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Thassos – Wanderungen zu verlassenen Orten und auf den höchsten Gipfel

Ipsarion, Thassos

Der Wind pfeift über die hügelige Landschaft, als wir den Kleinbus im zweitältesten Dorf von Thassos, Theodologos, verlassen. Es soll noch eine halbe Stunde dauern bis wir unser Ziel auf einem 500 m hohen Hochplateau erspähen. Ein paar Behausungen aus Stein fügen sich dezent in die Umgebung ein. Das abgelegene Kastro ist das älteste Dorf der Insel und größtenteils unbewohnt. Der mittelalterliche Ort auf der Anhöhe wurde während der Jahrhunderte andauernden Pirateneinfälle für die Bevölkerung aus den küstennahen Ansiedlungen zu einem Zufluchtsort im Inselinneren. Der Witterung war man hier oben dennoch gnadenlos ausgeliefert. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kehrten die Bewohner an die südliche Küste der Insel zurück und gründeten die Ortschaften Kalyvia und Limenaria.

Thassos, Kastro Thassos, Kastro

Von Theologos in das unbewohnte Dorf Kastro

In der ersten halben Stunde sind wir dem tobenden Sturm gnadenlos ausgesetzt. Nur wenige Bäume bieten auf diesem Erdweg Schutz. Nach einer kurzen Pause führt uns der Weg bergab durch Wälder, die die kräftige Brise bremsen. Nach einer halben Stunde erreichen wir ein ausgetrocknetes Flussbett. An diesem wandern wir im Schutz der riesigen, knorrigen Platanen entlang. Jede Verästelung der alten Bäume steckt voller Geschichten, jede Form bietet Raum für Interpretation. Es fühlt sich an, als wäre dieser Ort nicht auf dieser Welt, als wähnte ich mich in einem Märchen. Zwei Stunden nach unserem Start erreichen wir den Wasserfall Apostolus, und kurz darauf erfreuen wir uns an dem Rauschen eines weiteren Wasserfalls. Oranges Laub schmückt den zauberhaften Wald, glasklares Wasser füllt das trockene Flussbett. Felsbrocken zieren das Tal, über mir rauschen die Wipfel.

Thassos, KastroThassos, KastroThassos, Kastro

Noch eine Stunde benötigen wir mit einem gemäßigten Anstieg auf den verbleibenden 4,5 km. Zwei Autos mit bulgarischen Kennzeichen tasten sich vorsichtig diesen unbefestigten Weg herab, wie weit sie es wohl schaffen, würde mich interessieren. Das Gebeinhaus, die Kapelle und der Friedhof von Kastro sind schon von Weitem sichtbar – windumweht auf einem Vorsprung. Ich setze mich am Rand der Felswand nieder und überschaue das Tal. Das Meer lässt sich von hier nur erahnen. Die Anziehungskraft der Strände kann Kastro nicht bieten, dafür gibt dieser Ort einem das berauschende Gefühl der Einsamkeit – auf eine wohltuende Art.

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Nach so viel Abgeschiedenheit kehre ich zu meiner Wandergruppe zurück. Diese sitzt bereits auf der Terrasse des belebtesten Orts in Kastro. Bei Kosta, dem schrägen und humorvollen Wirt, finde ich auch meinen Platz, um die Delikatessen des Hauses zu kosten. Vieles hier ist selbstgemacht. Erheiternd sind für viele auch seine Scherze und Spiele. Die Mehrzahl der Gäste auf der einladenden Tavernen-Terrasse spricht deutsch. Kosta tut es ihnen gleich, er hat ja schließlich viele Jahre in Bremen gelebt. Zum Unterhaltungsprogramm gehört auch ein Besuch der 600 Jahre alten Kirche, die sich gleich neben der Taverne befindet. Kosta verwaltet den Schlüssel und gewährt uns einen Blick ins Kircheninnere, bevor wir uns auf den Rückweg begeben.

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Hoch hinauf – meine Ipsarion Besteigung

Ähnlich verschlafen, aber durchaus bewohnt, ist auch das kleine Dorf Potamia, als wir an einem anderen Tag unsere Wanderung auf den höchsten Berg von Thassos morgens um 9 Uhr beginnen. Die Füße tragen uns zunächst am plätschernden Wasser eines Baches vorbei. Imkerkästen stehen in bunten Farben links und rechts auf den Wiesen am Wegesrand. An einem Brunnen, um dessen Strahl sich Bienen tümmeln, füllen wir unsere Wasserflaschen auf. Auf Thassos kann man überall das gute Trinkwasser der Gebirgsbäche genießen.

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Der Weg führt uns allmählich unter dem schützenden Dach von Bäumen das erste Stück hinauf. Nach 40 Minuten öffnet sich der freie Blick auf die Bergrücken. Doch die schattenspendenden Bäume werden weniger, dafür schlängelt sich der Pfad nun über Geröll steiler hinauf. Je höher ich steige, desto steiniger und karger wird die Landschaft. Für die Mühen und den steilen Anstieg belohnen die Ausblicke auf die Küste, auf die Insel Samothraki und das Festland. Meine Schritte folgen dem Rhythmus der Melodie, die mir längst die Natur vorgibt. Ich habe die Gruppe hinter mir gelassen, genieße das leichte Rauschen des Windes allein. Meditativ wirkt jeder Schritt, berauschend Ausblick und Akustik.

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Nach einer weiteren Stunde erreiche ich eine Hütte. Mein Blick schweift in die Ferne über das blaue Meer, das mit dem Horizont verschwimmt und in ein Zartblau übergeht. Das Grün der smaragdfarbenen Insel wird von roten Dächern durchbrochen. Wespen surren, zeichnen mit ihren Körpern Spuren von unsichtbaren Autobahnen in die Luft. Ein Ziegenbock gibt dem Setting die einzigen lebendigen Laute, bis meine Gruppe 30 min nach meiner Ankunft zu mir stößt. Noch ein kleines Stück ist zu gehen, doch dieses führt erneut durch unwegsames Gelände und Geröll steil hinauf.

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In Schichten türmt sich der Bergkamm vor mir auf, in nordöstliche Richtung fällt der Ipsarion mit schroffen Felswänden zum Dorf Potamia ab. Gneis bettet sich auf dem edlen Marmor. Noch ein letztes steiles Stück geht es aufwärts. Die Steine und das Geröll erschweren den Gang. Die Ruhe von dem Platz an der Hütte finde ich auf dem 1206m hohen Gipfel bei meiner Ankunft nicht vor. Zu spät hatte ich bemerkt, dass der Ipsarion auch im Rahmen von Berg-Jeep-Touren angesteuert wird, eine Straße reicht fast bis auf den Gipfel. Somit sehen wir viele frische Menschen in Foto-Pose auf dem Berg. In einem Bikini-Outfit stellt sich eine junge Dame am Rand des Abhangs zur Schau, die Jagd nach dem besonderen Schuss ist wichtiger als die körperliche Betätigung. Die Arbeit am Berg wird nicht immer mit Ruhe belohnt, daran muss ich mich ebenso gewöhnen.

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Als ich mich an den Rand setze, um das Panorama auf mich wirken zu lassen, und die mich umgebenden Stimmen wegzudimmen, verschwinden die Touristen wieder mit ihren Autos. Zurück bleibt unsere Gruppe. Unser Blick folgt der Hand unseres Guides Chrisula gen Westen. Ganz fein ist dort die Silhouette des Heiligen Bergs Athos, der aus dem aufsteigenden Dunst über dem Meer schaut, in den Horizont gezeichnet. Ganz filigran legen sich die Schaumkronen auf die See. Von oben sieht doch immer alles ganz anders aus, zu Weitsicht kann man nicht am Strand gelangen. Thassos einmal mit Auto auf der 100 km langen Küstenstraße umrunden ist die eine Sache, Thassos einmal von oben bewundern, die andere. Und diese sollte man sich nicht entgehen lassen.

Was man sonst noch wissen sollte?

Wanderung Theologos nach Kastro:

Dauer: 3 Stunden
Entfernung: ca. 6 km
Anspruch: am Anfang leichte Steigung, dann bergab und eben, letzte Stunde steilerer Anstieg.
Die Strecke führt größtenteils durch den Wald.

Besteigung des Ipsarion von Potamia:

Dauer: 5-6 Stunden
Entfernung: ca. 16 km
Anspruch: relativ anstrengend, da immer bergauf, wenig Schatten.

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Der Beitrag entstand im Rahmen einer Reise mit Weltweitwandern. Meine Meinung bleibt dabei unberührt. 

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