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Wo die Welle alles ist – Surfen in El Tunco

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Graue Wolken liegen über den Bergen, als wir an diesem Morgen die Küste des Pazifiks erreichen. Wasser ist Wasser, sag ich mir, und sehe meinem ersten Mal auf dem Brett noch hoffnungsvoll entgegen. Dass das Wasser gleich auch von oben kommen würde, ist die eine Sache. Dass Welle jedoch nicht gleich Welle ist, die andere. Der skeptische Blick des Surflehrers Juan Carlos verrät, heute wird das nichts mit mir und den Wellen. Worüber sich Surfer sonst freuen, wird zu meinem Hindernis – „zu hohe“ Wellen.

Die Sache wird auf den nächsten Tag verschoben. Gegen Wellengucken habe ich auch nichts einzuwenden. Wie lange war ich schon nicht mehr am Meer? Ich meine, nicht ruhiges Gewässer sondern Meeresrauschen, das seine Umgebung tonal fest im Griff hat. Meeresgeräusche die alles andere übertönen, selbst die Musik der Hostelbar? Ich starre auf den Ozean, der mit dem Himmel eins wird. Nach dem tropischen Regenschauer sind Meer und Himmel verschwommen – in ein einziges Grau. Vor meinem Balkon ist die rote Fahne gehisst. Immer wieder läuft ein Tourist mit farbigem Brett unterm Arm den steinigen Strand entlang. Das ist schon so ziemlich alles, was hier passiert. Das Warten auf die perfekte Welle, die Ruhe vor dem Sturm.

Strand in der Nähe von La Libertad

Strand in der Nähe von La Libertad

Aus Pool und Meer wird eins

Aus Pool und Meer wird eins

An der Mündung des El Tunco

An der Mündung des El Tunco

Unterwegs in El Tunco

Unterwegs in El Tunco

Am späten Nachmittag werden die Surfer nervöser. Ich folge ihnen am steinigen Strand. Dort, wo der El Tunco Fluss in den Pazifik mündet, werfen Männer ihre Netze aus. An beiden Seiten des Flusses spielen Jungs Fussball. Sie sind bis zum Kopf mit Schlamm bedeckt, den sie im Anschluss an ihr Spiel in den Wellen des Pazifiks abwaschen. Vor der Mündung liegt ein Fels im Meer, das Schwein nennt man ihn. Dahinter sieht man viele kleine bunte Punkte, die sich wild paddelnd an jede Welle schmiegen. Ich laufe noch ein Stück weiter, der untergehenden Sonne entgegen. Sehnsuchtsblicke auf das Wasser gerichtet, man sitzt am Strand und schaut einfach nur. Kaum einer, der nicht braun gebrannt und mit einer Superfigur ausgestattet ist. Nach El Tunco kommt man nur zum Surfen. Baden tut man hier weniger. Auch die kleine Straße weg vom Strand ist in fester Surferhand. Surfshops, Surf-Hostels, Bars und Kneipen mit Special Surfer Drinks. Nur bin ich weniger eine Wellen- statt Websurferin.

Am nächsten Morgen fällt gleich um 6 Uhr mein Blick vom Bett aus auf die Oberfläche des Ozeans. Das wellt sich so sehr, dass Wellenreiten seinen Namen verdient hat. Nur ob ich diese Wellen heute reiten darf, ist noch ungewiss.

Drei Stunden später, dort wo der Tunco-Fluss in das Meer mündet.

„Nimm die Beine weiter auseinander!“ Während ich mein Oberteil zurechtzupfe, nicke ich schuldbewusst in Juan Carlos’ Richtung. Natürlich muss ich die Beine auseinander nehmen. Nur was vorhin noch am Strand so easy, aber schräg ausgesehen hatte, entpuppt sich als größeres Problem. Wie ein kleiner Krabbelkäfer paddelte ich da noch wild im Sand, während ich mit einer yogatesken Kraft meinen Körper in die Höhe schob. Jetzt weiss ich auch, wofür die engen Liegestütze gut sind. Nicht mein Ding, dachte ich da schon, als mich Passanten mitleidig ansahen.

Juan Carlos – Mein Surflehrer

Juan Carlos – Mein Surflehrer

Sprung ins Wasser

Sprung ins Wasser

Dieses Mal klappt es

Dieses Mal klappt es

Einer meiner wackeligeren Stehversuche

Einer meiner wackeligeren Stehversuche

Doch als mich Carlos zum dritten Mal behutsam über die Wellen schiebt, um mich in Position zu bringen, weiss ich, jetzt kann das was werden. „Nicht diese, die Nächste nimmst Du.“ Meine Hände greifen in Hüfthöhe das Brett. „Rutsch noch weiter nach unten. – and go!“ Wie soll man sich denn da noch konzentrieren. Denke an den Krieger, Yogaerfahrung kann hier echt helfen. Wieder plumps, kaum bin ich oben, bin ich auch schon im Wasser. Carlos nickt gelangweilt, aber doch höflich und zeigt den Daumen nach oben. „Better.“ Überhaupt, ist das fast alles was er neben der Beinespreiznummer zu mir sagt.

Auf dem Weg zurück schaue ich mich um. Inzwischen bin ich nicht mehr die einzige Anfängerin im seichten Wasser. Während draußen die Profis auf ihren Brettern stehen, wird noch eine Handvoll anderer Mädels durch das Wasser geschoben. Die Surfklassen sind eindeutig etwas für Mädchen, Jungs gehen lieber einfach aufs Brett und probieren aus. Ich frage mich, was ich hier eigentlich tue, mit meinen fast 40 Lenzen. Zugegeben, ich wollte schon immer Surfen lernen, doch irgendwann ist der Zeitpunkt einfach vorbei. „Go“ höre ich da von hinten, und ich stemme mich auf, angespornt von den jungen Girls um mich herum, die es alle länger auf dem Brett gehalten hat. Ich erinnere mich, die Sache ruhig anzugehen, erst die Kraft in die Arme legen, dann das rechte Bein zum Froschschenkel anwinkeln und dann vorsichtig das linke Bein nach vorn bewegen. Ich merke plötzlich wie die Welle mich ergreift. Ich bin drauf und halte mich, 1, 2, 3 Sekunden länger als sonst. Ich schaue mich um, selbst der sonst so entspannt dreinschauende Juan Carlos gestikuliert in seiner Begeisterung plötzlich wild. „Siehste, wenn Du die Beine weiter auseinander machst, klappt das auch mit der Balance.“ Die innere Balance und Befriedigung habe ich endlich gefunden. Ein kleines Lächeln geht mir über die Lippen, ein Surfergirl werde ich in diesem Leben nicht mehr, aber manchmal reicht es schon zu wissen, dass man es kann.

El Tunco am Abend

El Tunco am Abend

Mein Surfbrett

Mein Surfbrett

Eine Familie am Strand

Eine Familie am Strand

Das Schwein

Das Schwein

* Ganz lieben Dank für die fotografische Unterstützung an Claudi, die eine Stunde beharrlich auf das Wasser schaute, um mich stehend auf dem Brett abzulichten. Das nenne ich mal Ausdauer! Bei ihr findet Ihr demnächst übrigens noch bessere und tollere Surfbilder.

Verfolgt die Reise auf Instagram unter #purlatinfever

Ich wurde von Visit Centroamérica eingeladen. Alle Ansichten sind meine eigenen.

10 Kommentare

  1. Juan Carlos ist der typische Surflehrer 😀
    Ich liebe es wenn aus Pool und Meer eins wird. Das sieht nicht nur schön aus, ist auch einfach ein tolles Erlebnis.

  2. Hihi wie cool! Mir ging es beim ersten Versuch ähnlich wie dir, war mehr unter Wasser als aufm Brett. 😉 Und nach einer Woche Surfkurs (in Portugal) hatte ich Muskelkater an Stellen wo ich gar nicht wusste, dass ich dort Muskeln habe. Aber es macht Spaß! Will ich auch noch mal probieren beim nächsten Wasser-Urlaub (oder Windsurfen auf’m Müggelsee). :)

    • 1 Woche Zeit hätte ich auch gern gehabt, liebe Mandy. Dann hätte das bestimmt mit mir und dem Brett länger als 3 Sekunden geklappt. Bin ganz optimistisch. LG, Madlen

  3. Uiuiuiuiui, Madlen! Supercool! Mit dem Bildercontent hättste aber ruhig mal ne reißerischere Überschrift nehmen können. Warte Mal, ich übernehm das mal für Dich… 😀

    • Reißerische Inhalte verpacke ich gern harmlos. Aber danke, liebe Inka, fürs Übernehmen. LG, Madlen

  4. Großartig! Und irgendwann dann mit GoPro-Bildern vom Surfbrett aus! :)
    Es gibt viele, die in Holland surfen lernen, auf den sog. Randmeren (die eigentlich Seen sind…). Soll perfekt zum surfen lernen sein, da schön flach und nicht so hohe Wellen. Aber ob die Surflehrer dort mit Juan Carlos mithalten können, bezweifle ich dann doch etwas.

    • Oh, an Holland habe ich ja noch gar nicht beim Thema Surfen gedacht. Wäre aber eine Möglichkeit, um mein erlerntes Wissen zu vertiefen, liebe Kristine. Aber Juan Carlos, nunja, den erwarte ich dort wirklich nicht. LG, Madlen

    • Danke, liebe Nicole. Ich bin bei solchen Sachen hartnäckig. Schlucke dann lieber Wasser als gleich hinzuschmeißen. LG, Madlen

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