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Antarctic Touch: Meine Ankunft in der Antarktis auf Half Moon Island

Half Moon Island, Pinguine

„Wer noch nie in der Antarktis war, kann sich nicht vorstellen, wie es dort aussieht und wer schon einmal dort war, vermag es nicht mit Worten zu beschreiben.“
Diesen Satz las ich vor meiner Reise.

So schwammig die Vorstellung von der Antarktis ist, so ungewiss ist auch das, was sich vor uns am Horizont abspielt. Weder Ozean noch Himmel lassen sich durch klare Konturen erkennen. Die graue Farbwelt, die unser Schiff umschließt, scheint uns aufzusaugen.

Wohin führt der Weg, wenn sich der Horizont auflöst, wenn man das vermeintliche Ende der Welt, das Fin del Mundo, schon in Südamerika hinter sich gelassen hat?

Eisberge bei Half Moon Island, Antarktis

Half Moon Island

1,5 Tage Drake-Passage – die gefährlichste Seestraße der Welt

Unsere MS Midnatsol fährt nun seit Stunden geradewohl durch dichten Nebel, der Himmel und Meer nahtlos miteinander verbindet. Buckelwale tauchen vor unserem Schiff auf, Albatrosse segeln über uns in den Lüften.

Nachdem wir Kap Hoorn passierten, heißt unser Ziel nun ANTARKTIS. Allein das Wort wirkt berauschend. Dass uns von diesem Traumort noch 1,5 turbulente Tage in der schlimmsten Seestraße der Welt, der Drake-Passage, trennen, will ich dennoch ignorieren. Nirgendwo ist das Meer gefährlicher. Hier drängt sich mit der Antarktischer Zirkularstrom die größte Strömung der Erde durch die Enge zwischen Südamerika und Antarktis und nimmt dadurch noch einmal Geschwindigkeit auf. Wo sich die kältere, dichtere Wasserschicht der Antarktis unter das warme Wasser Südamerikas schiebt, befindet sich die Grenze der Antarktis und die ist in der Regel ziemlich geladen. Doch bei uns zeigt sie sich mit nur 6-7 m hohen Wellen gnädig. Das leichte Schaukeln drängt uns lediglich zum Laufen im Sick-Zack-Kurs und Balancieren am Buffet oder auf der Treppe. Auch die politische Grenze, die laut Antarktisvertrag der 60. Breitengrad darstellt, überfahren wir an jenen Tagen. Hätten wir Kanonen geladen, müssten wir sie nun verstecken, denn jegliche militärische Aktivitäten (und auch der Bergbau) sind hier verboten. Doch der von 51 Ländern ratifizierte Vertrag regelt noch andere wichtige Punkte, für die Region, die keinem Land gehört. Einigen werden wir in den nächsten Tagen immer wieder begegnen.

Ankunft auf Half Moon Island

Es ist kurz vor Mitternacht, als es heftig ruckelt. Ich habe mich längst auf die Kabine zurückgezogen, um noch zu lesen. Da zieht an meinem Kabinenfenster ein Inselstreifen vorüber, der mit einer dicken Schneeschicht überzogen ist. Das muss Half Moon Island sein!

Plötzlich ist auch das Internet zurück, und ich beginne allen, die schon nachfragten, ob es mir in der vermeintlich turbulenten Drake Passage noch gut ging, zu vermelden, dass ich nun die Antarktis erreicht habe. ANTARKTIS! Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Wie kann man da nicht wohl auf sein? Ich starre aus durch das Fenster meiner warmen Kabine und kann es kaum erwarten, einen Fuß auf diesen Landstrich an der Brahnsfieldstraße zu setzen

Nachdem wir eine viertel Stunde vor uns hin schaukeln, entfernen wir uns ein wenig von dem Puderzuckerland in Sichelform, um zwischen Livingston und Greenwich Island zu ankern.

Plötzlich ist Stille und das ist vielleicht das beste Gefühl, die Antarktis zu umschreiben. Überall auf der Welt wird man abgelenkt, doch hier in der Eislandschaft ist alles so klar und minimal, reduziert auf das Wenige, das hier überleben kann.

Natürlich fällt es schwer, bei diesem Anblick Schlaf zu finden. Und so lasse ich den Vorhang auf, damit ich nichts verpasse. Vor dem Fenster zeichnen sich die Umrisse unseres ersten Antarktisziels ab, das zu den Südlichen Shetlandinseln zählt.

Die Antarktis reist nicht aus und doch kann ich es kaum erwarten, morgens um 6 Uhr müde auf das Außendeck zu torkeln. „Schlafen könnt ihr wann anders,“ meinte unsere Expeditionsleiterin Tessa, bevor wir die Antarktis erreichten. Fünf Tage werde ich wohl nun mehr oder minder schlaflos verbringen. Die Lider werden zufallen und doch ist der Geist hellwach, um die Bilder zu verarbeiten, die ich wohl nur einmal in meinem Leben so aufsaugen werde.

Als ich auf das Außendeck 6 gehe, sind es nur wenige Passagiere, die bereits den Ausblick genießen. Frische Luft schlägt mir entgegen, obwohl sie weniger kalt ist, als noch am Vorabend. Ich drehe immer wieder Runden, um einen Gesamtüberblick zu bekommen. Der Nebel lichtet sich etwas und gibt schemenhaft den Blick auf eine Schneemasse frei. Mäste und Häuser einer verlassenen Forschungsstation, deren Fassade eine argentinische Flagge schmückt, dienen als farblicher Anker.

Landgang auf Half Moon Island

Wer jetzt noch auf der Insel lebt, sind Pinguine. Und diesen sollen wir bei unserem Landgang auch gleich zahlreich begegnen. Ich nehme eines der ersten Zodiacs kurz nach 9 Uhr, um Half Moon Island zu erreichen. Am Strand warten bereits Zügelpinguine, die etwas unbeholfen durch das unwegsame Gelände watscheln. Der schwarze, schmale Streifen, der sich vom Hinterkopf über die Kehle zieht, sieht aus, als würden die Pinguine einen Helm tragen, der mit einem Riemen unter dem Kinn befestigt ist. Sie sind lustig anzusehen. Später mischen sich auch Eselspinguine unter die Zügelpinguine. Wir orientieren uns an den abgesteckten Pfaden, um möglichst wenig mit den Pinguin-Highways zu kollidieren, die sich überall in den Schnee einfurchen. Und doch kreuzt gleich auf der ersten Anhöhe eine mehrspurige „Straße“, auf der drei kleine, tapsige Zügelpinguine herunterwackeln. Bleibt man stehen, zeigen die behäbigen Meeresvögel neugieriges Interesse an den „Eindringlingen“. Manchmal kommen sie geradewegs auf einen zugestürzt, als würden sie einen freudig begrüßen. Dann wackeln, hüpfen, stolpern oder schlittern sie weiter.

Manch ein kleiner, fleißiger Schmutzfink passiert mit einem Stein im Schnabel meinen Weg. Aktuell ist Brutzeit und so schleppen gerade auch die Männer alles Mögliche für den Nestbau heran, um dem Weibchen zu imponieren. Besonders schön ist die Arbeitsteilung der Zügelpinguine – sie wechseln sich nämlich beim Brüten ab.

In unserem Briefing zum ersten Landgang hatte Tessa, unsere Expeditionsleiterin, bereits angekündigt: „Always mind the Flag!“ Sie weisen uns in dem unbewohnten Terrain der Antarktis den Weg und zeigen auch das Ende auf, wie zum Beispiel hinter dem ersten Hügel, den ich überquere. Hinter einem roten Fahnenkreuz fällt aus der Masse an kleinen Esels- und Zügelpinguinen ein besonders mächtiger Pinguin auf. Wir haben riesiges Glück und sehen einen Kaiserpinguin mit ausgestreckten Flügeln, der uns jedoch seinen Rücken zuwendet. Er ist in dieser Region nicht gewöhnlich.

Ich laufe am Strand mit seinem Granit- und Basaltgestein weiter und sehe die meisten Passagiere unseres Schiffes am Hang einer rutschigen Anhöhe auf- und absteigen. Das tun sie recht unsicher und oftmals sogar mit Gehstock. Was ist ihnen das einmalige Erlebnis mit Pinguinen wert, den Brutplatz auf dem Hügel über den rutschigen Hang zu erreichen? Manch ein Gast wird gar ungehalten, als man nicht schnell genug aus dem Weg geht. Stress erzeugt Stress. Und so frage ich mich, wie die brütenden Pinguine eigentlich den Besuch der Touristenmassen wegstecken. Sie tapsen den Hang etwas verunsichert hinauf, um die kleinen eckigen Granitsteine, die aus Frostsprengungen entstanden sind und am Strand liegen, zu den Nestern zu tragen. Ich erreiche den Brutplatz, als fast alle anderen Passagiere längst weitergezogen sind. Da ruft uns Dan, der Bord-Biologe, zu sich. Er zeigt uns inmitten der Zügelpinguinkolonie einen Pinguin mit verlängerten goldgelben Federn, die aus der Stirn wachsen. Ein einsamer Goldschopfpinguin (Makkaroni-Pinguin) wurde von der Pinguinkolonie vor sechs Jahren adoptiert. Seither lebt er als einziger seiner Art hier.

Kajakfahren in der Antarktis – ein eisiges Vergnügen

Mittags fahre für eine Stunde kurz zurück zum Schiff, um meine Kleidung zu wechseln und etwas Leichtes zu essen. Um 12.20 Uhr wird unsere Gruppe für das Kajakfahren ausgerufen. Sieben Doppelkajaks wollen nun eingekleidet, gebrieft und gefüllt werden. Es dauert gut eine Stunde, bis das eigentliche Abenteuer am gegenüberliegenden Ufer starten kann. Besonders das Ankleiden hat es in sich. In antarktisches Gewässer möchte sicherlich niemand fallen, doch wenn es passiert, sollten wir gut geschützt sein. Uns so sind wir dazu angehalten, nur in Unterwäsche zu erscheinen. Dem Wunsch kommen wir nach und stehen alle in langer Wollunterwäsche im Ankleideraum, wo wir weitere Schutzkleidung erhalten – wie z.B. einen Fleece-Strampler. Darüber ziehen wir einen seltsamen, hellblauen Astronautenanzug, der an allen Enden mit wasserdichten Latexbündchen abgedichtet ist. Abgedichtet gegen einfließendes Wasser, aber abgedichtet auch, um das Anziehen zu einer Tortur zu machen. Ich weiß nicht, wie viele Anläufe ich nehme, um endlich meinen Kopf durch den engen Latexring der Halsöffnung des Anzugs zu ziehen. Nachdem ich nach zahlreichen Versuchen schon fast an ein Ausschussexemplar glaube oder annehme, dass mein Kopf zu groß sei, schaffe ich es mit Hilfe der geübten Ankleidedamen doch noch. Doch der Anzug allein reicht nicht aus gegen antarktisches Gewässer um die 0 Grad. Wir suchen uns noch ein weiteres Paar Socken, Neoprenschuhe, nasse Neoprenhandschuhe und die Rettungsweste zusammen. Nur die Wahl der Kopfbedeckung bleibt uns überlassen. Mit dem Zodiac werden wir hinüber zur Landungsstelle gefahren, wo unsere Kajaks bereits bereit stehen. Es gibt noch eine kurze Einführung von Mads, dem Kajakguide, bevor wir um die Bucht paddeln.
Pinguine springen vor uns aus dem Wasser, Vögel kreisen über unseren Köpfen und wir bewegen unsere Paddel behutsam durch eine surreale Welt. Die See ist ruhiger als gedacht, doch die Rückfahrt soll welliger werden, warnt uns unser zweiter Kajakguide Maurice schon.

45 Minuten paddeln wir um die ausgefransten Uferzonen, sehen Pinguine am Strand stehen. Ein kleiner, leuchtender Eisberg, den wir umkreisen, ist sozusagen der Wendepunkt. Maurice hatte recht, der Rückweg erfordert tatsächlich mehr Muskelarbeit. Immer wieder schwappen die Wellen über unser Bug und stören den Rhythmus des Paddelschlags. Zudem kämpfe ich gegen die einfrierenden Finger in den nassen Handschuhen an und schlage sie immer wieder auf meine Beine. Durchgefroren erreichen wir ca. 16 Uhr wieder die MS Midnatsol. Mühevoll und zitternd streife ich den engen Anzug ab. Während ich mich noch mit einer heißen Suppe und Tee aufwärme, setzt sich das Schiff wieder in Bewegung und peilt die Antarktische Halbinsel an, auf der mit Brown Bluff unser nächster Stopp liegt.

Eisberge in Sicht und dann kommt der Alarm

Ruhepausen gibt es an diesem Tag wenige. Aber dafür ist eine solche Expedition auch nicht da. Sie ist keine Erholung oder gar Urlaub – sondern vielmehr eine Bildungsreise, die viel Aufnahmekapazität und eine gute körperliche Verfassung voraussetzt. Und so ist es nicht erstaunlich, dass man abends sehr müde ist. Gerade als ich mich nach dem Abendessen auf meine Kabine zurückziehe, knattert der Lautsprecher wieder. Kaum kündigt unsere Expeditionsleiterin Tessa einen wunderschönen Eisberg an, zieht dieser schon an meinem Fenster wie eine Fototapete vorbei. Schnell eile ich auf Deck 6, um seinen Anblick ungestört und ohne Scheibe zu genießen. Mit seinem kräftigen Zartblau setzt er einen optischen Anker in der nachtdunklen See. Gerade als ich erneut in meine Kabine auf Deck 4 zurückkehre, ertönt ein schriller Alarm aus dem Lautsprecher. Einen Moment verharre ich auf der Bettkante, um zu überlegen, was ich tun soll. Am ersten Tag noch vor Auslaufen aus dem Hafen in Punta Arenas haben wir ein kleines Sicherheitstraining absolviert. Doch in Gedanken schließt man das Eintreten eines solchen Falls völlig aus. Und dann erstarrt man plötzlich und denkt sich, irgendwie kann das alles nicht sein. Eben ein Eisberg, dann ein Alarm. Bilder der Titanic lassen grüßen. Bis des Rätsels Lösung kurz darauf dreimal durch die Lautsprecher schallt: Falscher Alarm! Dennoch, ein Schreckmoment bleibt, der aber mit einer Kette an einzigartigen Augenblicken bald wieder in den Schatten von Pinguinbildern und ewigem Eis tritt.
Die Reinheit der Antarktis wirkt wie ein Staubsauger.

In Kürze findet ihr hier im Blog noch mehr Berichte, Geschichten und Eindrücke von meiner Reise in die Antarktis und den chilenischen Fjorden!
PS: Meine Reise auf den Social-Media-Kanälen:
#hurtigruten &
#flaggesetzen &
#allesaufa

Mehr zu unserer Reise findet ihr auch hier:

Lektüre zur Antarktis:

Ich wurde von Hurtigruten zu dieser Recherchereise in die Antarktis eingeladen. Alle Ansichten sind meine eigenen.

Das Abenteuer beginnt jetzt!

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für deine tollen Eindrücke, dank deines Schreibstils fühlt man sich ein wenig als ob man dabei gewesen wäre. Ich habe auch schon gehört, dass sie Antarktis immer beliebter als Reiseziel wird und dies sicherlich auch Auswirkungen auf die Pinguine haben wird. Schade, dass selbst dort einige Touristen stressen.

    Ich hätte auf jeden Fall auch Lust auf solch eine Reise und habe meinem Freund schon zugerufen, dass wir unbedingt mal ein Kreuzfahrt in die Antarktis machen müssen. Aber ich glaube, ich würde nicht in so einem kleinen Kajak sitzen wollen. Davor hätte ich dann doch zu viel Angst.

    Weißt du was die ungefährte Lufttemperatur in der Antarktis war?

    LG Myriam

    PS: Noch mal vielen Dank für die Postkarte. Sie hat einen Ehrenplatz auf dem Schreibtisch erhalten. :)

    • Liebe Myriam, ganz lieben Dank für Dein tolles Feedback! Die Kajakfahrt macht total Spaß – mein einziges Problem waren die kalten Finger und mein Kampf mit diesem seltsamen Latexanzug. Die Lufttemperatur liegt in den Sommermonaten um die 0 Grad tagsüber. Es war sehr angenehm und wenn die Sonne rauskommt, ist es schon warm 😉
      Viele Grüße, Madlen

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