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Eine Tour, die eine Taxifahrt war

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Nun sage ich, so schlechte Touren wie in Bolivien würde ich in keinem anderen Land erleben. Einen Guide, der nicht spricht, findet man kulturell bedingt wohl nur dort. Doch heute soll ich mich eines besseren belehren lassen. Schon am ersten Abend wollte man uns an jeder Ecke eine Tagestour zu den weiteren Fundstätten und Wasserfällen in der Umgebung verkaufen. Wir entschieden uns für den Guide des Vertrauens vom El Maco – den Pacho. Er sieht aus wie ein sympathischer Gaucho und hat einen guten Redefluss.

Erster Nachteil der heutigen Tour ist die Tatsache, dass wir mit der polnischen Familie, die in Australien wohnt, unterwegs sein werden. Die sind Stress pur. Die Frau schreit seit dem ersten Abend permanent nach Viktoria, ihrer kleinen 4,5 jährigen Tochter. Viktoria hier, Viktoria da. Viktoria ist wohl der kleine eigene Siegeszug, über den sie so stolz ist. Ein Goldengel mit einem breiten Gesicht. Immer mehr mag ich in dieses Speckgesicht reinkrummen, denn das, was sich vor unseren Augen abspielt, ist nicht schön. 100 % Aufmerksamkeit liegt auf diesem Kind, das mit seinen Eltern seit einem Dreivierteljahr durch die Welt reist. Das finde ich ja super und echt lobenswert.Hut ab! Wenn das Kind aber keinen Kontakt mehr zu Kindern hat und fast mit Erwachsenen umgeht, als wären alle ihre Spielgefährten, dann sieht man nur noch eine verwöhnte kleine Göre. Wir erzählen etwas von Indiokindern und die super-Mutti antwortet „Yes, Victoria is so sweet.“ Die scheint alles andere ausgeschaltet zu haben und nur noch Viktoria zu sehen, auch durch ihre Linse, denn Viktoria wird ungelogen im Minutentakt seit unserer Ankunft fotografiert. Und in der Travellerszene kommt das Travellerkind auch bestens an. Und so will auch noch jeder andere ein Foto von Viktoria machen.

Nun fahren wir erst einmal zu einer anderen Unterkunft – zum Casa de Nelly – was unserer Meinung nach noch viel idyllischer ist. Dort sollen wir eine Österreicherin und Französin abholen. Wir sind erst um 9.30 Uhr bei ihnen, aber die beiden gran dames bringen es fertig, mit nassem Haar um Aufschub zu bitten. Sie müssen sich noch fönen. Und so warten wir geduldig – denn wer sollte auch nörgeln, die Polenfamilie hat ja eh nur ein Auge für Viktoria. Immerhin, um 10 Uhr ist das Haar getrocknet. Wir kommen endlich los, aber nur bis zum Ortskern. Denn Viktoria benötigt noch frisches Obst. Derweilen fällt unserer schrägen Ösifrau ein, ihre Batterie in der Unterkunft vergessen zu haben. Also geht es noch einmal zurück zum Casa de Nelly. Der Fahrer sagt uns dann, wir wären zu spät losgekommen, und dadurch wird die Zeit jetzt stark rationiert. Fast überall gilt von nun an die 20 Minuten-Marke.

Zunächst fahren wir El Estrecho an – die Enge des größten Flusses Kolumbiens – den Rio Magdalena. An der Stelle, die wir uns ansehen, ist er am engsten mit einer Breite von 2 Metern und braust dadurch durch die Felswand. Die vorgesehenen 20 Minuten werden hier bereits von der Ösi-Frau überschritten. Sie mache normalerweise keine Touren, sie findet das doof mit den Zeitfenstern und das will sie uns alle jetzt auch spüren lassen. Sie wird von nun an immer grundsätzlich erst 10 bis 20 Minuten später als die anderen am Auto sein. Kollegial ist etwas anderes. Aber das sei vielleicht auch ihrem Alter geschuldet, wieder meine liebe nachfolgende Generation, die immer auf dem Egotrip ist. Und den spielt sie hier blendend aus.

Als nächstes fahren wir Obando an, hier ist ein archäologischer Park mit Grabkammern. Anschließend fahren wir wieder zurück nach San Agustin, um von dort aus den Salto del Mortiño anzusteuern und dann den Alto de los Idolos – ein weiterer Archäologischer Park, mit vielen Statuen und Grabkammern. Hier essen wir auch zu Mittag. Als wir fertig waren mit unserem Essen, kam auch unsere Ösifrau. Es war inzwischen schon 15 Uhr und noch einiges zu sehen – wie zum Beispiel den Alto de las Piedras – auch hier wieder viele Statuen und Gräber idyllisch auf einem Hügel gelegen. Hier unterhielten wir uns mit dem auskunftsfreudigen Parkwächter, denn unser „Guide“ blieb grundsätzlich im Auto oder legte sich mittags in die Hängematte. Rundgang mit Infos – Fehlanzeige. Er scheint dies auch nicht als sein Auftrag zu sehen. Wir hätten uns auch ein Taxi mieten können – vielleicht wäre das sogar billiger geworden.

Die letzte Station war dann der drittgrößte Wasserfall Südamerikas und der größte Kolumbiens – der Salto de Bordones. Hier erwarten uns schon zwei Kinder – ein zehnjähriges Mädchen und ihr zwölfjähriger Cousin – mit gelber Führungsweste und tragen einen auswendig gelernten Text vor. Das machen sie so süss, dass ihre Geschäftstüchtigkeit belohnt wird, nachdem sie uns zusichern, dass sie zur Zeit Ferien haben und ihre Schule nicht wegen dieser Kinderarbeit schwänzen. Während wir noch Fotos machen von den Kindern und dem 400 Meter hohen Wasserfall, wird es mir immer schlechter. Schließlich schleppe ich mich wieder hoch und kotze hinter einen Baum. Ich hoffe, dass ich nun die 1,5 stündige Autofahrt gefahrenlos antreten kann. Aber schon in den ersten Kurven wird es schlimmer und schlimmer. Der Polin wird es ja immer schlecht und der Österreicherin auch – und so wechseln die beiden sich fleißig auf dem Beifahrersitz ab. Dass ich gekotzt habe, kriegt man natürlich dank Viktoria auch nicht mit. Dass die armen einheimischen Kids auch nur Kinder sind, bekommt die selbstverliebte Familie auch nicht mit – und so gab die Mutter ihrer Viktoria vor den großen Kinderaugen der armen Kids eine paar Spielzeugtiere, aber nicht um zu sagen, hier spiele mal mit den beiden, sondern um die Kids so richtig neidisch zu machen. Es war schon unerträglich. So bekamen sie auch alle erst mein Unwohlsein mit, als ich das erste Mal so richtig schön aus der Autotür gekotzt habe. Danach wird zwar für mich der Beifahrersitz freigemacht, aber weiter geht es in der größten Penetranz um Viktoria. Darauf muss ich vor den Toren San Agustin doch glatt noch mal so richtig schön im Auto (in eine Tüte) kotzen.

In San Agustin angekommen, heißt es nicht, zielstrebig die Unterkünfte anzufahren. Nein, zunächst müssen die Polen Geld abheben. Nachdem das Warten an einem Automaten zu lang wird, wird der nächste angesteuert. Dann frage ich unseren schweigenden Fahrer, ob wir nun wenigstens gleich als erstes das El Maco anfahren könnten. Mir ginge es nicht so gut, was man eigentlich auch hätte sehen können. Aber nein, es gibt noch ein paar Gelüste zu stillen, die in ihrer Egomanie nicht zu überbieten sind. Eine französische Pastellerie wird angefahren. Diese hat bereits geschlossen, aber der Besitzer verkauft trotzdem noch Ware raus. Es könnte ja schnell gehen, aber nicht, wenn man die Polen und die aus Prinzip langsam machende Ösifrau am Start hat. Und so warte ich im Auto und warte. Auch Lars’ Bitte, schnell einzukaufen, kommt niemand nach. Ein Plausch auf Französisch ist doch jetzt wirklich wichtiger als zunächst eine kranke Person zum Hostel zu fahren. Man hätte die ja gern alle in der Pastellerie lassen können und dann später abholen können. Aber der Taxifahrer wollte es nun allen ausser mir recht machen. Ich hatte genug von einen ganzen Tag voller Ignoranten und so bevorzugte ich nun, den Weg ins Hostel zu Fuß anzutreten. Die Gesunden hingegen ließen sich schön in ihre Hostels auf die Hügel fahren. Für mich endete der Tag schnell im Bett. Ich kämpfte die ganze Nacht mit Kotzkrämpfen und als ich von weitem den Namen Viktoria über den Garten schallen hörte, hätte ich ihnen als Abschiedsgeschenk gern noch einen Haufen vor die Tür gekotzt.

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