Jahr: 2016

Wenn Reisen eine Flucht ist

Reisen ist eine Droge, von der man schwer loskommt. Sie radiert einfach für einen Moment all die Dinge aus dem Gedächtnis aus, die uns bedrücken. Sie lässt uns vergessen. Sie kann aber auch heilen. Als ich meine Leidenschaft für andere Länder entdeckte, wusste ich nichts von dieser Wirkung. Ich war einmal im Jahr high, ohne es bewusst zu steuern. Ich tankte Kraft für den Alltag und öffnete den Blick, mit dem ich nach meiner Rückkehr sah, auf welch hohem Niveau sich unser Jammern abspielt. Doch seit dem vorletzten Jahr folge ich immer mehr dem Reflex, wenn es mir nicht gut geht, setze ich mich in den Flieger – weil ich es kann. Mit dem Ergebnis, dass die Droge nicht mehr wirkt. So wie jedes Medikament seine Wirkung verliert, wenn es im Dauereinsatz ist. Denn auf die Dosis kommt es an. Hinzu kommt, dass sie ein Stimmungsverstärker ist. Was bringt es mir, auszureisen, wenn mich am Ende doch alles einholt. Ich kann nicht vor mir selbst ausreisen und dem Ballast, den man mit sich trägt. Das …

Vancouver

Im Großstadtdschungel von Vancouver

Ich lehne mich weiter über die Reling, als könne ich damit die Skyline besonders schnell herbeizaubern. Links und rechts ziehen die Gulf Islands an mir vorbei. Wir sollten immer den Worten des Kapitäns lauschen, denn erst in der vergangenen Woche hat man von dieser Fähre aus Wale durch die Straße von Georgia ziehen sehen. Nichts Ungewöhnliches in manch anderer Jahreszeit, aber im April schon. Ich warte darauf, endlich einen Blick auf Vancouver zu erhaschen. Doch leider ist es recht diesig, die Sonne haben wir in Victoria zurückgelassen. Kein Wunder, dass Vancouver irgendwo im Dunst untergeht. Abtauchen im Großstadtdschungel von Vancouver Nur etwas mehr als eine Stunde später passiere ich die Cambie Bridge und bin mittendrin, mitten im Dschungel – im Großstadtdschungel. Meine erste Reaktion ist „oh je“. Warum um Gottes Willen schwärmt jeder von diesem uninspirierten Beton- und Glaswall, der aus einer einstigen kleinen Sägewerkssiedlung des 19. Jahrhunderts entstand? Ich bin erschlagen, überfordert und irgendwie enttäuscht. Das Grün liegt dahinter, versteckt. Nachdem Seattle mächtig vorgelegt hatte, konnte Vancouver bei diesem Wetter nur verlieren. Obwohl für …

Go West – auf der Avenue of the Baobabs und zwischen Lemuren

Auf der Straße ist viel los. Anstatt Autos und LKWs sind es jedoch Fußgänger, die morgens um 7 Uhr auf der Hauptachse Madgaskars, dem Highway Nummer RN 7, unterwegs sind. Der Weg schmiegt sich an die Hügel, die die Landschaft südlich von Antananarivo prägen. In Antsirabe legen wir 3,5 Stunden nachdem wir in der Hauptstadt gestartet waren einen Stopp ein. Wir wollen unterwegs Picknick machen, schlägt Fanal vor. Denn auf dem Weg nach Morondava gäbe es kaum Gelegenheit, „gut“ zu essen. Mit „gut“ meint er die an Touristen gewöhnte Küche der Restaurants und nicht die für Einheimische Geschmäcker gedachten Hotelys. Das verrät er uns aber erst später. Also kaufen wir in einem kleinen Supermarkt noch ein paar Lebensmittel ein, bevor wir auf die RN34 abbiegen. Auf dem Weg nach Miandrivazo Die aufgewellte Landschaft ist vom satten Grün übersät. Um Antsirabe wächst in der vulkanischen Erde einiges. Und das wird auch fleißig auf den von Menschen gezogenen Karren, den Varambas, auf Zebu-Karren oder den Dächern der Taxi Brousses transportiert. Meist sind es aber die Menschen selbst, die Ihre Erträge …

Sagada – zwischen Himmel und Höhle

Schon immer fragte ich mich, weshalb wir unsere Toten unter die Erde bringen, damit sie dann in den Himmel kommen. Sollte man sie nicht gleich dem Himmel ein Stück näher bringen? So finde ich die Idee, Särge an hohe Kalksteinklippen zu befestigen, gar nicht mal schlecht. Da die Geister der Toten der Legende zufolge gern dem Himmel nah sind, haben schon vor Jahrhunderten die Menschen in Sagada die Särge der älteren, ehrwürdigen Verstorbenen an den Felsen befestigt. Die Igorots dieser Region wollten nicht unter der Erde liegen, da sie glaubten, die Seele der Toten würde unter der Erde erstickt werden. Seltsam ist es, erst einen Friedhof zu durchschreiten, auf dem die Toten ganz normal unter die Erde gebracht wurden. Dahinter führt ein Pfad bergab weiter zu den in den Himmel aufragenden Felsen, an denen die Särge hängen. Aber auch in Höhlen findet man hier abgestürzte Särge, die teilweise Einblicke in ihr Inneres bieten. So sieht man Schädel und Knochen herumliegen. Schilder weisen darauf hin, nichts aus den Särgen zu entnehmen. Sie dienten wohl eine Zeit …

Zypern Aphrodite Felsen

Zypern – auf der Suche nach der Liebe

Wir unterqueren die Bundesstraße durch eine schmale Unterführung. Das grelle, einfallende Licht blendet mich und lässt mich leicht torkelnd den menschlichen Schatten folgen. Dann trete ich hinaus: vor mir liegt das aufgewühlte Meer. Ein Baum mit weißen Schleifen, die aus Tempotaschentücher geformt sind, biegt seine Äste in den starken Windböen, die auch mein Haar zerzausen. Ein paar Touristen haben sich eingefunden in der malerischen Bucht, in der drei gigantische Kalksteinbrocken aus dem Meer ragen, als wollen sie Erde und Himmel miteinander vereinen. Am Aphrodite Felsen Der rhythmische Wellenschlag pocht wie ein Herz. Ich laufe den steinigen Strandstreifen nach rechts – aus Steinen geformte Herzen zieren den Boden. Wäre es nicht so kalt, würde ich mich in die Wellen schmeißen. Vielleicht würde ich den Worten von Evkavi folgen, und gar dreimal um den Felsen schwimmen, um ewige Jugend zu erlangen. Doch ich bin zu spät, einen Tag um genau zu sein, um diesen Aberglaube in einer dazu erforderlichen Vollmondnacht auf seine Realitätsnähe zu testen. Denn den Rahmen bietet eine Vollmondnacht und die habe ich nun glatt …

Icelandair

Der Weg nach Nordamerika führt über Island mit Icelandair

Zwischen Europa und Nordamerika liegt der Atlantik! Nicht nur. Wenn es um einen Transatlantikflug geht, schon einmal an Island gedacht? Die Insel liegt ja schließlich im Atlantik, und noch besser, auf halbem Weg zwischen Europa und Nordamerika. Bei einer Reise nach Nordamerika habe ich bisher weder Island noch Icelandair in Betracht gezogen. Dabei ist diese Fluglinie durchaus konkurrenzfähig mit Direktflügen. Denn durch sehr kurze Umsteigezeiten (meine betrug auf dem Rückweg gerade einmal 40 Minuten), die man eher als kurzes „Beine vertreten“ verstehen kann, ist man in ca. 12 Stunden 9 Zeitzonen westlich. In Seattle zum Beispiel. Toll ist zudem die Möglichkeit auf einen bis zu siebentägigen Stopover in Island, ohne Aufpreis. Alles, was man selbst mitbringen muss, ist das extra Stück Zeit. Diese sollte man aber möglichst auf jeden Fall nutzen, und seien es auch nur 2-3 Tage, um einen ersten Eindruck von der Vulkaninsel im hohen Norden zu bekommen. Vielleicht ist man dann ja Wiederholungstäter und kommt zurück. Streckennetz Das Streckennetz von Icelandair besteht aktuell aus 42 Zielen. Dabei hebt die isländische Airline auch von …

Nuegambi use be noniki – Willkommen

Langsam wird es grauer im schillernden Farbenspiel von Kuna Yala. Die Regenzeit hat begonnen und mehr und mehr Wolken verhängen das sonst so strahlende Blau. Eigentlich wollen wir nur kurz einen Blick auf die eher traditionellen Islas Robeson werfen, doch die einzigartige Atmosphäre dieser Inseln schlägt uns gleich in ihren Bann.

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Madagaskar

Im Süden wartet die Wüste – Madagaskar am Wegesrand

Wir sind eine halbe Stunde unterwegs, als Lantu unsere Autotüren arretiert. Am Horizont inmitten der trockenen Grasbüschellandschaft zeichnet sich eine Stadt ab. Ilakaka – die Stadt, die um die Jahrtausendwende einen Saphirboom erlebte und von einer Siedlung zu einer mittelgroßen Stadt anschwoll. Und noch heute sammeln sich hier im verfluchten Tal der Saphire im Flusstal des Illaka die Menschen, die das Glück in den Edelsteinen suchen, die zu den besten der Welt gehören sollen. Reich geworden ist kaum einer der Gräber. Sri Lankesen, Inder, Thais – Ankäufer aus dem Ausland kamen schnell, um den Kuchen aufzuteilen. Bossis nennt man sie hier. „Gems“ zeigt jedes zweite Haus von Ilakaka an. Es ist immer ein Steinhaus mit diesem Schild. Dazwischen finden sich ärmliche Holzverschläge, der Rest wird hier gehandelt. Lantu fährt langsam durch den Ort. Durch die Scheibe hat die Welt da draußen die Wirkung einer Doku im Fernseher. Gefühle sind weggedimmt, weil man die Atmosphäre nicht spürt, weil man den Schweiß nicht sieht, weil man das Hecheln nicht hört in der glühenden Sonne. Dann zeigt er nach …

Bhutan

Bhutan – Eine Wanderung zum Tiger’s Nest

Der Abstieg ist immer einfacher als der Aufstieg. Und dem einen fällt es leichter als dem anderen. Tobgay jedenfalls überrascht mich. Mit Dribbelschritten meistert er den steilen Abhang, der uns durch das wilde Dickicht wieder zurück auf den ausgewiesenen Wanderweg führt. Leichtfüßig sieht das bei ihm aus – ich hingegen brauche meinen Wanderstock, den ich mir zu Beginn unseres gut vierstündigen Fußmarsches im Paro-Tal von einem einheimischen Händler gekauft habe, um den steilen Weg hinauf zum „Tiger’s Nest“ zu meistern. Der Muskelkater plagt mich schon jetzt, ein richtiger „Drachen“ ist das. Mensch, ich war auch schon mal fitter, denke ich mir. In Gedanken bin ich beim Blick hinab schon bei der nächsten Knie-OP, als Tobgay mir von unten zuruft, ich solle meine Beine einfach ihr Spiel spielen lassen und mir nicht allzu viele Gedanken machen. Ich befolge den Rat unseres Guides und siehe da, das Herz in die Hand genommen – und schon habe auch ich es geschafft. „Das war eine Abkürzung“, sagt Tobay und grinst. „Das war nicht ungefährlich“, denke ich mir. Und grinse …

The Travel Episodes

The Travel Episodes – Das Buch zu Fernweh und Freiheit

Kennt Ihr das auch? Man plant die nächste Reise, sucht sich ein Ziel aus, bucht den Flug, liest viel im Internet und schaut sich vielleicht auch ein paar Fotos schon mal an. In den heutigen Zeiten alles ganz einfach. Und dann steigt man in der Ferne aus dem Flieger und es ist doch alles ganz anders. Weil Reisen mehr ist als nur zusammengetragene Informationen, Fotos oder ein Flugticket. Da sind Gerüche, Geräusche, Geschmack. Da ist man aber auch selbst. Auch wenn das Ziel doch das gleiche ist, gleicht keine Reise der anderen. Und doch lesen wir gern darüber, sind neugierig, lassen uns inspirieren. Ich lese wenige Blogs. Ich möchte mich wegträumen, ich möchte aus den Berichten wissen, wie das Land schmeckt, ohne das mir das Rezept vorgestellt wird, wissen wie es sich anhört, ohne das ich ein Video sehen muss. Das finde ich viel zu wenig und auf den vielen Tipp- und Infoseiten schon gar nicht. Auch möchte ich den Autor nicht aufdringlich im Fokus sehen (das mag an meinem Alter liegen). Vielleicht ist es das, …