ein unbekannter Dichter soll einst gesagt haben: „…wenn Du einmal Samarkand gesehen hast, wirst Du immer von seiner Magie verzaubert sein.“. Doch das, was man als Gefühl bezeichnet, kommt hier allenfalls auf den Hinterhöfen der Moscheen und Medresen auf. Die fünf Hauptattraktionen, die aus der Zeit zwischen dem 8. und 17. Jahrhundert stammen, liegen in der zweitgrößten Stadt Usbekistans verstreut. Ob Registan, Tamarlan-Mausoleum, Bibi Chanum-Moschee, Shohizinda oder das Observatorium – jedes einzelne Bauwerk erstrahlt für sich in seinem scheinbar konkurrenzlosen Glanz. Doch auf den Wegen dazwischen verliert sich der alte Seidenstraßen-Zauber in der Moderne und im Verkehr. So wie die 2500 Jahre alte zurückreichende Geschichte vom einstigen Afrosiyob und Marakanda verschwand. Unter den Timuriden im 14. und 15. Jahrhundert erblühte Samarkand und avancierte zum Mittelpunkt des Weltenreichs. Doch dann stellte Buchara die Stadt zunehmend in den Schatten.

Samarkand Samarkand

Prächtige Bibi Chanum Moschee

Ein frisch gepflasterter Weg mit Restaurants und Souvenirläden führt vom Registan zur Bibi Chanum Moschee, hinter der sich der Basar befindet. Eine Touristenpolizei ist überall da präsent, wo sich Touristen drängen. Übermächtig ragt die größte Freitagsmoschee des Landes in den Himmel, die nach der Lieblingsfrau des Herrschers Timus, Bibi Chanum, benannt wurde. Im 15. Jahrhundert zählte sie zu den mächtigsten und prachtvollsten Moscheen der gesamten islamischen Welt. Nach der letzten Restaurierung durch den Usbekenherrscher Abdullah Chan II wurde die Moschee ihrem Schicksal überlassen und war Erdbeben und Plünderungen durch Menschenhand ausgesetzt. Wind und Wetter taten ihr übriges, so dass Mitte des 20. Jahrhundert von der einstigen Pracht wenig übrig geblieben war. Ende des 20. Jahrhunderts startete die usbekische Regierung mit der Restaurierung der drei Kuppelbauwerken und dem Portal.

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Auf dem Basar

Von den übermächtigen Bauten ziehen wir weiter auf den Basar, wo seit Jahrhunderten das wahre Herz der Stadt schlägt. Es ist und war ein Ort des kulturellen Austauschs, nicht nur der bloßen Waren. Denn Samarkand liegt auf der Seidenstraße zwischen der westlichen und östlichen Welt. Seine Karawanen beherbergten Händler und Reisende auf ihrem Weg nach Europa. Granatäpfel, Melonen, Weintrauben, Tomaten, Gurken liegen ordentlich gestapelt unter der Überdachung des Betonbaus im Sowjetstil. Gelangweilt stützen die Marktfrauen mit ihren farbenfrohen Tüchern auf dem Haar ihren Kopf ab, manche versammeln sich zu einem Plausch. Vom Brotstand zieht der Duft des Backofens hinüber. Wer Frisches liebt, ist hier am richtigen Platz.

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Die Stadt der Toten Shohizinda

Hinter dem Marktplatz liegt die Hazrat-Xizr-Moschee mit ihrem Mausoleum für Islom Karimov. Wir folgen dem Weg und gelangen eher zufällig auf den Friedhof. Von hier überblicken wir die Straße der Grabmäler. Shohizinda ist eine der bekanntesten Nekropolen in Zentralasien. Die Mausoleen wurden zwischen dem 9. und 19. Jahrhundert errichtet. Regen setzt ein, als wir in der engen Gasse zwischen den Grabmälern verschwinden. Wir suchen Schutz in den Räumen des Komplex Qussam ibn Abbos und finden uns auf einer Holzbank im Gebetsraum wieder. Die anderen usbekischen Besucher haben ihre Hände mit den Handflächen nach oben auf ihren Schoß abgelegt. Ergreifend ist der kurze Moment, in dem gesungene Worte die kühlen Räume füllen. Ein Augenblick, in dem sich der prasselnde Regen mit der Melodie der Gebete verbindet und mich den Touristentrubel draußen vergessen lässt. Der wohlige Schutz der bedachten und mir doch fremden Worte löst sich auf, als wir vor die Tür treten und uns in die Ströme der fotografierenden Touristen einreihen.

Samarkand, Shohizinda Samarkand, Shohizinda

Es sind zwei Tage, die vor uns grau-blau zerfließen. Sehenswürdigkeiten, die von den Reisegruppen angesteuert werden, auch unsere Spaziergänge ausschmücken – auch wenn der Himmel versucht, den Glanz der Fassaden zu verhüllen und abzuwaschen. Mal sind wir mit profanen Geldbeschaffungsmaßnahmen beschäftigt, da noch immer alle Geldautomaten funktionsuntüchtig sind und wir an einem Freitagabend unser Glück in einer Bank versuchen. Wie ich mich nur auf eine Kreditkarte verlassen konnte, bleibt mir ohnehin ein Rätsel. Die Bankangestellte weist mich mit den Worten „no Dollars“ ab. Ich versuche ihr wiederholt zu erklären, dass ich mit Dollars nicht viel am Hut habe und einzig und allein scharf auf ihre heimischen Soms bin, doch sie meint immer wieder, das funktioniere nicht mit meiner Visakarte – bis ich sie endlich überreden kann, es doch ein einziges Mal zu probieren. Et voilà, es klappt. Dann versuchen wir mühsam unser Glück mit vegetarischer Kost, doch auch dieses Unterfangen entpuppt sich als schwierig, will man sich nicht allein mit einem Salat begnügen.

Samarkand, AydarseeNurata, Usbekistan Nurata, UsbekistanNurata

Ausflug nach Nurata und zum Aydarsee

Nachdem wir dem Zauber von Samarkand halb erlegen sind, zieht es uns in die Natur. Marsut wird uns an einem Sonntag hinausfahren. Baumwollfelder ziehen an uns vorbei. Und in ihnen stehen meist weibliche Pflückerinnen – von September bis Ende November ist Erntezeit. Usbekistan ist der achtgrößte Produzent von Baumwolle und fünftgrößte Exporteur weltweit. Erst kürzlich endete ein dunkles Kapitel, das mit der meist staatlich betriebenen Baumwollernte verbunden ist – das der Zwangsarbeit. Ein frischer Wind geht durchs Land – nicht nur die Öffnung zu Nachbarstaaten und der seit Anfang des Jahres visumsfreie Besuch zählen zu den neuen Errungenschaften, die vor allem auch den Tourismus und die Wirtschaft ankurbeln. Seit im Herbst 2016 der vorherige Premierminister Shavkat Mirziyoyev die Präsidentschaft übernahm, werden politische und ökonomische Reformen angestoßen. Die Wirtschaft soll liberalisiert und die Medien unabhängiger werden. Und die tief verwurzelte Praxis der Zwangsarbeit soll der Vergangenheit angehören.

Im Dunst erscheint die Silhouette eines Gebirges. Ansonsten besticht das, was an uns vorbeizieht, durch seine Monotonie. Männer auf Pferde- und Eselkutschen mischen sich mancherorts unter die Autos. Am Straßenrand stehen Hirten mit ihren Schafen und Ziegen. Nach 100 km erreichen wir Nurata. Die Stadt wurde im Jahr 327 v.Chr. von Alexander dem Großen gegründet. Hier liegen im aufgewirbelten Staub Mauerreste aus jener Zeit. Sie zählen zu den bedeutendsten archäologischen Monumenten der Region. Einheimische pilgern den Hügel hinter der Moschee hinauf, Verkäufer hocken im Sand. Vor ihnen liegen Schmuckstücke auf Tüchern ausgebreitet. Uns bleibt nicht viel Zeit, doch zu sehen gibt es ohnehin nicht mehr viel. Die Ausmaße der Festung sind nur zu erahnen. Nach unserem Abstieg schauen wir uns noch kurz den Chashma-Mausoleum- und Moscheekomplex des Hasrat Ali mit der Chashmaquelle, der Djuma-Moschee und dem Khamom-Badehaus an – die der eigentliche Grund vieler Pilgerreisen sind.

Samarkand, Aydarsee Samarkand, AydarseeSamarkand, Aydarsee

Weitere 100 km durch die Wüste folgen. Von nun an werden Dörfer rar. Eine asphaltierte Straße durchschneidet die gold-beige Landschaft, die nach einer Weile ein leuchtendes Blau am Horizont freigibt. Der Aydarsee ist eine einstige Senke, die Ende der 60er Jahre geflutet wurde als der Notüberlauf der nahen Schardara-Talsperre geöffnet werden musste. Mittlerweile ist der See auf 3.600 km² angewachsen und ein beliebtes Erholungsgebiet.

In der Umgebung wurden zur Freude der Touristen Jurtencamps aufgebaut. Mit einem stattlichen Abstand zum Seeufer wohlgemerkt, denn in den Sommermonaten soll eine Mückenplage am Strand herrschen. Als ich von einer Anhöhe den See überblicke, liegt er mir einsam und verlassen zu Füßen. Keine Touristen weit und breit. Ein paar Liegen, die ein Mann gegen eine Gebühr zur Nutzung anbietet, deutet dennoch auf das touristische Potenzial hin. Ich gehe am Strand spazieren, das frühherbstliche Wasser ist noch warm genug für ein Bad. Fischernetze liegen im Sand. Eine eingefallene Jurte ist alles, was die Existenz von Zivilisation ausmacht.

Aydarsee, Usbekistan Aydarsee, Usbekistan

Müde kehren wir nach Samarkand zurück. Das Licht der untergehenden Sonne verleiht dem eintönig beigen Landstrich einen Moment Farbe und Glanz. Im Rückspiegel sehe ich die Sonne hinter den Bergen verschwinden. Den Moment, den ich zum Innehalten und Nachdenken nutzen möchte, nutzt Marsut für ein Gespräch über unseren Familienstand. Ledig und ohne Kind in diesem Alter – der Wert eines solchen Lebens erschließt sich ihm nicht. Schnell macht der Mitte Fünfzigjährige meiner Begleitung Hoffnung – sie hätte noch 7 Jahre – und unterstellt uns zugleich einen gehegten Kinderwunsch. Dann dreht er sich zu mir und meint, schaue mal, sie isst Fleisch und sieht wie Barbie aus. Trotz meiner vegetarischen Kost lasse ich die Traummaße der Puppe vermissen. Das Barbie nicht das Ideal aller Frauen ist, will ich ihm nicht verraten. Mein Gespräch im Flieger liegt erst drei Tage zurück und dieses Mal bevorzuge ich den Rückzug ins Schweigen.

Als wir Samarkand erreichen ist es bereits 21 Uhr. Vor dem Registan haben sich viele Menschen versammelt und applaudieren einer 20 minütigen Licht- und Musikshow. Der imposante Registan bietet mit seinen drei prachtvollen Koranschulen – Ulug’bek, Tillakori, Sherdor –, die ihn umrunden, zweifelsohne die perfekte Kulisse aus Tausendundeiner Nacht. Ein wenig spürt man, wenn man über die Höfe und durch die Gärten der Medresen läuft, den alten Zauber. Die Schönheit Samarkands sollte dank des legendären mongolischen Herrschers Timur Lenk im 14. Jahrhundert die der anderen Hauptstädte der Welt überstrahlen. Doch vieles fiel dennoch über die Jahre der Modernisierung zum Opfer. Das was orientalisches Leben mit seinen engen Gassen und feilschenden Händlern ausmacht, ist nunmehr eher eine Illusion. Doch nachts auf dem Registan blitzen im Licht des Vollmonds die mosaik- und goldverzierten Kuppeln auf und versprühen einen Hauch Mystik jener Zeit. Samarkand – der Name birgt viele Erwartungen – doch am Ende fragt man sich, was ist noch echt und was ist Schein?

Samarkand, RegistanSamarkand, Registan

Was man sonst noch wissen sollte?

  • Anreise: Aus Taschkent fährt der Schnellzug Afrosiyob von Hauptbahnhof und der normale Zug vom Südbahnhof nach Samarkand. Wir nahmen den normalen Zug, der auch sehr komfortabel ist und die Tickets mit Platzkarte am Bahnhof verkauft werden. Die Fahrt dauerte 3 h und kostete 68.000 Som. Will man die Fahrt mit dem Afrosiyob buchen, der nur 2 h für die Fahrt benötigt, sollte man dies im Voraus tun. Die Karten scheinen sehr begehrt zu sein.
  • Unterkunft: Rahmon Guest House (zentral gelegen, günstig und mit schönem Gemeinschaftsbereich)
  • Fahrt zum Aydarsee: Auto mit Fahrer für einen Tag 100 EUR, Dior Im Guest House nach Marsut fragen
  • Die russische Neustadt aus dem 19. Jhr. besuchten wir nicht explizit, wir fuhren nur durch.
  • Bringt Dollar-Geldscheine mit. Diese kann man überall tauschen und in den touristischen Gegenden kann man sogar mit USD zahlen. Euros sind nicht so beliebt. Mit Visakarte hatten wir am Geldautomaten Probleme, hätten wir nicht in der Bank damit abheben können, wäre es problematsich geworden, da alle Automaten außer Betrieb waren.

Ich reiste im Oktober 2019 mit Zug durch Usbekistan.

Samarkand Samarkand, Registan