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Kongo: Eine Geschichte

Kongo

In zwei Momenten meines Lebens war ich dem Kongo schon ganz nah. Doch befand ich mich immer in den Staaten, die einen wesentlichen Einfluss über das Geschehen im Osten des Kongos haben. Das erste Mal feierte ich mit UN-Mitarbeitern am Kivu See auf ruandischer Seite Weihnachten. Der andere Moment war einige Monate später in Uganda, als ich mit meinem Wagen über das Ruwenzori Gebirge in den Semliki NP fuhr und in die schier unendliche Weite des grünen Kongos schaute.

Natürlich habe ich in den letzten 15 Jahren schon einige Bücher über den Kongo und den Konflikt in den der Region der großen Seen gelesen, angefangen von Joseph Conrads „Heart of Darkness“ und zuletzt das Buch „Die Stunde der Rebellen: Begegnungen mit dem Kongo“ der belgischen Autorin Lieve Joris.

Und nun liegen sie vor mir, Respekt einflößende 783 Seiten mit einem ausdrucksstarken Coverfoto. In den gut sechs Jahren Entstehungszeit des Buches führte der belgische Autor David van Reybrouck auf seinen zehn Reisen in den Kongo mehr als 500 Interviews. Dabei waren einfache Bürger ebenso unter seinen Gesprächspartnern wie Personen der Zeitgeschichte. Diese unterschiedlichen Originaltöne machen das Werk besonders rund und schaffen so eine häufig bei Sachbüchern vermisste Lebendigkeit. David van Reybrouck schafft es, den Bogen von der kolonialen Gewaltherrschaft unter Leopold II. über die 32jährige Mobutu-Diktatur bis hinein in die Gegenwart zu spannen.

Es wird einmal mehr deutlich, die Demokratische Republik Kongo ist ein Land, das seit der Herrschaft Leopolds des II. unentwegt von Konflikten zerrissen ist. Heutiger Referenzpunkt ist der Genozid 1994 im kleinen Nachbarstaat Ruanda und der scheinbar unermessliche Reichtum an Bodenschätzen. In keinem Land Afrikas wird das Vakuum der Regierung maßloser durch Nachbarstaaten ausgenutzt und die Hilflosigkeit der UN deutlicher. Der Autor schafft es durch seine kühle Beobachtungen und brillante Schreibe, diese Komplexität etwas zu entschärfen und bringt somit etwas Licht ins dunkle Herz Afrikas. Man spürt, dass van Reybrouck ein guter Zuhörer ist. Besonders die Geschichten der Gegenwart sind mitreißend erzählt. Ein schönes Beispiel ist der kurze Exkurs über den Musiker Werrason. Seine Popularität verhalf einer europäischen Brauerei zu einem gigantischen Wachstum, den das Unternehmen u.a. mit den Extravaganzen der Frau des Künstlers bis hin zu „Großgruppenreisen der Band nach Europa“ zahlen muss. Ein Gesprächspartner ordnet diese Reisen auch in die Nähe von Menschenschmuggel ein.

Ich habe selten ein Sachbuch gelesen, das packender daherkommt. Es ist  ein Potpourri aus Geschichtsbuch, Kriegsberichterstattung, Reisereportage, Wirtschaftskrimi, Landschaftsbeschreibung und Interviewsammlung – ein uneingeschränkter Lesetipp! [LD]

David van Reybrouck | Suhrkamp Verlag, 6. Auflage, März 2012 | 783 Seiten | 29,95€ | ISBN 978-3518423073

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