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Genua – should I stay or should I go?

Genua, Italien, puriy

Ich stehe unter der wehenden Wäsche in einer engen Gasse Genuas, in die kaum ein Sonnenstrahl fällt. Aus einer Seitenstraße tönt Straßenmusik. Ich weiß nicht, wo genau ich bin, habe wieder die Orientierung verloren. Das passiert in Genua schnell.

Ich bin gekommen, um zu gehen – ähnlich ergeht es vielen, die Genua besuchen. Meist ist es ein Aufenthalt auf kurze Zeit oder wenige Stunden. Von einem der größten Häfen im Mittelmeerraum stechen zahlreiche Touristen an Bord riesiger Kreuzfahrtschiffe in See oder setzen mit einer Fähre nach Sardinien, Korsika oder Sizilien über. Damit tun sie es auf weniger abenteuerlichen Art dem berühmtesten Sohn der Stadt, Christoph Kolumbus, gleich, der in der ligurischen Hauptstadt 1451 zur Welt kam. Nicht nur Kolumbus zog aus, die Welt zu entdecken, sondern viele Genueser suchten ihr Glück ebenso in der Ferne – die da u.a. Buenos Aires hieß. Wer kennt sie nicht, die bunten Wellblechhäuser von La Boca in der argentinischen Hauptstadt?

Auch ich bin gekommen, um heute Nachmittag bereits zu gehen. Nur ein Tag bleibt mir für Genua. In dem Moment, in dem ich mich in dem Labyrinth der Caruggi, wie die engen Gassen heißen, verliere, bereue ich meine Eile. Wo andere Großstädte Hast bedeuten, ist Genua Zerstreuung.

Ich stehe eben noch auf der geschäftigen Piazza San Lorenzo und biege in eine kleine Seitenstraße Richtung Osten ab, in der ich von der plötzlichen Stille, die zwischen den hohen Hauswänden eingefangen wird, völlig überwältigt werde. Ich schlendere durch düstere, menschenleere Gassen in Richtung Piazza Ferretto, in die nur wenig Licht einfällt. Hier bröckelt der Putz von den mittelalterlichen Hausfassaden, dort wurde das fleckige Beige und Ocker mit bunten Graffitis übersprüht. Die Häuser stehen so eng beieinander, dass sich die Nachbarn zwischen den grünen Fensterläden fast die Zuckerdose um Kaffee über die Straße reichen könnten. Ein orientalischer Hauch weht durch die Gassen von Europas größter mittelalterlichen Altstadt, die sich ähnlich auch in jeder arabischen Stadt befinden könnten. Ich weiß nie, was sich hinter der nächsten Kurve oder Ecke verbirgt. Nur der schmale Streifen des Himmels begleitet mich beständig.

Am Ende der Via di Donato erreiche ich den kleinen Piazza di Donato, den die gleichnamige Kirche in schwarz-weißem Gemäuer ziert. An diesem Sonntagmorgen treffe ich immer wieder auf gut gefüllte Gotteshäuser im Weihrauchdunst. Eine alte Frau sitzt bettelnd auf den Stufen. Aus dem Innenraum drängt eine Stimme, neugierig folge ich ihr.

Dann laufe ich weiter durch leere Gassen, bis ich auf der Piazza Renado Negri auf eine Touristengruppe stoße, die vor dem Teatro della Tosse steht um die schwarz-weiße Fassade der Chiesa di Sant’Agostino zu fotografieren.
Noch ein Stück weiter den Hügel hinauf erreiche ich das Casa Paganini und kurz darauf die Kirche S. Maria di Castello und den 43 m hohen Torre de Embriaci aus dem 12. Jahrhundert.

Noch einmal passiere ich die engen Gassen, bis ich die Kuppeln der Glockentürme von der mittelalterlichen Cattedrale di San Lorenzo in schwarz-weißer Marmorfassade auf der Piazza San Lorenzo erblicke. Plötzlich bekommt die Stadt wieder eine Stimme. Ob Händler oder Straßenmusiker, Touristen mischen sich unter Einheimische. Eine Piazza reiht sich an die nächste, immer wieder ziert Carrara Marmor die typischen genovesischen Kirchen, nur die Basilica di nostra Signora delle Vigne auf dem Piazza delle Vigne erstrahlt nicht im Zebramuster. Auch der mittelalterliche Palazzo Ducale an der Piazza Matteotti, der ehemalige Sitz der genuesischen Dogen, beeindruckt mich.

Hafen, Piazzi, Kirchen, Gassen sind die eine Seite Genuas, die andere heißt Palazzi. Die herrlichen genuesischen Wohnsitze des 16. Jahrhunderts zieren vornehmlich die Einkaufsstraßen Via Balbi, Via Cairoli und Via Garibaldi – die Strade Nuove, die neuen Straßen. Bis zu sieben Stockwerke reichen diese stolz in den Himmel. Der Name „La Superba“, die Stolze, den viele Italiener Genua verleihen, ist nicht zuletzt auch diesen prächtigen Palästen geschuldet.

Die prächtigen Residenzen der reichsten und einflussvollsten genuesischen Familien des Goldenen Jahrhunderts, dem 16.–17. Jahrhundert, die durch die Einschreibung in das Register der öffentlichen Gästebewirtung – die Rolli – eine Repräsentanzfunktion einnahmen, wurden 2006 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Daher nennt man die historischen Adelspaläste man auch Palazzi dei Rolli.

Zu den bekanntesten Palazzi zählen der Palazzo Bianco mit seiner weißen Fassade und der Palazzo Rosso mit seiner roten Fassade, in denen Gemäldegalerien untergebracht sind, sowie der Palazzo Doria Tursi, in dem sich heute das Rathaus von Genua befindet.

An der Piazza di Portello nehme ich den Lift zur Spianata Castelletto, eine der reichsten Gegenden Genuas. Von hier genieße ich den Blick über die Stadt und das Meer. Einige Lifte (Ascensore) und Seilbahnen (Funicolare) führen Bewohner und Touristen die Hänge Genuas hinauf. Ich begebe mich hingegen noch einmal nach unten – passiere die Villetta Di Negro mit dem Museo die Arte Orientale. Auch von den Terrassen in dieser Grünanlage hier hat man einen schönen Ausblick. Von der Piazza Corvetto gehe ich die Via Roma hinab und erreichedie Piazza de Ferrari mit der berühmten Fontäne. In der Via XX Settembre flaniert Jung und Alt in den Arkaden – Modeläden reihen sich hier aneinander. Da mag der Mercato Orientale fast wie aus einer anderen Zeit anmuten. Frischer Fisch, saftiges Obst und Gemüse, Blumen und Gewürze werden hier zum Kauf angeboten.
Auf dem Rückweg komme ich an der Piazza Dante mit dem Kolumbus-Haus vorbei, doch ich laufe noch einmal durch das Gassengewirr zum alten Hafen. Hier befindet sich Start und Ziel des Family Runs, zu dem zahlreiche Familien gekommen sind. Doch auch ohne diese Veranstaltung geht es in der alten Hafenstraße Via di Sottoripa in den mittelalterlichen Arkaden mit den vielen Läden und Geschäften Tag und Nacht lebhaft zu. Nur die Art der Geschäfte variiert.

Anlässlich der Kolumbus-Feiern und zur Eröffnung der Expo 1992 hat der zweite berühmte Sohn der Stadt, Stararchitekt Renzo Piano, den Alten Hafen komplett neu gestaltet. Dass dieses Unterfangen eine Herausforderung war, kann man seiner Aussage „Ein Hafen ist nun einmal ein Hafen.“ entnehmen. Doch Piano gelang es trotzdem, gekonnt eine Brücke zwischen Moderne und historischen Bauten zu schlagen und das Viertel für Erholung und Zeitvertreib zu beleben. Was Piano wunderbar versucht hat, umzusetzen, wird zwischen historischem Zentrum und dem „Alten Hafen“ nur durch die lärmende Hochstraße Sopraelevata Aldo Moro gestört. Neben der seltsamen Konstruktion „il Bigo“, in die ein Panoramaaufzug aus Glas integriert ist, befindet sich in Genuas Altem Hafen auch eines der größten Aquarien Europas. Das antike Baumwolllager hingegen beherbergt Restaurants, Geschäfte und Kinos. Ein besonderer Blickfang am Alten Hafen ist der Palazzo di San Giorgio mit seinen Fresken auf der Piazza. Der prachtvolle Palast wurde im Jahre 1260 als erstes öffentliches Gebäude von Genua erbaut und diente später als Gefängnis und heute als Hafenbehörde. Von hier schaue ich hinaus auf das Meer und frage mich, should I stay or should I go now?

Ich wurde von Turismo Liguria eingeladen. Alle Ansichten sind meine eigenen. 

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