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Yasuni Nationalpark – Wie hoch ist der Preis für Leben?

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Der morgendliche Verkehr in Quito Richtung Flughafen ist zäh. Müde starre ich auf das Auto, dem wir nun seit einer viertel Stunde hinterher fahren. Plötzlich fällt mein Blick auf einen Aufkleber neben dem Nummernschild, der ungefähr soviel aussagt wie „Yasuni – wo Demokratie versagt“. Ist es Zufall, dass ich in der Millionenstadt just auf meinem Weg in den ecuadorianischen Urwald diesen kleinen zivilen Aufschrei entdecke. Eine kleine Stimme im Kampf gegen Große, in dem jeder eigentlich weiß, auf wessen Seite er zu sein hat.

Yasuni ist das beste Beispiel für die Frage, wem gehört die Natur? Wie viel ist uns die Natur wert? Und können wir einem Land aufoktroyieren, seine Ressourcen nicht auszuschöpfen, um Profit daraus zu schlagen, um den Fortschritt und das Wohl der Mehrheit der eigenen Bevölkerung zu sichern, während unsere Nationen Jahrhunderte ungehindert die Umwelt zerstörten? Erdölförderung im Yasuni Nationalpark – ja oder nein?

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Eine halbe Stunde nachdem unser Flieger gestartet ist, öffnet sich durch die fast geschlossene Wolkendecke ein grünes Meer, durch das sich eine paar Flüsse schlängeln. Das Blätterdach ist nicht dicht, es ist löchrig. Siedlungen und Schneisen, in denen man Felder sieht. Automatisch drängt sich der Vergleich mit der Landung im kolumbianischen Leticia auf.

Unser Guide, den wir am Flughafen treffen, nimmt kein Blatt vor den Mund. Noch bevor wir unser Boot am Hafen besteigen, klärt er uns über die vierstündige Fahrt in unsere Lodge im Napo Wildlife Center auf. Wir werden Ölförderungsanlagen auf dem Weg passieren. Flammen schießen tatsächlich nur eine Stunde, nachdem wir das Boot bestiegen haben, in den Himmel. Jede Nacht werden Millionen von Insekten hier vernichtet, Insekten, die auch noch unerforscht sind. Man muss kein Insektenfreund sein, um zu wissen, was dies für Auswirkungen auf das Ökosystem hat. Wer in den Yasuni Nationalpark kommt, weiß um die ökologische und ökonomische Brisanz.

Denn unter der Erde des Yasuni Nationalparks schlummert ein Schatz, der besser monetarisiert werden kann, als jegliche Natur – Erdöl. Der ecuadorianische Präsident Rafael Correa bot 2007 der Weltgemeinschaft an, das Öl nicht zu fördern – doch die Nichtförderung hat einen Preis. Gegen Kompensationszahlen in Höhe von mindestens der Hälfte des zu erwartenden Umsatz aus den geschätzten 850 Millionen Barrel Öl soll das Erdölvorkommen des ITT-Feldes in der nordöstlichen Ecke des Yasuní Nationalparks für immer unangetastet bleiben. Die Weltgemeinschaft zeigte sich nicht erpressbar.

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Lastenkähne ziehen jetzt schon auf dem Napo Fluss an uns vorbei. Maschinen der Ölgesellschaften stehen an den Ufern während Gasfackeln in den Himmel ragen. Es ist der ermahnende Zeigefinger, es ist die vermeintliche Vernunft, die uns das Entsetzen in die Gesichter schreibt. Und wieder ist es eine Diskussion, der man so machtlos gegenübersteht, wenn argumentiert wird, dass man das Recht hat, seine eigenen natürlichen Bodenschätze erschließen zu dürfen, wie es alle anderen Länder der Welt auch tun oder in der Vergangenheit taten, ohne eine Einmischung von außen zu wiederfahren. „Wir können doch keine Bettler sein, die auf einem Sack Gold sitzen.“ sagt der ecuadorianische Präsident. Diese Diskussion höre ich nicht zum ersten Mal, in Brasilien argumentiert man ähnlich.

Fast mutet das letzte Stück zu unserer Lodge einer anderen Zeit an. Einer Zeit, als das Erdöl noch unter dem Boden schlummerte. Kein Motorengeräusch stört die Idylle auf dem letzten Stück, dass man durchpaddeln muss. Es ist ein geschütztes Gebiet innerhalb des eigentlich geschützten Gebiets des Yasuni Nationalpark. Doch Tiere kennen keine Grenzen. Das System wird unwiderruflich gestört und zerstört, auch wenn man immer nur kleine Teilbereiche für die Förderung absteckt. Es geht hier „nur“ um den Teil  Ishpingo, Tambococha und Tiputini in der Grenzregion und dennoch im Hinblick auf die bisherigen Eingriffe doch um so viel mehr. Ab 2016 wird  nun gebohrt.

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Seit Tagen sind die Papageie nicht mehr an ihre Lehmstelle zur Aufnahme der Mineralien erschienen. Irgendetwas hindert sie. Wahrscheinlich irgendwelche Tiere, die sie verschreckt haben. Doch in meinem Kopf schwirrt gleich der Gedanke mit, wenn sie sich schon an einem Tier stören, wie stören sie sich an Baulärm, Förderanlagen und Menschenhandeln?

Die Kichwagemeinde, die das Napo Wildlife Center betreibt, klärt auf über Kultur und Lebensraum. Und leise schwingt in den Tönen mit, wie wichtig der Tourismus sei. Eine letzte kleine Hoffnung? Wo Bagger stehen, kommt kein Tourist mehr hin. Wo Touristen hinkommen, sollten keine Bagger stehen. Auch wenn das Gebiet um das Napo Wildlife Center nicht direkt betroffen ist, weiss man, Yasuni ist überall. Wie man es auch dreht, am Ende siegt doch der Stärkere.

 

6 Kommentare

  1. Das ist so ein komplexes Thema. Traurig und doch brutal logisch: Wer ein Auto fährt, wer ein Flugzeug besteigt, wer einen Computer, ein Smartphone nutzt, wer Verpacktes einkauft, wer Kleidung aus Mischgeweben trägt oder Sport treibt, wer online shoppt oder Medikamente einnimmt, wer Campen geht, wer Strom verbraucht und seine Wohnung heizt, wer Waschmittel benutzt …. Da stecken wir alle drin. Der eine mehr, der andere weniger, weil er ein Produkt resourcenschonend ersetzt. Aber darauf kommt es gar nicht an. Wir stecken alle drin. Und letztendlich geht es einzig und allein um unseren Komfort. Trotzdem bin ich ja der festen Überzeugung, dass jeder (s)einen kleinen Teil dazu beitragen kann, das Rad ein Stück weit zurückzudrehen. Ein guter Bericht, der hoffentlich von vielen gelesen wird! Jutta

  2. Ohje, noch so eine traurige Geschichte, wie man sie ja leider so oft in der Welt findet. Aber gut, dass man so mal davon erfährt.

    • Interessant war hier nur, das man anders, als an anderen touristischen Orten, uns auch gleich in die Problematik einbezogen hatte. Aber sie wussten ohnehin, dass jeder, der hierhin reist, darüber Bescheid weiss und sowieso fragen würde. LG, Madlen

  3. Das ist ein wirklich trauriges Thema. Ich versuche meinen kleinen Beitrag zur Welt zu leisten, aber der ist eben nur klein.

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