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Karpathos – zwischen Badebuchten, schroffen Felsen und Bergdörfern

Karpathos, Griechenland

„6/8 voll ist der Tank“, schmunzelt mich der junge Mann von der Autovermietung Euromoto an. „3/4.“ entgegne ich. Er wiederholt 6/8 so vehement, dass ich dies nicht mehr infrage stelle.

Ich frage ihn nach dem Schlüssel, den er unter der Fußmatte hervorzaubert. Eine Vertretung hat diese Autovermietung am Flughafen nicht, also macht man das eben auf diese Art. Karpathos ist eine Insel, von der kann ein Auto ohnehin nicht unbemerkt verschwinden.

Mit der Übergabe lässt sich der Mann genauso viel Zeit wie bereits mit dem Treffen, zu dem er merklich zu spät kam. Ankommen ist auch immer einen Gang runterschalten, und genau das fällt mir im Leben doch oft schwer. Umso besser, wenn ich dazu gezwungen werde.

Karpathos, Griechenland

Holprig bewege ich das Fahrzeug auf die Straße, die in die Hauptstadt der Insel, Pigádia, führt. Gleich hinter dem Flughafen liegen Strände. Auch wenn ich weiß, dass es sicherlich noch schöner kommt, fahre ich den Nissan an die Seite, steige einen kleinen Hügel hinauf und genieße den Panoramablick. Der Wind bläst kräftig und bringt die bunten Segel der Surfer in Bewegung. Da, wo ich die nächsten Tage verbringe, wird es weniger Surfer, mehr Sonnenanbeter und Wanderer geben. Da, wo ich hinfahre, wird es aber auch wenig Infrastruktur geben. Also tanke ich den Wagen in Pigádia auf und versorge mich unnötigerweise noch einmal im Supermarkt.

Karpathos, Griechenland Karpathos, Griechenland

Beeindruckende Badebuchten auf dem Weg in den Norden von Karpathos

Hinter Pigádia nimmt die asphaltierte Straße die beständige Form von Serpentinen an und fordert Konzentration. Rechts lockt die Aussicht über wunderschöne Buchten, links sind die Berge. Zu verführerisch erstrahlt das Mittelmeer in seiner satten türkisfarbenen Gestalt. Ein szenisch schönes Tal führt von Aperi hinab nach Acháta. Die Straße verengt sich teilweise auf eine Spur. Pinienwälder und Oleander dienen an manch einer Stelle als willkommener Sichtschutz, um nicht in den Abgrund zu sehen. Nicht wie von unserer Welt fühlt sich die Natur an. Ein kleines Stück verkohlter Wald dient als Mahnmal für die Waldbrandgefahr.

Dann halte ich an einer kleinen Kapelle. Von hier kann man den Blick über den Strand und das enge Tal genießen. Kurz darauf befinde ich mich zwischen den ordentlich aufgereihten Liegestühlen und Sonnenschirmen. Es ist ruhig, obwohl jede Sonnenliege belegt ist. Auch die Stühle auf der kleinen Terrasse der Taverne sind bis auf den letzten Platz besetzt. Meine Füße arbeiten sich durch den groben Kies. Die abgerundete Form der Steine wirkt wohltuend und massiert. Das Wasser ist kristallklar. So klar, dass die meisten ihren Gang ins Meer nur mit Schnorchelausrüstung angehen.

Karpathos, Griechenland Karpathos, Griechenland

Nach einer kurzen Erfrischung setze ich meine Fahrt in den Norden fort. Atemberaubend sind hier nicht nur die Kurven, sondern das, was sich in den Lücken zwischen Büschen und Kiefernwäldern am Wegesrand zeigt. Eine Bucht liegt schöner von schroffen Felsen umschlungen als die andere. Rau stechen die Kanten in das Meer. Das Wasser strahlt so klar und doch so tief Türkis. Liegen mit Sonnenschirmen zieren den strahlend weißen Strand. Boote liegen szenisch schön in der Bucht. Das am häufigsten verwendete Postkartenmotiv der Insel, die Ápella-Bucht, genießt nicht umsonst einen guten Ruf, mit dem sie jedoch auch viele Touristen anzieht.

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Zauberhaftes Ólympos

Felsabgänge gibt es häufiger auf der Straße. Die einst holprige 21 km lange Staubpiste von Spoa nach Ólympos, die seit 2012 endlich geteert ist, zieht sich in die Länge. Die Wow-Effekte sind nicht minder vorhanden, aber die Kurven ermüden. Durch das offene Fenster dringt nicht nur warme Luft in mein Auto, auch das Zirpen der Grillen begleitet mich auf der sonst so menschenleeren Strecke. Wo Orte und Menschen nicht vorhanden sind, gibt es zumindest anderes Leben. Ziegen kreuzen meinen Weg.

Und dann erscheint am Hang ein weißes Häuserwirrwarr. Ólympos soll eines der malerischsten Dörfer der Ägäis sein. Auch wenn es meine erste Reise nach Griechenland und in die Region ist, so bin ich mir sicher, dass da etwas dran ist.

Die kleinen Gassen von Ólympos füllen sich in der Mittagszeit mit Touristen, die aus Pigadia mit Ausflugsschiffen in den Inselnorden gebracht werden. Daher ist der Spätnachmittag die beste Zeit zur Erkundung. Souvenirshops und Restaurants säumen den Weg vom Parkplatz zur Kirche. Doch die Verkäufer sitzen gelangweilt im Türrahmen oder unterhalten sich. Das Leben liegt lahm und nimmt den Müßiggang ein. Man grüßt mich nett, als ich als einzige Touristin durch die Gassen schlendere. Kein aufdringliches Verkaufsgespräch, wie man es anderenorts kennt.

Karpathos, Griechenland Karpathos, Griechenland Karpathos, Griechenland

Der Ort ist verschlafen und wie aus einer anderen Zeit. Alte Frauen in ihrer traditionellen Tracht gekleidet unterhalten sich vor der Kirche. Schwarze Kopftücher und weiße Kleider sieht man hier noch häufiger. Von den Terrassen der Restaurants öffnet sich ein wunderschöner Ausblick über das Meer.

Mich zieht es weiter durch das Gassengewirr, ich folge den Pfeilen mit dem handgeschriebenen Bakery. Über dem Meer stehen im tosenden Wind wie auf einer Perlenschnur aneinandergereiht ausgediente Windmühlen. Eine von ihnen, O Milos, ist heute ein Restaurant. Schroffe Berge bilden die Kulisse, die sich mir hier als Ausblick bietet, auf der anderen Seite liegt das türkisfarbene Meer. An die Hänge schmiegen sich wie aufgestapelt die kleinen olymbischen Häuser in weiß, gelb oder anderen Pastelfarben. Gemein sind ihnen die blauen oder holzbraunen Türen und Fensterrahmen. Im Ort findet man noch einige traditionelle Backöfen, in denen die Frauen ihr schmackhaftes olymbisches Brot backen, doch der Tag ist vorüber und somit ruhen auch die Öfen.  Mein Weg führt mich noch ein Stück weiter den Hang hinauf zu den kaputten Windmühlen. Trotz des tosenden Windes genieße ich von hier oben Aussicht und Ruhe.

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Verschlafenes Fischerdorf Diafáni

7 km unterhalb des bekannten Bergdorfs liegt mein eigentliches Ziel, Diafáni. Was einst nur ein Hafen- und Durchgangsort war, hat selbst seinen touristischen Reiz. Sind die Tagesausflügler aus Pigadia weg, bleiben nur die Einheimischen und eine Handvoll Touristen. In meinem Zimmer im Maistrali lausche ich dem Wellenschlag. Brunnen und Skulptur auf dem Vorplatz erzählen über das Leben in diesem beschaulichen Dorf. Boote für Ausflügler und Fischer liegen im Hafen. Kleine Schirme zieren auch diesen Kieselstrand. Anna, die Besitzerin des Maistrali, zeigt stolz hinüber zu den Sonnenschirmen direkt am Meer, die zum Hotel gehören. Ich lasse es mir nicht nehmen nach der schweißtreibenden Autofahrt noch ein erfrischendes Bad dort zu nehmen, bevor ich in die nahe Vanánda Bucht wandere. Knapp eine halbe Stunde soll dies dauern. Die Strecke führt mich durch eine wunderschöne Landschaft, die sich aus Wäldern, Feldern, Olivenbaumhainen, Bergen und Meer zusammenfügt. Kleine Steinmauern rahmen Gärten. Ein kleiner Brunnen rauscht im Gebüsch. Ich gehe noch ein paar Schritte den Hügel hinauf, um die Kapelle aufzusuchen, aus der Weihrauchduft dringt.

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Zum Sonnenuntergang bin ich zurück in Diafani. Hinter dem Maistrali führt mich eine Gasse zur kleinen Kirche und den drei Windmühlenruinen hinauf. Die Sonne verschwindet schon hinter dem Bergrücken und schenkt dem Weiß der Kirche ein sanftes Licht. Schmuckvolle Gräber mit Fotos, Lampen und anderen persönlichen Utensilien locken mich auf den Friedhof. Im kleinen Haus sind Blechdosen mit Fotos und Namen gestapelt. Durch die geöffnete Tür eines anderen Hauses am Friedhofseingang erblicke ich Schädel und Knochen Verstorbener.

Am Abend ertönen melancholische Lykra-Klänge aus der benachbarten Taverne. Das Rauschen des Meeres mischt sich unter diese Klänge, die durch die geöffnete Balkontür in mein Zimmer schallen. Klappern und Stimmen verlieren sich in der Nacht. Katzen miauen in den Gassen. Ein lauter Ton legt sich in die Bucht und durchbricht für einen Moment die harmonische Dorfmelodie. Wie ein ungestümes Monster aus einer anderen Welt fährt die riesige Fähre in den Hafen ein. Dann kehrt Ruhe ein und Diafáni fällt in seinen Dornröschenschlaf.

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Was man sonst noch wissen sollte?

  • Unterkunft: Maistrali
  • Restaurants:
    – Anemoessa Bar und Restaurant – auch mit veganischen Gerichten auf der neuen Karte
    – Para Thin Alos am Ortsausgang Richtung Vananda Strand mit Blick aufs Meer, gutes WLAN
  • Supermarkt sehr kleines Sortiment, lieber zuvor eindecken, wenn Selbstversorgung
  • Ganztagesausflug nach Saría mit Captain Manolis Boot, von George Protopapas
  • fußläufige Strände: Vanánda Bucht im Norden (30 min) und Papas Minas im Süden (1 h)

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Der Beitrag entstand im Rahmen einer Reise für Travellers Insight mit Unterstützung durch Germania. Meine Meinung bleibt dabei unberührt.

2 Kommentare

  1. Es sieht alles so historisch aus. Sieht so aus als wenn jedes Haus den Blick auf das Meer hat. Ein sehr toller und beruhigender Ausblick. Aber diesen Ort kenne ich nicht und habe auch noch nie davon gehört. Daher habe ich jetzt mit mehr Interesse deinen Beitrag gelesen :). Wirklich toll vielen Dank.

    • Das freut mich sehr, lieber Florian. Viele haben von Karpathos noch nie etwas gehört, um so schöner, wenn ich Dir einen ersten Eindruck von der griechischen Insel vermitteln konnte. LG, Madlen

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