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Meine Höhenwanderung auf dem Kesch-Trek

Kesch-Trek, Graubünden

Volksmusik ertönt aus dem Radio des Postbusses auf unserer Fahrt von Davos über den 2383 m hohen Flüelapass. Spätestens jetzt bin ich da – in der Schweiz. Der Körper sackt in den Sitz, sucht sich ein letztes Stück Kraft und Ruhe, nachdem sich die Anreise durch eine Flugstornierung weniger entspannt gestaltete. Die nächsten Tage werden die Energiebatterien geladen und die Gedanken neu justiert. Mehr als 50 km zu Fuß warten auf mich – mit Höhen und Tiefen. Es ist der Beginn meiner viertägigen Höhenwanderung durch die Bündner Berglandschaft. Es ist die Rückkehr zum Minimalismus, alles was ich brauche, befindet sich in meinem kleinen 30 Liter Rucksack.

Kesch-Trek, Graubünden

Vor dem Flüela-Hospiz auf dem Flüelapass halten wir. „Vier Minuten“, ruft uns der Fahrer noch zu, bevor er in der Gastwirtschaft verschwindet. Die Zeit nutze ich, um Seen und imposante Bergkulisse zu fotografieren.

Als wir kurz hinter dem Pass erneut zum Halten kommen und auf Empfehlung des Postautofahrers den inoffiziellen Einstieg auf dem Kesch-Trek nehmen, werden wir von unserem Bergführer Andy zur Disziplin ermahnt. Gleichmäßige Schritte sind das Erfolgsrezept einer solchen Wanderung, jeder Halt stört den Rhythmus. Schon jetzt sehe ich mich als Querulantin, die in den nächsten Tagen immer wieder für ein gutes Foto ausscheren wird.

Auf dem Weg zur Grialetschhütte – Tag 1 Kesch-Trek

508 Höhenmeter sind heute noch zu absolvieren. Das ist nicht allzu viel, doch nach einem Anreisetag, der mit dem Weckerklingeln um 5 Uhr bereits begann, können sich diese doch empfindlich in die Beine legen. Stattdessen merke ich die Müdigkeit im Kopf.

Samtig weich legt sich der Grasboden unter meine Füße, wohltuend erhallt der Klang der Kuhglocken als Melodie dieser Wanderung. Flauschige Wollblumen schmiegen sich an meine Knöchel. Es geht hinauf über den Munt da Marti. Schnell gewinnen wir an Höhenmetern, grüne Täler liegen uns zu Füßen. Ein kleiner See auf den Weiden des Stapel da Radunt spiegelt die Wolken, die uns mit einem frischen Hauch vor der Sonne schützen. Die Hitze des Sommers hat auch hier empfindlich an der kräftigen Farbe des Grases gezehrt.

Kesch-Trek, Graubünden Kesch-Trek, Graubünden

Auf den letzten Metern zur Grialetschhütte geht der sanfte Wiesenpfad in hartes Geröll über. Mutterkühe mit großen Glocken um den Nacken stellen sich schützend vor ihre Kleinen. Warnschilder halten den neugierigen Wanderer auf sicheren Abstand. Ein wohliges Heidi-Gefühl macht sich breit. Dann deutet sich unter dem 3131 m hohen Piz Grialetsch eine Hütte aus grauem Stein mit roten Fensterläden ab. Ein paar ältere Männer sitzen davor.

Kesch-Trek, Graubünden Kesch-Trek, Graubünden Kesch-Trek, Graubünden

Im Trockenraum stehen Crocs aneinandergereiht im Schuhregal. Der Schuhwechsel tut gut. Eine Dusche wird es nicht geben, und auch aus dem Wasserhahn im Waschraum tropft es eisig kalt. Das beschleunigt die Katzenwäsche um so mehr.

Vier Tische zieren die gemütliche Wirtsstube im Erdgeschoss, auf die zwei oberen Etagen verteilen sich die Schlafräume mit ihren Matratzenlagern. 20 Personen haben in unserem Nachtlager Platz. Die Matratzen sind nur so breit wie mein enger Seidenschlafsack, den ich unter das Bettzeug lege. Eng wird es in der Nacht und laut dazu, denn unter jedem Schritt knarzt das Holz und jedes Schnarchen gelangt in meine Gehörgänge – ob mit oder ohne Ohropax. Erholung tanke ich tags, nicht nachts. Für Komfortliebhaber sind diese Schutzhütten sicherlich eine Herausforderung, Minimalisten hingegen schätzen den hohen Wert der Naturverbundenheit und Rückkehr zur Einfachheit.

Kesch-Trek, Graubünden Kesch-Trek, Graubünden

Über den Scaletta-Pass zur Kesch-Hütte – Tag 2 Kesch-Trek

Um 7 Uhr hebt sich das Sonnenlicht über die Gipfel und tüncht die Berge in ein sanftes Licht ein. Emsigkeit macht sich in und vor der Hütte breit. Gemütlich bedienen wir uns am Buffet und treten mit unseren Kaffeetassen vor die Hütte. Kraft tanken für den Tag und mit der Natur verschmelzen. Um 8 Uhr begeben auch wir uns mit Andy auf den Weg von der Grialetschhütte zur Kesch-Hütte. Zunächst ist der Weg eben, später führt er uns bergab. Nach einer Stunde erreichen wir die Abzweigung zum Dürrboden – Häuser zeichnen sich in der Ferne ab. Unsere Handys zeigen kurz Empfang an. Ein kleines Zeichen der Zivilisation erreicht uns – das wir schnell wieder hinter uns lassen.

Kesch-Trek, Graubünden

Es folgt nun für eine Stunde über einem Sepentinen-Trail der Aufstieg auf den 2606 m hohen Scaletta-Pass. Hier soll auch der alljährliche “Swiss alpine Marathon” entlangführen. Zudem betrieben die Säumer im Mittelalter einen regen Handel bis ins italienische Veltlin über diesen Weg. Auf den Wiesen sonnen sich die erstaunlich wenig scheuen Murmeltiere. Hinter einer kleinen Schutzhütte auf der anderen, windgeschützten Seite legen wir eine Pause ein. Wir verteilen uns auf den warmen Steinen und packen unsere Lunchpakete aus. Um uns herum bietet sich ein schöner Ausblick über grau-mattgrüne Bergrücken mit nur kleinen Schneeresten. Dann setzen wir die Wanderung Richtung Val Funtauna fort. Wir folgen einen Wanderpfad oberhalb des wunderschönen Tals am Fuße des Piz Murtelet bis es sich mit dem Val Tschüvel kreuzt.

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Am frühen Nachmittag erreichen wir die auf 2626 m gelegene Keschhütte, eine der 153 Hütten in der Schweiz. Sie liegt faszinierend – unmittelbar neben dem Porchabella-Gletscher am Fuße des Piz Kesch. Reto und Ursina Barblan führen die moderne Hütte, die 2001 neu gebaut wurde, seit nunmehr 10 Jahren. Sie genießt hinsichtlich ihrer Energieversorgung den Ruf als Vorzeige-Hütte. In diesem Jahr feiert sie ihr 125 jähriges Jubiläum. Von Mitte Juni bis Mitte Oktober, von Februar bis April sowie zum Jahreswechsel ist sie bewartet. Doch auch in den unbewarteten Zeiten findet man hier Schutz. Notvorräte befinden sich in einem abgeschlossenen Schrank in der Winterküche, die uns Reto zeigt. Überhaupt, wie erhält man Lebensmittel dort, wo nur kleine Fußpfade hinführen? Kleine Ladungen kann Reto mit seinem Quad heranschaffen. Größere Lieferungen kommen aus der Luft. Ein Helikopter fliegt diese regelmäßig ein – in der kommenden Woche 3,2 Tonnen zum Beispiel.

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Ich habe mich noch etwas müde von der letzten Nacht in der Hütte auf’s Bett gelegt, als mich Thalia weckt. Mein unbedingter Wunsch, Steinböcke auf dieser Wanderung sehen zu wollen, war ihr nicht entgangen. Und genau diese befanden sich auf dem gegenüberliegenden Bergrücken. „Der Feldstecher ist unser Fernseher.“ hatte Hüttenwart Reto in einem Interview mit einem Magazin gesagt. Als er neben mir steht, um mir das Fernglas mit wenigen gekonnten Griffen so einzustellen, dass ich alle 13 Steinböcke sehen kann, muss ich schmunzeln. Das ist nun meine Tagesschau.

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Über den Fuorcla Pischa zur Es-cha-Hütte – Tag 3 Kesch-Trek

Am dritten Tag herrscht in der großen Hütte wieder Emsigkeit. Mountainbiker stürzen sich als erstes hinab in das Tal Val Tuors. Wir folgen ihnen etwas später. Esel und Kühe stellen sich immer wieder in den Weg. Einen Fluss gilt es zu überqueren. Bald erreichen wir die Alp digl Chants, wo unser Bergführer Andy Käse kauft, den wir bei der nächsten Rast genießen.

Hinter der Alm geht es allmählich, später steiler bergauf – und dann über den 2867 m hohen Fuorcla Pischa. Unsere Gruppe hat sich gesplittet. Vor mir stapft in Sichtweite aber doch mit merklichem Abstand ein junger Züricher nach oben. Sichtlich erleichtert ruft er uns zu, er hat seine Probleme und Sorgen dem Berg übergeben. Das ist das, was das Wandern in den Bergen ausmacht, das Gefühl, etwas bezwungen zu haben und die Sorgen klein aussehen zu lassen.

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4,5 Stunden nachdem wir an der Hütte gestartet sind, erreicht unsere Gruppe den Pass. Wolken umhüllen mich, eine frische Brise zehrt an den nackten Armen, eine angenehme Erschöpfung überflutet mich.

„Von hier sieht alles ganz anders aus, von hier möcht‘ ich nicht fort.“ – kommt mir ein Songtext in den Sinn. Ich lege mich auf einen kleinen Grasbüschel nieder und schaue den vorüberziehenden Wolken zu, wie sie Form und Gestalt verändern. Das Geröll drückt sich in meine Haut, hinterlässt temporäre Muster. Kälte überzieht Arme und Beine mit einer Gänsehaut – und dennoch umhüllt mich eine wohlige Wärme. Meer stimmt mich oft melancholisch, Berge stimmen mich hoffnungsvoll. Dem Steinbock in mir tut’s gut. Eine dreiviertel Stunde sitzt jeder in einer angenehmen Ruhe mit seinem  Lunchpaket da, bevor wir uns auf das letzte Stück zur Es-cha Hütte begeben.

Kesch-Trek, Graubünden Kesch-Trek, Graubünden Eine weitere Stunde geht es nun wieder vornehmlich abwärts durch eine unwirtliche graue Geröllwelt. Dann tun sich Schneegipfel vor uns auf und der Blick auf die Es-cha Hütte an der Südseite des Piz Kesch. Noch einmal geht es hinauf auf 2593 m. Pünktlich zu unserer Ankunft beginnt es etwas zu regnen.

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Wie ein Balkon thront die Es-cha Hütte über dem Engadin – von hier genieße ich nach Süden einen atemberaubenden Blick auf die Berninagruppe. Es ist die gemütlichste und urigste Hütte , die uns auf dieser Wanderung beherbergt. Und einen guten Kaffee gibt es dazu. Damit hat man mich sofort. Wie jeden Abend versammeln sich die Wandergruppen an ihren Tischen, um sich zu unterhalten oder zu spielen. Uno spielen und Fünfziger würfeln wir bis uns die Hüttenruhe um 22 Uhr zum Schlaf zwingt.

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Immer bergab – auf dem Weg nach Preda – Tag 4 Kesch-Trek

Schneebedeckte Gipfel der spektakulären Engadiner Berninagruppe bilden die Skyline dieser Tage. Wir umrunden ein wenig den Piz Blaisun, bevor wir in das Tal Alvra gelangen. Von Weitem sehen wir das Gasthaus Albula Hospiz auf dem 2315 m hohen Albula-Pass, den wir gegen 10 Uhr erreichen. Sonntagsausflügler – ob mit Rad, Motorrad oder Auto – genießen hier den Ausblick. Dort erfrischen wir uns mit einem Getränk. Dann geht es wieder zurück in die Zivilisation durchs Albulatal zum  türkisschimmernden Palpuognasee. Sonntagsausflügler und Angler säumen das Ufer. Es werden uns ein paar Regentropfen zum Picknick geschenkt, während uns über die letzten vier Tage doch immer die Sonne begleitete.

Eine Straße, eine Stromleitung, Menschen und Handyempfang – das sind Integrentien der  Zivilisation. Ich merke, wie sich Kopf und Glieder dagegen sperren. Jeder Schritt fällt mir schwerer. Vor mir baut sich ein Berg auf, der größer ist als die Bergkulisse der Bündner Alpen, denke ich an die Rückkehr. Die letzten Tage waren Bewegung im Geist und Körper. Nun nach Hause tragen, was man in den Bergen gefühlt und erlebt hat. Still und minimalistisch ist die Wanderung auf dem Kesch-Trek – Graubünden bietet das beste Setting, um Gedanken fließen zu lassen, den Körper arbeiten zu lassen und die innere Zufriedenheit für sich zu finden.

Um 13.30 Uhr nehmen wir die Bahn in Preda nach Bergün, wo sich unsere Wege trennen.

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Der Kesch Trek im Überblick

Tag 1

2–3 Stunden auf 5,4 Kilometer, Aufstieg 508 Meter, Abstieg 140 Meter
Wanderung zur Grialetsch-Hütte SAC auf 2’542 m ü.M.

Tag 2

5–6 Stunden auf 13 Kilometer, Aufstieg 606 Meter, Abstieg 523 Meter
Wanderung von der Grialetsch-Hütte SAC zur Kesch-Hütte SAC auf 2’625 m ü. M.

Tag 3

5–6 Stunden auf 14 Kilometer, Aufstieg 970 Meter, Abstieg 1002 Meter
Wanderung von der Kesch-Hütte SAC zur Es-cha-Hütte SAC auf 2’594 m ü. M.

Tag 4

Wanderung von der Es-cha-Hütte SAC nach Preda mit Mittagsrast am Palpuognasee
5 Stunden auf 14 Kilometer, Aufstieg 82 Meter, Abstieg 887 Meter.

Man kann noch 6 km weiter nach Bergün wandern.

Anfahrt

Anreise: Mit der Bahn über Landquart nach Davos. Ab Davos Bahnhof geht es mit dem Postauto bis zur Haltestelle Susch, Chantsura.

Abreise: Mit der Bahn von Preda oder Bergün mit der Rhätischen Bahn in einer Stunde nach Chur und dann weiter Richtung Zürich bzw. von dort andere Richtungen.

Die Hütten

Grialetsch-Hütte SAC: www.grialetsch.ch
  • Hüttenwarte Hanspeter & Cécile Reiss
  • 1928 erbaut
  • Von Ende Februar bis Ende April und ab Mitte Juni bis Mitte Oktober
  • 61 Schlafplätze (Matratzenlager)

Kesch-Hütte SAC: www.kesch.ch

  • Hüttenwarte Ursina + Reto Barblan
  • Zentrale Lage: Sie kann vom Albulatal, von Davos und vom Engadin in sehr schönen Touren im Sommer wie im Winter erreicht werden.
  • 92 Schlafplätze (Matratzenlager)
  • Die größte Hütte auf der Wanderung bietet auch den meisten Komfort. Man hat ausreichend Waschmöglichkeiten und kann für 5 Schweizer Franken duschen.
  • Über den Jahreswechsel, Mitte Februar bis Mitte April, Mitte/Ende Juni bis Mitte Oktober. Winterraum vorhanden (anmeldepflichtig).

Es-cha-Hütte SAC: www.es-cha.ch

  • Hüttenwart Michel Anrig
  • 1934 erbaut
  • 50 Schlafplätze (Matratzenlager)
  • Tourenskisaison von Mitte Februar bis Ende April. Sommer von Mitte Juni bis Mitte Oktober bewartet. Auch während der nicht bewarteten Zeit geöffnet.

Markierung

Der Bergwanderweg ist weiss-rot-weiss markiert, aber ohne Hinweisschilder, dass man sich auf dem Kesch-Trek befindet.

Voraussetzungen

Es handelt sich um eine alpine Bergwanderung, bei der man sich über die möglichen Gefahren im Hochgebirge bewusst sein muss. Der Kesch-Trek erfordert eine gute Grundkondition und ist aber vom Schwierigkeitsgrad einfach.

Packliste

Rucksack (30 bis 40 Liter), feste Bergschuhe, wetterfeste und warme Bekleidung, Wechselbekleidung für die Hütte und Nacht, Regenschutz, Sonnenschutz, Taschenapotheke.

Achtet auf wenig Gewicht! Ihr müsst alles tragen. Lunchpakete können auf den Hütten bezogen werden.

Der Kesch-Trek kann als Paket gebucht werden.

Ich wurde vom Graubünden Ferien zu dieser Recherchereise eingeladen. Alle Ansichten sind meine eigenen.

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