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Abschied vom Iran

Iran

Ein letztes Mal lege ich das Kopftuch über meine Haare, streife die Ärmel meiner Tunika über mein Handgelenk. Dann steige ich mit den mittäglichen Rufen des Muezzins in das Auto, das mich zum Flughafen bringt. Die Klänge berühren und rühren zugleich. Trotzdem habe ich keine Tränen in den Augen, weil ich mit Sicherheit weiß, dass ich wiederkommen werde.

Ich schweige, wie ich es oft auf meiner letzten Fahrt tue, weil der Anfangsgedanke meiner Geschichten oft in den Abschiedsmomenten entsteht, der das Hier und Jetzt in die Vergangenheit katapultiert.

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Eine unterhaltsame Fahrt zum Flughafen

Ich lasse die Fassaden der Großstadt, die häufig mit einem Bild des Ayatollah Khomeini und Khamenei-Konterfei geziert sind, an mir vorüberziehen. Flaggen wehen theatralisch. Selten sah ich im Iran eine Fahne lasch am Pfosten hängen. Als wehte in der Höhe eine versteckte Windmaschine über das Land, in dessen Straßen es sonst windstill ist. Ist das alles real? Oder doch nur ein Film, der sich in meinem Kopf abspielt. Vielleicht, weil ich es selbst nicht fassen kann.

Vor mir sitzt ein hipper, gutaussehender junger Mann, der überall auf der Welt in einer Großstadt zu Hause sein könnte. Er hatte mir angeboten, mich zum Flughafen zu fahren. Ich spüre, dass er auf den Anfang eines Gesprächs wartet. Doch ich tue mich schwer. Dabei hätte ich noch so viele Fragen, die ich mich in den letzten Tagen zu stellen nicht getraut hatte.

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Doch zu sehr bin ich in meiner Gedankenwelt versunken. Dann fällt mein Blick auf einen Aufkleber am Handschuhfach „Support your local Antifa, do not move to Berlin“ und ich quiekse lachend heraus: „Wer hat Dir denn den dahin geklebt?“ Er lacht und möchte die Bedeutung von mir wissen. Ich erkläre ihm die Antifa, dehne das Gepräch aus auf Themen wie Gentrifizierung, internationaler Attraktivität von Berlin, und er meint, er möchte auch gern nach Berlin. Freund und Freundin sind schon dort. Dieser Sehnsucht vermag ich nichts entgegenzusetzen, verheisst meine Heimatstadt doch komplett den Gegenentwurf zu dem Bild, das wir vom Iran haben – maximale Freiheit und Individualität.

Wir tauschen uns über Technoclubs aus, weiten das Gespräch auf DJs und die Preisliste für Drogen aus. Dabei lerne ich, im Iran ist alles zu haben, bewegt man sich in den richtigen Kreisen. Wäre er eine Frau, würde ich mich wohl über Frauenrechte unterhalten. Doch ich merke, wir haben in der Feierkultur unser Thema gefunden, und wenn wir über illegale Partys sprechen, die meine 90er noch geprägt hatten, merke ich, was Illegalität für ihn eigentlich bedeutet. Es ist kein Geheimnis, das das Zuhause zum Club umgewandelt wird. Es ist kein Geheimnis, wie man das Illegale legal macht. Es hat eben alles auf der Welt seinen Preis – ob Ort, Mensch oder das Vergnügen.

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Es hat sich eine Parallelgesellschaft etabliert, in der alles möglich zu sein scheint wie auch in der westlichen Welt. Einen kurzen Moment keimt in mir der Gedanke auf, die DDR war Iran light. Die Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Raum sind hier alltagsbestimmend. Der Tschador nimmt die Form eines Deckmantels an.

Wir unterhalten uns über Trump, deutsche Politik und ein bisschen über das Leben. Es bleibt keine Zeit, einen zusammenfassenden Gedanken über Land und Leute während der einstündigen Fahrt zum Flughafen zu bilden, zu verschieden, nicht als ein Ganzes greifbar sind diese.

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Mein letzter Tag in Teheran

Ich verbrachte meinen letzten Tag in Teheran  im Norden. Eine Gegend, die noch mehr unterstreicht, wie sehr sie auch anderswo den Teil einer Stadt bilden könnte. Es ist ein sonniger Tag, den ich im Honar Mandaan Park verbringe. Jugendliche treiben Sport, neben ihnen ertönt Musik aus dem Recorder, Liebespaare sitzen Hand in Hand auf den Bänken, Katzen streunern umher. Überhaupt sind es immer wieder dieses Momente, die mich nicht glauben lassen, im Iran zu sein. Im Haus der Künstler schaue ich mir eine Ausstellung im Rahmen der Iranian Illustration Week an. Danach gehe ich noch im vegetarischen Restaurant im Iranian Artist Forum essen.

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Und dann sind es die kleinen Zeichen an den Wänden der Stadt, die für sich sprechen. Bilder mit der abgewandelten US-Flagge und dem Schriftzug „Down with USA“ oder einem Totenkopf im Gewand der Freiheitsstatue zieren eine Mauer unweit der ehemaligen US-Botschaft, die heute als 13 Aban die Geschichte der Geiselnahme 1979 erzählt. Da waren immer wieder die Kontraste und die Zerrissenheit meiner Gedanken, die sich nicht zu einem einheitlichen Kostüm zusammenfügen wollten.

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Am Gate

Drei Stunden später, nachdem wir uns herzlich voneinander verabschiedet haben und mein junger Fahrer meint, nächstes Mal sollte ich zum Feiern kommen, der Sommer sei sehr schön, stehe ich in der Brücke zum Flieger. Das Kopftuch hält sich nur noch schwer auf meinem kleinen hochgesteckten Dud. Ich lasse es auf meine Schultern fallen. Diesen Moment habe ich mir irgendwie anders vorgestellt, schießt es mir mit einem Hauch Enttäuschung durch den Kopf.

Ich dachte, die Last des Kopftuchs würde schwerer wiegen und bin über mich selbst erstaunt. Viel schwerer wogen die langärmligen Klamotten bei den noch immer schweißtreibenden Temperaturen. Für mich ist die Kleiderordnung islamischer Länder eine Einschränkung der Frau – psychisch und physisch (aber High Heels tun in unserer Welt für mich dasselbe, wenn ich ehrlich bin), an dieser Meinung hat sich nichts geändert. Ich habe mich ihr temporär freiwillig untergeordnet, um Eindrücke einer mir unbekannten Welt zu sammeln und viele Vorurteile zu revidieren. Dennoch heißt es für mich immer, Menschenrechte, und somit auch die Rechte der Frau, first. Erst dann gelten für mich kulturelle Argumente und mit dieser Meinung gerate ich auf manch einer Reise an meine Grenzen. Jeder soll frei tun und lassen können, was er mag, solange es niemandem anderes schadet. Doch aus Druck durch Religion, Staat oder Familie sollte niemand zu etwas gezwungen werden. Wenn Frau selbst wählen könnte, würde mich interessieren, wie viele einen Tschador oder Hidschab tragen würden. In meinem Flieger sitzen viele Iranerinnen – fast alle haben das Tuch sofort nachdem sie sich gesetzt haben abgenommen.

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Ich habe selbst gewählt, den Iran zu bereisen, kannte die Regeln, an die ich mich hielt. Doch ich wusste auch immer, dass ich irgendwann wieder den Wind in meinen Haaren wie diese omnipräsenten wehenden Flaggen spüren kann.

Ich weiß aber auch, dass ich ein Land, das ich bereise, immer nur durch die kurzsichtige Brille einer Touristin sehe. Auch wenn wir es uns nicht eingestehen wollen. Was der Iran bedeutet, weiß ich nicht. Er wirkt auf mich nicht bedrohlich, sondern umschließt mich durch seine Menschen mit offenen Armen und einem herzlichen Welcome, so wie es selten ein anderes Land tat. Ich habe das Gefühl, die Menschen freuen sich über das offene Interesse an ihnen und ihrem Land. Immer wieder höre ich sie sagen, wir sind nicht gefährlich und böse. Und jeder einzelne Tourist in den Straßen Teherans bestätigt, wir haben keine Angst.

Häufig sehe ich auf Reisen eine Kluft zwischen Politik und Regierung und den Menschen auf der Straße. Doch hier scheint sie noch offener, noch größer zu wirken.

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Tatsächlich habe ich selten so unbekümmert allein als Frau ein Land bereist. Meine anfängliche Skepsis war von heute auf morgen weggewischt. Was blieb war naive Offenheit und Herzlichkeit auch von meiner Seite. Ein „Hello Mam“ auf Reisen erzeugt sonst oftmals den Reflex, hier will jemand etwas von mir. Doch hier wirkte ein Hello oder Welcome oder was auch immer offen, ehrlich und ohne Hintergedanken. Das finde ich immer seltener in der globalisierten Welt, in der  der „Über-Tourismus“ wie eine Walze jede Ecke überrollt, um alles gleichzuschalten.

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Was man sonst noch wissen sollte?

Die Reise wurde unterstützt vom der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH und Germania.

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