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Der Weg der 1000 Zweige

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Nebelschwaden legen sich über den See, Frühreif  über Jurte und Wiesen. Der Khuvsgul See bereitet sich auf den Herbst vor. Und wir auf unsere Weiterfahrt. Morgens um 8 Uhr gibt das Setting eine gewisse Mystik ab. Die amerikanische Reisegruppe ist abgereist und wir sind allein beim Frühstück. Noch vor 9 Uhr verabschieden wir uns von der älteren Deutschen, deren Weg weiter nach Khovsd führt. Wir verlassen mit dem anderen Jeep nun auch leider ein Stück Orientierung. Die Strecke nach Murun finden wir noch, gibt es hier auch noch die Hilfestellung der neuen Teerstraße, die sich im Bau befindet. Doch ab Murun bewegen wir uns gen Westen auf der Suche nach den Hirschsteinen. Als wir an einer Tankstelle nach dem Weg fragen, ist mir klar, weder Fahrer noch Guide haben eine Orientierung. Und wir wollen gemeinsam allein bis zur Gobi Wüste kommen? Vielleicht verstehe ich ja auch etwas falsch.

Als uns der Tankstellenwart in eine Richtung weist, war wohl unserem Fahrer noch nicht klar, dass aus einem Weg schnell mehrere Wege werden. Das ist das Gesetz der Mongolei. Welchem Weg also nun folgen. Einfach erst einmal einen auswählen, um den nächsten Mongolen nach dem Weg zu fragen. Dann wieder umkehren und das gleiche Spiel mehrfach. Aha. Dabei sind die Hirschsteine nur 20 km entfernt. Aber wie sagt man so schön, viele Wege führten ja auch schon nach Rom. Warum nicht auch zu Uushigiin Uver. Schließlich finden wir die Hirschsteinstelle. Die Hirschsteine sind in der nördlichen Mongolei und südsibirischen Steppe weit verbreitet und stammen aus der Bronzezeit zwischen 800 und 500 v.Chr. Auf manchen Steinen, die teilweise sogar größer als ich sind, sieht man die fliegenden Hirschherden sehr schön, auf manchen erkennt man nahezu nichts mehr. Nach dem Ausflug zu den Hirschsteinen, der Rückweg erfolgt wesentlich direkter – ist Murun auch in Sichtweite – suchen wir wieder unser Hotel von vor 2 Tagen auf, um hier Mittag zu essen. Zudem verabschieden wir uns von Battuuls Freund, der ja hier arbeitet. Im Hotel Restaurant ist viel los, denn heute ist in der Mongolei Schuleinführung und so sieht man viele Kids mit großen weißen Schleifen und festlicher Kleidung, und auch im Hotel wird gefeiert.

Nach dem Mittagessen fahren wir gen Südwesten zum Zuun Nuur See, der ca. 120 km von Murun entfernt ist. Schnell hinter dem Ortsausgang verlässt Fahrer und Guide mit der Teerstraße auch die Orientierung. Aus einer staubigen und steinigen Piste werden viele staubige und steinige Pisten. Keine sieht nach „der Hauptstraße“ aus. Schnell werden entgegenkommende Mopeds angehalten, um nach dem Weg zu fragen. Leider hilft dies nur zur nächsten Kreuzung oder besser Verzweigung. Ich bekomme jetzt schon Magenschmerzen, wenn ich an unsere Fahrt die nächsten Tage denke. Der Fahrer war noch nie in dieser Gegend und Battuul war nach eigener Aussage zwar schon einmal hier, aber der Weg ist auch ihr unbekannt. Die Frustration steigt mit jedem Stopp in unsere Gesichter. Wir haben die letzten Tage schon festgestellt, dass Guide hier mit Dolmetscher gleichzusetzen ist. Bei der Bewerbung für den Job musste man nach Battuuls Aussage nur ein kurzes Gespräch auf Deutsch durchführen. Landes-, Geschichts-, Kultur-, Geografiekenntnisse waren kein Kriterium. So hat unser Guide beste Kenntnisse im Modedesign und verfügt über einen frischen Abschluss in diesem Fach, was man auch ihrer täglichen Robe ansieht, aber mir wären andere Kenntnisse an dieser Stelle hilfreicher, anstatt ein gut gekleidetes Stadtmädel neben mir zu wissen, deren Interessen mehr in Europa liegen als in der Geschichte der Mongolei. Nun aber beginnen wir auch den äußerst sympathischen Fahrer in Frage zu stellen, und dies am Tag 6 der Reise.

Ist zwischen Murun und Khatgal eher eine karge Natur anzutreffen, begeben wir uns südlich von Murun direkt in die Berge. Und diese Berge sind auch nicht minder bewaldet. Jurten hingegen sieht man kaum noch. Zudem begegneten uns heute schon einige kleine Transporter, die abgebaute Jurten auf der Transportfläche in Richtung Murun fuhren. Man macht sich langsam winterfest und zieht in die Holzhäuschen oder gleich in die Stadt. Wieder sind es Yaks, Kühe, Schafe und Ziegen, die einem zu Hauf begegnen. Menschen sind rar. Die Landschaft ändert sich, als wir auf der Hochebene fahren, und wird fast genauso karg wie nördlich von Murun. Die Berggipfel in der Ferne tragen eine weiße Decke. Es liegt Schnee. Und genau in diese Berge fahren wir – immer in Richtung Weißer See. Aber noch nicht heute. Unser Ziel ist am in 2.000 m Höhe gelegenen See Zuun Nuur.

Hinter einer der vielen Bergkuppen tut sich plötzlich diese schöne Perle in der kargen Landschaft auf. Leider erreichen wir erst über eine Stunde später das am See gelegene Camp. Denn mit der Sichtung des Camps von der gegenüberliegenden Uferseite steht die Frage im Auto, wie sollen wir jetzt dahin kommen? Und so starten wir ein paar Versuche und fragen die wenigen Menschen, die uns begegnen. Zudem beginnt inzwischen auch der Jeep, seine ersten Kinderkrankheiten auszuleben. So klappert es hinten rechts, als sei das Kugellager kaputt. Wir wollen nicht vom schlimmsten ausgehen. Die Strecke war bereits eine große Herausforderung, denn nicht nur flache Sand- oder Steppenwege waren zu passieren, sondern steinige Löcherstraßen mit zahlreichen Flussbetten. Diese Straße soll so das Normalmaß sein, an dem, was uns noch erwartet. Morgen sind es weitere 170 km auf derselben Straße. Mit ein bisschen mehr Orientierung könnten wir mittags unser Ziel erreichen. Aber jetzt sind wir erst einmal in unserem Camp. Nur eine kleine Schweizer Gruppe hat den Weg ebenso hierher auf sich genommen. Dementsprechend ruhig ist dieses Fleckchen inmitten der Berge und somit der Natur. Es handelt sich um einen langgezogenen Salzsee mit Geröllufern und ein Rest an Lerchenwald. Aber auch dieser sieht so instabil aus, dass ich befürchte, der nächste Winter wird ihm das Genick brechen. Und dann wird der Zuun Nuur nackt daliegen in der kargen, beige-braun eingefärbten Umgebung, die an die Hochebenen Boliviens erinnern. Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel herunter, und trotzdem will es nicht so richtig heiß werden. Die Höhenkälte lässt uns erahnen, was die Nacht so für uns bereithält. Der Jurtenofen wird um 20 Uhr angemacht und auch der Stromgenerator. In dieser Umgebung zieht man sich um 20 Uhr in die Jurte zurück und lässt den Tag Revue passieren.

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