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Auf dem Pamir Highway – Khorog und der Wakhan-Korridor

Pamir Highway, Tadschikistan

„Der Präsident kommt!“ Kurzes Schweigen unterbricht die Worte von Nico, der seit drei Monaten als Tourismus Consultant für die Pamir Eco Culture Tourism Assocciation (PECTA) in Khorog arbeitet. „Die Grenze nach Afghanistan wurde geschlossen und somit findet morgen auch nicht der Cross-Border-Market in Ishkashim statt.“ Wir versuchen unsere Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Gegen präsidiale Kräfte kann man wenig tun. Auch nichts gegen natürliche. Denn kurz hinter Khorog gab es vor ein paar Tagen Erdrutsche. Die direkte Verbindung nach Murghab ist somit gekappt. Unser Weg sollte ohnehin auf der szenisch schöneren Südroute direkt am Hindukusch entlangführen. Dennoch sind die Vorfälle, die hier Alltag sind, immer wieder eine Katastrophe, da es in dem Land, das von Gebirgszügen durchzogen ist, kaum Alternativrouten gibt und schnell Ortschaften abgeschnitten werden. Natürlich hatten wir uns sehr auf den Besuch des samstäglichen Wochenmarkts gefreut, der irgendwo im Niemandsland zwischen Tadschikistan und Afghanistan auf einer Insel im Fluss bei Ishkashim stattfindet.

Khorog – unterwegs in der grünen Hauptstadt von Berg-Badachschan

Nach unserer zwölfstündigen Fahrt nach Khorog genießen wir erst einmal die lauen Abendstunden im Central Park. Das ist das Herz der Hauptstadt von Berg-Badachschan, die von Studenten geprägt ist. Mehr sollen es werden, denn hier entsteht gerade die größte Universität Zentralasiens. Dennoch ist von Nachtleben kaum etwas zu spüren. Und auch im Restaurant Chor Bagh ist neben unserem Tisch nur noch ein weiterer besetzt. „Ich habe denen vom Restaurant vorhin gesagt, dass wir noch kommen, sonst hätten sie das Restaurant schon geschlossen“, meint Nico. Es ist schön hier. Typisch für Tadschikistan wird in einem Chalak gegessen, dass sind kleine Nischen, die wie Podeste erhöht sind. Um einen Tisch befinden sich Bolakhs (Sitzkissen), auf denen man sich natürlich barfuß hinsetzt. Hinter uns rauscht der Ghund Fluss.

Katrin und ich in Khorog beim Frühstück

Als wir am nächsten Morgen im Lalmo Homestay unseren Guide Azam treffen, erwartet uns die nächste Überraschung. Auch der Botanische Garten soll geschlossen sein – aus Sicherheitsgründen, denn das Gästehaus des Präsidenten liegt gleich daneben. Zum Glück war das nur Fehlalarm und somit kommen wir noch in den Genuss der 2300 Spezien in einem der höchsten gelegenen Botanischen Gärten weltweit. Nur 4 km vom Stadtzentrum entfernt liegt der 624 Hektar große Garten auf 2320 Metern Höhe zwischen Ghund und Shahdara Fluss. Doch nicht die Anlage ist das eigentliche Highlight, sondern die faszinierende Aussicht über das Tal und die Stadt. Im Zentrum der Stadt suchen wir noch einmal die Touristeninformation auf und tätigen letzte Einkäufe für unsere Fahrt durch das Wakhan Tal, dann starten wir gegen Mittag gen Süden.

Walkhan-Korridor – Den Hindukusch vor Augen

Wieder führt unsere Fahrt durch ein Tal, das nur von unserer Straße und dem Ishkashim Fluss durchzogen wird. Links und rechts erheben sich steil felsige Bergketten. Wir legen nach einer Stunde einen kurzen Stopp am Sordon Restaurant ein. Kaum ein Auto, das uns begegnet. Nach einer weiteren halben Stunde erreichen wir die Grenze nach Ishkashim. Wieder verfolgen wir das Geschehen auf der gegenüberliegenden Seite, wo sich emsig Menschen und Esel auf einem Weg bewegen, der wie in Stein gemeißelt anmutet. „Wir sind ein Stamm. Afghanische Großmütter wissen noch genau, zu welcher Familie ich gehöre, wenn wir uns samstags auf dem Markt treffen“, berichtet Azam. Immer wieder wird uns vor Augen geführt, welch künstliche Keile durch Grenzziehungen gezogen werden. Heute verbinden noch ein paar Brücken die beiden Teile von Berg-Badachschan in Khorog, Ruzvay, Jumarj-e Bala und Ishkashim. Klar war er auch schon in Afghanistan, das sind doch ihre Brüder. Ein paar Bauarbeiter rücken mit einfachsten Hilfsmitteln an, ein LKW liegt verlassen an der anderen Uferseite. Wo sich das Tal etwas weitet, sehen wir auch Siedlungen aus Geröllsteinen des Flusses.

Am Horizont, am Ende des Tals, erblicken wir im dunstigen Licht die schneebedeckten Spitzen eines weiteren Gebirgszugs. „Hindukusch.“ Das von unserem Fahrer Zafar einfach dahergesagte Wort erzeugt im Auto eine ähnliche Stimmung wie das Wort „Afghanistan“ am Vortag. Der Pamir ist das eine, doch die Schwester, der Hindukusch impliziert gleich mediale Bilder. Schließlich kämpften am „Hindukusch“ UNSERE Soldaten.

Als wir die gesicherte Insel am Ortseingang von Ishkashim erreichen, auf der sonst der Samstagsmarkt stattfindet, hält uns Azam dazu an, keine Fotos zu machen. „Das könnte Schwierigkeiten bringen.“ Der Ort selbst macht einen ordentlichen Eindruck – Banken und Läden säumen die Hauptstraße.

Die Festungen im Wakhan-Tal

Die weitere Strecke führt uns durch eine der wohl landschaftlich attraktivsten Gegenden weltweit – dem Wakhan-Korridor. Dieses 210 km lange und zwischen 20 und 60 km breite Tal trennt das Pamirgebirge vom Hindukusch. Doch es hat auch eine geschichtliche und politische Bedeutung. So wurde dieser Korridor zwischen 1873 und 93 als neutrale Zone eingerichtet, als das russische Zarenreich gegen die Britische Krone das „Große Spiel“ (Great Game) „spielte“. Die Briten befürchteten den russischen Einmarsch in die reichste britische Kolonie – Indien. Die Pufferzone wird vom Pandsch und Pamir Fluss begrenzt.

Heute deuten noch alte Burgreste und Petroglyphen auf die geschichtliche Bedeutung dieser Gegend auch vor dem Great Game hin. Verschiedene Kulturen haben auf diesem Teil der Seidenstraße über 3000 Jahre ihre Spuren hinterlassen. Ein markantes Bauwerk, die Festung Kakh-kaha, erreichen wir gegen 16 Uhr. Wie es sich für eine Burg gehört, liegt sie etwas erhöht auf einem Hügel inmitten des grünen Tals. Sie wurde zwischen 200 und 300 v. Chr. im Kushan Königreich auf 750 Meter Länge und 280 Meter Breite erbaut. Einst zierten die aus Lehm und Steinen gebaute Burg 56 Türme mit Zinnen, um die fruchtbaren Shohdara und Gunt Täler vor Eindringlinge zu schützen. Heute stehen wir auf der verwaisten, stark umwehten Burg. Durch das Rauschen des Windes vernehme ich am Fuße von Kakh-kaha Stimmen. Als ich über den Fluss schaue, erblicke ich Kinder, die uns zuwinken. Das erste Mal auf dieser Reise ist Afghanistan nicht nur eine anonyme Gebirgsfront, sondern bekommt ein Gesicht.

Ein weiteres Fort wartet bei der Ortschaft Tuggoz auf uns. Hier müssen wir die Hauptstraße verlassen und mit unserem Wagen uns 7 km hinauf auf den nördlichen Gebirgszug schrauben, wo wir auf einer Klippe das Yamchun Fortress erreichen. Gegenverkehr ist hier besser nicht erwünscht. Die im 3. bis 1. Jahrundert v.Chr. erbaute Anlage gilt als größte Wehrburg im Wakhan Korridor. Sie spielte wohl eine wichtige Rolle auf der großen Seidenstraße, um die Sicherheit und den Verkehr vom Pamir nach Bactria, Indien und Iran zu kontrollieren. Baumaterialien wie Metamorphic stone, Granit und Slate Rock mussten von weiter hergeschafft werden, da diese nicht in der Nähe existieren.

1 km entfernt von Yamchun liegt an einer Stalaktiten-Höhle am Gestein des Pamirgebirges die Heiße Quelle Bibi Fatima. Die Schönheit der Quelle ist von einem Haus etwas verstellt, doch wir gehen ohnehin pragmatisch an die Sache. Um 19.30 Uhr tummeln sich hier noch ein paar Japaner im heißen Wasser, was für uns drei Damen bedeutet, zu warten. Als wir nach der langen Wartezeit endlich das Gebäude betreten dürfen, führt uns die Angestellt durch dunkle Räume. „Stromausfall“, sagt sie in die Leere der Räume, die wir nur ertasten können. Wir greifen zu unseren Handys, um zumindest ein wenig die Orientierung zu bekommen. Doch hinter die letzte Tür können wir diese nicht mitnehmen, denn da dampft es uns entgegen. Nach dem langen Tag on the Road und den vielen Eindrücken dürstet es uns nach Entspannung. Aus den Felsen tritt heißes, kristallklares Wasser aus und rauscht über unsere Köpfe. Besonders Frauen genießen das Bad hier, da Bibi Fatima die Fruchtbarkeit erhöhen soll.

Im Dreiländereck von Tadschikistan-Afghanistan-Pakistan

Um 21 Uhr erreichen wir unser Homestay Aydar Yamg im nah gelegenen Yamg. Wir werden auf den Bolakhs (Kissen) auf der erhöhten Plattform im Hinterhof bereits mit einer leckeren Suppe erwartet. In unserem Zimmer sind die Matten bereits für die Nacht auf dem Boden hergerichtet. Nicht weit von unserem Homestay befindet sich das Yamg Wakhani Museum in einem  traditionellen Wakhani Baustil. Dieses ist dem Sufi Mubarak-i Wakhani gewidmet ist, über dessen Leben man hier einiges erfährt. Er war Musikant und Astronomen zugleich und so findet man nicht nur eine Vielzahl an Instrumenten im Haus vor, sondern bekommt auch einen Einblick in die astronomischen Berechnungen durch einen Sonnenstein, mit dem vor mehreren hundert Jahren schon der Zeitpunkt der Sonnenwende bestimmt werden konnte.

Langar, Tadschikistan

Das nächste Stück des Pamir Highways ist das Highlight der Strecke. Das Tal weitet sich, der Fluss bildet Seen und der Himmel spiegelt sich hierin. Sanfte Kurven schmiegen sich um den Pamir, bis wir vor uns Langar erreichen. Wir wandern den Berg hinauf, um uns mehr als 3000 alte Petroglyphen anzusehen, die sich mit neuzeitlichen Schmierereien mischen. Und dann treten wir an das Ufer des Pandsch. Bergkuppen des Hindukusch bilden einen Bogen, um sich von hier wegzubewegen. Das Wakhantal biegt hier ab, um sich in den Bergen Pakistans zu verlieren. „Pakistan?“ fragen wir überrascht. Wieder deutet Azam auf einen nahen Gipfel: „Ja, da drüben ist Pakistan!“ Dann steigen wir ins Auto und fahren den Khargush Pass hinauf und lassen den schönsten Platz der Erde hinter uns.

Zusammenfassung:

  • Khorog
    Schlafen: Lalmo Homestay, Straße Gagarina 2, neben der Schule No. 7
    Essen: Chor Bagh – Wunderbares Restaurant mitten im Central Park. Essen 16-35 TJS
    Sehenswürdigkeiten:
    Khorog Botanischer Garten: 9 bis 16 Uhr | unteres Tor erreichbar mit Kleinbuslinie 3 , von dort dann halbe Stunde laufen | Taxi für ca. 10 TJS
    Central Park: Öffnungszeit: 6 bis 23 Uhr | mit natürlichem Schwimmbecken
  • Wakhan-Korridor
    Schlafen: Aydar Yamg Homestay in Yamg
    Sehenswürdigkeiten:
    Ishkashim Cross Border Market: Immer samstags auf einer Insel ca. 3 km vor dem Ort Ishkashim von Khorog kommend. Achtung, man verlässt hier genau genommen Tadschikistan!
    Kakh-kaha Festung:  
    Diese Burg liegt 15 km südöstlich von Ishkashim im wunderschönen Walkhan-Tal. Sie wurde zwischen 200 und 300 v. Chr. im Kushan Königreich auf 750 Meter Länge und 280 Meter Breite erbaut. 
    Heißen Quellen Bibi Fatima: Nach einer Tradition verspricht Bibi Fatima reichen Kindersegen. Doch auch ohne diesen Wunsch kann man nach einem langen Reisetag für 10TJS das 40 Grad heiße Wasser genießen und entspannen.Umkleideräume sind vorhanden. Eingelassen wird nach Geschlechtertrennung. Diese Heißen Quellen liegen hinter der Festung Yamchun.
    Festung Yamchun: Die größte Verteidigungsanlage im Wakhan-Korridor erreicht man von der Straße über einen steilen Fußweg von zehn Minuten. Die ältesten Teile der Anlage sollen aus dem 3. bis 1. Jahrhundert vor Christus stammen. Man hat einen wunderschönen Ausblick über das 500 Meter tiefer gelegene Tal.
    Yamg Wakhani Museum:  Dieses Museum ist dem im 19. Jahrhundert lebenden Sufi Mubarak-i Wakhani gewidmet. Er war Musikant und Astronomen zugleich und so führt der Kurator Aidar Malikmadow eine Vielzahl an Instrumenten vor, und gibt einen Einblick, wie man mit dem Sonnenkalender einst Nowruz (iranisches Neujahrs- und Frühlingsfest) bestimmen konnte.
    Petroglyphen beim Dorf Langar: Man muss den Hang hinter dem Ort Langar hinauflaufen. Auf den Steinen befinden sich nicht nur alte Zeichnungen aus der Steinzeit, sondern auch islamische Symbole und Schriftzeichen. 

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Meine Reise wurde unterstützt durch die PECTA in Zusammenarbeit AKF/MSDSP Kyrgyzstan and Tajikistan, GIZ Tajikistan, KCBTOrom TravelTcellMATT und Kyrgyz Concept.
Alle Ansichten sind meine eigenen. 

7 Kommentare

  1. Tolle Eindrücke, faszinierend zu lesen und vor allem zu gucken! Die Bilder sind schon allein eine kleine Attraktion.

  2. Tolle Einblicke und Fotos! Und wie erfrischend, auch mal über eine Region etwas zu lesen, die man irgendwie so gar nicht als klassisches Reiseziel abgespeichert hat. Danke dafür!

  3. Liebe Madlen,

    es macht richtig Spaß von dir mit auf die Reise durch Berg-Badaschan genommen zu werden! Du hast ein tolles Auge die das dortige Leben mit seinen kargen Besonderheiten, atemberaubenden Landschaften und den wundervollen Menschen super einfangen!
    Ich danke auch herzlich für die Erwähnung meines Blogs, leider funktioniert der link zu pamirbluesky.org irgendwie nicht!

    Ganz liebe Grüße,
    Nico

    • Ganz lieben Dank Nico für Dein tolles Feedback. Es war schön, Dich noch in Deinen letzten tadschikischen Tagen kennengelernt zu haben. Die Verlinkung klappt wieder, das http war weggerutscht 😉 LG und vielleicht bis bald mal irgendwo und irgendwann, Mad

  4. Sehr schöne Bilder… ich finde es wirklich bewundernswert. Das sind Orte an den höchstwahrscheinlich nicht viele Menschen auf dieser Welt waren. Großes Lob aus dem motorrdhotel eggental

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