Die Welt in meinem Kiez, Momentaufnahmen
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Perspektivenwechsel – Radfahrer sind auch nicht die besseren Menschen

Rad-Herbst

Es ist en vogue, über die bösen Autofahrer zu schimpfen. Sie verstopfen alles, sind rüpelhaft und sorgen für ein schlechtes Klima. Und auch ich könnte zig Situationen benennen, in denen ich mich als Radfahrerin über Autos aufrege und von ihnen fast umgefahren wurde. Als Radfahrerin verstehe ich mich zu 80 % meines täglichen Lebens – denn ob Sommer, Frühling, Herbst oder Winter, ob bei Regen, Schnee oder Sonnenschein, bin ich mit Rad in der Stadt unterwegs. Und Radtouren am Wochenende mache ich auch gern. Allerdings gibt es da noch die gefühlten anderen 20 % – und da bin ich eben auch Fußgängerin und – oh je – Autofahrerin. Aber darum soll es nicht gehen. Ein Perspektivenwechsel tut tatsächlich jedem gut, um nicht zu verbittern. Sitze ich im Auto, kann ich mich besser in Fußgänger und Radfahrer hineindenken und deren nächsten Schritte abschätzen. Das aber nur am Rande.

Kürzlich stieß mein Kollege, der nachts zu Fuß auf dem Gehweg unterwegs war, mit einem Rad zusammen. Das nährte seinen Frust über Radfahrer. Vom rücksichtslosen Radfahrer übern Haufen gefahren zu werden – das füttert natürlich das Bild vom Feind. Vor einem Jahr wirbelte mich eine Motorradfahrerin mitsamt meines Rads einmal durch die Luft. Mein linkes Bein war so lädiert, dass ich nicht wirklich laufen konnte. Dank meines Rads schaffte ich es allerdings schon am Folgetag ins Büro, rollen klappte, laufen nicht mehr. Dennoch: Mein Feindbild vom bösen Motorrad wurde durch den Unfall anders als von vielen erwartet nicht verstärkt. Motorräder sind mir auch als Autofahrerin suspekt. So unterschiedlich ist die individuelle Wahrnehmung.

Dennoch, der Stärkere siegt auf dem begrenzten und hart umkämpften Straßenraum fast immer. So die Auffassung und wohl auch die Zahlen. Aber: Ich steige jeden Tag aufs Rad, ich ärgere mich jeden Tag mehrfach über… nein, nicht die Autofahrer, sondern meine Leidensgenossen, die anderen Radfahrer. Weil … der ihnen zur Verfügung stehende Raum zu klein ist, für die steigende Zahl an Menschen auf dem Sattel. Aber auch, weil mindestens ein Drittel sich dort ignorant und unsozial verhält und die Regeln offensichtlich nicht kennt. Auf dem Rad ist alles erlaubt, scheint es. Wenn man die anderen Radfahrer manchmal doch völlig entnervt auf etwas hinweist, pöbeln sie zurück, zucken ignorant mit den Schultern. Das Verständnis für ein gemeinschaftliches Miteinander scheint hier noch geringer vorzuherrschen, als im Auto auf der Straße. Manchmal denke ich mir, es liegt außerhalb der Vorstellungskraft der anderen Radelnden, dass es auch zwischen Radfahrern zu schwereren Unfällen kommen kann. Weil Schuld ist doch immer nur… ja, das böse Auto. Nein, ist es nicht… nicht nur. Wenn wieder jemand herausschnippt während ich schon im Überholvorgang bin, jemand ohne nach hinten zu schauen oder anzuzeigen, abbiegt – dann kann das, wenn man nicht gerade gemütlich auf Hollandrad unterwegs ist, schon auch ziemlich dumm ausgehen. Sozial wäre auch, dass ich eben mit dem langsameren Gefährt nicht konsequent links fahre oder noch besser unentschieden und im Schneckentempo nach rechts und links schwanke, damit ja niemand überholen kann. Da hilft kein Helm und keine Gelbweste, wenn man nicht die einfachsten Regeln beherrscht, aber sich dann über die schweren Geschosse auf den Straßen beschwert.Die Kopfhörer mal abzunehmen, um die hermetisch abgeschirmte Egozone zu verlassen, wäre auch schön. Radwege sind ein sozialer Platz und werden doch asozial genutzt.

Radweg

Der Zustand auf den Radwegen hat sich noch mal verschärft, seit auch noch die E-Scooter das Terrain befahren. Zig Zeitungsbeiträge habe ich über die Abwehrhaltung der ignoranten Deutschen gegen „Innovationen“ gelesen. Und Radfahrer sagen wieder, wir hätten ja den Raum, wenn den uns nicht die bösen Autofahrer wegnehmen würden. Das tun sie aber nun mal – noch. Man sollte Dinge von hinten denken. Erst den Raum vergrößern und dann Roller zulassen. Anstatt erst Wild West Verhältnisse zu erzeugen. Mir sind die Innovationen ziemlich gleichgültig, wenn man dieses planerische Potenzial nicht zunächst in die Infrastruktur steckt. Denn das Gefahrenpotenzial hat sich durch diese Gefährten auf den Radwegen noch verschärft, auch weil dort, wo ich unterwegs bin, fast nur Touristen ohne Regelkenntnis oder -willen diese Roller nutzen. Diese könnten auch für die paar Meter ihre Füße, Mieträder oder die BVG nutzen – gesünder wäre es auch noch – das aber nur am Rande.

Ich möchte ungern Leute belehren und bekehren. Dennoch tue ich es hin und wieder aus Notwehr – wenn ich wieder eine scharfe Bremsung einlegen muss und in die naiv dreinschauenden Rehaugen meines Gegenübers schaue, oftmals auch aus Schreck. Ich weiß, wie nervig das „belehrt werden“ sein kann.*

(*Wenn ich wieder mal auf Reisen mit jungen – „ich bin jetzt gerade Veganerin geworden und muss allen davon erzählen und sie dann davon überzeugen“ – Ladys beisammensitze, schäme ich mich immer etwas fremd. In meinen 28 Jahren als konsequente und überzeugte Vegetarierin (nicht Pescetarierin, denn Fische sind auch Tiere) kann ich mich – außer an anfängliche Diskussionen mit meinen Eltern – an keine Situation erinnern, in denen ich anderen meine Form des Speisens aufdrängen musste. Und ja, ich befürworte auch, wenn die Welt auf Fleisch verzichten würde …sogar sehr. Darauf muss jeder aber selber kommen. Denn ich würde auch eine Welt begrüßen, in der Frieden herrscht. Warum das so schwer ist, leuchtet mir einfach nicht ein. Sollten nicht alle Menschen zumindest hinsichtlich dieses Ziels dasselbe Interesse verfolgen? Wie kann ich genau von diesen Menschen erwarten, dass sie auf Fleisch, Auto oder irgendetwas verzichten? Die Welt ist im Arsch. Das aber nur am Rande. Der Mensch braucht ein Feindbild, an dem er sich abarbeiten kann, um das eigene Wohlbefinden zu verbessern. Und um auf das eigene positive Verhalten aufmerksam zu machen, kann man ja auch die anderen belehren, was aber sicherlich nicht zum Ziel führt, aber vielleicht in dem Moment ein bisschen Genugtuung gibt.)

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Radfahrer machen auch viel falsch, sie sind nicht per se die besseren Menschen. Und dass nicht Wenige ihre Gefährte inzwischen auch als Statussymbol wie einst das Auto hochstilisieren und Tausende Euros nun hier reinstecken, macht die Sache für mich nicht besser. Was früher das Auto war, ist heute vielen das Rad. Nicht alle Autofahrer brauchen ihr Gefährt zum Protzen, aber dafür überträgt sich der Wettkampfeifer heute auch auf die Zweiradfahrer. Ich verstehe es grundsätzlich nicht, ein Fahrzeug – egal ob mit 2 oder 4 Rädern – mehr als das anzusehen, was es ist – ein Fortbewegungsmittel. Mit einem SUV durch die Großstadt zu düsen ist genauso sinnfrei wie mit einer zweirädrigen Rennmaschine, die hier ohnehin permanent ausgebremst wird, aber auch das nur am Rande.

Es ist in, sich auf dem Rad mal mehr, mal weniger galant zu bewegen und über die anderen zu pöbeln. Das tue ich leider auch. Ich sehe mich aber auch nicht als besseren Menschen, weil ich nur auf zwei anstatt vier Rädern dahin rolle und die Welt damit weniger verschmutze.

Am Ende bleibt der Mensch, das unsoziale Wesen – egal ob mit Auto, Motorrad, Rad oder zu Fuß. Der Schlüssel zum Erfolg eines besseren Miteinanders im öffentlichen Raum ist immer auch ein Perspektivenwechsel. Wie radele ich mit schnellem, wie mit langsamem Rad? Wie nehme ich die Kreuzung mit Auto und wie mit Rad? Wie würde ich die Straßenseite als Fußgänger überqueren? Doch diese Fähigkeit des sich in andere Hineindenken scheint uns allen völlig abhanden gekommen zu sein. Und manchmal tut es eine kleine Entschuldigung auch.

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