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In der Medina

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Die Muezzingesänge wecken uns gegen 5 Uhr morgens. Dominanter als die arabische Romantik sind jedoch die intensiven Vogelgesänge. Die zwei Stunden Zeitverschiebung tun ihr übriges, mich früh genug aufstehen zu lassen. Der Hof erwacht sowieso gegen 7 Uhr. Wir lassen es uns im Hof und auf der Dachterrasse gutgehen, bevor wir durch die Souks gen Place Djamaa al-Fna starten. Man lässt sich treiben und wird getrieben zum Hauptplatz des Ortes. Wer sich verläuft ist selber schuld, verliert sich vielleicht zu sehr in eigenen Verhandlungsgeschicken und ehe er sich versieht, hat er die Orientierung verloren.

Heute steht das übliche Touristenprogramm auf dem Plan. Wir gehen in die südliche Medina und zunächst verlieren wir die sonst so zahlreichen vorhandenen Touristen aus den Augen. Die Ecke wird dubioser, in Lateinamerika schon längst zu dubios, um sie offenherzig mit Fotoapparat gewappnet und Geld in der Tasche zu durchschreiten. Aber hier trifft man ein paar Ecken weiter am Bab Agnaou – dem wohl schönsten Tor der Stadtmauer – oder den Saadiergräbern die europäischen Besucher wieder.

Der Ansturm ist verhalten verglichen zu unserem österlichen Ausflug nach Prag. Auch hört man so gut wie kaum deutsch. Französisch dominiert hier alles, auch aus touristischer Sicht. Nach der Besichtigung der Saadier Gräbern relaxen wir auf einer Dachterrasse mit bestem Blick auf die Storchnester und die Mauern der Gräber. Gestärkt geht es dann weiter zum Palast (Palais el Badi) oder was davon übrig blieb. Denn nahezu alles ist zerstört und bleibt für 1 EUR Deiner Phantasie überlassen. Ich tue mich mit solchen Dingen schwer. Die Störche auf den verbliebenen Mauern sind das einzige Highlight. Um wie viel würde sich das Kapital erhöhen, wäre der Palast nicht zerstört und abgetragen in eine andere Stadt (Meknès) und dafür wohl erhalten wie sein andalusisches Vorbild? Einen weiteren Euro lassen wir im Minbar Kutubiya – einem überdimensionierten Sessel – einem geschnitzten Thron. Das Gelände wieder verlassen laufen wir ostwärts noch einmal am Gemäuer entlang, wo uns ein Parkplatzwächter aufgabelt und uns glatt durch ein Tor zu einem Hammam lotst, wo heute angeblich ein jüdischer Markt sei. Und wir sind so lucky, denn nur heute ist der Markt. Und er zeigt uns den Weg umsonst, weil er ist ja Parkplatzwächter, er hat es nicht auf Touristen abgesehen. Aber wenn schon Touristen in diese Gegend kommen, da freut er sich, ihnen das jüdische Viertel zu zeigen. Die Gassen sind noch ein bisschen mehr spooky als in der Medina rund um den Hauptplatz. Nach drei Ecken abbiegen und stetigem beteuern, wir hätten es gleich geschafft, war es uns zu mulmig. Ich bin so versaut, traue keinem Menschen, auch nicht, wenn er es gut mit uns meint. Der Blick stets auf die Hüftgegend gerichtet, wann wird die Waffe gezogen. Es ist absurd, wie offen die Touristen in diesem Land mit ihren Wertsachen hausieren, wo man woanders alles mögliche versteckt.

Nach dem jüdischen Viertel schauen wir uns mein heutiges optisches Highlight an – den Bahia Palast, der tatsächlich der Alhambra etwas ähnelt. Auf dem Rückweg, der Zitoun Djedid entlang, versagen wir im Verhandeln eines Teesetpreises. Handmade, good quality – wer soll das denn überprüfen. Und weil Geld nicht alles ist und Lars mit mir schon so happy ist, können wir eben mal gern 30 EUR blechen. Ich werde bleicher und bleicher während der Verkäufer mich mit Komplimenten überschüttet und würge mir meine gesamte Übelkeit herunter, die mich just in diesem Augenblick überfällt. Wir retten uns auf die nächste Dachterrasse, auf der mein Magen und mein Kopf Ruhe finden. Den restlichen Tag verbringen wir zunächst auf dem Dach unseres Riads. Lars ist das dritte Mal in Marakkesch, doch wenn ich ihn frage, ob er das alles schon gesehen hat, sagt er, er hätte sonst immer nur auf den Dachterrassen abgehangen. Ist natürlich auch schön, aber ich hoffe, wenigstens nach diesem dritten Mal kann er sich an die Sehenswürdigkeiten erinnern.

Zum Sonnenuntergang und den erneuten Rufen der Muezzins, suchen wir wieder die Stadtmitte auf. Verlieren uns auf dem Weg in den Gassen der Medina, während ich vom Aushandeln guter Preise schon etwas genervt bin. Schuhe, Tücher – alles verfliest vor meinen Augen zu einem einzigen Brei. Billig ist anders. Aber wieder alles handmade! Naja, Tücher bekomme ich in Deutschland wahrlich für unter 20 EUR. Froh bin ich, als wir wieder den Place Djamaa al-Fna erreichen. Hier essen wir dieses Mal auf dem Marktplatz, auf dem inzwischen wie jeden Abend zahlreiche nummerierte Gar- und Frittierbuden errichtet sind, die köstliche Speisen anbieten.

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